Damian Duchamps' Blog

Bestehendes Urheberrecht blockiert den schulischen Alltag

Posted in Alltag, Medienwelt by damianduchamps on November 8, 2011

Mit dem Bekanntwerden des geplanten “Schultrojaners“, mit welchem Bildungsverlage dem Digitalisieren und digitalen Be- und Verarbeiten ihrer Materialien durch Schulen und Lehrer einen Riegel vorschieben wollen, ist eine Diskussion um freie Unterrichtsmaterialien in Gang gekommen. Diese Diskussion ist richtig und notwendig und ich hoffe, sie wird in Kürze erste Früchte tragen. Meinen Teil werde ich dazu beitragen, so gut ich kann.

Freie Unterrichtsmaterialien (OER) sind jedoch nur die halbe Lösung. Wie weit die Bildungsverlage sich darauf einlassen werden, ist noch nicht abzusehen. Die bisher zögerlichen Reaktionen lassen zunächst keine große Begeisterung erwarten. Im schlimmsten Fall werden sie ähnlich der Musikindustrie, die im Internet nach Urheberrechtsverletzungen fahndet und dann abmahnt oder anzeigt, die Sammlungen freier Unterrichtsmaterialien nach kleinsten Urheberrechtsverletzungen mittels entsprechender Software durchsuchen und dann zur Tat schreiten, um die unliebsame Konkurrenz durch horrende Schadenersatzforderungen aus dem Weg zu räumen. Ähnlich wie bei Musikformen, welche Samples anderer Künstler nutzen, um daraus neue Kunstwerke zu schaffen, könnten Urheberrechtsverletzungen in Unterrichtsmaterialien aussehen, wenn die Autoren dort Illustrationen oder Formulierungen aus Lehrwerken einbauen.

Von daher finde ich es enorm wichtig, dass auch das Urheberrecht im Zusammenhang mit schulischer und universitärer Bildung noch einmal überarbeitet wird. Es kann nicht sein, dass in einem Land dessen wesentlichste Ressourcen im internationalen Wettbewerb bereits heute sein qualifiziertes Fachpersonal und seine Wissenschaftler sind, die Interessen der Bildungsverlage und des Verlagswesens generell höher gehängt werden als jene der Bildung.

Gerade im schulischen Alltag stellt geltendes Urheberrecht eine große Behinderung dar, die oft dazu führt, dass Lehrerinnen und Lehrer sich entweder (oft unwissentlich) strafbar machen oder aber darauf verzichten müssen, ihr pädagogisches Potenzial zum Wohl der ihnen anvertrauten Kinder voll auszuschöpfen.

Wie kann es durch das derzeit geltende Urheberrecht dazu kommen und das trotz der zwischen den Bildungsverlagen und den Kultusministerien der Länder getroffenen Vereinbarungen, die es eigentlich für den Bildungssektor entschärfen hätten sollen? Ein Blick auf den Alltag von Lehrerinnen und Lehrern zeigt, dass weder das Urheberrecht in seiner derzeitigen Form, noch der Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen nach § 53 UrhG den Bedürfnissen von Schule und Unterricht gerecht werden. Hier besteht ein Problem, welches gegenwärtig sogar durch größere Bildungsetats nicht befriedigend zu lösen wäre.

Im Schulalltag sind Lehrpersonen zu allererst auf die Materialressourcen ihrer Schulen angewiesen. Das sind die Lehrbücher, Arbeitshefte, Lehrerbände, Fachbücher und ähnlich. Häufig sind die in einer Fachschaft verfügbaren Materialien recht begrenzt und oft dazu noch didaktisch oder inhaltlich veraltet.

Selbst wenn sie neu und aktuell sind, bieten Lehrbücher oftmals Materialien an, welche sich nicht mit den eigenen pädagogischen Vorstellungen oder aber den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler an der jeweiligen Schule in Übereinstimmung bringen lassen. Mal eben ein zusätzliches Arbeitsheft in der Klasse anschaffen lassen oder als Klassensatz über die Schule, ist meist nicht möglich. Der Elternanteil im Bundesland NRW ist in der Regel mit den Lehrbuch- und Arbeitsheftanschaffungen ausgeschöpft und die schulischen Lehrmitteletats sind so knapp bemessen, dass nicht ausreichend viele Zusatzmaterialien angeschafft werden können. In Ländern ohne Elternanteil sieht die finanzielle Situation nicht anders aus. So investieren Lehrerinnen und Lehrer im Laufe ihrer Berufstätigkeit viel Geld aus der eigenen Tasche in die Anschaffung weiterer Materialien. Das ist übrigens eine im öffentlichen Bewusstsein oft übersehene Tatsache. Welcher Anstreicher würde etwa auf die Idee kommen, selbst die Farbe für den nächsten Auftrag, an dem er für seinen Arbeitgeber arbeitet, zu kaufen, welcher Zerspanungsmechaniker würde das Öl zum Schmieren seiner Fräse mitbringen oder die Ersatzteile bezahlen?

Doch auch mit der Anschaffung von Materialien auf eigene Kosten sind nicht alle Probleme gelöst. Sie ließen sich auch durch größere Etats nicht lösen. Zugekaufte Materialien haben oft den Nachteil, dass sie nicht mit dem Material des in der Schule genutzten Lehrwerks zusammenpassen. Im fremdsprachlichen Unterricht passt das Vokabular nicht oder das Anspruchsniveau, im Mathematikunterricht stimmt der Rechenweg nicht mit dem im Lehrwerk vermittelten überein und ähnlich, sind hier Beispiele.

Viele Kolleginnen und Kollegen investieren deswegen zusätzlich Unmengen an Zeit und Energie in die Erstellung eigener Materialien. Damit versuchen sie, die Unzulänglichkeiten der ihnen zur Verfügung stehenden Materialien auszugleichen und sie auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Lerngruppen anzupassen. Vor allem Berufseinsteiger entfalten oft eine ungeheure Kreativität und erstellen viele eigene Materialien, um moderne didaktische Konzepte oder eigene Ideen zu verwirklichen. Aber auch erfahrene Lehrerinnen und Lehrer tüfteln immer wieder an eigenen Materialien. Ohne, das lernt jeder, der im Bildungsgeschäft seinem Auftrag wirklich gerecht werden möchte, geht es einfach nicht.

Dabei ergibt sich ein großes Problem. Je größer die Eigenleistung, desto umfangreicher der zeitliche Aufwand. Ansprechende Materialien leben darüber hinaus auch häufig von der Illustration durch Zeichnungen oder Fotos. Nur wenige Unterrichtende sind talentiert genug, eigene Zeichnungen oder Bilder zu erstellen und auch Fotos kann nicht jeder zum gewünschten Thema erstellen. Je nach Fach werden kleinere oder größere Texte benötigt, für welche dann Aufgaben erstellt werden. Nicht jeder ist ein guter Schreiber und im Fremdsprachenunterricht verfügt nicht jeder Fachlehrer über eine ausreichende Flüssigkeit in der unterrichteten Fremdsprache, um selbst authentische Texte zu erstellen. Die Materialien der Verlage bieten sich in allen beschriebenen Fällen als Steinbruch an.

Bei der Erstellung eigener Materialien dienen die Materialien aus Verlagsprodukten so als Grundlage, werden kombiniert mit Materialien aus anderen Quellen und dann um eigene Aufgabenstellungen oder Materialien ergänzt. Doch schon genau damit werden die gegenwärtig sehr eng gesetzten Urheberrechte, welche auf diesen Werken der Schulbuchverlage liegen, verletzt.

Im schulischen Alltag ist eine derartige Urheberrechtsverletzung nicht weiter tragisch, da sie nicht überprüfbar ist durch die Verlage. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Anders aber verhält es sich bei den Materialbörsen im Internet, Plattformen wie 4teachers oder ZUM und ähnlich. Die angebotenen Materialien sind häufig nicht so umfangreich, wie man erwarten würde, wenn doch jeder mitmachen kann. Viele wundern sich, woran das liegen mag. Es ist nicht unbedingt darauf zurückzuführen, dass Lehrer ihre erstellten Materialien nicht gerne mit anderen teilen würden. Die Ursache liegt vielfach genau in der oben beschriebenen Art und Weise, wie die für diese Plattformen in Frage kommenden Materialien entstehen. Da sie Materialien enthalten, in welchen die Rechte Dritter berührt werden, und sei es nur die kleine Zeichnung oder der Lehrbuchtext, können die Lehrer sie nicht für ihre Kollegen auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen. Die Mehrheit der von Lehrern selbst erstellten Materialien bleiben so im heimischen Arbeitszimmer, im eigenen Computer oder im eigenen Kollegium und in der eigenen Schule. Gleiches trifft übrigens auch für viele Materialien zu, welche Federführungsgruppen für die Lehrerfortbildung erstellen.

Es besteht, so konnte ich hoffentlich deutlich machen, ein akuter Bedarf, sowohl das Urheberrecht als auch den ergänzenden Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen nach § 53 UrhG zu überarbeiten und zwar so, dass eine generelle Entschärfung für den Bildungsbereich vorgenommen und die einseitige Bevorteilung der Verlagsinteressen aufgehoben wird.

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5 Antworten

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  1. Martin Leiter said, on November 9, 2011 at 9:19 vormittags

    Ich verfolge diesen Blog schon ein paar Wochen und bin erneut äussert positiv vom Inhalt überrascht. Die Betrachtung des Lehrers als “Lehrmittel-Ersteller” ist äussert zutreffend. Hier aber alleine den Verlagen die Schuld zu geben sehe ich als wenig zielführend. Ich bin schond er Meinung, dass der Verlag weiterhin seine Urheberrechte vertreten darf und dass für die Nutzung von Inhalten auch gelöhnt werden muss. Schliesslich will der Produzent der Farbe für den Anstreicher sein Produkt ja auch verkaufen. Warum sollte er die Farbe also gratis abgeben?

    Das Problem liegt hier grundlegend in der Bereitstellung ausreichender (finanzieller) Mittel für Schulen und Lehrer zur Erfüllung eines zeitgemässen Bildungsauftrages – meine Meinung.

  2. damianduchamps said, on November 9, 2011 at 4:41 nachmittags

    Falls der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich Verlagen das Recht absprechen möchte, ihre Urheberrechte zu vertreten, so trifft dieses definitiv nicht zu. Die derzeit getroffenen Vereinbarungen zwischen Kultusministerien und Verlagen haben für mich jedoch eindeutig Schlagseite und geben den Interessen der Verlage eindeutig ein zu großes Gewicht im Vergleich zu den Interessen von Schulen und Lehrern.
    Leider, und auch das habe ich versucht zu zeigen, reicht es nicht, die finanziellen Mittel der Schulen zu erhöhen. Zwar wäre dieses unbedingt wünschenswert. Doch damit ist es leider nicht getan.
    Persönlich ist mir sehr am Weiterbestehen der Verlage gelegen. Verlage verfügen über eine große Erfahrung in Bezug auf die Erstellung von Unterrichtsmaterialien und können auf eine Vielzahl kompetenter Autoren zugreifen. Sie werden ihre Rolle in Zukunft neu definieren müssen und damit auch ihr gegenwärtiges Geschäftsmodell. Deutlich angemessener wäre es, wenn die Schulen der Bundesländer über Landeslizenzen in einer Art Flatrate auf jegliches Material Zugriff hätten und dieses nach eigenen Wünschen nutzen (und remixen) könnten. Für Bildungszwecke in Schulen in öffentlicher Trägerschaft sollten Unterrichtsmaterialien, welche Lehrer auch mit Hilfe von Verlagsmaterialen erstellt haben, frei weitergegeben werden können. Letzteres sollte schon alleine im Rahmen eines Fair Use Abkommens ermöglicht werden.

  3. Till said, on November 16, 2011 at 8:22 nachmittags

    Super Post. Würde gern mehr Beitraege zu der Thematik sehen. Ich freue mich schon auf die naechsten Posts.

  4. [...] Damian Duchamp macht sich in seinem Blog Gedanken zum Umgang mit dem Urheberrecht an Schulen. Eine spannende Lektüre, die ihr euch nicht [...]

  5. pferdefluesterer said, on Dezember 6, 2012 at 5:29 nachmittags

    Der Schultrojaner ist jetzt endlich vom Tisch. Lehrerinnen und Lehrer fürfen ab 2013 urheberrechtlich geschützte Inhalte aus Büchern und Unterrichtswerken sowohl analog als auch digital vervielfältigen. Dies haben die Bundesländer mit dem Verband Bildungsmedien vereinbart.


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