Damian Duchamps' Blog

Die dunkle Seite des Netzes

Posted in Alltag by damianduchamps on April 17, 2010

Nicht jeder ist darauf vorbereitet, welche Schattenseiten die schöne neue Welt des Internets mit sich bringen kann. Zunächst steht man der Sache abwartend gegenüber. Dann sieht man vielleicht die Chancen, das Lernen zu verändern, sich auszutauschen, gemeinsam etwas schaffen, Informationen zu finden und vieles mehr. Vor allem „vieles mehr“ entdecken Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen schneller als man erwarten mag. Irgendwann sieht sich jeder mit der dunklen Seite der vernetzten Welt konfrontiert, meine Hauptschule, seit immer mehr Schüler zu Hause einen Internetzugang haben, und die Grundschulen, seit auch ihre Schüler sich das Internet erobern.

Soziale Netze

Schüler meiner Schule nutzen als soziales Netzwerk vor allem schueler.cc. Hier in der Region ist es weit verbreitet schulformübergreifend. Fast alle Schüler sind dort vertreten durch alle Klassenstufen hindurch. Wer nicht schon zu Grundschulzeiten auf der Plattform angemeldet war, der meldet sich spätestens in der Fünf an, wenn er oder sie sieht, dass alle anderen auch dort sind. Bei älteren Schülern ist zum Teil auch Wer-Kennt-Wen vertreten. Bei schuelervz sind nur manche zu finden und zu schuelerprofile.de haben sich nicht so viele verirrt. Facebook entdecken sie gerade. Vor allem Schüler mit Migrationshintergrund finden sich dort. Vielleicht ist ein Grund, dass sie darüber auch Kontakt zu Freunde und Verwandten im Kosov, der Türkei, auf Sri Lanka oder ähnlich halten können. Schüler mit russischem Migrationshintergrund nutzen teilweise noch andere Plattformen, manche davon in russischer Sprache. Das ist ihre Welt. Außenstehende, wozu Lehrer zählen, bekommen davon nur wenig mit.

Bilder

Vor allem in der Anfangszeit, als unsere Schüler die Plattform für sich entdeckten, hatten wir einige Probleme mit schueler.cc. In der Regel wurden uns Problemfälle von Schülern selbst zugetragen, manchmal von Eltern. Zunächst waren wir, die Lehrer und unsere Schulsozialpädagogin, erst einmal ahnungslos. Dann öffnete sich für uns ein Fass ohne Boden. Das, was wir dann fanden, reichte von nahezu pornographischen Selbstdarstellungen unserer Schülerinnen bis zu Bildern von Schülern, die sich ritzen. Fotos mit Shisha rauchenden Schülern, von Schülern mit Springerstiefeln, Bomberjacken und rechtsradikalem Posing, fanden wir, wie Bilderserien von Schülern im militärischen Outfit beim Paintballkriegsspiel im Wald. Gewaltverherrlichung und volksverhetzende Symbole und Aussagen in einzelnen Profilen, auch das fanden wir.

Cyber-Mobbing

Und dann war da noch das Thema Cyber-Mobbing. Eltern kamen mit Ausdrucken von Kommentarthreads, in denen ihren Kindern Prügel angedroht wurde für den Fall, dass sie sich in die Schule trauten und ähnlich. Wüste gegenseitige Beschimpfungen und Beleidigungen waren da schon fast harmlos. Für uns stellte sich aber schnell die Frage, wie wir als Schule damit umzugehen haben. Dass Schule nicht die Aufgabe haben kann, im Internet auf Patrouille zu gehen, war den Kolleginnen und Kollegen, die sich dafür interessierten, schnell klar. Manche hatten das zunächst tatsächlich versucht. In den Fällen, in denen uns Cyber-Mobbing zu  Ohren kam, mussten wir natürlich einschreiten, vor allem, wenn es sich auf Schule auswirkte. Das war zunächst häufig genug der Fall. Gespräche mit den Betroffenen –  Schülern und Eltern – wurden geführt, vor allem durch die Schulsozialpädagogin. So ließen sich die meisten Fälle lösen, wenn es auch viel Zeit und Energie kostete.

Drohungen

Dann kam eine Morddrohung. Ein Schüler aus der Acht hatte sich zu Unrecht in den Trainingsraum verfrachtet gesehen und in seiner ersten Rage vom Rechner zu Hause zum Tod der Lehrperson aufgerufen. Die Wellen schlugen hoch im Lehrerzimmer. Von Anzeigen und Schulverweis war die Rede. Dass der Schüler, den ich recht gut kenne, das nicht ernst gemeint hatte, war vielen egal. Mir war bekannt, dass er Paintball spielt und eine komplette Ausrüstung besitzt. Fotos von ihm und seinen Kumpels hatte ich gesehen im Netz und empfahl ihm, diese schnell wie möglich zu löschen, um für den Fall einer Anzeige, die Sache nicht unnötig eskalieren zu lassen. Ich sah ihn vor meinem geistigen Auge schon vom SEK in Handschellen aus dem Gebäude geschleift werden. In einem Privatgespräch mit einem Polizisten war der Lehrperson dringend zur Anzeige geraten worden und auch im Kollegium waren viele dafür. Gemeinsam mit der Schulsozialpädagogin gelang es mir dann, eine Anzeige abzuwenden. Der Schüler erhielt eine Ordnungsmaßnahme und gut war.

Rechte vs. Andere

An unserer Schule haben wir alles vertreten an Ethnien, „Türken, Russen, Albaner, Polen, Tamilen, …“ und „Deutsche“. Schüler, vor allem männlich, die mit rechtem Gedankengut infiziert sind, gibt es genug. Bis zum Verbot zeigten sie sich gerne mit Harrington-Jacken und demonstrierten Zusammengehörigkeit. Die Anderen beschwerten sich zeitweise, sich durch das Auftreten bedroht zu fühlen und umgekehrt gab es natürlich auch Beschwerden über die Ausländer, über die HipHop Leute. Das pflanzte sich bis auf die Schülerplattformen fort. Und eines Tages hatten wir es dann. Ein Schüler, der sich nach außen sehr deutlich als rechtsorientiert zeigte, und ein Schüler mit Migrationshintergrund gerieten aneinander. Beschimpfungen auf der Plattform folgten und Drohungen, und am nächsten Tag sollte es dann handfest zur Sache gehen. Ein Aufgebot von „Schlägern“ von anderen Schulen war über diverse Plattformen und SMS mobilisiert worden und sollte in der Pause mit den „Nazis“ abrechnen. Wir erfuhren davon und die Polizei musste anrücken, um Schlimmeres zu verhindern.

Aufklärung

Wir machen an der Schule viel Präventionsarbeit. Alles ist dabei, nur das Thema neue Medien nicht. Also nutzte ich in den folgenden Wochen jede Vertretungsstunde in den verschiedenen Klassen und besprach das Thema. Auch die Bemühungen der anderen Kolleginnen und Kollegen scheinen insgesamt zu fruchten. Seither haben wir kaum noch Probleme. Die Schüler haben aber auch gelernt, dass die scheinbar geschlossenen Plattformen doch nicht so geschlossen sind, wie sie glaubten. Seither wollen wir eigentlich ein Präventionsprojekt aufziehen, mit dem man an einem Schulmorgen die Schüler zumindest für das Thema sensibilisieren kann. Das „seither“ ist über ein Jahr her und ich habe noch kein wirklich schlüssiges Konzept für ein Projekt gefunden. Material gibt es in Mengen.

Amok

Es ist insgesamt ruhig geworden. Wir hören nicht mehr oft von Fällen von Cyber-Mobbing und Drohungen gab es auch keine Mehr. Zwar verbreitete mal eine Schülerin der Zehn Namen von Lehrpersonen unserer Schule, die Alkoholiker sein sollen, doch das löschte sie fix wieder und niemand bekam es wirklich mit im Lehrerzimmer. Dann war der Amoklauf von Emsdetten und prompt hatte ein Schüler nichts besseres zu tun als ein Zitat eines Rapsongs in sein Profil bei schueler.cc zu packen. Andere Schüler bekamen es mit und am nächsten Tag hatten wir die Aufregung. Besagter Schüler hatte niemandem gedroht, doch das Zitat war auslegbar und missverständlich. Was tun? Die Schulleitung beschloss, die Polizei einzuschalten. Die kamen dann in Zivil in die Schule, durchsuchten das Zuhause und der Fall wurde aufgenommen, die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Nach vielem Beraten wurde der Schüler dann wegen der in Kürze anstehenden Abschlussprüfungen nicht von der Schule geworfen und eine Anzeige machte man auch nicht von Seiten der Schule.

Grundschulen

Wie die Überschrift andeutet, geht es auch um die Grundschulen, denn auch dort hat man seit einiger Zeit mit dem Thema Cyber-Mobbing zu tun. Das Thema ist dort wesentlich aktueller als an meiner Sekundarschule. Eltern sind aufgebracht und nicht minder hilflos wie die Lehrerinnen und Lehrer der Grundschulen. Mich wundert das eigentlich nicht, wenn ich sehe, wie viele Grundschüler mittlerweile bereits über einen eigenen COmputer mit Internetanschluss verfügen, oft im eigenen Zimmer. Wenn Eltern ihre Kinder unbeaufsichtigt ins Internet lassen, ohne dass diese Kinder zuvor für das Thema Nettiquette und Sicherheit sensibilisiert wurden, dann können die Folgen unabsehbar sein. Grundsätzlich würde ich Kinder aber sowieso nicht ohne Aufsicht ins Internet lassen. Wer seine Kinder frei walten und schalten lässt, braucht sich nicht wundern. Mir begegnen Fünfklässler teilweise mitten in der Nacht auf Sozialplattformen oder in ICQ und ähnlich. Die Eltern sind ahnungslos. Nach dem Hilferuf einer Grundschule aus der Region werde ich nun in Kürze wieder mal einen Elternabend machen und dort Eltern und Lehrer ein wenig über die schöne neue Welt des Internets aufklären, ihnen ihre Rolle klarmachen und ihnen Handlungsempfehlungen geben.

Fazit

Gefordert sind wir alle als Lehrer und als Eltern. Kinder und Jugendliche kann man nicht alleine lassen mit dem Internet und seinen Möglichkeiten. Schüler müssen einen verantwortungsvollen und kompetenten Umgang mit diesem immer wichtiger werdenden Medium lernen. Von alleine lernen sie das nur unzureichend. Sie brauchen Unterstützung. Niemand würde auf die Idee kommen, mit einem zwölfjährigen Kind in eine fremde Großstadt zu fahren, im dort die Autoschlüssel in die Hand zu drücken und sich zu verabschieden, auf dass es sich selbst auf den Weg macht. So wie wir mit Kindern den Weg zum Kindergarten, zur Schule oder zur Bushaltestelle trainieren, ihm immer wieder die Dinge erklären, es an die Hand nehmen und gemeinsam gehen, später ein paar Schritte hinterher gehen, dann nur noch ein Stück des Weges mitgehen und es dann noch ein paar hundert Meter gehen sehen, um es irgendwann seinen Weg völlig alleine laufen zu lassen, genauso müssen wir es an die Hand nehmen auf seinem Weg ins Internet. Das Internet ist wie das Leben und wie das Leben ist es völlig offen für alle Möglichkeiten. Es liegt an uns, Kinder und Jugendliche auf den richtigen Weg zu bringen im Umgang mit dem Netz. Meine Erfahrungen zeigen, dass dieses bei vielen Eltern wie auch Lehrern noch lange nicht angekommen ist.

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2 Antworten

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  1. scheppler said, on April 17, 2010 at 7:47 pm

    Ich finde Deine Methaper des gemeinsamen Weges bzw. Gehens für sehr treffend. Denn damit schwingt eine Gleichberechtigung auf diesen Erkundungstouren mit, die sich von den in meinen Augen noch zu verbreiteten Klick-Klick-Schulungen oder Ratgebern abgrenzt. Für sinnvoller halte ich auch, sich gemeinsam auf den Weg zu machen – am besten an einem realistischen, praktischen, praxisnahen Thema. man wird sehr schnell ab Abgründe, auf Fallstricke oder Gefahren des Internets stoßen, die man dann konkret aufgreifen kann. Dies ist sicher effektiver als eine aufgesetzte „Wir-reden-heute-mal-über-SchülerVZ“-Stunde.

    Aber noch etwas praktisches: ist tatsächlich schueler.cc so verbreitet? Mir ist das noch nie richtig begegnet. Im Gegensatz zu SchuelerVZ, dem ich bei meinen Schülern eine höhere Abdeckung zuspreche.

    • damianduchamps said, on April 17, 2010 at 8:01 pm

      Die Nutzung der verschiedenen sozialen Netzwerke ist regional recht verschieden und verändert sich scheinbar auch mit der Zeit. Aussagen zur Verbreitung kann man über Google Insights for Search bekommen. Hier ist beispielsweise die Verbreitung von schueler.cc nach Bundesländern: ttp://www.google.com/insights/search/#q=schueler.cc&geo=DE&cmpt=geo. Unter der Landkarte ist ein Zeitschieber einblendbar. Darüber lässt sich die zeitliche Veränderung darstellen.
      Ändert man die Suche auf NRW ab, ergibt sich ein noch differenzierteres Bild: http://www.google.com/insights/search/#q=schueler.cc&geo=DE-NW&cmpt=geo. Man sieht deutlich, dass sich schueler.cc sehr stark in der Region Siegen konzentriert. Das würde mit den Beobachtungen an meiner Schule, die sicher mit zu dieser Region gezählt wird, übereinstimmen.
      Im gesamten bundesdeutschen Raum zählt schueler.cc wohl eher zu den kleineren sozialen Netzen.


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