Damian Duchamps' Blog

Bildschirme sind schlecht – oh no, not again!

Posted in Medienwelt by damianduchamps on April 27, 2010

Auf dem ersten Regionaltreffen des ADZ NRW kam es in einer der ersten Sessions direkt zum „Clash of Cultures“. Die Advokaten des Lernens mit und durch Web 2.0 stießen mit einer Vertreterin der alten Schule zusammen, die mehr an den Schaden durch das über Bildschirme transportierte Medium glaubte als den Gewinn. Wo die beiden von der „Blogschule“ Möglichkeiten sahen, dem Lernen neue Dimensionen zu eröffnen, sah sie zusätzliche Zeit vor dem Computer, die hinzuaddiert zur Zeit, die Kinder und Jugendliche zu Hause vor dem Computer mit Spiel und sozialen Netzen verbringen, ihren Raum zur Bewegung weiter reduziert. „Wenn ich von mir ausgehe,“ sagte sie, und das war für mich der Dreh- und Angelpunkt ihrer Argumentation.

Grundsätzliche Diskussionen dieser Art habe ich schon lange nicht mehr miterlebt und ich fühlte mich gleich um Jahre zurück in die Vergangenheit katapultiert. Interessant an ihrem Standpunkt war vor allem ihre spezielle Perspektive auf die Sache und die war mir neu. Kinder und Jugendliche verbringen zu Hause schon so viel Zeit am Computer, also muss die Schule da nicht noch zusätzlich Zeit oben drauf packen darf. Das klingt auf den ersten Blick nicht unvernünftig.

Natürlich gibt es auch heute noch die Diskussion darum, wie viel Zeit Kinder und Jugendliche vor ihren Computern verbringen sollten, und die Diskussion ist sicher nicht ohne Sinn. Wenn ich allerdings Auseinandersetzungen um die Computernutzung in der Schule höre, so wie die auf dem ersten ADZ NRW Treffen, dann beschleicht mich immer ein Gefühl, dass es letztlich um die Wertigkeit der Computernutzung geht. Besagte Dame („Wenn ich von mir ausgehe“) würde vermutlich kaum auf die Idee kommen, die Zeit, die unsere Kinder mit Lesen in Lehrbüchern, von Arbeitsblätter, von Overheadprojektionen oder in Schulheften verbringen, reduzieren zu wollen, wenn sich diese Kinder zu Hause täglich zwei bis vier Stunden in spannenden und interessanten Büchern vergrüben, anstatt diese Zeit vor dem Computer zu verbringen. Büchern haftet schon immer eine besondere Aura an. Niemand hinterfragt dabei, was Kinder und Jugendliche lesen, wenn sie nur lesen. Und wenn sie dabei tagelang nicht vor die Türe gehen, da sie von früh bis spät in einem spannenden Roman lesen, dann wird auch da niemand auf je auf die Idee kommen, auf den etwaigen Bewegungsmangel hinweisen.

Schule kommt um die Nutzung der neuen Medien nicht umhin, sie darf sich ihnen nicht verweigern (wie es heute noch mehrheitlich geschieht). Unsere Welt verändert sich radikal und Schule ist keine Insel, die sich abschotten kann oder sollte. Schule muss auf ein Leben in dieser sich verändernden Gesellschaft vorbereiten.

Eltern sind nicht besser in der Lage, ihre Kinder auf die sich verändernde Welt vorzubereiten als Schule, eher schlechter, wie die Erfahrung vielfach belegt. Neue Medien sind für die Kinder und Jugendliche von heute wie die Luft die sie atmen und das ist so und es wird so bleiben. Wenn es notwendig ist, Zeit mit den neuen Medien zu reduzieren, dann zu allerletzt in den Schulen, denn Schule ist in der Lage, der Nutzung dieser Medien einen Mehrwert zu verleihen, der über Konsumieren und Kommunizieren hinausgeht. Kinder und Jugendliche nutzen die neuen Medien intensiver als die Generationen vor ihnen, doch sie kratzen oft nur an der Oberfläche dessen, was für sie damit möglich wird. Hier ist Schule gefordert. Wenn also Zeit vor dem Computer reduziert werden muss, dann eher im häuslichen Umfeld und nicht in der Schule.

Ich kann mir vorstellen, dass mit zunehmend mobiler Nutzung der neuen Medienwelten, es ohnehin zu einer Verlagerung dieser Diskussion kommen wird. Häusliche Mediennutzung, die derzeit meist unbeaufsichtigt in Kinder- und Jugendzimmern stattfindet, wir sich in mobiler Form noch weiter der Kontrolle der Erwachsenen entziehen. And what about that?

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3 Antworten

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  1. Felix said, on April 27, 2010 at 10:53 am

    Medien ändern unser Denken – und vielleicht sogar unser Gehirn. Durch die Erfindung der Schrift ist eine Vergleichbarkeit und Überprüfbarkeit von Gedanken möglich geworden, der sich viele Menschen „damals“ ebenso widersetzt haben. Mit dem Buchdruck ist diese elitäre Auseinandersetzung und das Monopol der Kirche aufgelöst worden und fast jeder konnte an dem Diskurs teilnehmen – zumindest passiv.
    Mit dem Internet nun wird eine neue Welt eröffnet, in dem plötzlich jede/r potentiell an den Gesprächen der Welt teilnehmen und selber welche initiieren kann. Dieser Prozess ist neu und nimmt alten Mächten die Kontrolle. Es lässt sich nicht sagen, wohin uns die neuen Medien entwickeln werden.
    Und ich kann es verstehen, wenn man sich ob der Unübersehbarkeit des Mediums gerne in romantische Vorstellung von Studierstübchen und Bücherlesen zurück zieht. Die Zeiten sind aber vorbei.

  2. Lisa Rosa said, on April 27, 2010 at 12:56 pm

    @schb stimme Dir in allem zu. Gut auf den Punkt gebracht. Was ich immer lustig finde, ist, wenn Leute, Lehrer, Lehrerfortbildner unter „Lesen“ gedrucktes Lesen verstehen, und unter „Schreiben“ handschriftlich Hergestelltes. Ich muss sagen, – um mal von mir auszugehen😉 – ich habe noch nie so viel gelesen und noch nie so viel geschrieben wie jetzt, wo ich es im Computer kann. Und – um mal von der Empirie außerhalb meiner Person auszugehen: Es gibt Untersuchungen am lebenden Menschen, die zeigen, dass Jugendliche, die 10Finger-Tastaturschreiben gelernt haben und viel mit dem Computer chatten, spielen und lernen, viel mehr schreiben und viel längere Texte produzieren – dann auch in der Schreibschrift-Schule, z.B. in den Klausuren – als die nur Schreibschrift-Alphabetisierten Gleichaltrigen.

  3. scheppler said, on April 28, 2010 at 1:08 pm

    Ich kann Deinem Beitrag nur zustimmen.
    Der wesentliche, kurzsichtige Blick ist aus meinen Augen genau der, den Du beim lesen andeutest. Denn die Kinder „machen“ ja nicht „Computer“. Sie nutzen ihn für soziale Beziehungen, zur Informationsgewinnung, zum Dokumentieren usw.

    Ich kenne ähnliches, wenn ich im Lehrerzimmer am Laptop oder iPod Touch arbeite. Kollegen merken öfters an, sie wüssten nicht einzuschätzen, ob ich da privates mache oder „arbeite“. Und das ist für mich der nächste zu kurz gedachte Schritt: die Trennung zwischen Privatem und Schulischen. Dies mag räumlich funktionieren aber inhaltlich geht das einfach nicht. Wer einmal eine virtuelle Lernplattform oder wie ich aktuell Blogs im Unterricht einsetzt, wird sehr schnell sehen, wie künstlich dieser Lernraum Schule ist.

    Und ich denke spätestens, wenn es gelingt – und die mobile Verbreitung ist sicher förderlich – diese räumlichen Grenzen zu verwischen, wird dem Medium an sich kaum noch dieser Makel anhaften können.


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