Damian Duchamps' Blog

Folgen einer verfehlten Einstellungspolitik

Posted in Alltag, Schulpolitik by damianduchamps on Mai 6, 2010

An meiner Schule, einer Hauptschule überwiegen die älteren Kolleginnen und Kollegen deutlich, und das bereitet mir seit geraumer Zeit Sorgen. Als ich vor fast 11 Jahren an die Schule kam, war ich mit 35 Jahren fast der Jüngste. Es kamen dann zwar noch einige wenige Jüngere hinzu in den folgenden Jahren. Am Übergewicht der „Alten“ änderte das nichts. Für mich war dieser Zustand Grund, mir die Zahlen der Altersverteilung von Lehrer an Schulen in NRW einmal genauer anzusehen.

In vielen Kollegien deutscher Schulen ist der Altersdurchschnitt erschreckend hoch. Das ist mittlerweile wirklich keine Neuigkeit mehr. Schon 2004 waren knapp die Hälfte (47,2%) aller rund 150.000 hauptberuflichen Lehrer in NRW 50 Jahre oder älter (1). Zu Beginn des aktuellen Schuljahres hat sich die Lage nicht verbessert. Im Gegenteil, der Anteil dieser Altersgruppe stieg auf  51,42% an. Insgesamt sieht es in NRW zu Beginn des aktuellen Schuljahres 2009/2010 mit der absoluten Altersverteilung an den verschiedenen Schulformen aus wie folgt (2):

Aus den Gesamtdaten habe ich zur Verdeutlichung ein Diagramm erstellt:

Wie man im Diagramm deutlich sieht und auch in der Tabelle an den Prozentwerten ablesen kann, sind an allen Schulformen zusammen genommen mehr als die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer 50 oder mehr Jahre alt. An den Hauptschulen sieht es es besonders dramatisch aus. Hier liegt dieser Wert sogar bei 63,74 %. Das war mir bisher nicht bekannt. Erklärbar ist der Wert schon. Einmal spiegelt die Altersverteilung wie an allen Schulen den Einstellungsstop in den Achtzigern wieder. Dann findet sich darin auch die Schulpolitik der Partei wieder, die vor der aktuellen Landesregierung über Jahrzehnte die Schulpolitik in NRW bestimmte. Während ihrer langen Regierungszeit hungerte die SPD die Hauptschulen systematisch aus, da sie nicht ins ideologische Konzept passten. Mit schwindendem Ruf sanken die Anmeldezahlen und damit der Lehrerbedarf. Neueinstellungen junger Lehrer fanden kaum noch statt.

An meiner Hauptschule sieht die Altersverteilung eher noch ungünstiger aus. Fast die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer wird in den kommenden 10 Jahren pensioniert.

Für mich sind mit der gegenwärtigen Altersverteilung verschiedene Probleme verbunden.

  1. Ältere Lehrer neigen eher zu krankheitsbedingten Ausfällen. Viele Vertretungsstunden sind die Folge.
  2. Krankheitsbedingte Ausfälle älterer Lehrer dauern häufig länger als bei jüngeren Lehrern. Ersatz bei längerfristigen Erkrankungen ist von den Schulämtern oft nicht zu bekommen. In Folge kommt es zu mehr Vertretungsstunden auf lange Zeit oder Streichungen im Stundenplan.
  3. Mit zunehmendem Alter sinkt die Belastbarkeit vieler Lehrern deutlich ab. In Folge steigt das Ausfallrisiko. Die Bereitschaft zu zusätzlichem Engagement sinkt, wie man verstehen kann.
  4. Leider schwindet mit zunehmendem Alter bei vielen Lehrern auch der Zugang zu jungen Menschen.
  5. Lehrer, die nicht weit vom Ende ihrer beruflichen Laufbahn entfernt sind, können und wollen sich oft nicht mehr professionell weiterentwickeln. Hier stagniert Schulentwicklung am ehesten.

Für eine Schulform wie die Hauptschule, bei der der Anteil an Erziehungsarbeit im Unterricht einen deutlich größeren Umfang als an anderen Schulformen einnimmt, ist die Altersverteilung mehr als ungünstig. Gerade die Schule, die die schwierigsten Schüler hat, braucht die belastbarsten Lehrer. Die aber hat diese Schulform nur in unzureichendem Anteil.

Was mir persönlich große Sorgen bereitet, ist das Thema Erfahrung. Zwar mögen ältere Kollegen nicht mehr so leicht zu bewegen sein, eine Schule zu verändern, doch sie verfügen über ein Kapital, das für jede Schule von enorm großer Bedeutung ist, Erfahrung. Mit der anstehenden Pensionierungswelle – und eine Welle wird es werden – bricht der Hauptschule und auch den meisten anderen Schulformen die Erfahrung in kurzer Zeit weg. Die Erfahrung aus 30 Jahren Schuldienst ist nicht vergleichbar mit 10 oder 15 Jahren aktiver Unterrichtszeit. Mit einem Mal rutscht die kleine Gruppe der jetzt Mitte Vierzigjährigen die Abteilung Alter und Erfahrung. In Folge wird man auch die Mitglieder dieser Gruppe vermehrt in Schulleitungsrollen drängen, ob sie wollen oder nicht. Alles das finde ich sehr besorgniserregend.

Was man an dem Diagramm oben übrigens noch gut sehen kann, ist die insgesamt schrumpfende Zahl der Lehrkräfte. Bei den derzeit jungen Lehrern tut sich bereits ein riesiges Loch auf. Und es fehlt der Nachwuchs. Wie passend kommen da Studien, die zeigen, dass kleinere Klassen keine Vorteile bringen – Kleine Klassen bringen wenig (Tagespiegel 20.04.2010).

Wer die Tabelle als Google Doc ansehen möchte: http://bit.ly/lehreralter20092010

Eine Antwort

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  1. […] bereits vorher auf dieser Seite mit der Veränderung des Lehramtsstudiums auseinandergesetzt (siehe Folgen einer verfehlten Einstellungspolitik und Lehramtsstudium wird Masterstudium). In Gesprächen wurde ich auf einige weitere Dinge […]


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