Damian Duchamps' Blog

Schulbücher sind langweilig

Posted in Alltag, Schulentwicklung by damianduchamps on Mai 8, 2010

Vor sechs Jahren wurde an meiner Schule ein neues Englischlehrwerk eingeführt. Bis dahin fand der Englischunterricht mit Büchern statt, die teilweise schon die Eltern jüngerer Schüler kannten. Das Buch wurde bis vor zwei Jahren noch immer in einer leicht überarbeiteten „New“ Variante aufgelegt und dann mit Erscheinen des letzten Bandes des neuen Lehrwerks endlich aus dem Programm genommen. Das alte Englischbuch mit seinen Bildern aus den Siebzigern und frühen Achtzigern fand ich schon eine Zumutung. Die Inhalte waren längst nicht mehr zeitgemäß. Künstler, die den Kindern nichts mehr sagten, sollten zu englischsprachiger Kommunikation anregen und klobige Steinzeit PCs zum Schreiben über moderne Technik motivieren.

Mit dem neuen Lehrwerk wurde es eigentlich nicht wirklich besser. Zwar sind die Bilder  und Bezüge aktueller, sogar neue Medien werden auch häufiger erwähnt und zu ihrer Nutzung wird stellenweise angeregt, doch trotzdem kann ich mich nicht des Gefühls erwehren – diese Bücher sind vollkommen langweilig. Muss es mich wundern, wenn meine Schüler diese Bücher nicht sonderlich motivierend finden?

Bücher der Zukunft sind multimedial und interaktiv

Um die Zukunft der Schulbücher macht man sich seit einiger Zeit Gedanken. Ein Schweizer Startup versucht sich mit der Plattform Akili am Markt zu platzieren. Man entwickelt eine Plattform, die auf verschiedenen Betriebssystemen, auch mobil, interaktive Schulbücher darstellen kann. Verbunden damit ist eine Shoplösung, über die dann entsprechend aufbereitete Bücher vertrieben werden. Zwei Beispielbücher waren beim herunterladbaren Client dabei in der Version 2.99 dabei. Die aktuelle Version kommt scheinbar ohne oder funktioniert bei mir nicht. Die Bücher, die ich gesehen hatte, erinnerten mich eher an einfache Webseiten mit integrierten Videoclips und Animationen. Ergänzt wurde das dann durch ein paar Abfragen im Stil von HotPotatos. Aufregend fand ich das nicht. Matthew Herren, der zum Kern des Teams gehört, versicherte mir jedoch, die Plattform könne deutlich mehr. Man wolle das aber noch nicht öffentlich zeigen.

Damals fand ich, wenn man Schülbücher digital umsetzen will, aber dem Paradigma des Schulbuches, wie wir es kennen, noch nah bleiben möchte, dann wäre eine Lösung wie die Waitrose Live, dem Kundenmagazin einer englischen Supermarktkette, noch am interessantesten. Diese (Flash basierte) Lösung bietet ein medienangereichertes interaktives Informationsangebot, das sehr ansprechend gestaltet ist. Ich könnte mir schon vorstellen, dass auch Schüler hier mehr Anregung fänden, sich mit Inhalten auseinanderzusetzten. Ein Format wie dieses erlaubt es, in Bild, Film und Ton, Inhalte einzubinden und Zusatzinformationen anzubieten. Das könnten Ergänzungsmaterialien sein, Wörterbuch- und Sachinformationen im Kontextmenü und Differenzierungsangebote.

Dialoge würden anders als in unseren gegenwärtigen Büchern zunächst in kleinen Videoclips angeboten und nicht in Textform. Texte sollten abrufbar sein, so dass Schüler mitlesen oder -sprechen können. Sie sollten auch so angeboten werden, dass Schüler ähnlich wie in Playstation Singstar oder Karaoke, eine Rolle im Dialoge mit Prompts als Hilfe übernehmen können, wenn sie alleine üben wollen. Es wäre noch weit mehr möglich in diesem oder ähnlichen Formaten, interaktive Übungen mit Feedback, kreative Angebote, Inhalte innerhalb des „Buches“ zu erstellen, ähnlich wie bei Scrapblog, Bildergeschichten zu Texten zu basteln und so weiter. Die Firma, die hinter dem Konzept steht und die Plattform für Firmen wie Waitrose oder Magazine bereitstellt, Ceros scheint sich mit Bildungsinhalten allerdings nicht zu beschäftigen. Bei Akili sagte man mir 2009, man könne Inhalte ähnlich darstellen.

In einem elektronischen Format wie dem von Ceros könnte man also durchaus interessantere, schüleraktivierendere Englischbücher erstellen. Auch für andere Fächer wäre das Konzept gut vorstellbar, denn auch die Bücher anderer Fächer glänzen nicht unbedingt durch weniger Gähneffekte. Alles was es außerdem braucht, ist noch ein elektronisches Gerät zur Darstellung, ein Notebook, Tablett-Computer oder was immer sonst demnächst in den Schulen als Begleiter der Schüler anzutreffen sein wird.

Wer so weit denkt, der wird sich fragen, ob es der Schulbücher überhaupt noch bedarf. Die Frage habe ich mir natürlich auch gestellt.

Wir brauchen keine Schulbücher – aber etwas brauchen wir

Schule braucht didaktisch aufbereitetes Material. Es braucht dieses nicht immer, doch in Teilbereichen wird es nicht ohne gehen. Mein Fach Englisch ist ein solcher Bereich. Warum? Fremdsprachenlerner wachsen erwerben Fremdsprachen in Deutschland als Zweitsprache und fangen damit recht spät an. Ein Vergleich zum Erwerb der Muttersprache ist nicht möglich. Zwar versucht man nach neuerer Didaktik genau dieses, nämlich sich an einen natürlichen Spracherwerb anzulehnen, doch die geringe Wochenstundenzahl Englischunterricht macht ein echtes Eintauchen in die Sprache kaum möglich. Selbst bilinguale Schule kommen nur ein Stück an einen natürlichen Spracherwerb heran, allerdings deutlich näher als nicht bilinguale Schulen.

Es gibt durchaus Lernmaterial aus englischsprachigen Ländern, das dem Lernniveau unserer Schüler entspricht. Für unsere Schüler passt es trotzdem nicht und je älter unsere Schüler sind, umso weniger passt es. Lernmaterialien als englischsprachigen Ländern orientieren sich am Lernalter von Kindern, die in diesen Ländern aufwachsen, und die sind von ihrem Lebensalter um mindesten zwei Jahre unter dem Alter, mit dem unsere Schüler beginnen, Englisch zu lernen. Gerade da sind die Unterschiede in Bezug auf Inhalte jedoch gigantisch. Was ein vierjähriges Kind in England oder den USA fesselt, interessiert einen Grundschüler in Deutschland genauso wenig wie einen Grundschüler in einem englischsprachigen Land. Da unsere Schüler Englisch weitaus langsamer lernen als englische Kinder, weitet sich die Kluft der Interessen mehr und mehr.

Wir brauchen also didaktisiertes Material, das heißt, Material, welches sowohl authentisch ist, als auch dem Lernniveau der Schüler angemessen. Es muss ihnen das Gefühl vermitteln, es mit echter, gelebter englischer Sprache zu tun zu haben, ohne sie zugleich zu überfordern. Richtig ist der heutige didaktische Ansatz, dass ein Sprachlernender nicht unbedingt jedes Wort verstehen muss, denn das lässt sich auch in Realität nie ausschließen.

Das „Schulbuch“ der Zukunft

Für mich ist das Lernen der Zukunft modular aufgebaut. Der Nachfolger des Schulbuches ist ein modulares Angebot. Ziel des Englischunterrichtes wird auch in Zukunft der Erwerb dieser Fremdsprache sein. Der Fremdsprachenlerner soll zunehmend in der Lage sein, in der Fremdsprache zu kommunizieren, Informationen zu finden, Zugang zu einer fremden Kultur erlangen und natürlich in die Lage versetzt werden, an der fremden die eigene Kultur zu reflektieren. Außerdem sollte der Fremdsprachenlerner zunehmend über die Methoden verfügen, sich sprachlich eigenständig weiterzuentwickeln und sogar andere Sprachen zu lernen.

Ich stelle mir vor, dass Schule Schülern eine Lernumgebung für die Fremdsprache zur Verfügung stellt. Das kann eine Plattform sein oder ähnlich. Es wird ein Nachfolger des Buches sein. Hier stellt der Lehrer Schülern entsprechend ihren Lernniveau Module zur Verfügung. Es gibt ein Fundamentum, welches für alle verbindlich ist, um sicherzustellen, dass alle in eine Richtung gehen und bei einem groben Thema sind. Das muss sein, denke ich, denn Sprache muss in Kommunikation verwendet werden und sollte auch gesprochen werden von Angesicht zu Angesicht. Kommunikation innerhalb einer Lerngruppe setzt voraus, dass es ein gemeinsames Thema gibt. Das Fundamentum sollte seine Inhalte so anbieten, dass möglichst viele Wahrnehmungskanäle angesprochen werden. Alle Inhalte sollten deshalb in verschiedenen Formen vorliegen, so dass Lerner wählen können. Zum Fundamentum kommt hinzu ein Additum, das eine inhaltlich differenzierende Vertiefung erlaubt.

Gerade das Angebot aller Inhalte über verschiedene Kanäle halte ich für sehr wichtig, denn zum einen lernen Menschen verschieden, auch Fremdsprachen, und zum anderen erlaubt es so endlich dem Lehrer, als Sprachmodell zurückzutreten.

Ich habe das Thema eigentlich nur angerissen. Man kann da noch eine Menge hinzufügen. Mir ging es hier um eines, vor allem, darum dass unsere Schulbücher schon lange nicht mehr zeitgemäß sind und lernergerecht ohnehin nicht. Sie verführen nicht nur uniformem linearem Lehren und Lernen, sondern drängen oft sogar noch dazu.

Ausblick

Vielleicht langweilen mich unsere Bücher auch, weil ich selbst viel in der Welt des Web 2.0 unterwegs bin. Dass wir unsere Kinder, deren Gehirne ohnehin anders ticken, mit diesen Büchern nicht mehr vom Hocker reißen können, wundert mich selbst deswegen schon lange nicht mehr und ich versuche, das Angebot anzureichern, wann immer ich kann.

Schulbücher, die in Anlehnung an das Waitrose Magazin gestaltet sind, könnten ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Schulen oder Fachkonferenzen könnten auch hier aus einem Angebot wählen, welche Inhalte, Übungen und sonstigen Materialien sie für ihre Lerner haben wollen, und sich so ihre schuleigenes Buch zusammenstellen.

Da innerhalb der nächsten zehn Jahre ein elektronischer Begleiter ohnehin in die Hand eines jeden Schülers kommen wird, bin ich optimistisch, dass auch das alte beschränkte und starre Papierbuch uns nicht mehr lange langweilen wird und freue mich auf eine neue individuellere und anregendere Form des Lernens.

Ergänzungen

(@SchleicherEDU) schreibt im Mai 2010 in seinen Thesen zur Zukunft der Bildung: „Neue Technologien können dabei neue Perspektiven eröffnen: Sie schaffen authentische Kontexte die viel spannender sind als langweilige Schulbücher.“ Herr Schleicher trifft den Nagel auf den Kopf. Authentische Kontexte braucht das Lernen, nicht die abgestandenen oft lebensfernen Angebote aus Schulbüchern. In einer Zeit, in der die Entwicklung sehr schnell ist und die Halbwertzeit von Wissen schrumpft, kann das Papierbuch einfach nicht mehr mithalten.

Siehe auch Schulbücher und ihre Zukunft bei Monsieur Becker und Schulbücher und freie Unterrichtsmaterialien (und mein Kommentar dort) bei Herrn Larbig.

4 Antworten

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  1. 1000sunny said, on Mai 8, 2010 at 6:43 pm

    Hi,

    kennst Du ck12.org? – die Textbücher dort finde ich klasse. Und die Idee folgt dem Wiki-Modell.

    Sprachlernen kann ich mir gar nicht mehr aus Büchern vorstellen – wenn dann ein sehr fortgeschrittenes sprachwissenschaftliches Niveau.
    Für das „einfache“ Sprachlernen benütze ich seit einiger Zeit livemocha – die ersten Kurse gibt es da umsonst.

    Vielleicht ist ja was für Dich dabei.

    Die Aussage über Schulbücher kann ich voll bestätigen – besonders Mathematik ist total übel. Man möchte meinen, es sei Absicht🙂

    Lg
    1000Sunny

    • damianduchamps said, on Mai 8, 2010 at 7:50 pm

      Die FlexBooks habe ich gesehen. Das Prinzip der Editierbarkeit wie bei Wikis ist nicht schlecht. Man kann was draus machen. Es ist möglich, modular Inhalte zusammenzustellen. Soweit so gut.

      Was mich dann aber doch sehr stört, das ist der lineare Aufbau. Diese ewig langen Seiten, die entstehen können, sind nicht gut. Und ich hätte es eben, gerne interaktiv und alle Sinne ansprechend, so dass man nicht nur Bilder und Text hat, sondern dass man sich Text anhören kann, den Inhalt in einem Film erklären lassen kann usw.. Das wäre in einem Format wie dem Waitrose Magazin oder anderen Magazinen von Ceros besser möglich. Falls du es noch nicht angesehen hast, folge den Links im Artikel und lass das Magazin auf dich wirken. Stell dir vor, es wäre ein beliebiges Schulbuch und man könnte noch mediale Alternativen wählen.

    • Julius said, on Mai 11, 2010 at 5:40 pm

      Eben bei Jochen English drauf gestoßen:
      http://www.veintemundos.com/de/

  2. Franz Josef Neffe said, on Mai 11, 2010 at 7:34 am

    Vor über 30 Jahren, in meiner ersten 4.Klasse, waren wir uns bald einig, dass wir selber bessere Texte zustande brächten als sie im Sprachbuch standen. Unsere Nachschriften entwickelten wir als Ich-kann-Geschichten in Fortzsetzungen gemeinsam. Wir hatten auch eine eigene Klassenzeitung, die 6mal im Jahr erschien uind die die Schüler im Dorf verteilten. Ich musste die Exemplare noch mit der Spiritusmatritze abziehen. Vom KM gab es plötzlich eine Neuerung, die uns zeigte, wie sehr wir mit dieser frühen Ich-kann-Schule schon außerhalb der Schablonen lagen. Die Schülerzeitung wurde bald darauf eingeführt, als Veranstaltung der Schülermitverwaltung, die für die hauptschule aber nicht für die Grundschule vorgesehen war. Ob wir illegal waren, kam nie heraus, denn soweit ist das KM bis heute nicht, dass es was bemerkt hätte.
    Ich grüße freundlich.
    franz Josef Neffe


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