Damian Duchamps' Blog

Lehramtsstudium als Masterstudiengang = Mogelpackung?

Posted in Schulpolitik by damianduchamps on Mai 10, 2010

Ich hatte mich bereits vorher auf dieser Seite mit der Veränderung des Lehramtsstudiums auseinandergesetzt (siehe Folgen einer verfehlten Einstellungspolitik und Lehramtsstudium wird Masterstudium). In Gesprächen wurde ich auf einige weitere Dinge aufmerksam, und greife das Thema deshalb noch einmal auf.

Im Mai 2009 wurde vom Landtag NRW wie in anderen Bundesländern auch das Gesetz zur Reform der Lehrerausbildung beschlossen. In einer entsprechenden Pressemittleilung der Landesregierung zu den Eckpunkten der neuen Lehrerausbildung heißt es: „Das Lehramtsstudium wird auf Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt. Dies geschieht in Folge des 1999 europaweit begonnenen „Bologna-Prozesses“. Damit hält das Gesetz die Balance zwischen der geforderten Professionalisierung für den Lehrerberuf einerseits und der gewünschten Offenheit des Studiums in den ersten Jahren andererseits.“ (1)

Auf den ersten Blick klingt das zunächst gut. Wer Lehramt studiert, kann darauf setzen, dass sein Master überall als gleichwertig anerkannt wird und wer sich noch umentscheidet und doch nicht in den Schuldienst gehen möchte, der kann auch dieses tun. Mit dieser Offenheit ergibt sich für die Planung von Seiten der Schulministerien bezüglich des Lehrernachwuchses jedoch ein Problem. Schon 2008 hieß es dazu in einem Artikel der GEW zur Lehrereinstellung: „Verschärft werde die Situation noch dadurch, dass mit der Umstellung von Bachelor- auf Masterstudiengänge keine verlässlichen Aussagen mehr über die Zahl der künftigen Absolventen von Lehramtsstudiengängen zu machen sind.“ (2) Bisher konnte man noch relativ verlässlich abschätzen, wie viel Nachwuchs an den Universitäten ausgebildet wird, und das bereits mehrere Jahre im Voraus. In Zukunft ist dieses nicht mehr möglich.

Mit der Einführung der neuen Abschlusses soll die Bezahlung der Lehrer gerechter werden. Tatsache ist, die Bezahlung ist ungerecht. Dass am Gymnasium höhere Gehälter gezahlt werden, ist ein Privileg, hat mit Studium und Arbeitsaufwand oder -bedingungen jedoch nichts zu tun. Gymnasiallehrer werden mir da vielleicht widersprechen. Für mich bleibt es aber unverständlich, dass Schulleiter an vielen Grundschulen schlechter bezahlt werden als Lehrer an Gymnasien. Ist die Arbeit der Grundschulleiter weniger Wert? Genauso fragt sich der Sek I Lehrer, ob seine Arbeit in den unteren Jahrgängen denn einfacher und weniger belastend ist als die in der Oberstufe, oder ob seine höhere Beanspruchung in Bezug auf Erziehung nicht ebenso viel gilt wie die wissenschaftlichere oder stofflich weitergehende Bildungsarbeit der Oberstufenkollegen. Mit der Umstellung auf den Masterstudiengang soll das alles besser werden. Nur die Grundschullehrer könnten das Nachsehen haben, wenn sie ausgegliedert werden und über eine andere Qualifizierungsschiene ihr Gehaltsanspruch reduziert werden kann (siehe „Die neue Lehrerausbildung stärkt die schulformbezogene Differenzierung und Gleichwertigkeit für alle Lehrämter. Dies geschieht durch die Einführung eines eigenständigen Grundschullehramtes und die Angleichung der Ausbildungszeiten.“ (1)). Das hatte man in NRW schon einmal vor, als man die Grundschullehrerausbildung an Fachhochschulen verlegen wollte. Als Nicht-Uniabsolventen wollte man sie gehaltlich nach unten stufen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Mit dem Master wird einiges gleich, nicht jedoch alles und überall.

In Deutschland müssen Lehrer mit dem Zustand leben, dass ihre Bezahlung Ländersache ist. Zwar gelten für in allen Bundesländern die für den öffentlichen Dienst verbindlichen Gehaltsstufungen, doch liegt es in der Hoheit der Länder zu entschieden, welche Lehrer welcher Besoldungsgruppe zugeordnet werden. So kommt es zu der Ungleichbezahlung von Lehrern bei gleicher Arbeit in verschiedenen Bundesländern. Nordrhein Westfälische Städte und Gemeinden in Grenzregionen zu Nachbarbundesländern mit höherer Besoldungsstufe können ein Lied von den Folgen der Ungleichbehandlung singen. Wo nur eine Autobahnabfahrt weiter nach Hessen hinein ein Lehrer anstelle von A12 gleich mit A13 bezahlt wird, da fällt für viele die Entscheidung leicht. Man geht nach Hessen. Aus dem Raum Siegen kenne ich die Geschichten von Stellen, die unbesetzt bleiben mussten, da der Bewerber kurz vor Schuljahresbeginn noch eine Zusage aus Hessen erhielt, die Stelle kurzfristig absagte und diese daraufhin nicht mehr schnell genug neu zu besetzen war.

Mit der Umstellung der Lehrämter auf Masterabschlüsse wird es zu einer Umstrukturierung der Gehälter kommen. Ein Master ist immerhin keine Abschluss, der mit einem derzeitigen akademischen Abschluss gleichzusetzen ist, soweit ich das verstehe. Noch findet sich über die neuen Gehälter nichts. Es ist jedoch zu erwarten, dass die Gehälter für Neulehrer mit Masterabschluss unter den derzeitigen liegen werden. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen passt das. Damit eröffnet sich allerdings ein neues Problem. Wird der Lehrerberuf dadurch nicht weiter an Attraktivität verlieren? Welcher Mann wird diesen Beruf einer Anstellung in der freien Wirtschaft bevorzugen, wenn er davon eine Existenz aufbauen möchte und eine Familie ernähren muss? Schon jetzt ist die Zahl der im Lehramtsstudium befindlichen jungen Menschen deutlich zu gering um den prognostizierten Bedarf zu decken. Geringere Gehälter machen den Beruf unattraktiv und wird dazu führen, dass der Trend zum Frauenüberhang in den Grundschulen sich auch auf die anderen Schulformen ausbreitet.

Wenn sich bei uns niemand mehr findet für den Lehrerberuf, wer wird dann Schule in Zukunft machen? Werden wir Bildungsgastarbeiter aus europäischen Schwellenländern haben, die hier mehr verdienen können als zu Hause? Im Gesundheitswesen hatten wir das mit den Krankenschwestern aus Korea schon vor Jahrzehnten. Undenkbar wären sie also nicht, die Bildungsgastarbeiter.

Wer bis hier gelesen hat, der wird denken, ich bin gegen den Masterstudiengang. Ich bin da nicht grundsätzlich gegen. Es gefällt mir jedoch nicht, wie diese Sache umgesetzt wird. Was noch nicht angesprochen wurde sind der Praxisteil und der Vorbereitungsdienst. Durch das Praxissemester wird der Vorbereitungsdienst gekürzt. Das Praxissemester hat für die Schulen einen sehr üblen Beigeschmack. Zum einen kann man so natürlich Stellen sparen. Jede Schule wird verpflichtet werden, die Studenten im Praxissemester zu übernehmen. Sie werden einen Teil der Ausbildung der Nachwuchslehrer mittragen, ohne Entlastung. Dafür spart man Fachleiter. Bei denen ist die Situation derzeit ohnehin bereits desolat. Man hört von Fachleitern, die gleich zwei Seminare betreuen müssen, da man niemanden mehr findet, der dumm genug ist, ohne entsprechende Vergütung, für das Spritgeld alleine diesen Job zu machen.

Ich denke, es war durchaus sinnvoll die Ausbildung für Lehrämter zu verändern. Es müssen allerdings die Rahmenbedingungen stimmen, und die stimmen hier ganz sicher nicht. Die Leidtragenden sind wie immer die alten, die Schüler, die Lehrer und die Eltern – sprich die Gesellschaft.

6 Antworten

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  1. Julius said, on Mai 11, 2010 at 7:34 am

    »Ein Master ist immerhin keine Abschluss, der mit einem derzeitigen akademischen Abschluss gleichzusetzen ist, soweit ich das verstehe.«

    Wieso?

    • damianduchamps said, on Mai 11, 2010 at 9:46 am

      Vielleicht habe ich es falsch ausgedrückt. Rein studientechnisch werden beide Abschlüssen natürlich schon gleichgesetzt. Ein Master Abschluss entspricht einen 1. Staatsexamen. Die Abschlüsse werden aber vermutlich nicht auf gesamter Breite auch bei der Bezahlung gleichgesetzt werden. Es ist eher mit einer geringeren Bezahlung zu rechnen, wo dies möglich ist. Natürlich könnte es auch umgekehrt für viele Besser werden mit der Bezahlung. Die Erfahrungen der Vergangenheit lassen jedoch eher vermuten, dass die Landesregierungen nach Wegen und Gründen suchen, in niedrigere Gehaltsklassen einzustufen. Ich bin da eher pessimistisch.
      Sie zu Gehälter und Masterabschluss auch dieses Interview: Arbeit der Lehrer ist gleichwertig.

      • Julius said, on Mai 11, 2010 at 12:11 pm

        Mit meinem kleinen Einblick in die Berliner Bezahlungspolitik kann ich sagen, dass generell neu eingestellte Lehrer weniger verdienen, unabhängig davon, ob sie einen Lehramts- oder Masterabschluss vorweisen. In meinem Praktikum unterhielten sich ein älterer Lehrer, den die Lust verlassen hat, und ein vergleichsweise deutlich engagierterer Lehrer über die Bezahlung – es waren in der gleichen Schulform 1000 € Unterschied.

        Zu dem Artikel: Ich finde die Aussage, das Grundschulstudium sei nicht weniger anspruchsvoll als das Gymnasialstudium, falsch. In Berlin studieren diejenigen, die auch in der Sekundarstufe II unterrichten wollen, insgesamt 5 Jahre, die Grundschullehrer nur 4. Ich werde voraussichtlich zwei Jahre Referendariat haben, Grundschullehrer nur eins. Ganz persönlich empfinde ich meine Laufbahn schon als anspruchsvoller.

        Welche Konsequenzen sich für das Finanzielle ergeben, ist schwierig zu sagen. Ein Lohn für alle ist aus meiner Sicht nicht der richtige Weg, denn auch unter Lehrern gibt es sowohl fleißige Bienchen wie Faultiere.

        Wie die Lehrerbesoldung reformiert werden könnte, dazu hat sich mal das Institut der deutschen Wirtschaft Gedanken gemacht.

      • damianduchamps said, on Mai 11, 2010 at 3:19 pm

        Natürlich verdienst man als neu eingestellter Lehrer weniger als in späteren Jahren. Im Gehalt gibt es eine Altersstufung. Es macht aber schon einen Unterschied, ob man einen Lehrer mit A13 oder A12 einstellt. Diese Einteilung ändert sich nur, wenn man eine Funktionsstelle übernimmt, sonst nicht. Sagt man nun, alle werden als A12 eingestellt, will ich sehen, wie die reagieren, die Oberstufe unterrichten sollen.
        Was das Studium angeht. Bisher war es so, dass wer Sek II in NRW studierte, dafür zwei Semester mehr machen musste und eine schriftliche Prüfung mehr (eine mündliche ebenfalls, soweit ich mich erinnere). Da die Wahl der Seminare relativ frei war, hat sich aus dieser Verlängerung der Studienzeit aus meiner Sicht keine wirkliche Steigerung der Qualifikation ergeben.
        Die Arbeit, welche eine Lehrkraft in der Grundschule leistet, ist anders gelagert als die einer Lehrkraft in der gymnasialen Oberstufe, meiner Meinung nach jedoch nicht geringer.

        Es gibt grundsätzlich zwei Ansätze, Lehrergehalt zu rechtfertigen: 1. über die Ausbildungsdauer, 2. über die Schulform bzw. Schulstufe.

        Wenn zukünftig Sek I und Sek II Lehrkräfte aus dem gleichen Masterstudiengang kommen, fällt hier zumindest das Argument Ausbildungsdauer weg.

      • Julius said, on Mai 11, 2010 at 5:33 pm

        Mit der Freiheit der Seminare hat es sich seit der Einführung von Bachelor und Master. Ein dreijähriger Bachelor umfasst 180, ein „kleiner“ Master (in Berlin u. a. für Grundschule und Sekundarstufe I) 60 und ein „großer“ Master (Sek II) 120 Studienpunkte.

        Jeder Studienpunkt steht für einen Arbeitsaufwand von 30 Zeitstunden. In der Romanistik an der HU Berlin hat eine einfache Übung 2 Punkte, ein Seminar 3 Punkte und eine Vorlesung wieder 2 Punkte. Einbereichnet sind die Anwesenheit sowie Vor- und Nachbereitung. Hinzu kommen noch 1 bis 2 Punkte für Klausuren, Hausarbeiten oder andere Modulabschlussprüfungen.

        Ich habe in meinem „großen“ Masterstudium deutlich mehr Veranstaltungen als die Studentinnen und Studenten vom „kleinen“ Master. Das betrifft die Fachdidaktik, die Erziehungswissenschaften und insbesondere die Fachwissenschaften.

        Hinsichtlich der Andersgelagertheit aber Gleichwichtigkeit der Arbeit von Lehrern in der Grundschule, in der Sek I und der Oberstufe gebe ich dir recht. Wenn nun plötzlich alle Lehrer das gleiche Geld bekämen, würden sich meines Erachtens vornehmlich die Leute umentscheiden, für die das Finanzielle der Hauptanreiz bei der Wahl des Lehrerberufes ist. Ich habe mich bewusst für die Sekundarstufe I und II entschieden, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ich gut mit Grundschülern arbeiten kann. Aber vielleicht hätte ich nur Sek I gewählt, wenn ich schneller fertig wäre und im Endeffekt das gleiche Geld bloß früher bekäme.

      • damianduchamps said, on Mai 11, 2010 at 5:53 pm

        Dass der Masterstudiengang für Lehramt stärker „verschult“ ist, las ich und finde es gut. Die Beliebigkeit, die ich als Lehramtsstudent vorfand, die brachte dem Studium keine Qualität.
        Kleine und große Masterabschlüsse kannte ich bisher nicht, habe also etwas Neues gelernt. Bisher hatte ich das so verstanden, dass alle Masterstudiengänge einheitlich mit 300 Leistungspunkten abschließen.
        Habe es noch mal nachgelesen, dank deines Hinweises und fand auch für NRW: „Dementsprechend setzen auf das in jedem Fall dreijährige Bachelor-Studium unterschiedlich lange Master-Studiengänge auf: Für das Lehramt an Grund, Haupt- und Realschulen und den entsprechenden Jahrgangsstufen der Gesamtschulen umfasst das Studium zum Master of Education ein Studienjahr; für die anderen Lehrämter zwei Studienjahre.“ ( Lehramtsstudium NRW. Von daher ließe sich aus der unterschiedlichen Ausbildung doch wieder ein unterschiedliche Bezahlung herleiten.


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