Damian Duchamps' Blog

Kompetenzraster (wiederentdeckt)

Posted in Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on Mai 21, 2010

Vom kompetenzorientierten Unterricht sind wir an den meisten Schulen im Lande wohl meilenweit entfernt (siehe Ist kompetenzorientierter Unterricht ein Papiertiger?), doch damit ist das Thema natürlich nicht tot. Auch wenn sich sogar die Universitäten des Themas in der Lehrerausbildung kaum annehmen und die Studienseminare gerade zaghafte erste Schritte in Richtung kompetenzorientierten Unterrichts unternehmen, so gibt es hier und da Bewegung im Kleinen. Von Seiten des Landes tut sich eher wenig, wie es aussieht. Wohl arbeitet man in Kommissionen an neuen Kernlehrplänen für die Nebenfächer, die Hauptfächer lässt man aber scheinbar links liegen. Was man an Material findet, stammt vielfach aus der Konzeptionsphase von vor sieben oder acht Jahren. Trotzdem gibt es ein wenig Leben in der Thematik. Das stammt von kleinen Inseln der Aktivität, von Schulen, welche die Initiative ergriffen und sich auf den Weg gemacht haben, Häuser des Lernens, auf die der Ausspruch von Sir Ken Robinson „It’s important not to be frustrated by the whole system. Change happens one school at a time. Be the change where you are.“ gut passt. Das sind Schulen, die eher von der Reformpädagogik inspiriert sind, Schulen, die zum Archiv der Zukunft Netzwerk gehören oder diesem nahestehen, Montessorischulen, Schulen, die sich im Schulverbund Blick über den Zaun organisieren, und einige andere. Es sind die Schulen, die den Bildungsforscher Andreas Schleicher nicht wegen seiner harschen aber zutreffenden Kritik am deutschen Schulsystem verurteilen, sonder schon lange die Richtung gehen, die er einfordert. Für diese Schulen ist der Begriff Kompetenzraster kein Neuland mehr. Viele von ihnen verwenden Kompetenzraster in verschiedener Form.

Ich selbst hatte wohl das eine oder andere Mal den Begriff Kompetenzraster gehört, mehr nicht. Vor kurzem kam ich dann mit dem Begriff etwas anders in Berührung. Das war beim 1. Regionaltreffen des ADZ NRW an der Friedensschule in Köln. Diese Schule, die mich sehr beeindruck hat, arbeitet kompetenzorientiert und nutzt auch Kompetenzraster. Das machte mich neugierig und ich forschte nach. Worauf ich zuerst stieß, waren die sehr umfassenden Kompetenzraster des Instituts Beatenberg, einer Schule in der Schweiz. Diese Kompetenzraster werden an vielen Stellen zitiert. Über einen Tweet von Rolf Kröger (@watueueh) stieß ich nun auf einen recht aktuellen (oder zumindest im März aktualisierten) Eintrag im Bereich Toolbox BildungKompetenzraster – eine neue Form der Leistungsbewertung. Das ist das Modell des Instituts Beatenberg. Neu ist das Modell nicht. Es wurde 2004 veröffentlicht und stammt damit aus der Zeit, als man bei uns gerade eben die Implementierung der neuen am Kompetenzmodell orientierten KMK-Bildungsstandards und der daraus abgeleiteten Kernlehrpläne für die Hauptfächer (NRW) anging. Sowenig wie der kompetenzorientierte Unterricht bisher in den Schulen angekommen ist, so wenig kennt man dort Kompetenzraster.

Von Wiederentdeckt kann man, wie ich beim Durchsehen der Bertelsmann Seite vermutete, wohl eher nicht sprechen. Das Thema Kompetenzraster ist im Mainstream kaum vertreten, wie Google Insight deutlich zeigt. (Den Google Dienst kann ich übrigens nur wärmsten empfehlen, um Einblicke in solche Thematiken zu erhalten. Leider liefert er Daten jedoch erst ab 2004.) Abgesehen von zwei kurzen Phasen im Februar 2008 und Januar 2009 war das Thema online nicht wahrzunehmen.

Web-Suche-Interesse: kompetenzraster
Deutschland, Österreich, Schweiz
2004 – heute
Kategorie: Bildung

Auch wenn sich die Masse derer im System Bildung Beteiligten dafür wenig interessiert, sind Kompetenzraster auf jeden Fall einen Blick wert, da sie das, worum es beim kompetenzorientierten Unterricht geht, leichter verständlich machen. Zunächst einmal finde ich, ist die Überschrift auf der Webseite der Bertelsmann Stiftung Kompetenzraster – eine neue Form der Leistungsbewertung mehr als irreführend, denn es geht eben nicht um die Bewertung von Leistung im herkömmlichen Sinne, sondern um Kompetenzen und über welche davon ein Lernender in welchem Ausmaß verfügt.

Da es in der Schule beim Lernen um Kompetenzen geht, und zwar in allen Bereichen, hat man beim Institut Beatenberg für alle Bereiche Kompetenzraster erstellt. Das betrifft damit die traditionellen Schulfächer wie auch das Arbeits- und Sozialverhalten oder Gesundheit und Selbstorganisation. Erfunden hat das Institut Beatenberg die Kompetenzraster vermutlich nicht, denn in ähnlicher Form findet man Vergleichbares auch an anderer Stelle. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen  (oder exakt Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen) ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Kompetenzraster. Auch hier werden Kompetenzen nach Niveaus gestuft abgebildet. Packt man die verschiedenen Kompetenzbereiche der Kernlehrpläne des Fachs Englisch (NRW) in ihrer dreifachen Abstufung nach Doppeljahrgangsstufen in eine Tabelle (siehe Kompetenzerwartungen am Ende der Jahrgangsstufen), erhält man ebenfalls ein Kompetenzraster. Letztere Beispiele sind zwar Kompetenzraster, haben aber mit denen von Schule eines nicht gemein. Sie sind nicht für die Hand von Schülern gedacht. Kompetenzraster als Instrumente zur Steuerung von Lernprozessen sind in der Regel so formuliert, dass sie für Schüler verständlich sind. Sie können außerdem anders dimensioniert sein und müssen z.B. nicht Kompetenzen bis zur höchsten Kompetenzstufe abbilden.

Was ein Kompetenzraster genau ausmacht, beschreibt das Institut Beatenberg sehr gut und ich zitiere ihren Text deshalb mit zwei kleinen Abänderungen hier:

Kompetenzraster beschreiben, was man in einem bestimmten LernFachbereich können könnte. Oder anders gesagt: Sie bilden das Curriculum ab in Form einer Matrix. In der Vertikalen werden jene Kriterien aufgeführt, die ein LernSachgebiet inhaltlich bestimmen (was?). In der Horizontalen werden zu jedem dieser Kriterien vier bis sechs Niveaustufen definiert (wie gut?). Kompetenzraster stecken damit einen Entwicklungshorizont ab (Horizont-Didaktik), indem sie in differenzierter Weise den Weg beschreiben von einfachen Grundkenntnissen bis hin zu komplexen Fähigkeitsstufen.

Damit bieten Kompetenzraster Lernenden einen Orientierungsrahmen, der ihnen einmal einen Lernbereich anschaulich macht und ihnen außerdem hilft, ihren Lernstand einzuschätzen. Sie haben damit Quasi eine Karte, auf der sie den Startpunkt, die Wegpunkte und den Zielpunkt für eine Bergbesteigung sehen. Auf welchem Weg sie nach oben kommen und ob sie Wegpunkte umgehen oder überspringen, wie lange sie für einzelne Wegstrecken benötigen und ob sie den Zielpunkt am Gipfel komplett erreichen, ist dabei offen.

Interessant finde ich Kompetenzraster auch aus der Sicht des Lehrers, denn hier eröffnet sich eine andere Perspektive zur Planung von Unterricht, die von kompetenzorientiertem Unterricht. Dieser muss so angelegt sein, dass er den Lernenden die Möglichkeit gibt, die verschiedenen Niveaustufen entsprechend der Progression der Lerninhalte zu erreichen. Lernangebote in Form von Materialien lassen sich mittels des Rasters leicht abstufen in ihrem Anspruchsniveau. Idealerweise ist das Angebot außerdem noch ausreichend differenziert, um verschiedene Zugänge zum Lerngegenstand zu ermöglichen.

Unterricht mit Kompetenzrastern fängt jedoch nicht mit dem Material an, sondern mit dem Kompetenzraster selbst. Das muss eine Kompetenz bzw. Teilkompetenz zunächst in verschiedene Niveaustufen einteilen, üblicherweise vier oder sechs. Und dabei geht man vom der zu erreichenden Teilkompetenz rückwärts vor.

Auch für die Erstellung schulinterner Curricula, also eine Ebene über der Unterrichtsplanung selbst, machen Kompetenzraster Sinn. In ihnen werden Bildungsstandards, wie sie zur Erlangung des Abschlusses der Schule erreicht werden müssen, von oben nach unten in niveaugestuften Teilkompetenzen aufgerastert. Auf dieser Stufe sind die Kompetenzraster des Instituts Beatenberg anzusiedeln. Für die Erstellung von Materialien für ein Lernbüro etwa, müssen dann, wie oben beschrieben, die Teilkompetenzen erneut heruntergebrochen.

Ich selbst werde mich in den kommenden Wochen weiter mit dem Thema auseinandersetzen, wie auch mit dem kompetenzorientierten Unterricht.

2 Antworten

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  1. […] This post was mentioned on Twitter by Rolf Kröger, Damian Duchamps. Damian Duchamps said: Kompetenzraster (wiederentdeckt): http://wp.me/pSRVH-3T […]

  2. Julius said, on Mai 22, 2010 at 9:18 pm

    Mangels entsprechender Buttons: „I like“. Und: „Flattred“.


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