Damian Duchamps' Blog

Förderkonzept – auf der Suche

Posted in Alltag, Hauptschule, Schulentwicklung by damianduchamps on Mai 24, 2010

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, möchte sich meine Schule (endlich) auf den Weg machen, einige grundlegende Dinge zu verändern. Dazu gehört auch ein Förderkonzept. Bisher haben wir zwar Förderempfehlungen geschrieben, nach Vorschrift. Die sind jedoch – meiner Meinung nach – das Papier, auf dem sie gedruckt sind, kaum Wert. Eine Förderwerkstatt haben wir noch, und da findet tatsächlich und wahrhaftig, als solche ausgewiesen, Förderung statt. Hier fördert eine Kollegin mit Montessoriausbildung die Fünfer und Sechser in den Fächern Deutsch und Mathematik. In der Regel können die Kinder nach einem halben Jahr ihre Leistungen um eine Notenstufe verbessern. Förderung erfolgt in Kleingruppen und die Schüler werden dazu aus dem regulären Unterricht dazu stundenweise herausgezogen. In den Genuss des Förderunterrichts kommt, wer in unseren kleinen Diagnosetests in Klasse Fünf auffällt oder später im Unterricht deutliche Probleme hat. Überwiegend sind es Kinder mit Migrantenhintergrund, dann solche mit verzögerter Entwicklung, Kinder mit Dyskalkulie, Dyslexi oder Legasthenie, und ab und an sind es auch die sprachlosen Kinder, Flüchtlingskinder aus Äthiopien oder Immigranten aus Polen oder sonst einem Land, die bei uns landen, ohne der deutschen Sprache mächtig zu sein.

Dass sich „meine Schule“ auf den Weg machen möchte, ist wohl mehr Wunschdenken. Es sind im Grunde genommen nur wenige, die das wirklich wollen, die Steuergruppe, der Schulleiter und ein paar Kollegen. Die Mehrheit möchte lieber so weiter machen wie bisher, auch wenn oft über immer ein immer größeres Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit im Unterricht geklagt wird in Gesprächen unter Kollegen.

Fördern, wozu, fragen viele. Wenn die faul sind und nicht wollen, hört man die Kolleginnen und Kollegen sagen, und damals da hatten wir noch Schüler, die was wollten, man sieht ja, aus denen ist noch was geworden, Ingenieure, Rechtsanwälte, aber heute, nein, die bringen doch keine Lernkultur mehr mit, alles nur Spaßgesellschaft, wenn die Eltern die mal erziehen würden, die sollten mal ihre Hausaufgaben machen, wie soll ich jemanden fördern, der nicht lernen will, …. und so geht die Litanei weiter, wenn es um das Thema geht. Warum sich viele im Kollegium größeren Veränderungen verschließen oder gar verweigern wollen, dafür gibt es viele Gründe, die von schlichtem Desinteresse bis zur in wenigen Jahren bevorstehenden Pensionierung reichen.

Klar ist an meiner Schule eines, es wird zum neuen Schuljahr strukturelle Veränderungen geben. Wir werden es mit dem 60-Minuten-Takt versuchen und wir werden ein Förderband einrichten. Förderband heißt das Konzept, da Fördern täglich stattfindet und zur gleichen Zeit und sich diese Förderzeit wie ein Band durch die Schulwoche zieht. Das Förderband soll eine halbe Stunde Dauer haben und mit ihm soll der Schulmorgen beginnen, viermal in der Woche. An einem Morgen soll die halbe Stunde für Klassengeschäfte zur Verfügung stehen. Bereits im Vorfeld hatten wir uns an einer anderen Schule ein Förderband angesehen. Das war die Overbergschule in Werl, eine Hauptschule wie die unsere, ausgezeichnet als Gütesiegelschule und so für eine Zeit ein Aushängeschild in der Schullandschaft NRW. In Aktion hatten wir das Förderband nicht gesehen. Die Schulleiterin hatte es uns vorgestellt mit viel Anschauungsmaterial. Die veränderten Arbeitsformen im Förderband hätten dann in den normalen Unterricht hinüber gewirkt und auch dort zu Veränderungen im positiven Sinn geführt. Das hatte uns gut gefallen. An der Overbergschule wählen die Schüler ihre Fördergruppen selbst und das Angebot geht über die Kernfächer hinaus. Fördermaterial haben die Lehrer der Schule gekauft sowie selbst erstellt, in großem Umfang. Um die Gruppen klein zu halten, sind zu Beginn des Schultages alle Lehrpersonen im Haus und man wirbt noch zusätzlich externe Helfer (Lese-Oma, etc.).

Wir in der Steuergruppe haben lange überlegt, wie wir die Sache angehen können. Im Hinterkopf hatten wir dabei immer das Wissen, dass ein Teil des Kollegiums ein Förderkonzept nur abnicken aber nicht wirklich mittragen wird. So beschlossen wir, das Fördern zunächst auf die drei Hauptfächer zu begrenzen, um die Sache für alle leichter zu machen. Da wir bezüglich der Zuteilung zu Förderthemen und -gruppen eher davon ausgehen, dass unsere Schüler weniger nach ihrem Förderbedarf entscheiden werden als nach Freundschaft und erwartetem Arbeitsaufwand, entschieden wir uns, dies in die Hand der Lehrer zu geben. Der Förderbedarf sollte sich aus dem vorherigen Halbjahr ergeben. Dazu entwickelten wir ein Raster, in welches die Fachlehrer am Ende eines Halbjahres für jeden Schüler den Förderbedarf eintragen. Das Raster hat fünf Themen- bzw. Kompetenzbereiche für jedes Halbjahr und drei Abstufungen: noch große Schwierigkeiten, teilweise noch Schwierigkeiten, kann das schon. Fachlehrer, die es sich einfach machen wollen, kreuzen einfach nur an. Wer mehr eintragen möchte kann dieses tun. Die fünf Themenschwerpunkte je Halbjahr waren von den Fachkonferenzen festzulegen. Das setzt aber auch voraus, dass in einer Jahrgangsstufe in einem Halbjahr zumindest die gleichen Themen behandelt werden. Bei uns ist das bisher außer in Englisch schon ein großes Problem. Alle Anstrengen in Mathematik scheiterten da in der Vergangenheit meines Wissens an der Eigenwilligkeit der Kollegen.

Praktisch stellten wir uns den Ablauf des Förderbandes wie folgt vor. Ein Schuljahr besteht aus zehn bis elf Förderperioden, von denen die erste in der zweiten Schulwoche beginnt. Es laufen immer zwei Fördermodule parallel, Montags und Donnerstags das eine, Dienstags und Freitags das andere, und am Mittwoch ist Klassenlehrerzeit. Je Jahrgang gibt es immer eine Fördergruppe mehr als es Klassen gibt. Das soll einmal die Gruppengröße bei ca. 15 Schülern halten und außerdem Kollegen daran hindern, normalen Unterricht zu machen, da sie so nie ihre Klasse bzw. ihren Kurs haben. Eine Förderperiode dauert somit vier oder fünf Wochen, womit ein Fördermodul mit vier bis fünf Stunden gefördert wird, verteilt auf acht bis zehn Halbstunden. Für jede Jahrgangsstufe gibt es ein Förderteam. Diesen stehen entsprechend der Gruppenzahl Räume zur Verfügung. Anhand des zum vorherigen Halbjahresende durch die Fachlehrer festgestellten Förderbedarfs werden die Schüler nun in Gruppen eingeteilt. Klassenlehrer haben zuvor den Förderbedarf ihrer Schüler in eine Übersichtsliste eingetragen. In den Fördergruppen findet zu Beginn ein Planungsgespräch statt mit den Schülern, so die Idee. Anschließend sollen die Schüler möglichst eigenständig an ihrem Thema arbeiten, wobei die Lehrperson lediglich beratende und unterstützende Funktion hat. Zum Ende des Fördermoduls bewerten die Schüler ihren Erfolg (noch große Schwierigkeiten, teilweise noch Schwierigkeiten, kann das schon). Verschiedene Fördermodule werden im Verlauf des Halbjahres mehrfach wiederholt, je nach Bedarf, um einmal allen Schülern mit entsprechendem Förderbedarf das Modul anbieten zu können und den Schülern, die nach einem ersten Durchlauf noch weiteren Förderbedarf haben, eine erneute Teilnahme am Modul zu ermöglichen.

Die Förderteams treffen sich im Laufe des Halbjahres regelmäßig, um die Zuteilung der Schüler zu den Gruppen zu regeln. Dabei können sie auch Themenänderungen vornehmen, wenn sich dieses aus dem aktuellen Bedarf ergeben sollte.

Um das eigenständige Arbeiten der Schüler im Fördermodul zu ermöglichen aber auch um fachfremde Kollegen beim Fördern in einem ihnen weniger vertrauten Bereich zu unterstützen, sollen für alle Fördermodule Materialpakete zusammengestellt werden. Die Inhalte sollen aus in der Schule über die Jahre gesammelten Materialien bestehen, aus neu erstellen Materialien und hinzugekauften. Vor allem in den unteren Jahrgangsstufen soll das Fördermaterial so angelegt sein, dass es verschiedene Zugänge zum Lerngegenstand ermöglicht. Für die zentrale Lagerung und Systematisierung der Materialienpakete soll es einen speziellen Raum geben.

Zu Beginn der Fünf, wo es keine Förderempfehlungen aus dem vorherigen Halbjahr gibt, sollen die Kinder getestet werden, um ihren Förderbedarf zu ermitteln. Erst danach soll ihre Förderung anlaufen. Starke Schüler aller aber vor allem der oberen Jahrgangsstufen sollen in ihren Stärken gefördert werden, indem sie in ihren starken Bereichen in Fördergruppen als Tutoren eingesetzt werden und dadurch ihre Stärken dort ausbauen. Dokumentiert wird die Förderung mit den Förderplänen und anderen Materialien in einem Förderportfolio über die Schulzeit hinweg.

Für mich klingt das System machbar. Der Aufwand für die Kollegen hält sich in Grenzen und der Verwaltungsaufwand sollte nicht zu groß sein. Ein Kraftakt ist jedoch die Zusammenstellung der Materialen zu Beginn und während des ersten Jahres. Später wird nur noch ergänzt und verbessert. Gute Materialien sollten es den Kollegen leicht machen und verhindern, dass selbst die, die wenig Interesse an der Veränderung haben, sich eben dieser Materialien bedienen anstatt einfach Kopien in die Gruppe zu geben oder sie sonst wie zu beschäftigen. Erhofft ist natürlich, dass Lehrer aus dem Förderunterricht Anregungen für ihren regulären Unterricht übernehmen, wenn sie sehen, wie gut es läuft (falls es gut läuft!). Wenn es so funktionierte, wäre das schön. Ich mache mir allerdings auch keine Illusionen, dass jeder mit Begeisterung mitmacht oder es nicht sogar Kollegen gibt, die sich nicht an die Regeln halten und machen, was ihnen passt. Anders als in der freien Wirtschaft scheint das in Schulen zur Normalität zu gehören.

Als Steuergruppe haben wir dieses Förderband erarbeitet und wollen es nach einem Jahr erstmals evaluieren. In einem Wiki haben wir bereits Fragen gesammelt für die Evaluation. Das hilft schon beim Erarbeiten des Konzeptes. Diese Woche machen wir eine Fortbildung zum Thema individuelle Förderung mit dem Kollegium. Eine Lehrerin, die sich durch Fortbildungen darauf spezialisiert hat und das Thema Förderband von zwei Schulen aus eigener Erfahrung kennt, wird die Veranstaltung leiten. Das Kollegium soll damit auf den Weg gebracht werden, sich mit dem Thema Fördermaterialien aktiv auseinanderzusetzen. Danach soll es daran gehen, diese Materialien dann, wie oben beschrieben, zusammenzustellen.

Im Planungsgespräch mit der Fortbildnerin redeten wir auch über unser Konzept für das Förderband. Sie findet es gut und hält es für machbar. Allerdings hat sie selbst andere Erfahrungen gemacht und sagte uns, Schüler wären am überzeugtesten bei einem Förderband dabei, wenn sie sähen, welchen Vorteil es hier und jetzt für sie brächte. Das wäre dann der Fall, wenn die Förderung einen unmittelbaren Bezug zu den gerade im Unterricht aktuellen Themen hätte. Außerdem solle man auch Sport in die Förderung einbeziehen, um Kinder mit Defiziten in Bewegung und Wahrnehmung dort zu fördern. Das hätte oft auch Auswirkungen auf andere Bereiche. Man solle nach ihrer Erfahrung generell in allen Fächern fördern. Das käme den Kollegen entgegen, die so nicht fachfremd fördern müssten. Viele kleine Gruppen, das klappt nach ihren Erfahrungen meist auch nur eingeschränkt, weshalb es dann letztlich doch auf Klassengruppen hinauslaufe. Habe man einen zusätzlichen Kollegen, könne dieser entweder in den Gruppen wechselnd unterstützen oder eben mal eine kleinere Gruppe herausziehen und in die Sporthalle gehen oder zu einem anderen Thema arbeiten. Es sei auch vorstellbar, dass man im Förderband mal eine Gruppenarbeit vom Vortag fortsetze oder  eine Gruppe etwas für den Sportunterricht aufbaue. Auch da sei Förderung möglich. Über Material, so sagte sie, brauche man sich zunächst weniger Gedanken machen, denn schließlich gebe es genug davon in der Schule verstreut und zu Hause bei den Kollegen.  Das solle man nehmen und eventuell ergänzen. So könne man die Arbeitsbelastung deutlich geringer halten. Diagnosematerial gäbe es mittlerweile ausreichend im Internet, wo man bei Bedarf drauf zugreifen könne.

Die Steuergruppe stellte nach dem Gespräch zunächst einmal unser bisheriges Konzept komplett in Frage. Und nun stehen wir wieder am Anfang, ohne ein Konzept. Was die Fortbildnerin gesagt hatte, klang vernünftig für die Mehrheit und mit Hinblick auf ein eher unwilliges Kollegium attraktiver.

Das kann ich schon nachvollziehen. Allerdings sehe ich auch, als jemand, der eher zu Pessimismus neigt, Schwachstellen. Ein Konzept wie dieses öffnet für mich der Beliebigkeit Tür und Tor. Ich habe lieber System, lieber ein Korsett, lieber Vorgaben, die es den Kollegen dann aber auch leicht machen können, die Richtung zu halten. Dass sich die Steuergruppe mit dem oben beschrieben Konzept im Kollegium weniger Freunde machen wird, ist aber auch klar. Grundsätzlich kann man natürlich sagen, jeder Unterricht ist Förderung. Doch damit macht man es sich nach meiner Meinung zu einfach.

Ein ehemaliger Kollege, der seit zwei Jahren an einer anderen kleineren Hauptschule unterrichtet, stellte uns mit einem seiner Kollegen das Förderband seiner neuen Schule vor. Dort reicht es mangels Lehrpersonal nur für Förderband mit Klassengruppen. Es wird dort schon anders gearbeitet als im normalen Unterricht, eigenständig. Man arbeitet viel mit Kopien und aus den Büchern und mit Starkheften in den oberen Klassen. Man hat ein Förderband und ist zufrieden damit. Mich sprach das nicht an. Ich erwarte mehr, vielleicht zu viel.

Förderkonzepte gibt es viele. Man findet einiges davon im Internet. Eine Schule fand ich, die legte viel Wert auf die Diagnose und ließ sich viele Kollegen für dieses Thema fortbilden, so dass man professionelle Testverfahren kompetent anwenden kann, um den Förderbedarf möglichst gut zu bestimmen. Eine andere Schule förderte täglich 45 Minuten und benotete diesen Förderunterricht sogar noch. Viele Schulen mit Förderband, die meisten, sind Ganztagsschulen. Sie können damit das Fördern noch anders integrieren. Wir müssen es mit der Stundentafel verrechnen, irgendwie. Das bedeutet, je eine Stunde weniger regulären Deutsch-, Mathematik- und Englischunterricht. Dazu kommt noch unsere zusätzliche Umstellung auf den 60-Minuten-Takt.

Das ist der Stand der Dinge an meiner Schule, was das Förderband und seine Organisation angeht. Irgendwie ist alles offen und was nun am Ende dabei herauskommt, kann ich nicht sagen. Der wichtigste Punkt wäre eigentlich eine Veränderung in den Köpfen der Lehrer an meiner Schule. Gäbe es die, bräuchte es nicht einmal die Krücke Förderband. Wir hoffen, und das ist die ungeschminkte Wahrheit, durch eine äußere, strukturelle Wandlung auf Dauer eine innere Veränderungen bewirken zu können.

Anhang:

Ein Mindmap zum Thema Förderband, Förderband-Organisation (ein paar PDFs)

Eine Antwort

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  1. […] This post was mentioned on Twitter by Christian Ebel, Damian Duchamps. Damian Duchamps said: Förderkonzept – auf der Suche: http://wp.me/pSRVH-4h […]


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