Damian Duchamps' Blog

Wer etwas verändern will, macht sich leicht unbeliebt

Posted in Alltag, Schulentwicklung by damianduchamps on Mai 27, 2010

Ich bin nur ein Lehrer wie viele andere. In einer Sache unterscheide ich mich allerdings deutlich von einem großen Teil meiner Kolleginnen und Kollegen: ich möchte Dinge verändern, grundlegend und möglichst jetzt. Damit macht man sich allerdings schnell außerordentlich unbeliebt.

Wie mit anderen Dingen auch, habe ich mit denen im Kollegium, mit denen ich mich ohnehin verstehe und die ich entsprechend einschätze, geredet und ihre Bereitschaft zu Veränderungen ausgelotet. Da rannte ich bei einigen offene Türen ein. Dann folgte der erste Versuch, meine Schule von unten her zu verändern. Die kleine Gruppe, die sich dafür engagierte, arbeitete fleißig an einem Konzept und stellte dieses dem Kollegium vor. Offene Ablehnung hielt sich in Grenzen. Sie kam vor allem aus dem „konservativen Block der Neinsager„. Die Mehrheit äußerte sich nicht und stimmte für unser Vorhaben oder enthielt sich zumindest. Bei der Umsetzung scheiterte das Vorhaben dann letztlich. Es fanden sich keine weiteren Kollegen zur direkten Mitarbeit und von der Co-Schulleitung kam ein Torpedo direkt vor den Bug. Die Schulleitung, die das ganze zwar guthieß und auch unterstützte, versäumte es, rettend einzugreifen. Damit sank das Schiff und der Versuch, eine Veränderung einzuleiten hinterließ bei einigen im Kollegium einen bitteren Nachgeschmack, auch wenn sich für niemanden auch nur eine Minute etwas verändert hatte bis dahin.

Im Nachhinein muss ich sagen, war beim ersten Versuch die Strategie die falsche. Ich hatte versucht, das Pferd sozusagen von der falschen Stelle aufzuzäumen. Mein Versuch war übrigens nicht der erste Versuch, an der Schule etwas ins Rollen zu bringen. Da war schon einmal ein Kollege, wie ich jünger und sehr motiviert. Er engagierte sich zweihundertprozentig, hatte den Rückhalt der Schulleitung und scheiterte am Widerstand des Kollegiums, die so weitermachen wollten wie sie das immer getan hatten. Er hatte sich dabei sehr viele Feinde im Kollegium geschaffen. Folglich zog er die Konsequenz und suchte sich eine eigene Schule, die er als Schulleiter verändern konnte. Er bekam sie, klotze einige Jahre voll rein und veränderte die Schule tatsächlich, gegen den Widerstand des dortigen Kollegiums, unterstützt von der Schulaufsicht und den von dieser veranlassten Versetzungen nicht kooperierender Kollegiumsmitglieder.

Meinen zweiten Versuch startete ich zusammen mit der Steuergruppe. Die steht voll hinter der Idee, etwas zu verändern. Sie hatte sich beim ersten Versuch bereits ein wenig eingeklinkt, jedoch zu spät. Allen in der Steuergruppe ist klar, dass es kaum möglich ist, direkt etwas in den Köpfen der Kollegen zu verändern. Wieder steht die Schulleitung hinter der Sache und diesmal aktiver. Wir kamen also auf die Idee, durch äußere Veränderungen ein Zeichen zu setzen und so vielleicht innere Veränderungen anzustoßen. Das war dann die Idee mit dem 60-Minuten-Takt und dem Förderband (siehe dazu meine diversen Einträge in diesem Blog). Zunächst einmal erarbeiteten wir ein Leitbild für die Schule und Leitziele und holten dazu Eltern und Schüler ins Boot. Das stellten wir dann dem Kollegium vor und das musste es so, wie es war, absegnen. Versuche, es zu zerreden wurden abgeblockt, denn Schüler, Eltern, Steuergruppe und Schulleitung standen bereits voll dahinter. Abgeleitet aus Leitbild und Leitzielen wurde dem Kollegium nun die Absicht kund getan, größere Veränderungen einzuleiten. Später wurde noch einmal über den Zwischenstand der Arbeiten der Steuergruppe informiert. Es wurde außerdem noch einmal bekräftigt, dass es einen 60-Minuten-Takt und ein Förderband geben werde. Um das Kollegium auf das Thema individuelle Förderung einzustimmen und es auch etwas mit Wissen zu versorgen, wurde eine Fortbildung angesetzt.

Kommunikation ist so wichtig. An dieser Stelle läuft bei diesem Versuch einiges nicht so, wie es sollte. Zwar ist die Umstellung auf den neuen Zeittakt und das Förderband eine beschlossene Sache, doch wie wir dahin kamen, das sorgte schon für Zündstoff. Es wurde dem Lehrerkollegium eigentlich keine Möglichkeit zur Abstimmung gegeben. Es wurden mögliche Stundenpläne ausgehängt für einen 60-Minuten-Takt und dazu die Möglichkeit gegeben, Kritiken oder Änderungsvorschläge an ein Flipchart zu schreiben. Es kam kein einziger Eintrag. Die Schulleitung interpretierte das als Zustimmung und verzichtete auf eine Diskussion und Abstimmung (auch mit dem Hintergrund, dass eine Zustimmung dann vermutlich nicht zu erreichen gewesen wäre).

Der Fortbildungstermin wurde viel zu spät kommuniziert. Wir haben unseren Terminkalender online gestellt und verzichten auf den bisherigen kopierten. Viele Kollegen sehen aber keine Notwendigkeit, so scheint es, im Onlinekalender nachzuschauen, was ansteht. Sie machen das nicht, also machen sie es nicht. Deswegen wussten sie auch erst eine Woche vor dem Termin, dass er stattfindet, nämlich dann, als die Eltern per Schreiben informiert wurden. Der Unmut, der mit dem Anliegen an sich zu tun hat, wird so durch schlechte Kommunikation noch verstärkt.

Menschen sind Gewohnheitstiere. Was immer so war, wird immer so bleiben und was nicht sein kann, das darf auch nicht sein. So einfach kann man das fassen. Veränderungen verursachen Unsicherheit und Unsicherheit erzeugt Ablehnung. Noch ist im Kollegium meiner Schule wenig Information über die vorstehenden Veränderungen angekommen. Das hängt zum einen damit zusammen, dass auch die Steuergruppe noch nicht alle Informationen hat und geben kann. Es hängt auch damit zusammen, dass man dem Kollegium ein möglichst ausgereiftes Konzept vorlegen vorsetzen möchte und auch damit, dass man sich in der Steuergruppe davor fürchtet, das Kollegium redet, angestachelt vom „konservativen Block der Neinsager“ alles kaputt. Desinteresse des Kollegiums ist auch ein Grund. Jeder weiß, wer in der Steuergruppe ist und plant, man braucht nur fragen. Alle wissen, alles Tun der Steuergruppe, alle Planungen, sind ausführlich in einem Wiki dokumentiert und für jedermann einsichtig. Das geplante Schema für das Förderband wurde auf einer Schrankwand über eine Länge von vier Metern gut sichtbar mit Erklärungen aufgehängt. Nur wenige sahen es sich einmal genauer an.

So soll meine Schule nun grundlegend verändert werden. Jeder weiß, wie sehr ich die Sache mit vorantreibe. Manche machen meine Rolle vielleicht größer als sie ist. Dass ich mir mit diesem Versuch nur wenig Freunde machen werde, war mir klar. Die Hoffnung der Steuergruppe ist, dass wir mit dem Ergebnis überzeugen können. Darauf hoffe  ich natürlich auch, denn dann hätte ich mir deutlich weniger Feinde gemacht. Dafür aber muss die Sache erst einmal laufen und das braucht die Mitarbeit des Kollegiums, und da ist derzeit ein großes Fragezeichen.

2 Antworten

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  1. […] This post was mentioned on Twitter by xtextexte and Julius Becker, Damian Duchamps. Damian Duchamps said: Wer etwas verändern will, macht sich leicht unbeliebt: http://wp.me/pSRVH-4K […]

  2. Lisa Rosa said, on Juni 24, 2010 at 3:48 pm

    Das Zauberwort heißt: Beteiligung oder Partizipation. Wenn sich das Kolleegium, das nicht Avantgarde, Steuergruppe oder Schulleitung ist, erst beteiligen darf, wenn die fertigen „Vorschläge“ schon stehen, dann ist es dafür zu spät. Meine Erfahrung ist, tatsächlich, dass je früher die Beteiligungsgelegenheiten offensiv bereitgestellt werden und je offener die Sache angegangen wird, was das Ergebnis angeht, desto mehr Beteiligung gibt es. Die Kollegen müssen immer die Erfahrung machen, dass es IHR Veränderungsprozess ist, bei dem sie mitmachen, nicht der der Schulleitung oder einen winzigen Gruppe von avantgarde-Kollegen oder gar der Behörde.
    In Engeströms „Entwickelnde Arbeitsforschung. Die Tätigkeitstheorie in der Praxis“ das Kapitel 16 – das ist es!
    http://www.lob.de/cgi-bin/work/outputexpert?id=48459b7bcf775&frame=yes&flag=new&menupic=yes&mode=viewone&titnr=249620321


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