Damian Duchamps' Blog

Unterricht vor Technik

Posted in Medienwelt, Schulentwicklung by damianduchamps on Juni 15, 2010

Deutsche Schulen hinken bei der Integration von modernen Technologien hinterher. Das ist seit Jahren bekannt. Es bestätigt sich allerdings immer wieder von neuem, so auch in einem Artikel der Welt vom Januar mit dem Titel „Deutsche Schulen bei PC- Nutzung  Schlusslicht„. Eine grundlegende Besserung ist nicht in Aussicht. Gelder aus dem Konjunkturprogramm der Regierung flossen vor allem in die langjährig vernachlässigte Bausubstanz von Schulen. Nur an wenigen Stellen blieb Geld für die Investition in IT-Infrastruktur über.

Auf der eine Seite finde ich das bedauerlich. Doch auf der anderen Seite ist es kein wirklicher Verlust. Wieso?

Wie auch bekannt, ist das Fachwissen der Lehrer in deutschen Schulen in Bezug auf den Unterrichtseinsatz von Computer und Internet überwiegend nicht auf dem Stand der Zeit. Nur wenige wissen, die neuen Medien gekonnt in den Unterricht zu integrieren und das Potential, welches sie bieten, auch auszuschöpfen. Ein Großteil deutscher Lehrer setzen Computer und Internet im Unterricht entweder gar nicht oder nur beschränkt ein. Werden Computer und Internet von diesen wenig medienkompetenten Lehrern, so geht es in der Regel um Internetrecherche und Textverarbeitung. Gelegentlich wird sogar einmal ein YouTube Film gezeigt. Was kompetentes Recherchieren angeht, Suchstrategien und Bewertung von Suchergebnissen, davon haben auch diese Lehrer selten eine Ahnung. „Sucht mal etwas zum Thema XYZ heraus“, heißt es dann meist, können dieses Kompetenz somit auch nicht vermitteln. Oft wissen sie nicht einmal, dass es so etwas gibt.

Für mich stellt sich, wenn ich dieses beobachte, die Frage nach dem Sinn solchen Tuns. Viel lernen Schüler ohnehin nicht dabei. Es ist definitiv keine Frage der Ausstattung. Schulen könnte man gegenwärtig mit Computern und Internetanbindungen pflastern, ändern würde es an dem beschriebenen Sachverhalt nichts. Auch die vielbeschworenen Medienkonzepte tragen zu keiner tatsächlichen Verbesserung bei. Zu Beginn der Ausstattung von Schulen mit Computern ging man meist nach dem Gießkannenprinzip vor. Als Resultat standen an manchen Schulen neue Rechner entweder Monate und länger in ihren Lieferkartons in einer Ecke oder gammelten aufgebaut und eingerichtet in einer Medienecke ihrer Entsorgung entgegen. Dann kamen die Medienkonzepte und nichts wurde besser. Es wurde nach Plan ausgestattet, doch von Ausnahmen abgesehen, standen die Rechner wieder mehr herum.

Ein Grund für diese Zustände war und bleibt die fehlende Medienkompetenz der Lehrer selbst, altgedienter wie frisch ausgebildeter. Es gibt da aber noch einen weiteren, oft übersehenen Faktor, den Unterricht selbst. Es ist nur sehr schwer möglich, Computer und Internet in einen herkömmlichen, mehr lehrerorientierten Unterricht zu integrieren. Für Lehrer stellt sich häufig die Frage, wo der Raum bei aller Stofffülle sein soll, auch noch den Computer und das Internet unterzubringen. „Ich habe nur so und so viele Monate bis zu XYZ und komme so gerade damit hin. Und dann auch noch mit den neuen Medien arbeiten? Das schaffe ich gar nicht. Ich bin froh, wenn ich mit dem Stoff durchkomme.“ Argumente wie dieses hört man immer wieder. Natürlich gibt es stoffliche Verpflichtungen und gerade in der gymnasialen Oberstufe ist der Druck enorm. Die Argumentation findet sich jedoch mit Ausnahme der Grundschulen an fast allen anderen Schulformen auch.

Für mich kann es da nur eine Abhilfe geben. Unterricht muss sich verändern. Erst wenn Unterricht sich mehr in Richtung Schülerorientierung entwickelt, offenere Lernformen zulässt und auf die Vermittlung von Kompetenzen abzielt, entsteht Raum für die Integration von Computer und Internet. Lernen benötigt Zeit und braucht Erfahrungsräume. Die benötigten Freiräume können Schulen sich schaffen, seit es Kernlehrpläne/ Kerncurricula gibt, denn  seither ist es möglich, Stoffpläne zu entschlacken und unnötigen Ballast über Bord zu werfen. Bisher machen nur wenige Schulen davon Gebrauch, so scheint es.

Unterricht verändern im beschriebenen Sinne, geht aber nur, wenn Lehrer dazu befähigt werden. Das benötigt Fortbildung und eine veränderte Ausbildung der Nachwuchslehrer. Dazu gehört nicht nur eine moderne Pädagogik, sondern auch Medienkompetenz. An Schulen, die Kompetenzen in einem schülerorientierten Unterricht vermitteln, werden neue Medien kein Fremdkörper sein, sondern ein natürlich integrierter Bestandteil. Und deswegen geht für mich Unterricht vor Technik.

3 Antworten

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  1. scheppler said, on Juni 15, 2010 at 10:54 pm

    Ich stimme Dir voll zu: Den Einsatz neuer Medien, wie er uns vorschwebt, setzt eine offene Lernkultur voraus.
    Mir begegnet aber auch immer wieder der krass anders laufende Ansatz: da kommen Kollegen auf einmal auf die Idee, man könne ja Klassenarbeiten, Tests, straffe Lernpfade einmal in Moodle anlegen und dann jeden Jahrgang einfach durchschleusen. Da ist aus meiner Sicht derzeit etwas die Gefahr, dass die Technik – weniger das Medium – dann doch so zurecht gebogen wird, dass sie in den „alten“ Unterricht passt.

  2. […] This post was mentioned on Twitter by Rolf Kröger, Damian Duchamps. Damian Duchamps said: Unterricht vor Technik: http://wp.me/pSRVH-5a […]

  3. Lisa Rosa said, on Juni 24, 2010 at 4:06 pm

    Ganz genau! Ich finde, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Andererseits kann „neue Technik“ auch den Anstoß geben zu mehr Offenheit in den Lernprozessen. M.E. ist es also nicht die Frage: Was zuerst? Technik/NM oder neue Lernkultur. Es ist wie die Frage nach Henne oder Ei. Vielleicht hilft der Begriff Koevolution weiter.


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