Damian Duchamps' Blog

Inklusion – Anspruch und Wirklichkeit

Posted in Schulpolitik by damianduchamps on Dezember 5, 2010

Nun ist es endlich Gesetz, die Inklusion ist beschlossen. An sich ist das eine gute Sache. Schon lange steht es laut unserem Grundgesetz allen Menschen offen, zu bestimmen auf welche Schule sie gehen. Seit einigen Jahren machen Eltern davon vermehrt Gebrauch. Ein kurzer Blick zurück und danach ein Ausblick.

In der Vergangenheit erschien mir das Thema Integration oft wie eine Virusinfektion. Einzelne Eltern kamen auf die Idee, ihr Kind nicht auf eine Förderschule, sondern auf eine „normale“ Schule zu schicken. Das brachte dann auch andere Eltern ganz schnell auf die Idee, ähnliches zu tun. Und so breitete sich das dann in einer Region relativ schnell aus, wie die Wellen um die Stelle, an der ein Stein ins Wasser fällt. Es fing an bei den Grundschulen und setzte sich dann natürlich in die weiterführenden Schulen fort. Schulträger waren gefordert, entsprechende Räumlichkeiten zu schaffen, sprich Klassenräume mit einem angegliederten Raum oder Klassenräume mit einer Abtrennung. Schulämter waren in der Pflicht, Pädagogen von ihren Förderschulen abzuziehen und je nach Stärke der – damals noch – Integrationsgruppe, den weiterführenden Schulen zuzuweisen.

Bei mir in der Region konnte ich die Anfänge beobachten. Die Widerstände aus den Kollegien und den Verwaltungen, aber auch von anderen Eltern, waren teilweise enorm. Die erste Integrationsklasse an einer weiterführenden Schule wurde in meiner Region an einer Hauptschule eingerichtet. Eine Förderschulpädagogin wurde zurückgewiesen. Ein oder zwei Kinder der Integrationsgruppe hatten ihren eigenen Zivildienstleistenden. Fehlte die Förderschulpädagogin, so wurden die Kinder der Integrationsgruppe kurzerhand in den Pkw eines Zivildienstleistenden gepackt und nach Hause gefahren, da sich die „normalen“ Lehrer außer Stande sahen, die Kinder der Integrationsgruppe angemessen zu betreuen.

Das ist jetzt sicher sieben oder acht Jahre her. Seither hat sich eine Menge getan. Integrationsklassen gehören heute mehr oder weniger zum Alltag. In meiner Region konzentrieren sich die Integrationsklassen jedoch auf die Hauptschulen. Eine uns benachbarte Realschule hatte einmal eine Integrationsklasse und führte diese bis zum Abschluss. Danach gab es dort nie wieder eine solche Klasse. Von den Gymnasien in der Region ist mir keines bekannt, welches eine Integrationsklasse eingerichtet hat. Es gibt sie aber in NRW. Was sich in den ganzen Jahren nicht geändert hat, ist das Thema „Versorgung mit Förderschulpädagogen“. Die Versorgung mit diesen Fachkräften ist schwierig. Sie fehlen an allen Ecken und Enden. Mit der Entsendung von Förderschulpädagogen an weiterführende Schulen steht und fällt jedoch letztlich das Konzept der Integration, beziehungsweise heute und zukünftig der Inklusion.

In Nordrhein-Westfalen will man alle Kinder, die bisher an Förderschulen unterrichtet wurden, an „normalen“ Schulen unterrichten. Eine Ausnahme soll nur die ganz besonders komplizierten Fälle bilden. Für die möchte man einen Restbestand an Förderschulen erhalten. Alle anderen sollen aufgelöst werden.

Das Ansinnen an sich ist vernünftig. Allerdings gibt es dabei Probleme. In anderen Ländern gab es ein vergleichbares Förderschulwesen wie in Deutschland nie, Schulen mit besonders ausgebildeten Pädagogen und baulich speziell auf die Bedürfnisse ihrer Schüler ausgelegten Gebäuden. So wie in anderen Ländern die Beschulung von Schülern mit besonderem Förderbedarf an Regelschulen historisch gewachsen ist, so ist bei uns eben dieses spezialisierte Förderschulwesen gewachsen. Beides hat sich auf seine Art und Weise bewährt. In Deutschland wurden und werden Schülerinnen und Schüler an Förderschulen hervorragend gefördert. An einem markanten Punkt hakt es bei unserem System jedoch, an der Integration. Kinder mit speziellen Förderbedarf wurden und werden durch das Förderschulwesen nicht integriert. Sowie den Kindern, die dort beschult werden, der Umgang mit den anderen Kindern fehlt, so fehlt jenen der Umgang mit den Kindern der Förderschulen.

Die Integrationsklassen haben gezeigt, dass Kinder mit speziellen Förderbedarf sich dort deutlich günstiger entwickeln als an Förderschulen. Zumindest an meiner Schule haben Förderschulpädagogen, die in beiden Schulformen unterrichtet haben, dieses mehrfach bestätigt. Auch die „normalen“ Schüler haben in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung deutlich profitiert. Das konnten selbst wir Pädagogen ohne Spezialausbildung beobachten.

An meiner Schule gehören Integrationsklassen mittlerweile zum beruflichen Alltag. Die Versorgung mit Förderschulpädagogen war nicht immer zufriedenstellend, klappte jedoch meistens. Schwieriger gestaltete sich die Sache mit den Räumlichkeiten. In unserem Gebäude mussten immer wieder Kompromisse gemacht werden, um räumliche Anpassungen zu machen für eine Integrationsklasse. Derzeit haben wir zwei Integrationsklassen und im kommenden Schuljahr werden es drei sein. Für eine Integrationsklasse brauchen wir entweder einen großen Klassenraum mit einer Abtrennung oder zwei nebeneinanderliegende Klassenräume. Ersteres ist für uns kaum zu machen. Also bleibt nur Lösung Nummer zwei. Doch auch die stößt in dem Moment an die Grenzen, wenn kein Klassenraum über ist. Sollte meine Hauptschule in den kommenden Jahren (falls sie nicht mit der benachbarten Realschule zu einer Verbundschule zusammengelegt wird) nur noch zweizügig laufen, so werden natürlich Klassenräume frei. Die ließen sich an die Klassenräume für Inklusionsklassen angliedern oder deren Klassenräume damit erweitern. Es wäre dann auf Dauer möglich, pro Jahrgang jeweils eine Integrations- beziehungsweise Inklusionsklasse einzurichten. Sollten die Hauptschulen weiterbestehen, so werden diese die neuen Förderschulen. Allerdings werden sie dann Förderschulen zweiter Klasse sein, was die Ausstattung angeht.

Ich denke, ein ganz entscheidender Punkt beim Thema Inklusion wird in Zukunft auch die Lehrerausbildung sein. Auch Inklusion wird ohne speziell ausgebildete Fachkräfte nicht auskommen. Sollte absehbar sein, das eine ausreichende Versorgung mit Förderschulpädagogen nicht möglich ist, so wird man nicht umhin kommen, gewisse Elemente der Förderschulpädagogik mit in die Ausbildung von Nicht-Förderschulpädagogen mit aufzunehmen. Schaden kann dieses grundsätzlich ohnehin nicht. Inklusion bracht andere Formen von Unterricht, nicht den, wie er gegenwärtig überwiegend praktiziert wird. Auch hier ist definitiv Handlungsbedarf. Wie die Dinge momentan in Bezug auf die Umsetzung von kompetenzorientierten Unterricht stehen, von schülerorientierten Unterrichtsformen, da ist die Entwicklung extrem langsam.

Die Gymnasien werden vermutlich auch in Zukunft nur einen sehr geringen Beitrag zum Thema Inklusion leisten. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen sind Schulträger nicht verpflichtet, Inklusion an allen ihren Schulen zu ermöglichen. Begrenzte finanzielle Mittel werden ihren Spielraum dort ohnehin begrenzten, so dass sie sich auf einige wenige Schulen beschränken werden, und dazu werden die Gymnasien und eher nicht gehören.

Schulträger werden in ihrer Region eine oder zwei Grundschulen auswählen und dort alle Inklusionsklassen beheimateten, um die verfügbaren Ressourcen dort zu bündeln. Damit schafft man wiederum spezialisierte Schulen, die zwar Inklusion bieten, jedoch irgendwo wiederum ein Schatten des alten Systems mit sich tragen, weil die Auswahl der Schulen, welche Schülerinnen und Schülern mit besonderem Förderbedarf zur Verfügung stehen, doch weiterhin eingeschränkt ist. Das wird auch im Sekundarbereich nicht anders sein. Im Bereich der gymnasialen Oberstufe erledigt sich das Thema quasi von alleine, da die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf ohnehin für diese Schulform aufgrund ihrer beschränkten Möglichkeiten nicht infrage kommen werden.

Ein Punkt sollte ich vielleicht noch erwähnen. Anders als an einer benachbarten Hauptschule hatten wir in unseren Integrationsklassen bisher immer Kinder mit Lerndefiziten. Kinder mit geistiger Behinderung, wie etwa Kinder mit Down-Syndrom, hatten wir bisher nicht. Ich denke Kinder mit derartigen Behinderung bringen noch einmal ganz andere Herausforderungen mit sich für Regelschulen. Was Kinder mit körperlichen Behinderungen angeht, für die gab es in meiner Region bisher zumeist nur physikalische Grenzen, etwa den fehlenden Aufzug im Schulgebäude. Kinder mit sehr sehr starken Sehbehinderung oder gar blinde Kinder habe ich an Regelschulen nie erlebt. Gleiches gilt für Kinder, die taub sind oder fast gar nichts hören.

Ein Thema sind auch die Schüler, die bisher an Schulen für Schwererziehbare landeten. Wir an den Hauptschulen waren in der Regel froh, wenn wir diese Schüler dorthin abschieben konnten. Zu oft hatten wir mit ihnen derartige Probleme im Schulalltag, dass uns die E-Schule der einzig sinnvolle Ausweg erschien. Jetzt bekommen wir diese Kinder wieder zurück an unsere Schule, da die E-Schulen scheinbar zu den ersten gehören, die man auflöst. Nach unserer Erfahrung kamen viele der Kinder an E-Schulen in diesem speziellen Umfeld besser zurecht. Wie sich die Sache nun gestalten wird für uns, ist noch offen. Wir sehen vor allem das Problem der fehlenden Ressourcen. Die Beschulung dieser Kinder an unserer Schule verlangt nach unserer Einschätzung zusätzliches Personal. Das aber werden wir nicht erhalten.

Ich bin kein Fachmann für Inklusion und sehe sie mehr aus den Erfahrungen der Integration heraus. Aus dem, was ich bisher beobachten konnte und dem, was man plant, erwachsen für mich jedoch viele Fragen bezüglich der Umsetzbarkeit. Bis 2015 will man in Nordrhein-Westfalen 80 % der Kinder aus Förderschulen in Regelschulen unterrichten. Man hat sich damit sehr viel vorgenommen.

Unter den gegebenen finanziellen wie auch personellen Bedingungen bin ich gespannt, wie weit Anspruchsdenken und Realität beim Thema Inklusion in Zukunft auseinanderklaffen werden. Vielleicht bleibt wirkliche Inklusion auf Dauer doch eher Wunschdenken.

2 Antworten

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  1. Lea Weitekamp said, on Dezember 6, 2010 at 6:08 pm

    Ich finde es gut, überhaupt einmal festzuhalten was sich alles schon getan hat. Auch bei der Integration gab es anfangs große Widerstände, und mittlerweile gehören Integrationsklassen – wie oben gesagt – zum Alltag. Auch kleine, mühsame Schritte sind also rückblickend betrachtet extrem wichtig.

    Über eine Anpassung der Lehrerausbildung ist auf jeden Fall nachzudenken (ähnliches haben wir übrigens in unserem aktuellen Blogbeitrag auch besprochen). Und auch der Verweis auf fehlendes Fachpersonal ist begründet. Hier ist Einsicht der erste Schritt zu Besserung!

    Das „Projekt Inklusion“ ist sicherlich ambitioniert, aber ist diesmal nicht – gerade mit der UN-Behindertenrechtskonvention – auch eine gute Portion an politischem Rückenwind für die immer noch notwendigen Verbesserungen zu erwarten?

  2. Lea Weitekamp said, on Dezember 7, 2010 at 9:28 am

    Hm. Da die Website nicht angezeigt wird, hier noch der Link zu unserem Blogbeitrag, in dem es auch um Lehrerausbildung geht. http://www.vielfalt-lernen.de/2010/12/03/lehrerausbildung-vereinheitlichen/.


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