Damian Duchamps' Blog

Auf dem Weg zum Schulbuch 2.0 stellen Apps eine Sackgasse dar

Posted in Medienwelt by damianduchamps on April 10, 2011

@Tastenspieler war jetzt auf einer Veranstaltung des Cornelsenverlags: Digitales Klassenzimmer, digitale Schulbücher. Anwesend waren nach seinen Informationen “iPad Schulen aus 5 Bundesländern”. In einem Tweet schreibt @Tastenspieler “Cornelsen ist offen für Wünsche der Pilotschulen an das digitale Schulbuch! Weg vom pdf hin zum App! Sehr gut.” (https://twitter.com/tastenspieler/status/56717236026613761)

Apps, also Applikationen oder Programme, stellen eine recht neue Form der Softwareverteilung dar, welche das Internet als Distributionskanal verwendet und von daher ohne physische Vertriebsmedien auskommt. Als Programme werden Apps quasi mit einem Mausklick gekauft und installiert. Das Modell aus dem Bereich der mobilen Plattformen versucht sich mittlerweile sogar im Bereich der Desktopbetriebssyteme, wie Versuche von Apple, Asus und Intel zeigen.

Apps sind an sich eine interessante Möglichkeit, Lerninhalte erschließbar zu machen, da sie es erlauben, Informationen in verschiedenen Formaten verfügbar zu machen und Interaktivität zu integrieren. Sie greifen damit aber eigentlich nur ein Konzept auf, welches besteht, seit man Lernsoftware über physikalische Datenträger verteilt, und verpacken es in ein neues Format mit erweiterten Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten ergeben sich bei mobilen Endgeräten vor allem aus der Steuerung über Touch und die Integration von GPS und Sensoren (Bewegung, Rotation und Beschleunigung) in die Geräte selbst.

Trotzdem halte ich Apps, zumindest in der Form, in welcher sie momentan den Mark dominieren, für eine absolute Sackgasse für die Entwicklung von Lernmaterialien. Warum, möchte ich nachfolgend erläutern.

Noch befinden wir uns im Zeitalter analoger Schulbücher als zentrale Inhaltsrepositorien von Unterricht. Das Schulbuch liefert dabei neben Lerninhalten auch noch Aufgabenstellungen und Methoden, um sich mit den Lerninhalten auseinanderzusetzen. Eine Wende weg vom gedruckten Lehrbuch deutet sich langsam an und Verlage wie Cornelsen suchen nach neuen Modellen, Lehrern und Schülern Lehr- und Lernmaterialien an die Hand zu geben.

Das PDF Format ist alt und bewährt, analoge Inhalte druckidentisch auf verschiedensten digitalen Geräten anzuzeigen und gegebenenfalls auch auszugeben. Unterstützt wird das Format, das seine Ursprünge in der Drucktechnik hat, heute auf eigentlich fast allen bekannten Plattformen, ob im Desktop- oder Mobilbereich. Primär ist PDF ein Darstellungsformat. Es ist als solches nicht dazu gedacht, verändert zu werden, wie vermutlich jeder einmal erfahren hat, als er versuchte, an einem PDF Veränderungen vorzunehmen. Das PDF Format kann mittlerweile Mediendateien integrieren und lässt eine beschränkte Interaktivität zu. Durch seine beschränkten Möglichkeiten ist PDF allerdings für einen Nachfolger des heutigen Schulbuches, der eben nicht nur eine digitale 1 zu 1 Umsetzung des analogen Formats sein soll, weniger geeignet.

Enter the App. Apps scheinen, vergleicht man sie mit den Möglichkeiten der PDF, zunächst ein ideales Format darzustellen, erlauben sie es doch Inhalte in verschiedensten Formaten – Text, Bild, Ton, Film – interaktiv in einem Paket zusammengeschnürt anzubieten. Vor allem auf der iOS Plattform konnten verschiedene Softwareschmieden und Programmierer schon die phänomenalen Möglichkeiten von Apps demonstrieren. Elements (The Elements: A Visual Exploration for iPad on the iTunes App Store), welches mit dem Erscheinen des iPad auf den Markt kam, stellte das Potential von Apps und nicht zuletzt des iPads für Bildungszwecke eindrucksvoll unter Beweis.

Die unkomplizierte Installation von Apps kommt Schulen entgegen, und vermutlich vor allem der Kopierschutz bzw. die Distributionsstrukturen machen das Format auch für Verlage attraktiv.

So viel Apps auch vermögen, so sehr spricht das ihnen zugrundeliegende Konzept, zumindest wie es zur Zeit ausgestaltet ist, dagegen, sie zum Nachfolger des Schulbuchs zu küren (eine Ausnahme bilden einzig die sogenannten Webapps, von denen ich allerdings keine kenne, die in ihren Möglichkeiten an die von Software Apps heranzukommen scheinen; zu Webapps siehe Anhang am Ende des Beitrags).

Gegenwärtig sperren Apps den User tendenziell eher ein in ihre Struktur als dass sie ihm Freiheiten geben. Auch wenn es möglich ist, in Apps Notizen zu machen, Inhalte zu verändern und zu ergänzen oder Inhalte zu erstellen, so ist es üblicherweise gerade bei “content rich apps” nicht möglich, Inhalte aus dem App heraus in andere Apps oder Umgebungen zu transportieren. So wie Verlage gegenwärtig ticken, wird ihnen vermutlich nicht daran gelegen sein, dass man die Inhalte aus ihren Apps herausholen könnte. Apps, welche den User auf eine Auseinandersetzung mit Inhalten – wie medial auch immer ausgestaltet – und anschließende Frage-Antwort-Spielchen beschränken, entsprechen wohl eher dem Stand von gestern. Technisch ist es durchaus möglich Apps zu programmieren, mit welchen eine Kollaboration an Inhalten möglich ist. Im Bereich Brainstorming, Bearbeiten von Whiteboards und Wikis und ähnlich gibt es sie bereits. Allerdings setzen diese Apps dann Zugriff auf einen Webserver voraus, da die bearbeiteten Inhalte nicht lokal auf einem einzelnen Endgerät gespeichert für alle verfügbar sein können. Eine Speicherung auf einem Endgerät widerspräche schon dem Grundgedanken von Kollaboration an sich, die unabhängig sein sollte von Ort und Zeit.

Sehr schwer wiegt für mich auch die Tatsache, dass Apps den User an eine Plattform fesseln. Vor allem iOS kann sich momentan damit hervortun, dass es eine Unzahl von interessanten Apps verfügt. Zahlreiche Verlage erkennen das Potential und versuchen sich an eigenen Apps für den Bildungsmarkt. Es gibt jedoch nur wenige Apps, die sowohl für Apples iOS als auch für das von Google entwickelte Android verfügbar sind. Noch weniger sind für das in seiner Entwicklung gestolperte Web OS von Palm, jetzt HP, verfügbar, und noch sehr viel weniger für die sich entwickelnde Windows Phone 7 Plattform. Hinzu kommt eventuell noch einmal Windows mit einer Desktop OS basierten Windows Tablet Lösung, und auch Blackberry hat das Rennen noch nicht aufgegeben (, hat allerdings auch den Bildungsmarkt eher nicht im Blick).

Das sind eine Reihe von Betriebssystemen, die nebeneinander existieren und nicht oder nur begrenzt kompatibel sind. Zwar versucht Adobe eine gemeinsame Entwicklungsplattform an die App Programmierer zu bringen, doch bisher scheint man damit nicht sonderlich erfolgreich, zumal die Möglichkeiten, plattformübergreifend zu entwickeln auf dieser Entwicklungsplattform beschränkt sind. Grundsätzlich ist es mit Aufwand verbunden, ein App für mehrere unterschiedliche Plattformen anzubieten.

Setzt sich der gegenwärtige Trend im App Markt fort, so werden Apps nicht generell für alle möglichen Plattformen verfügbar sein, sondern auf diejenigen beschränkt sein, bei denen Entwickler und Verlage die höchsten Ertragsmöglichkeiten sehen.

In Folge werden Schüler, Lehrer und Schulen zu Entweder-Oder-Lösungen gezwungen. Das gab es auch in der Vergangenheit schon einmal. Windows, Apple oder Linux lautete die Frage. Lernsoftware war mit Ausnahmen fast ausschließlich für das eine oder andere Betriebssystem zu haben. Die meisten Anbieter setzten aufgrund seines überragenden Marktanteils auf Windows. Erst seit zumindest die Basissoftware für Internetzugriff, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation, usw. plattformübergreifend als Open-Source Lösung verfügbar ist, Wikipedia Computernachschlagewerke wie Encarta oder Brockhaus überflüssig macht und der Trend, Lernsoftware auf Schulcomputern zu installieren mehr rückläufig scheint, haben die genannten Gruppen wieder eher eine Wahlfreiheit.

Aus den genannten Gründen halte ich Apps für eine Sackgasse, wenn es darum geht, für das gegenwärtige Schulbuch einen digitalen Nachfolger mit erweiterten Möglichkeiten zu finden, Möglichkeiten, welche dem Potential des Zeitalters digital universell verfügbarer Informationen und uneingeschränkter Kommunikation und Kooperation entsprechen.

Die Lösung sehe ich in universellen Lösungen, wie z.B. dem noch recht neuen HTML 5. Es gibt außerdem eine Reihe von webbasierten Frameworks, auf denen sich programmieren lässt, falls notwendig sehr aufwändig. Zugriff sollte “platform agnostic” oder “cross-platform” sein, also nicht auf eine Plattform beschränkt und Lernern die maximale Freiheit erlauben, Inhalte für ihre Ziele nach ihren Vorstellungen zu verwenden, auch über den Ort des Ursprungs hinaus und in Kollaboration mit anderen.

Lernende und Lehrende, Bildungswissenschaftler und andere an Bildung beteiligte Personen und Institutionen sollten ihre Vorstellungen artikulieren und vielleicht gemeinsam ein “Lastenheft” entwickeln, auf dessen Grundlage der wie auch immer ausgestaltete Nachfolger des Schulbuches entstehen könnte. Für bisherige Lehr- und Lernmittelverlage, wie auch für Softwarehäuser, Entwickler und Programmierer, besteht die Herausforderung nun darin, daraus machbare Lösungen und ein für sie brauchbares Geschäftsmodell zu entwickeln. Eventuell ergibt sich hier auch ein Betätigungsfeld für die Open Source Community und Individuen und Institutionen, die bereit sind, Inhalte unter Creative Commons Lizenzen bereitzustellen.

Wenn Verlage heute im App einen Nachfolger des gegenwärtigen Schulbuches sehen, dann verbinden sie damit wohl auch die Hoffnung, ihr bestehendes Geschäftsmodell in eine digitale Zukunft hinüberzuretten. Wie unsinnig dieses Unterfangen ist, zeigen die erfolglosen Bemühungen der Musikindustrie in diese Richtung. Wollen Cornelsen, Klett, Diesterweg, Westermann und Co. auch noch in Zukunft auf dem Bildungsmarkt relevant sein, werden sie nicht nur über neue Geschäftsmodelle nachdenken müssen, sondern auch über neue Rollen. Eine solche Rolle könnte z.B. die sein, Kurator für bildungrelevante Inhalte zu sein. Als solcher stellen sie Inhalte aus dem Meer an Informationen zusammen nach Kriterien wie Themenbereich, Altersangemessenheit, Lernstufe, etc..

Anhang: Die erste Vision, welche Apple von Apps hatte bei der Vorstellung des ersten iPhones war übrigens vollkommen verschieden von der heutigen. Ursprünglich dachte Apple an webbasierte Apps, wobei das App quasi nur eine Benutzeroberfläche darstellt. Es gab zu Beginn auch einige solche. Etwas Bekanntheit erlangte später die Webapp von Google, mit welcher Google Apples Blockade seiner Google Talk App umging. Auch das gegenwärtige Gmail App Googles ist ein Webapp.

 

6 Antworten

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  1. Felix Schaumburg said, on April 10, 2011 at 8:15 pm

    So sehe ich das auch. So gerne ich „echte“ digitale Schulbücher hätte (vernetzt, flexibel und online angebunden), so will ich mittelfristig ruhig erstmal auf PDFs zurückgreifen. Die Anschaffungszyklen in den Schulen laufen oft über 6 Jahre. Da ist es sinnig, wenn erstmal parallel PDFs genutzt werden können und man kompatibel bleibt.

  2. Herr Schwarzmüller said, on April 10, 2011 at 9:33 pm

    Sehe ich auch so: Finger weg von jedem proprietären Mist, der nur mehr Probleme und Abhängigkeiten schafft. Toll, wenn es iPad-Klassen gibt. Diese Projekte taugen ja nicht mal zum Nachahmen, wenn man nicht bereit ist, ebenfalls iPads anzuschaffen und die Schulinfrastruktur Mac-tauglich zu machen. Für offene Formate müssen diese Projekte alle neu gestartet und evaluiert werden.

    Wer sich in den Materialbörsen von Lehrern für Lehrer umsieht, weiß, dass es ein riesiges open source – Potential gäbe, das nur darauf wartet gebündelt, genutzt und vor allen Dingen so gestaltet zu werden, dass es als Ersatz für ein Schulbuch dienen könnte. Allein die irrsinnig vielen Fehler in gedruckten Schulbüchern ließen sich kollaborativ entfernen und das wäre nur der Anfang unbegrenzter KOSTENLOSER Möglichkeiten für qualitativ besseres Material als das, was uns zurzeit von den Verlagen vorgesetzt wird.

    Leider sehe ich für diese Form des freien Schulbuchs noch keine Zukunft – zu groß und mächtig ist die Lobby und ihr Einfluss auf die Schulpolitik. Es bleibt die Hoffnung, dass eine Bewegung „von unten“ irgendwann neue Tatsachen schaffen kann. Denn wenn erstmal eine attraktive Parallele neben den herkömmlichen Lehrbüchern besteht, dann werden vielleicht auch Kultusminister hellhörig.

    • Isthmus von Tehuantepec said, on September 15, 2011 at 11:28 pm

      Ein toller Beitrag, vielen Dank dafür! Ich habe genau diese Erfahrungen im Umgang mit dem iPad gemacht – die Plattform ist super, aber die Einschränkungen, denen das iPad durch die enge Fokussierung auf Apps unterworfen ist, macht das ganze recht spaßfrei. Unglaublich, dass die einzige Möglichkeit der meisten Apps, Ergebnisse zu exportieren, via E-Mail ist! Ich will doch nicht jede Stunde 20 Mails bekommen, von denen ich die Anhänge extrahiere, um diese lesen zu können… (Ehrlicherweise sei angemerkt, dass es die Anbindung an [proprietäre] Webdav-Server gibt, aber wer hat diesen Dienst schon?)
      Aber auch das PDF ist keine Lösung, das ist ja nur die unmittelbarste Fortführung des Arbeitsblatt- und Schulbuchunsinns in elektronischer Form.

      Benötigt werden modulare Elemente, Baukastensysteme, in die der Lehrer als Lernbereiter seine Inhalte so einfügen kann, dass sie für den Schüler attraktiv und kollaborativ nutzbar sind, dass sie Rückmeldemöglichkeiten für den Schüler als auch für den Lehrer bieten und am Besten kurzfristige Bewertungsmodelle, die dem Schüler seinen Lernfortschritt dokumentieren. Davon sind wir noch weit, weit entfernt.

  3. […] den Originalbeitrag weiterlesen: Auf dem Weg zum Schulbuch 2.0 stellen Apps eine Sackgasse dar … Medien zum Thema   Medien by […]

  4. […] durch einen Artikel von Damian Duchamps und die Realität freier digitaler Lehrbücher (mit offenbar kommerzieller Intention) verleiten […]

  5. Martin Leiter said, on Oktober 27, 2011 at 5:09 pm

    Ich sehe grosse Teile der Diskussion identisch, doch glaube ich, dass man einzelne Dinge hier nicht verteufeln darf.
    PDF kann z.B. die Grundlage einer entsprechenden Applikation sein. Die App muss ja nicht ausschliessen, dass dann zusätzlich multimediale Inhalte inkludiert sind und die Möglichkeit zur Interaktion und zur Kolaboration gegeben sind:
    z.B. in virtuellen Arbeitsräumen, Datenaustausch-Oberflächen, Community-based-Content, Einbindung von Materialbörsen, etc.

    Grösster Nachteil vieler Apps ist, dass sie sich selbst genügen und nur einige wenige der angesprochenen Funktionen bieten. Das muss ja nicht so sein.


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