Damian Duchamps' Blog

Tragt CC in die Lehrerzimmer!!!

Posted in Schule und Recht by damianduchamps on November 18, 2011

Im folgenden Beitrag möchte ich zunächst die gegenwärtige rechtliche Situation des Themas Unterrichtsmaterialien und Urheberrechte etwas aufdröseln und verständlicher machen. Diese rechtliche Situation ist, zumindest aus der Sicht vieler Lehrerinnen und Lehrer, sehr unbefriedigend. Es gibt jedoch einen Ausweg aus dieser Situation und den zeige ich direkt im Anschluss.

Unterrichtsmaterialien und Urheberrechte sind ein schwieriges Thema für Lehrerinnen und Lehrer. Alle käuflich erworbenen Materialien sind in der Regel mit mehr oder weniger eingeschränkten Nutzungsrechten versehen. Grundsätzlich gilt, wenn nicht anders angegeben, dürfen Unterrichtsmaterialien nicht einfach kopiert, gespeichert oder verändert werden. Das ist so durch das Urheberrecht geregelt. In § 53 Vervielfältigungen zum privaten und sonstigen eigenen Gebrauch werden kleine Ausnahmen für den Unterricht geregelt. Zulässig sind demnach, sofern sie vom Lehrer zum Einsatz im eigenen Unterricht gedacht sind mit dem Ziel der Veranschaulichung, Kopien in Lerngruppenstärke von kleineren Teilen von Materialien, jedoch niemals des gesamten Materials. Gleiches gilt auch, wenn ein Lehrer Materialien für Prüfungen kopiert. Da diese Formulierung „von kleinen Teilen“ eine sehr schwammige Formulierung ist, wurde mit dem Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen nach § 53 UrhG eine rechtsverbindliche Auslegung durch die VG Wort und die VG Musikedition sowie die VdS Bildungsmedien e.V. als Interessenvertreter der Urheber und den Kultusministerien der Länder vereinbart. Dieser Gesamtvertrag, der nach Bekanntwerden der in § 6 vereinbarten Überprüfung von Schulservern auf digitale Kopien (#schultrojaner) zunächst in der Blogosphäre für helle Aufregung sorgte und damit auch in den öffentlichen Medien zum Thema wurde, untersagt in § 3 jegliche Form der Digitalisierung bzw. digitalen Speicherung, die über den Kopiervorgang auf Papier hinausgeht. Schon vor Abfassung der aktuellen Version des Gesamtvertrages Ende 2010 wurden vom Interessenverband der Schulverlage VdS Bildungsmedien e.V. zwei Broschüren herausgegeben, welche den schwer verständlichen Gesetzestext wie auch den Gesamtvertrag anhand von Fragen, wie Lehrer sie haben könnten und Antworten darauf, noch einmal präzisieren. In der Broschüre  von 2003, die wie man @Timo_Off bestätigte, noch immer Gültigkeit hat, wird Lehrer durchaus die Nutzung von digitalen Kopien unter gewissen Auflagen erlaubt, etwa zur Nutzung in einem LMS, wenn dieses keine Weitergabe erlaubt. Ausgeschlossen sind dabei jedoch ausdrücklich Schulbücher. In einer zweiten Broschüre wird 2009 dann noch einmal das Thema Fotokopie für Laien erklärt. Erlaubt ist demnach zwar die Kopie eines Bildes aus einem Schulbuch und Weitergabe an Schüler. Komplett untersagt ist jedoch das Einscannen des Bildes, um es in ein eigenes Arbeitsmaterial einzubinden, da dadurch eine digitale Kopie entsteht. Mit Kopierer, Schere und Kleber ist selbiges nicht untersagt. Es wundert, dass die ältere Broschüre noch immer Gültigkeit hat, da sie dem Gesamtvertrag eigentlich widerspricht.

Wer sich mit den Urheberrechtsfragen in Bezug auf Schule und Unterricht auseinandersetzt, erkennt schnell, dass durch das Gesetz und vor allem den Gesamtvertrag die Grenzen extrem eng gesetzt worden sind. Kann man im analogen Bereich noch in eingeschränktem Rahmen legal handeln, sind den Lehrern im digitalen Bereich die Hände quasi gebunden.

Vielen in Schulen Tätigen sind diese Vorgaben nicht oder nur unzureichend bekannt. Aus Unkenntnis werden deswegen viele Urheberrechtsverstöße begangen. Vor allem durch die zunehmende Nutzung digitaler Werkzeuge durch Lehrerinnen und Lehrer und durch die sich damit ergebenden Möglichkeiten der digitalen Verarbeitung von Verlagsmaterialien wird die Zahl der Verstöße noch einmal deutlich angestiegen sein. Das mag im schulischen Alltag zunächst nicht weiter tragisch scheinen, da die Rechteinhaber derzeit weder die Ressourcen noch die rechtlichen Möglichkeiten haben, die Einhaltung dieser Vorgaben zu überprüfen. So wie es in vielen Lehrerzimmern Ordner mit im Kollegium gesammelten Arbeitsblättern, Tests und Klassenarbeiten gibt, so würde es für Lehrer einer Schule auch Sinn machen, digital erstellte Materialien, welche zumindest teilweise aus oder mit Verlagsmaterialien erstellt wurden, in einem digitalen Ordner gesammelt für das Kollegium zugänglich zu machen. Solch ein Ordner wird in der Regel auf einem Server abgelegt, dass er von vielen Arbeitsplätzen zugänglich ist.

Im Gesamtvertrag verpflichten sich die Länder, jährlich auf 1% aller Server ihrer Schulen eine von den Verlagen bereitgestellte Software zu installieren, welche diese Server nach digitalisierten Materialien der Verlage durchsucht. Die betroffenen Schulen würden dann, sofern sie nicht vorgewarnt würden, ins offene Messer laufen und müssten mit rechtlichen Konsequenzen rechnen.

Derzeit (November 2011) gibt es weder diese Software,  noch ist klar, ob sie datenschutzrechtlichen Bedenken standhalten wird, und überhaupt eingeführt werden wird. Mit einer Entspannung der rechtlichen Lage, d.h. einer deutlicheren Begünstigung öffentlicher Bildungssysteme durch das Urheberrecht, ist insgesamt eher nicht zu rechnen, denn Verlage haben eine starke Lobby in der Politik.

Das bedeutet nicht, dass Schulen und Lehrern die Hände gebunden sind, denn es gibt Alternativen zu den urheberrechtlich geschützten Materialien der Verlage.

Das traditionelle deutsche Urheberrecht kennt wie das in vielen anderen Ländern auch im Grunde genommen nur zweieinhalb Kategorien – erlaubt oder verboten, und Ausnahmen. Aus diesem Grund wurde das abgestufte Urheberrechtssystem der Creative Commons entwickelt, welches auch in der deutschen Rechtsprechung anerkannt ist. In einer differenzierten Abstufung ist es damit den Schöpfern eigenständiger Werke (Bild, Ton, Film, Software, etc.) möglich, die Nutzung durch andere zu regeln. Wer z.B. ein Foto oder Arbeitsblatt ins Internet stellt oder auch in Papier an andere weitergibt, kann festlegen, ob er bei der weiteren Nutzung als Urheber genannt werden möchte, ob er mit der Veränderung seines Werkes einverstanden ist, unter welchen Bedingungen sein Werk an Dritte weitergeben werden darf und ob er einer finanziellen Verwertung durch andere zustimmt oder eben nicht. Im Bildungsbereich erhalten Lehrer so im eingeschränktesten Fall nur die Möglichkeit, Werke unter Nennung des Namens und ohne Veränderung zu nutzen und an ihre Schüler oder andere Lehrer weiterzugeben. Das ist aber schon ein extrem großer Freiheitsgrad im Vergleich zu den wenigen vom Urheberrecht und dem Gesamtvertrag zugestandenen Rechten.

Der Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrern ist weder Creative Commons bekannt (Guido Brombachs Beobachtung), noch wissen sie um die Möglichkeiten, welche sich daraus für sie ergeben.

Creative Commons kann Lehrerinnen und Lehrer im beruflichen Alltag von rechtlichen Unsicherheiten bei der Gestaltung von Unterrichtsmaterialien befreien. Und, es gibt bereits eine schier unendliche Zahl von Creative Commons lizenzierten Materialien vor allem im Bereich Bilder, jedoch auch bei Audio- und Videomaterialien.

Es sollten sich deswegen nun alle Bildungsblogger, Bildungshacker und Kundigen auf die Fahnen schreiben:

Tragt Creative Commons in die Schulen!!!

Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen die Quellen und Nutzungsmöglichkeiten (CC Lizenzierungen)  von unter Creative Commons Lizenzen veröffentlichten Materialien kennen und nutzen lernen.

Das ist allerdings nur der Anfang. Lehrerinnen und Lehrer müssen auch lernen, wie sie ihre selbst erstellten Materialien, ob sie CC lizensierte Materialien enthalten oder nicht, die jedoch keinesfalls Materialien mit Verlagsursprung enthalten dürfen, mit den ihnen passenden CC Lizenzen versehen. Es sollte für jeden zur Gewohnheit werden, auch die traditionellen Arbeitsblätter, wo rechtlich möglich, mit CC Lizenzen zu versehen. (Siehe dazu auch die Seite CC your EDU, mit der das Thema unterstützt werden soll.)

Schafft man dieses, wird es Lehrerinnen und Lehrern möglich sein, ihre Materialien im rechtlich sicheren Rahmen untereinander auszutauschen, innerhalb des Kollegiums, in schulübergreifenden Arbeitskreisen, auf Fortbildungen, in Lehrerplattformen und Online-Material-Pools. Das ist dann noch einmal ein weiteres Thema, mit dem man sich in nicht zu ferner Zukunft beschäftigen sollte (Stichwort #OER, OERCOmmons).

Noch ein Wort zum Thema Verlage und von Lehrern erstellte Materialien:

Es sollen mit diesem Beitrag in keiner Weise die Rechte der Bildungsverlage in Abrede gestellt werden, noch deren Wert für Schule und Unterricht. Verlage leisten einen wertvollen Betrag, indem sie meist qualitativ hochwertige Materialien zum käuflichen Erwerb bereitstellen. Sie benötigen einen rechtlichen Schutz ihrer Werke, um ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern. Ob die derzeitigen urheberrechtlichen Regelungen dazu der richtige Weg sind, sei dahin gestellt. Lehrerinnen und Lehrer erstellen vermutlich seit es Schule gibt eigene Materialien bzw. passen bestehende an ihre Bedürfnisse an. Und seit sie dieses tun, tauschen sie sie auch untereinander aus. Ziel dieses Beitrags ist es deswegen, einen Weg aufzeigen, wie beide Seiten zu ihrem Recht kommen, ohne die Rechte der anderen Seite zu verletzen. Ich denke, es kann so in Zukunft möglich sein, dass Lehrerinnen und Lehrer ihren gewohnten Arbeitsgängen nachgehen, Materialien erstellen und austauschen, ohne dabei den Verlagen ins Gehege zu kommen. Verlage auf der anderen Seite bräuchten sich weniger Sorgen machen, dass ihre Rechte verletzt werden. Es steht auch nicht zu befürchten, dass das System Schule sich jemals unabhängig macht von den Verlagen, denn dafür werden sowohl Tradition wie Lobbyisten sorgen als auch verfügbare Zeit wie die Bequemlichkeit der Gattung Mensch, zu denen Lehrer bekanntlich auch gehören.

4 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. cojoh said, on November 20, 2011 at 8:06 pm

    Danke für die aufschlussreichen Hinweise. Mir ist CC bekannt, allerdings nicht, wie ich meine Arbeitsblätter dem entsprechend kennzeichne. Interessiert mich eigentlich auch nicht, denn ich habe keinen Eigentumsanspruch auf meine Materialien.

    Ungeheuerlich finde ich aber das Gebaren der Teilnehmer im deutschen Bildungswesen. Während im angelsächsischen Raum Materialien bis hin zu ganzen Programmen preisreduziert oder sogar kostenfrei an Bildungseinrichtungen weitergegeben werden (die Liste ist so lang, dass ich gar kein Beispiel nennen kann, ohne andere zurückzusetzen), bleibt Bildung in Deutschland die Spielwiese tradionalistisch veranlagter Lobbyverbände. Denn die Misere der Verlage ist ja hausgemacht: An Stelle von modular aufgebauten, interaktiv nutzbaren und individuell veränderbaren Lernbausteinen bieten uns die Verlage — EINGESCANNTE SCHULBÜCHER!!!

  2. […] und offene Bildungsinhalte als ausdrücklichen Blogparadebeiträgen. Aber auch Damian Duchamps mit Tragt die CC in die Lehrerzimmer und Lehrerfreund mit segu – Das kostenlose Geschichtsbuch im Internet greifen das Thema in […]

  3. seb said, on November 22, 2011 at 12:53 am

    Hi, schöner Text. Leider ist die CC NC/CC ND oder gar CC NC ND keine freie Lizenz. Damit ist sie leider nicht geeignet, offene und freie Inhalte zu erstellen, weil sie die Weiternutzung erschwert bis unmöglich macht.

    Mehr dazu zB hier http://freedomdefined.org/Licenses/NC/De


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: