Damian Duchamps' Blog

Deutschland goes digitale Schulbücher

Posted in Medienwelt by damianduchamps on Februar 17, 2012

Es war schon seit einiger Zeit angekündigt, dass auch wir hier in Deutschland von den Verlagen mit einem digitalen Plattform für Schulbücher beglückt werden sollen. Noch bevor die Verlage allerdings auf der didacta ihre digitale Revolution für Schule und Unterricht vorstellen konnten, kam Apple mit seinem Projekt auf den Markt. Immerhin, soviel war klar, würde es einen Gegenentwurf der deutschen Bildungsverlage geben. Wie genau dieser aussehen sollte, blieb jedoch zunächst offen. Die didacta ist da und die Verlage zeigen nun, wie sie sich die digitale Zukunft im deutschen Schulen vorstellen.

Unter http://www.digitale-schulbuecher.de stellen sie ihre gemeinsame Plattform vor, ein Regal, welches 27 Verlage gemeinsam nutzen. Die Plattform soll für alle Betriebssysteme und Endgeräte nutzbar sein. Das klingt zunächst gut und ist damit dem Angebot von Apple ein großen Schritt voraus. Alleine die Tatsache, dass mehrere große Verlage sich auf eine gemeinsame Plattform einigen konnten, spricht schon für sich. Wer sich in der Branche auskennt, weiß jedoch auch, dass die 27 Verlage zum großen Teil in einigen wenigen Verlagsgruppen zusammengefasst sind. Das hat die Verhandlungen zu einer gemeinsamen Plattform sicherlich deutlich erleichtert. Die Motivation, sich auf eine gemeinsame Plattform zu einigen, ist vermutlich vielfältig. Einmal ist es mit Sicherheit die vernünftigsten Lösung. Dann aber kann man gewiss auch sagen, dass sich hier eine Notgemeinschaft gebildet hat, welche gemeinsam versucht, gegen den digitalen Feind zu bestehen. Für die deutsche Bildungslandschaft ist das gemeinsame Vorgehen der Verlage sicherlich als positiv zu beurteilen. Ebenso positiv zu bewerten ist die Herstellerunabhängigkeit der Plattform. Damit werden die Bevorzugung von Herstellern von Hardware und Betriebssystem und die damit verbundenen Einschränkungen vermieden. Soweit so gut. Wer unbedarft an das Thema heran geht, wird diesen Vorstoß der deutschen Bildungsverlage zunächst einmal gutheißen. Leider jedoch ist nicht alles Gold was glänzt, und das alte Sprichwort bewahrheitet sich in diesem Fall.

Die digitalen Schulbücher kommen in der neuen Plattform als digitale Reproduktionen bestehender Schulbücher daher, angereichert durch Medien und Verknüpfungen. Man hat direkt an den Einsatz mit interaktiven Whiteboards gedacht und so lassen sich diese digitalen Schulbücher auch dort nutzen und beispielsweise zoomen. Die Verknüpfungen weisen auf ergänzendes Material, welches natürlich vom Verlag gestellt wird, vermutlich überwiegend gegen Geld. Integriert in die digitalen Bücher ist ein Maß an Interaktivität. Lesezeichen können gesetzt werden, es lassen sich Notizen machen und Markierungen im Text, Textteile lassen sich abdecken und freistellen, Formen können eingefügt werden, man kann zeichnen und vieles mehr. Dazu gibt es in der Plattform eine Werkzeugpalette. Auch das klingt zunächst sehr gut.

Es fällt jedoch auf, dass nirgendwo Funktionen erwähnt werden, welche es ermöglichen Inhalte aus diesen digitalen Schulbüchern herauszunehmen und beispielsweise in eine Textverarbeitung oder Präsentation oder eine Internetseite einzufügen. Eine Exportfunktion wird nicht vorgesehen sein. Wen wundert es, wenn doch auch die analogen Bücher in keiner Form digital verarbeitet werden dürfen, in Arbeitsblättern, Inhalten einer Lernplattform oder ähnlich. Die schöne neue Welt der digitalen Schulbücher sieht nicht anders aus als die der analogen Schulbücher. Es bleibt abzuwarten, wenn die ersten Bücher zum Schuljahr 2012/13 auf den Markt kommen, ob es zumindest Verlinkungen ins Internet geben wird. Inwieweit es möglich sein wird, Notizen und Markierungen auszutauschen, ist bisher aus den Informationen im Internet nicht zu ersehen. Und ob dieses für die Zukunft geplant ist, wird man abwarten müssen. Immerhin handelt es sich hier um das deutsche digitale Schulbuch Version 1.0.

Natürlich sind die digitalen Schulbücher geschützt durch einen Freischaltcode. Dieser wird von den Nutzern erworben. Um überhaupt digitale Schulbücher nutzen zu können, ist eine Registrierung auf dem gemeinsamen Portal der Schulbuchverlage http://www.digitale-schulbuecher.de notwendig. Dort lebt dann auch die digitale Bibliothek des jeweiligen Nutzers. Auf den Endgeräten muss eine Software installiert sein (vermutlich ähnlich der Adobe Digital Library) über welche die Bücher auf Endgeräte herunter geladen werden können, um dort auch offline genutzt werden zu können. Die jeweiligen Dateien werden mit Digital Rights Management (DRM) versehen sein, wodurch eine Nutzung durch andere als den Käufer verhindert wird.

Wie auf Twitter und an anderen Stellen schon deutlich geworden ist, trifft dieser Vorstoß der deutschen Schulbuchverlage ins digitale Neuland bei den Bildungsbloggern auf keine große Gegenliebe. Viele haben vermutlich nichts Anderes erwartet. Man ist enttäuscht. Bei denen, welche in der sich entwickelnden digitalen Lernkultur nicht bewandert sind, wird das digitale Angebot der Schulbuchverlage sicherlich auf reges Interesse stoßen. Endlich digitale Schulbücher, endlich viele interessante Inhalte für digitale Schultafeln und endlich die Perspektive, auf absehbare Zeit vom analogen Schulbuch Abschied nehmen zu können. Man sieht, was in einigen Bundesstaaten der USA und in Korea vonstatten geht und weiß, dass man diesen Weg in Zukunft vermutlich ebenfalls beschreiten wird. Da passt das von den deutschen Schulbuchverlagen vorgestellte digitale Schulbuch voll und ganz ins Bild, entspricht es doch der Vorstellungskraft all jener, welche aus dem analogen Schulbuch ein digitales ableiten.

Man darf gespannt sein, wie die Vision des digitalen Schulbuchs, wie die Schulbuchverlage sie denken, bei denen ankommt, die an Universitäten und in Ministerien dabei sind, die Zukunft von Schule und Unterricht in Deutschland zu entwickeln. Eigentlich sollten auch sie erkennen, dass diesen digitalen Schulbüchern wesentliche Elemente fehlen, die für einen modernen kompetenzorientierten und individualisierten Unterricht notwendig sind. Und wer sich beispielsweise einbildet, durch die Nutzung dieser digitalen Schulbücher Medienkompetenz zu vermitteln, der irrt gewaltig.

Für mich zeigt das deutsche digitale Schulbuch Version 1.0, dass es den deutschen Schulbuchverlagen bei dieser Entwicklung mehr darum geht, ein bestehendes Geschäftsmodell zu bewahren, als zur Entwicklung von modernen Formen von Schule beizutragen. Diese Schulbücher, die in sich geschlossene, nach außen abgeschottete Systeme darstellen, können zu einer modernen Lernkultur so wenig beitragen wie ihre analogen Vorgänger. Der einzige Zugewinn, den sie für Schüler und Lehrer darstellen, wird ihr geringeres Gewicht sein.

Ich erwarte, dass sich aus dem Angebot der Verlage recht schnell eine Nachfrage nach günstiger und robuster Hardware stellen wird. Die großen Hersteller wie Samsung, Dell, Acer, HP und ähnlich werden mit günstigen Tabletts unter 200 € auf diese Nachfrage reagieren. Es ist durchaus möglich, dass auch die Verlage selbst die notwendige Hardware anbieten werden. Dabei könnte es durchaus möglich sein, dass sie Geräte zwischen 100 € und 150 € anbieten werden, welche sie zum Teil über ihre Buchverkäufe subventionieren.

Was für die deutschen Schulbuchverlage einen riesigen Schritt in eine sich verändernde Verlagswelt darstellt, ist für Schule und Unterricht auf dem Weg zu modernen Form des Lernens leider nur ein ganz kleiner Schritt nach vorne. Die dem digitalen Schulbuch Version 1.0 durch die Verlage auferlegten Fesseln zeigen sehr nachdrücklich, dass auch in Zukunft mehr als je zuvor ein großer Bedarf an freien Bildungsinhalten (OER) bestehen wird. Bleiben diese digitalen Schulbücher so hermetisch abgeriegelt, wie es momentan den Anschein hat, werden auch die gegenwärtigen Möglichkeiten, Inhalte aus analogen Büchern heraus zu kopieren oder gar digital zu entnehmen, verschwinden. Noch ist es technisch möglich, wenn auch nicht legal, analoge Bücher einscannen und die Inhalte digital zu verarbeiten. Mit komplett digitalen Versionen wird es den Verlagen ein Leichtes sein, die Entnahme von Inhalten aus diesem Büchern zu unterbinden. Der Durchschnittslehrer wie auch der Durchschnittsschüler wird technisch nicht in der Lage sein, die digitalen Beschränkungen zu umgehen (was zudem höchst illegal sein wird). Möglicherweise werden die Verlage ähnlich wie gegenwärtig ein beschränktes Kopierrecht gegen Zahlung von Millionenbeträgen durch die Kultusministerien einräumen. Anders als jetzt bedarf es dann jedoch keines „Schultrojaners“ mehr um die Einhaltung der vertraglich ausgehandelten Kopierbegrenzung zu kontrollieren. Das lässt sich leicht über die Plattform, in welche die digitalen Schulbücher eingebunden sind, machen. Mit dieser Plattform haben die Verlage den Zugang zu jedem Endgerät, über welches Lehrer wie Schüler ihre digitalen Produkte nutzen. Und mit diesem Zugang haben sie die absolute Kontrolle. Willkommen in der deutschen Zukunft des digitalen Schulbuchs Version 1.0.

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2 Antworten

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  1. Die Bildungs-CeBIT « Medienistik Blog said, on Februar 18, 2012 at 4:34 pm

    […] enttäuscht leider auf ganzer Linie, wie schon andernorts (z. B. von Christian Füller oder Damian Duchamps) berichtet […]

  2. cojoh said, on Februar 21, 2012 at 10:48 pm

    Ich arbeite an einer Schule, die am Pilotprojekt der Verlage letztes Frühjahr teilgenommen hat. Damals waren die drei großen Verlagsgruppen Cornelsen, Klett und BV1 im Boot. Wir haben uns aus dem Projekt sehr schnell verabschiedet, als klar wurde, dass das digitale Angebot tatsächlich einfach… eingescannte Schulbücher waren. Das, was uns als großartige Innovation verkauft wurde – Notizfunktion, Lesezeichen etc. – gibt es bereits seit zehn Jahren. Verknüpfungen, Interaktivität: Fehlanzeige.
    Die Gründe für dieses Vorgehen sind relativ einfach: 1. Die Verlage wollen das bestehende Material mit dem geringst möglichen Aufwand noch einmal vermarkten, frei nach dem Motto: Der Versuch ist ja nicht strafbar. 2. Eine Adaption der Inhalte hin zu individualisiertem, interaktiven Lernen zöge neue Kosten nach sich – schon heute fragt der ein oder andere Schulbuchautor nach, ob die Digitalisierung und ggf. Verknüpfung mit Internetinhalten eigentlich noch Bestandteil des bestehenden Autorenvertrages ist. 3. Eine Adaption der bestehenden Inhalte hätte ggf. die Notwendigkeit zurfolge, die virtuellen Lehrwerke wieder bei den Kultus- oder Schulministerien der Länder auf Richtlinienkonformität prüfen zu lassen – wieder Kosten.

    Nein Leute, vergesst die Verlage. Sie haben immer noch nicht verstanden, dass sich die iTunes-Story bei ihnen wiederholen wird.

    P.S. Die Schüler fanden die digitalen Schulbücher cool: Bücher konnten nicht mehr vergessen werden und ansonsten war ja alles so wie immer….


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