Damian Duchamps' Blog

ICT @ school = 50% Prävention + 30% Handling + 20% sonstwas

Posted in Uncategorized by damianduchamps on April 29, 2016

„Kompetenzen für das Leben, Lernen und Arbeiten in der digitalen Welt müssen entlang des gesamten Bildungsweges in allen Fächern erworben werden. Der kompetente Umgang mit digitalen Medien wird zu einer neuen Kulturtechnik – neben Schreiben, Lesen, Rechnen.“

Quelle: https://land.nrw/sites/default/files/asset/document/thesenpapier_bildungviernull_090316.pdf
Thesenpapier Bildung 4.0

Es dauert nicht mehr lange und der Todestag des großen Dichters und Denkers Goethe jährt sich zum 200. Male. Kehrte er heute noch einmal zurück, so würde er in dieser Welt vieles nicht mehr wieder erkennen und verstehen. Auf den Straßen sähe er Menschen umherlaufen, die kleine Gegenstände an ihre Ohren pressen oder auf kleine Gegenstände blicken, auf denen sie mit den Fingern herum tippen. Andere liefen mit Schnüren aus den Ohren kommend, die in ihren Hosentaschen enden, herum. Menschen säßen in Kisten aus Metall, die sich von alleine bewegen. Käme er zu den Menschen nach Hause, fände er die Kinder vor Glasscheiben sitzen, die in fremde Welten schauen lassen und dabei halten sie kleine Geräte in der Hand und bewegen ihre Finger schnell. Vieles in unserer Welt wäre Goethe extrem befremdlich. Doch sobald er eine Schule beträte, würde er sich wieder zu Hause fühlen. Tafel und Kreide, das wäre ihm bekannt. In manchen Klassenräumen würde er sich vielleicht darüber wundern, dass die Tafeln weiß sind.

Es hat sich nicht wirklich viel verändert in den Schulen seit Goethe verstorben ist. Bis vor gar nicht so langer Zeit wunderte das vielleicht nicht, denn auch die Welt hat sich in vielen Bereichen nur sehr langsam verändert. Bis Veränderungen in der Schule Einzug halten, dauerte es schon immer eine Weile . Wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen eine Zeit, bis sie Eingang in die aktuellen Lehrwerke finden. So ist es auch mit den Technologien gewesen. Aber das Radio, der Kassettenrekorder, das Fernsehen, die DVD und ähnlich haben Eingang gefunden in die Schule. Zentrales und beherrschendes Element von Schule und Unterricht sind jedoch immer Tafel und Kreide, Buch, Heft und Stift geblieben.

Mit der aufkommenden Digitalisierung hat es jedoch Veränderungen gegeben, die so umfassend sind, dass sie auch in vielen Bereichen unseres Lebens große Veränderungen bewirkt haben und noch immer bewirken. Das Berufsleben ist seither großen Umwälzungen unterworfen, alte Berufe verschwinden oder verändern sich und neue entstehen. Nicht anders verhält es sich mit der individuellen Lebensgestaltung, wo die Digitalisierung völlig neue Möglichkeiten eröffnet hat. Auch die Politik ist von der Digitalisierung nicht verschont geblieben. Soziale Medien eröffnen der Demokratisierung politischer Prozesse neue Möglichkeiten, etwa durch Meinungsbildung, Petitionen und Mitbestimmung. Die Welt der Nachrichten ist gerade dabei sich grundlegend umzugestalten. Zeitungen müssen sich neu aufstellen, wenn sie nicht untergehen wollen in einer Zeit, wo das Internet die Nachrichten vom Vortag zum Schnee von gestern macht. Wie groß diese Veränderungen sind, welche die Digitalisierung mit sich bringt, das dürfte wohl bei vielen Menschen mittlerweile angekommen sein. Selbst Lehrerinnen und Lehrer nutzen Computer alltäglich zur Vorbereitung ihres Unterrichts und nutzen privat Smartphones und Tablets. Im Unterricht selbst haben die häufig noch immer als „neue Medien“ bezeichneten digitalen Technologien noch kaum Einzug gehalten.

Bei meinen Gesprächen mit Lehrern verschiedener Schulen merke ich immer wieder, dass die digitalen Technologien meist sehr einseitig betrachtet werden. Sehr häufig werden sie reduziert auf das Gefahrenpotenzial und das Handling. Wenn man digitale Technologien in den Unterricht bringen möchte, dann vor allem, um sich mit Themen wie Cybermobbing, illegalen Downloads, Suchterhalten, Netiquette und ähnlich zu beschäftigen. Außerdem möchte man den Schülern vermitteln, wie man mit einer Textverarbeitung Texte in einem bestimmten Format erfassen kann, etwa als Lebenslauf oder Brief, wie man Zahlen mit einer Tabellenverarbeitung erfasst und verarbeitet oder wie man eine Präsentation erstellt. Vielleicht hat man dann auch noch die Idee, Smartboards einzuführen, weil man mit diesen Tafeln leichter Filme zeigen kann. Hin und wieder begegne ich Schulen, die gerne eine Tablet Klasse einrichten möchten. Es wird mir so immer wieder sehr deutlich vor Augen geführt, dass Schulen häufig gar nicht abschätzen können, welche umfassende Bedeutung die Digitalisierung für das Leben ihrer Schülerinnen und Schüler hat und haben wird und welche Rolle Schule bei der Vorbereitung auf dieses Leben spielt.

Ich behelfe mir dann gerne mit einer Analogie. Das Automobil eignet sich recht gut, denn jeder versteht seine Bedeutung.
Das Auto ist vor allem ein Mittel, um Personen und Gegenstände von A nach B zu befördern. Autofahren ist nicht ungefährlich, auch wenn es heute längst nicht mehr so gefährlich ist wie es einst war. 2014 wurden mehr als 2 Millionen Unfälle polizeilich erfasst. Davon gingen mehr als 300.000 mit Personenschaden aus und es gab dabei fast 400.000 Verunglückte, 3.377 Tote und 67.732 Schwerverletzte. Wie mögen die Zahlen 1991 ausgesehen haben, als es mehr als 11.000 Verkehrstote gab? Noch weiter zurück in die Vergangenheit geschaut wird die Zahl noch größer gewesen sein. Angesichts der Gefährdung, welche vom Automobil ausgeht, wundert man sich, dass es dieses Fahrzeug überhaupt gibt. Würden Städte ähnlich reagieren wie Schulen, die Smartphones verbieten, so wären heute aus Gründen der Verkehrssicherheit in nahezu allen Städten Fahrzeuge verboten. In Fahrschule würden Fahrschüler auf einem großen Platz lernen, geradeaus zu fahren, rückwärts, Kurven, Beschleunigen und Bremsen, das Sauberhalten eines Autos und wie man sich richtig anschnallt. Direkt in den Straßenverkehr führe man nicht. Dafür würde man sich dann aber in der Theorie mittels Texten, Grafiken, Filmen und Simulationen sehr intensiv mit Prävention auseinandersetzen, mit Themen wie rücksichtsvollem Fahren, Fahren in der Nähe von Passanten, Gefahren beim schnellen Fahren, Fahren bei Dunkelheit, Fahren bei Regen, Fahren bei Schnee, Fahren in engen Kurven, Fahren über kleine Hindernisse und ähnlich. Um die präventive Arbeit nachhaltig zu gestalten würde man mit den Fahrschülern über viele Stunden, Plakate erstellen, sie mit einem Tuch vor Augen durch Hindernisparcours laufen lassen und Rollenspiele spielen.

Was diese Analogie deutlich machen soll, ist die eingeschränkte Sicht von Schule auf digitale Technologien. Viele Schulen reduzieren sie auf die Vermittlung einiger grundlegender Techniken, Recherche im Internet, Erstellen eines Textdokumentes, Rechnen mit Tabellenkalkulation, Erstellen einer Präsentation und Prävention, also Cybermobbing, Sexting, Pädophile im Netz, Netiquette, Spielsucht, Urheberrecht und ähnlich. Das soll nicht bedeuten, dass Prävention keinen Stellenwert hat. Den hat sie definitiv, so wie in der Fahrschule auch das Thema Sicherheit im Lehrplan steht. Prävention ist ein Thema und dann gibt es noch sehr viele andere Themen. Sie sind nicht nur Lerngegenstand, sondern ermöglichen andere, neue Formen des Lernens. Und dieser muss Schule sich ebenfalls annehmen, als Herausforderung und Möglichkeit.

So wie das Auto dazu dient, etwas von A nach B zu befördern, so haben auch digitale Technologien ihre Rolle in unserem Leben, und im Leben unserer Kinder wird ihre Bedeutung noch zunehmen. Ohne die Kompetenz, mit digitalen Technologien umgehen zu können, werden unsere Kinder nicht in der Lage sein, ihr Leben in der Gesellschaft erfolgreich gestalten zu können. Kinder brauchen digitale Technologien, um sich individuelle Lernmöglichkeiten zu erschließen auf dem Weg zum lebenslangen Lernen, um an der Gesellschaft teilzuhaben, ihr privates Leben gestalten zu können und im Beruf bestehen zu können. Es gibt in unserer Gesellschaft nur eine Instanz, welche diese Kompetenzen grundlegend vermitteln kann und das ist die Schule. Lernen hat über Jahrhunderte mit Tafel und Kreide, Buch, Heft und Stift funktioniert. Digitale Technologien verändern die Welt nachhaltig und so auch Schule. Tradierte Möglichkeiten erweitern sich durch digitale Technologien, denn sie sind nicht einfach nur eine Substitution des Bekannten, sondern bieten neue Formen der Gestaltung von Lernen (und Lehren), Möglichkeiten, die bisher undenkbar waren.

Grundlagen des Umgangs mit digitalen Technologien, die Bedienung von Software/Apps und verantwortungsvoller und sicherer Umgang mit diesen Möglichkeiten müssen vermittelt werden. Da endet die Aufgabe der Schule dann jedoch nicht. Es muss weiter gehen, hinaus in den Straßenverkehr, um zur Analogie zurückzukehren. Schüler müssen die Möglichkeit erhalten, mit digitalen Technologien ihr individuelles Lernen zu gestalten.

Am Ziel sind wir mit dem Einsatz von digitaler Technologie im Unterricht, wenn sie so selbstverständlich geworden ist, wie Tafel  und Kreide es von jeher waren, wie das Wasser, welches aus dem Wasserhahn fließt. Sie soll so alltäglich sein, dass sie quasi unsichtbar ist. (Das bedeutet natürlich auch, dass sie zuverlässig ist, absolut zuverlässig, denn wie kann ich Unterricht planen, der digitale Technologien einschließt, wenn ich mich nicht darauf verlassen kann. Das wäre so, wie wenn ich mich nicht auf den Strom in der Klasse verlassen könnte und es wäre an manchen Wintermorgen dunkel im Klassenzimmer.)

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