Damian Duchamps' Blog

5 Mrd. € DigitalPakt#D sorgt für Goldgräberstimmung

Posted in Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Oktober 13, 2016

Es ist schon interessant, welche Welle Frau Wanka mit ihrer Ankündigung des DigitalPakt#D lostritt. Um 5 Mrd. € geht es, die für 40.000 Schulen bis 2021 vom Bund bereitgestellt werden sollen. Überall bricht mit einem mal eine digitale Goldgräberstimmung aus und dabei sprechen wir bisher nur von einer Ankündigung. Man meint, das Geld schon zu riechen, doch es ist noch nicht einmal in der Haushaltsplanung des Bundes vorgesehen, zumindest offiziell noch nicht. Und dann ist da noch das  rechtlich wackelige Konstrukt des Artikel 91c im Grundgesetz, welches eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Informationstechnik zulasse, wo eine Kooperation sonst verboten ist.

In Regierungskreisen muss da schon länger etwas in Planung gewesen sein, denn schon im Mai 2015 meinte Prof. Dr. Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund als er auf einer Veranstaltung in Münster (Schulträgertagung, 29. April 2015) die Ergebnisse von ICILS vorstellte, die Koalition plane ein Milliardenprogramm. Er fügte jedoch auch direkt dazu, wenn dieses so liefe wie das Programm zum Ganztag, wo mit den Geldern überall einfach nur Mensen gebaut wurden, dann könne man es direkt vergessen. Das Video (51 min.) ist übrigens sehenswert, da es viele der aktuell diskutierten Punkte zur Umsetzung des DigitalPakt#D anspricht.

5 Mrd. € ist eine Menge Geld. Wie einige ausgerechnet haben, ist es dann auf die einzelne Schule gerechnet doch nicht so viel und dann ist ja noch die Frage, wie viel tatsächlich vor Ort ankommen wird. In der Industrie reibt man sich sicher schon die Hände. Wie es scheint, waren ja auch Experten aus diversen Stiftungen an der Erarbeitung des Programms nicht unwesentlich beteiligt.

Das DigitalPakt#D Programm soll zwar erst 2017 starten, doch schon bringen sich die verschiedenen Player in Position. Claims sind abzustecken. Wer kann was und wer soll was? Zuständigkeiten werden im Konzept zwar angesprochen, müssen für die Praxis jedoch noch genau ausgelotet werden. Der Bund, die Länder, die Kommunen, die Schulen, es ist ein weites Feld. Absprachen sind erforderlich, über Ländergrenzen hinaus. So sollen sich die Länder „auf ländergemeinsame technische Standards“ verpflichten. NRW ist gerade dabei Logineo NRW zu installieren. Das ist ein Standard, von dem noch nicht einmal sicher ist, ob sich die Schulen und Schulträger in NRW darauf einlassen werden, und nun soll ein ländergemeinsamer Standard her. In Hamburg nutzt man auch Logineo, doch kann NRW diesen Standard länderübergreifend einbringen? Auch das Hasso Plattner Institut scheint schon in Position mit der School-Cloud. Mit einem Pilot-Forschungsvorhaben hat man sich bereits versucht, einen vorderen Platz zu sichern. Es werden aber auch andere Player aus der Industrie nicht untätig warten, denn es lockt die Aussicht auf große Aufträge. Microsoft, Bertelsmann, die Schulbuchverlage, Plattformbetreiber, Hardwarehersteller, alle wollen dabei sein. 5 Mrd. auf 5 Jahre und damit wird es nicht enden, denn Hardware muss aktualisiert werden, Lizenzen für Software und Inhalte laufen nicht ewig. Wenn DigitalPakt#D funktioniert, dann zieht das Folgekosten hinter sich her, über die sich jetzt noch keiner Gedanken macht. Bildung kostet Geld und billiger als aktuell wird es ziemlich sicher nicht werden, eher teurer.

Es wird definitiv spannend werden. Schulen sollen ein überzeugendes Konzept vorlegen. Dieses ist Voraussetzung für die Förderung. Alternativ kann es auch ein Konzept des Schulträgers sein. Und damit nicht „einzelne Schulen mit der Erstellung eines Medienentwicklungskonzeptes überlastet sind,“ ist es möglich, dass die Schulträger ein Konzept entwickeln und entsprechend sinnvolle zentralisierte Strukturen aufbauen, die dann gefördert werden. (Wenn ich da an meinen Schulträger denke, dann wird man dort direkt für die Schulen entscheiden und den Schulen eine Struktur überstülpen.) Entsprechend bringt sich deshalb in NRW die Medienberatung in Position. Zu Gute Schule 2020 kommt nun noch der DigitalPakt#D hinzu. Schulen und Schulträger sind zu beraten, eine Herkulesaufgabe, die da auf die Medienberaterinnen und -berater zukommt. In anderen Bundesländer wird es bei den entsprechenden Institutionen ähnlich sein. Da sich viele Schulen bisher noch nicht auf den Weg gemacht haben und nicht mehr vorweisen können als PC-Räume, Medienecken, ein paar interaktive Whiteboards, ein wenig Schulung zum Handling von Office Anwendungen und Prävention, mit Medienkonzepten, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind, ist der Beratungsbedarf entsprechend hoch. Wer etwas abhaben will vom Kuchen, muss ein Konzept vorlegen können „zur Umsetzung digitaler Bildung auf Basis vorab festgelegter Kriterien.“ (Welche Kriterien dieses sind, wer sie festlegt und wer die Einhaltung prüft, ist scheinbar noch offen.)

Wie der DigitalPakt#D bei den Schulen selbst ankommen wird, muss man sehen. Ich vermute mal, die armen Lehrerinnen und Lehrer, von denen sich viele gerade in den wohlverdienten Herbstferien befinden, sehen eine riesige Lawine auf sich zu rollen, eine Lawine, deren Dimensionen sich nicht abschätzen lassen für den Einzelnen. Viele Schulen konnten sich dem Wandel bisher entziehen. Auf die altbewährte Art und Weise ging es ja auch noch immer. Diese Zeiten werden nun endgültig vorbei sein schätze ich. Sich dem Sog der digitalen Welt zu entziehen, wird nicht länger gelingen. Die Digger schnüren ihre Ranzen, packen die Werkzeuge und beladen die Wagen. Sie sind bereit, ihre Pfosten einzuschlagen und ihre Claims abzustecken, in jeder Schule, an jedem Arbeitsplatz, in jedem Klassenzimmer, in jeder Schultasche. Es riecht nach Gold …

 

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#chat16 – Nachlese – Teil 1 – MIFD

Posted in Individuelle Förderung, Schulentwicklung, Tools by damianduchamps on Oktober 9, 2016

Nachdem ich mir einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten gegeben hatte, war ich tatsächlich auch meiner Höhle gekommen und hatte mich aus dem südlichen Sauerland auf den Weg nach Hattingen gemacht. Es hat sich gelohnt, wie ich finde. Hier meine Nachlese.

MIFD (Modell individuelle Förderung digital)

Diese Session war für mich persönlich der größte Gewinn, da das Modell, welches Jan Hambusch (@teachham) und Tobias Rodemerk (@integrate2learn) vorstellten, mich bei meiner Arbeit ein ganzes Stück weiterbringen wird.

Infos über das Modell und einen Download des Posters mit dem Modell gibt es unter integrate2learn.de.

Gemäß der Vorgabe:

Frage nicht, „Welche App kann ich in Mathe verwenden?“ Frage: „Wie kann ich meinen Unterricht mit Tablets verändern?“

entstand ein Modell mit drei zentralen Handlungsfeldern für die individuelle Förderung mit digitalen Tools. Eine Grundlage bei der Erarbeitung des Modells war die Hattie Studie, worin die Wirksamkeit verschiedener Faktoren für das Gelingen von gutem Unterricht untersucht wurde. Die drei zentralen Elemente guten Unterrichts sind demnach die Klassenführung, die Diagnose und die Lernzeitgestaltung. Jedem dieser Elemente ist im Modell eine Handlungsebene untergeordnet mit jeweils drei Elementen, die um ihre Effektivität nach John Hattie ergänzt sind. Der Handlungsebene sind jeweils in einem weiteren Ring Eigenschaften von Apps zugeordnet und was diese zur Umsetzung der Handlungen auf der Handlungsebene beitragen können. Auf der äußersten Ebene, dem äußeren Ring, werden dann Apps aufgeführt, welche diese Eigenschaften haben. Berücksichtigt wurde bei der Auswahl der Apps auch das Kriterium Datenschutz. Über Ringe um die Apps in grün, gelb und rot wird markiert, ob sich die Apps in Bezug auf Datenschutz der Schüler ohne Bedenken einsetzen lassen, nur mit Einschränkungen oder ob die Risiken vielleicht zu hoch sein könnten.

Die Vorstellung des Modells beschränkte sich nicht auf dieses selbst, sondern wurde mit praktischen Beispielen fortgeführt. Am Beispiel verschiedener Apps/Online Tools wurde das Modell in Ausschnitten beleuchtet.

Ein Beispiel war etwa no red ink, welches Jan Hambusch im Englischunterricht am Berufskolleg einsetzt. Vorgestellt wurde auch formative als eine Möglichkeit für Lehrer, unmittelbares Feedback zu einer Aufgabe zu geben, während die Schüler daran arbeiten. Das Schöne dabei ist, dass der Lehrer die Arbeit aller Schüler direkt im Blick hat und sofort Unterstützung anbieten kann. Ein Tool wie dieses könnte Lehrer dazu verleiten, direkt Druck auf Schüler auszuüben, wenn diese nicht sofort mit der Arbeit beginnen oder eine Zeit lang nichts tun. Klar, dass dieses keine zuträgliche Idee wäre.

In seinem Englischunterricht lässt Jan Hambusch auch Videos erstellen. Hier nutzt er dann Coach’s eye Feedback durch eine direkte Annotierung im Video zu geben. Dieses sei deutlich effektiver als ein Feedback im Anschluss, da man so die Rückmeldung direkt an der Stelle gibt, wo sie inhaltlich hingehört.

Ein Beispiel für Audiofeedback am Beispiel Englischunterricht gab es ebenfalls. Schüler hatten den Auftrag, etwas zu sprechen und dieses aufzunehmen. Feedback erhalten sie durch ihre Mitschüler, mit denen sie ihre Aufnahme teilen, ebenfalls im Audioformat. Dieses sei sehr effektiv, meinte Jan Hambusch, da Schüler sehr wohl in der Lage seien, Fehler bei ihren Mitschülern zu erkennen. Die im Beispiel genutzte App war eine iPad App, Opinion Podcast, die eigentlich für das Erstellen von Podcasts gedacht ist. Sie bietet aber auch die Möglichkeit, Aufnahmen zu teilen. Das Verfahren ist auch mit anderen Apps möglich, solange sie eine Funktion haben, die eine Weitergabe der Aufnahme an andere erlaubt.

MIFD, das Modell individuelle Förderung digital, stellt für mich das erste umfassende und sachlich fundierte Konzept dar, individuelle Förderung in der Schule mit digitalen Möglichkeiten systematisch zu integrieren. Die Möglichkeiten, die sich für Unterricht bieten, sind enorm, und wer nach dem berühmten Mehrwert des Einsatzes von digitalen Tools im Unterricht sucht, der muss blind sein oder ideologisch völlig anti digital verbohrt, wenn er/sie ihn hier nicht erkennt.

Mir wird das Modell nicht nur bei der Weiterentwicklung meines eigenen Unterrichts wertvolle Anregungen bieten, sondern auch bei meinen zukünftigen Beratungen  von Schulen und Fortbildungen von Lehrern eine wichtige Rolle spielen.

Weitere Lektüre: MIFD in der Praxis: Diagnose und Selbsteinschätzung