Damian Duchamps' Blog

Die 4 Cs & Fake News

Posted in Kompetenzen, Medienwelt by damianduchamps on März 13, 2017

Spätestens seit dem Präsidentschaftswahlkampf der USA im Jahr 2016 ist Fake News ein Thema, das in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist, auch in Schule. Sachlich falsche Informationen waren schon immer ein Thema, seit Schülerinnen und Schüler das Internet nutzen, um sich zu informieren. Neuer ist nur, dass jetzt auch vermehrt und sehr gezielt Nachrichten von einzelnen Personen, ideologischen Gruppierungen, Parteien und auch Staaten gezielt über das Internet verbreitet werden.

Die Herausforderung für die Nutzer des Internets und auch anderer Medien, über welche falsche Informationen verbreitet werden, ist die gleiche wie zuvor. Wie erkennt man sie?

Hier kommt die Medienkompetenz ins Spiel und eine 4 Cs (Critical Thinking, Communication, Collaboration, Creativity), der Kernkomptenzen unserer Zeit. Es geht um das Kritische Denken.

IFLA, die Internationale Vereinigung bibliothekarischer Verbände und Einrichtungen, nahm die Diskussion über fake news zum Anlass, eine Schritt-für-Schritt Anleitung zu erstellen, wie man fake news erkennen kann. Grundlage dafür war der Artikel How to Spot Fake News von FactCheck.org vom November 2016. Die acht Schritte sollten meiner Meinung nach jeder Schülerin und jedem Schüler  bekannt sein. Anknüpfungspunkte gibt es im Unterricht vieler Fächer, ob es um Kreationisten geht, Holocaust Leugner, Menschen, die an Chemtrails glauben, um Propaganda, Produktrezensionen, Werbung und vieles mehr. Alles ist auch im Internet vertreten, auf eigenen Webseiten oder auch nur bei Facebook.

Die Grafik von IFLA kann in verschiedenen Sprachen über How To Spot Fake News als PDF und JPEG heruntergeladen werden. Sie ist unter Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0 ) lizenziert (siehe auch IFLA Urheberrecht).

german_-_how_to_spot_fake_news

Tagged with:

Sie verstehen kaum, was sie lesen oder hören

Posted in Hauptschule, Kompetenzen, Uncategorized by damianduchamps on Februar 5, 2017

An meiner Schule wurden 2016 letztmalig die Lernstandserhebungen Klasse 8 durchgeführt, letztmalig da die Hauptschule ausläuft. Die Ergebnisse für meinen Englisch Grundkurs waren bescheiden. Sie lagen beim Leseverstehen komplett im Niveau 1 und 2. Auch das Hörverstehen war vergleichbar bescheiden. Im Parallelkurs gab es zumindest noch einige wenige Schüler im Niveau 3.

Verglichen mit dem Landesdurchschnitt für die Schulform und den entsprechenden Standorttyp 1 waren diese Ergebnisse jedoch nicht deutlich abweichend. Warum aber, so fragt man sich, ist das Niveau so gering? Warum ist es an meiner Schule so gering und warum ist es auch an vergleichbaren Schulen nicht besser?

Da mir auch die Ergebnisse für das Leseverstehen Deutsch vorlagen, verglich ich diese mit denen von Englisch. Die Ergebnisse in Deutsch umfassen die gesamte Klasse, die meines Grundkurses nur einen Teil der Klasse. Nicht überraschend ist zunächst die Beobachtung, dass sich die Ergebnisse im Leseverstehen der beiden Grundkurse Englisch im Fach Deutsch der jeweiligen Klassen widerspiegeln.

leseverstehen

Mit großer Wahrscheinlichkeit rekrutieren sich die Schüler meines Grundkurs Englisch eher aus denen, die auch in Deutsch im Leseverstehen lediglich Niveau 1 und 2 erreichten (siehe Grafik). Schüler, die schon nicht in der Lage sind, einen deutschen Text lesend mehr als oberflächlich zu verstehen, werden dieses auch bei der englischen Sprache nicht besser können. Liegt eigentlich nahe. Entsprechendes ist für das Hörverstehen zu vermuten, welches in Deutsch nicht getestet wurde.

Das Leseverstehen (Englisch) meiner Schüler und von Schülern an Schulen mit gleichem Standorttyp und an der Schulform insgesamt ist erstaunlich gering. Mit dem Auffinden einfacher Informationen an der Textoberfläche haben die Schülerinnen und Schüler wenig Probleme und auch das Auffinden von Informationen, die in der Aufgabenstellung etwas anders formuliert sind als im Text, klappt noch so einigermaßen. Darüber hinaus geht aber kaum etwas.

Dass meine Schüler in Englisch sehr schwach sind, das wusste ich schon vor der Lernstandserhebung, und ich kenne auch einen Teil der Ursachen. Auch im Unterricht und den Leistungsüberprüfungen zeigte sich das geringe Lese- und Hörverstehen immer wieder deutlich. Sehr überrascht hat mich jedoch das insgesamt geringe Niveau des Leseverstehens in Deutsch. Zwei Drittel der Schüler schaffen nicht mehr als Niveau 2 – Einfaches Verstehen: „Schülerinnen und Schüler können wesentliche Gedanken eines Textes verstehen und Informationen einander zuordnen.“ Sie sind jedoch nicht in der Lage, aus dem Gelesenen Schlüsse zu ziehen, zwischen den Zeilen zu lesen oder einen Text differenziert zu deuten. Und das gilt nicht nur für meine Schule, sondern auch darüber hinaus für Schulform und den Standorttyp.

deutsch-lesen

Diese Ergebnisse gelten für den Standorttyp der Stufe 1. Das ist noch der günstigste Standorttyp, hier ist die Welt noch relativ in Ordnung.

Standorttyp der Stufe 1

  • Unter 5% der Schülerinnen und Schüler haben – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit – einen Migrationshintergrund.
  • Unter 5% der Schülerinnen und Schüler bekommen Sozialgeld nach SGB II oder kommen aus Familien, die den gesetzlich geregelten Eigenanteil im Rahmen der Lernmittelfreiheit nicht aufbringen können und zur Unterstützung Sozialhilfe nach SGB XII erhalten.
  • Für die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler gilt, dass die elterliche Wohnung in einem Wohngebiet liegt,
    • dessen Einwohnerinnen und Einwohner ein hohes Einkommen aufweisen, o in dem der Anteil der Empfängerinnen und Empfänger von SGB II Leistungen sehr gering ist,
    • welches einen sehr niedrigen Ausländeranteil aufweist,
    • welches einen sehr niedrigen Arbeitslosenanteil aufweist.
  • Die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler stammt aus einem Wohnumfeld mit einem hohen Wohnwert.

Quelle: Deskriptive Beschreibung der Standorttypen von Schulen bei den Lernstandserhebungen in Nordrhein-Westfalen.pdf

Man fragt sich nun, wie die Ergebnisse der Lernstandserhebung bei den anderen, ungünstigeren Standorttypen ausfallen werden, besser sicher nicht.

Das geringe Leseverstehen, welches die Lernstandserhebung Deutsch den Schülern der Klasse 8 attestiert, wird sich nach meinen Erfahrungen auch in den verbleibenden Jahren an der Schule bei den wenigsten merkenswert verbessern. Es beeinträchtigt so die gesamte Schullaufbahn dieser Schüler. Immer wenn es um schriftliche Aufgabenstellungen und Anweisungen geht oder wenn Informationen aus Texten entnommen werden sollen, werden diese Schüler deutliche Probleme haben, Probleme, weil sie nur unzureichend verstehen, worum es geht. Selbst in der Fremdsprache Englisch schlägt sich dieses nieder, noch einmal zusätzlich beeinträchtigt durch unzureichend verfügbares Vokabular. Vielen wird diese Beeinträchtigung nicht einmal bewusst sein, da das Gehirn so etwas einfach ausblendet oder kompensiert.

Doch hier hört es leider nicht auf. Diese jungen Menschen, die meiner Schule im günstigen Umfeld und die vielen anderen aus weniger günstigen Standorttypen mit wohl noch geringerem (Hör- und) Leseverstehen werden bald in die Gesellschaft entlassen. Dort müssen sie ein Leben lang mit ihrem geringen Leseverstehen zurecht kommen, wenn sie am Arbeitsplatz sind, wenn sie Verträge für Käufe oder Versicherungen unterschreiben, wenn sie sich über etwas informieren wollen und ähnlich. Und wenn ich an die parteipolitische Landschaft unseres Landes denke, dann werden sie Parteien begegnen, die mit Parolen in einer einfachen, griffigen Sprache daher kommen, genau wie für sie gemacht, eine Sprache, die auch sie verstehen, eine Sprache auf Niveaustufe 1.

Wer ihnen dann in Zeitungen, Magazinen, Talkrunden oder anderen textlastigen Formaten erklären und ausführlich auseinandersetzen möchte, warum diese Parteien vielleicht nicht so gut sind, polarisieren wollen, ein einseitiges Menschenbild zeichnen und ähnlich, wird sie nicht erreichen, denn sie werden kaum verstehen, was sie da lesen oder hören.

Vielleicht ist das jetzt ein sehr einfach gezeichnetes Bild. Es ist auch nicht neu, dass Schule viele junge Menschen nur unzureichend auf das Leben vorbereitet entlässt. Mir war es jedoch, angeknüpft an die Ergebnisse der LSE 8 meiner Schule, noch einmal ein Anlass zum Nachdenken über die Tragweite dieser Versäumnisse des Systems Schule.

Warum Trump ein Argument für den digitalen Wandel in Schule ist

Posted in Kompetenzen, Medienwelt, Uncategorized by damianduchamps on November 9, 2016

Mit den Möglichkeiten sozialer Medien haben viele Menschen sehr viele Hoffnungen für die Demokratisierung der Welt verbunden. Das Internet demokratisiert die Medien und gibt jedem eine Stimme. An vielen Stellen hat man in den letzten Jahren gesehen, wie die sozialen Medien politische Bewegungen unterstützt und vorangetrieben haben. Der arabische Frühling ist ein Beispiel dafür. Die Türkei und ihre Unterdrückung der sozialen Medien ist ein anderes Beispiel für die Wirkungskraft von Twitter, Facebook, WhatsApp und ähnlich.
Bei der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten hat sich im Wahlkampf jedoch noch eine gänzlich andere Seite des Potenzials der sozialen Medien gezeigt. Wie kein anderer Präsidentschaftskandidat zuvor, verstand es Donald Trump, die sozialen Medien zu instrumentalisieren, für seine Zwecke. Die großen Medien, Fernsehsender und angesehene Tageszeitungen waren bisher für viele Menschen Instanzen verlässlicher Informationen, ähnlich wie Institutionen der Regierung, Behörden und Ministerien. In seinem Wahlkampf führte Trump ein Feldzug gegen diese Medien und Institutionen und sprach ihnen jegliche Glaubwürdigkeit ab. Was nicht wahr sein soll, kann nicht wahr sein. Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Das Establishment, so suggerierte Donald Trump, habe sich gemeinsam mit seiner Gegnerin gegen ihn verschworen und würde die Wahrheit aus diesem Grund manipulieren. Infolge glauben viele seiner Anhänger bisherigen traditionellen Quellen verlässlicher Berichterstattung und Information nicht länger. Sie begaben sich in die Trump Filterblase und bezogen ihre Informationen und die Trump Version von Wahrheit vor allem aus den sozialen Netzwerken, denen sie mehr Vertrauen und Glauben schenkten.

Welche Schlussfolgerungen muss man daraus für Schule und Bildung ziehen? Für mich ist ganz klar, der digitale Wandel sollte möglichst schnell in Schule kommen, um unsere Schülerinnen und Schüler als zukünftige Bürger und Wähler fit zu machen für die Herausforderungen einer Zukunft, in welcher es zunehmend wichtig wird, Fakt von Fiktion zu unterscheiden. Ganz zentral ist dabei die Vermittlung der 21st Century Skills, der 4 Cs, Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und im aktuellen Zusammenhang von besonderer Bedeutung, Kritik.

Schon jetzt kann man auch in Deutschland sehr gut verfolgen, wie Verschwörungstheorien ihre Kreise ziehen. Auf Facebook ist das sehr einfach. Gerüchte über Chemtrails, nicht zugelassene Martinsumzüge, übermäßige finanzielle Bevorzugung von Flüchtlingen und ähnlich machen die Runde. Für mich erschreckend, es sind in meinem Umfeld auf Facebook auch immer wieder ehemalige Schülerinnen und Schüler meine Hauptschule dabei. Es ist erschreckend, was für Dinge da umhinterfragt übernommen und weiterverbreitet werden.

Nur über Bildung und die Schulen kann unsere Gesellschaft die nachwachsenden Generationen stark machen, zukünftige Desinformationskampagnen und Manipulation von Informationen zu erkennen. Schüler müssen lernen, Informationen zu hinterfragen, andere Quellen zu finden, sei es von anderen Parteien oder gesellschaftlichen Gruppierungen oder auch von Nachrichtenorganen und Institutionen aus dem Ausland. Die Briten wären nicht hereingefallen auf die Behauptungen der Brexit Befürworter hätten sie diese hinterfragt und über andere Informationsquellen validiert.

Trump und Brexit machen mehr als deutlich, dass es höchste Zeit ist, dass Schule sich der Herausforderung stellt, und das ist nur möglich, wenn Schule den digitalen Wandel aktiv gestaltet und Verantwortung übernimmt. Das bedeutet auch, aus der Politik muss alle Unterstützung gegeben werden, dass   dieses gelingen kann, beginnend bei der Infrastruktur und endend bei der Qualifizierung des Personals. Unsere großen Parteien sollte ein natürliches Interesse daran haben, wollen sie nicht Gefahr laufen, irgendwann von einem ignoranten Aufschneider wie Trump ins politische Abseits gedrängt zu werden.

Padlet – das digitale Einsteigertool für Lehrer

Posted in Kompetenzen, Tools by damianduchamps on September 4, 2016

marienkaefer-padlet

Padlet ist eines der einfachsten und genialsten Tools, welche das Internet aktuell für den Unterricht zu bieten hat. Es ist eigentlich nichts anderes als eine Pinnwand, an welcher Inhalte ähnlich wie Haftnotizen gesammelt werden können. Was mir daran besonders gut gefällt, sind vier Dinge:

  • Vielseitigkeit
  • Plattformunabhängigkeit
  • einfachste Nutzung für Schüler wie Lehrer
  • deutsche Sprache

Selbst begegnete ich Padlet, damals noch Wallwisher, erstmals 2010. Ich fand es so ansprechend, dass ich es direkt mit einer Klasse 5 im Englischunterricht nutzte, um Vokabeln zu sammeln. Jeder bekam den Link und alle legten los. Es klappte gut. Leider ging es nur im PC-Raum und das war mir zu aufwändig. Dieses Schuljahr (nach drei Jahren ohne Schule) kam Padlet bei mir erstmals wirklich umfangreich im Unterricht mit Tablets und Smartphones zum Einsatz, um als Lehrer Inhalte bereitzustellen und für meine Schüler um Ergebnisse einer Gruppenarbeit zu sammeln und darzustellen. Das funktionierte sehr gut.

Padlet, ein Tool für Einsteiger

Wo Tablets, Smartphones, Laptops oder anderer Geräte mit Internetzugang in den Unterricht integriert sind, ist Padlet in der Regel bekannt und ein Werkzeug unter vielen. Aber aller Anfang ist schwer. Die Hürden erscheinen interessierten Lehrern oft höher als sie tatsächlich sind. Gerade für erste Gehversuche im Unterricht mit digitalen Tools braucht es Werkzeuge, die sehr einfach zu nutzen sind und keine Vorkenntnisse benötigen. Padlet ist ein solches Tool. Deshalb steht es bei meinen Fortbildungen immer ganz vorne.

Das digitale Plakat plus

Plakate, diese unhandlichen großen Papiere, mochte ich im Unterricht noch nie. Als Lehrer muss man sie erst einmal besorgen, schleppt sie dann herum, ist darauf angewiesen, dass die Schüler auch Schere, Kleber und Marker dabei haben und Material, aus welchem ausgeschnitten werden kann. Meist fehlt wieder einmal irgend etwas. Und anschließend hängen sie vielleicht irgendwo bevor sie letztendlich im Müll enden. Selbst habe ich wegen dieser organisatorischen Hürden auf den Einsatz von Plakaten im Unterricht weitestgehend verzichtet. Referendare sehe ich aber noch immer regelmäßig damit auf dem Weg in die nächste Unterrichtsstunde. Mindestens eine Vorführstunde zeigt einen „Museumsrundgang“.

Enter Padlet

Dank Padlet geht es nun einfacher, denn Padlet ist Plakat + Schere + Kleber + Marker in einem und das Rohmaterial für das Ausschneiden und „Aufkleben“ liefert das Internet. Vorbei sind die Tage, wo ein Schüler wieder einmal etwas vergessen hat und nicht mitmachen kann. Vergessen wird allenfalls noch der Link zum Padlet, doch den hat ja der Lehrer. Nichts liegt herum, verknickt und verstaubt und landet spätestens zum Schuljahresende im Mülleimer. Als Zugabe können auf diesem digitalen Poster auch noch Filme, Audioaufnahmen, zusätzliche Dokumente und Links zu anderen Inhalten im Internet hinzugefügt werden. Und Freunde und Familien der Schüler können sich das Werk zum Schluss über einen Link auch noch ansehen. Tada!

Plattformunabhängig

Minimalanforderung für die Nutzung von Padlet ist ein Internetzugang und ein Browser. Das geht auf jedem Gerät. Für iOS und Android gibt es Apps, über die Padlets aufgerufen und bearbeitet werden können. Ein integrierter QR Code Scanner erlaubt es, Padlets direkt über ihren QR Code im App zu öffnen. Die Bedienung über Touch ist einfach. Doppelt tippen öffnet ein neues Pad oder ein bestehendes für die Bearbeitung. Auch für Chrome OS ist eine Erweiterung verfügbar. Padlets können sehr groß werden. Solange nur kleine Texte eingegeben werden oder ein Bild eingefügt wird, kommt man mit einem Smartphone oder 7“ Tablet aus. Wird ein Padlet umfangreicher, muss ein größerer Bildschirm her.

Benötigtes Vorwissen

Wer einen Browser bedienen kann und des Lesens mächtig ist, kann Padlet. Punkt!

Einfach, einfacher, am einfachsten

Die Bedienung von Padlet ist sehr einfach. Man kann mit „Neues Padlet“ direkt loslegen und die Sache ausprobieren. Ein Assistent führt gut erklärend durch die ersten Schritte: Name, Beschreibung, Layout, Hintergrund und Freigabe. Selbst Mitbenutzer sind ohne Anmeldung möglich, wenn die Standardeinstellungen gewählt werden und die Mitbenutzer (Schüler) den Link erhalten. Direkt vom ersten Padlet aus ist anschließend eine Registrierung möglich, um das Padlet dauerhaft zu sichern. Einmal registriert lassen sich nach Bedarf weitere Padlets anlegen. Beim Benutzen erschließen sich weitere Funktionen recht gut von alleine, etwa dass man Text im Padlet auch formatieren, verlinken und in Listen strukturieren kann.

Doppelklick/+ und loslegen

Neue Pads also Inhaltsfelder werden per Doppelklick oder über das Plus-Zeichen unten rechts erstellt und können dann mit Inhalten gefüllt werden. Inhalte wie Webseiten, Bilder, Videos, Lieder, Dokumente und ähnlich lassen sich per Link einfügen. Fotos, Videos, Audiodateien und Dokumente lassen sich auch hochladen. Jedes Pad kann mit einer Überschrift versehen werden und Text aufnehmen. Text kann formatiert werden, wenn man ihn markiert. Durch Ziehen lassen Pads sich in Größe und Form verändern. Mit Doppelklick auf ein Pad lässt es sich erneut bearbeiten oder löschen.

Multi-User

Padlet ist das ideale Werkzeug für kollaboratives Arbeiten. Wer über den Link verfügt, kann je nach Einstellung schreiben oder moderieren. Schreiben bedeutet für den einzelnen User, dass nur selbst erstellte Pads bearbeitet werden können. Moderieren erlaubt auch das Bearbeiten fremder Pads im Padlet.

Einsatzbeispiele

Padlet ist im Mehrnutzer Einsatz vielfältig zu verwenden. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

  • Schüler erarbeiten ein Thema in Gruppen. Nach der Vorbereitung werden die gesammelten Ergebnisse in Form eines Padlet zusammengestellt, ähnlich wie auf einem Plakat. (Laptop, PC, Tablet größer 7“)
  • Brainstorming für ein Thema. Alle Schüler der Klasse erhalten den Link und können ihre Beiträge einstellen. (Smartphone geeignet)
  • Elfchen oder Haikus gesammelt veröffentlichen. Link/QR Code ins Heft kleben. (Smartphone geeignet)
  • Argumente für eine Erörterung sammeln, eine Seite pro, andere contra. (Smartphone geeignet)
  • LdL – Schüler unterrichten andere Schüler. Sie arbeiten im Team und bereiten ergänzendes Material für eine kleine Unterrichtseinheit in einem Padlet vor. (Laptop, PC, Tablet größer 7“)
  • Von der letzten Klassenfahrt. Ausgewählte Bilder werden mit kleinen Texten von jedem Schüler beigesteuert. (Smartphone geeignet)
  • Ergebnisse eines Kunstprojektes. Jeder Schüler fotografiert sein Bild mit einem Smartphone oder Tablet und lädt es mit einem kleinen Text ins Padlet. (Smartphone geeignet)
  • Planung einer Klassenfahrt. Wenn das Ziel steht, kann in einem Padlet das Programm vor Ort geplant und dargestellt werden, mit Bildern, Informationen, Links und Karten. (Laptop, PC, Tablet größer 7“)
  • Da die einzelnen Pads sich auch verschieben lassen, kann von Schülern in Gruppen ein vorgefertigtes Padlet gemeinsam sortiert werden: Wortgruppen, Verben regelmäßig/unregelmäßig, Oberbegriffe/ Unterbegriffe, … (Laptop, PC, Tablet größer 7“)
  • In einem Padlet wird ein Inhalt (Film, Text, Bild) eingebunden und mit einer Aufgabe versehen. Das Padlet wird in Anzahl der Schülergruppen dupliziert und den Gruppen zugeteilt. Diese bearbeiten dann die Aufgabenstellung. Nach Abschluss wird das Padlet durch Umstellen auf „kann lesen“ für die Bearbeitung gesperrt. Die Gruppen vergleichen nun ihre Ergebnisse. Auch ein Museumsrundgang könnte sich anschließen.
  • Im Kunstunterricht wurden Skulpturen erstellt. Schüler fotografieren ihre Skulptur und stellen das Foto mit einer Erklärung in ein Padlet der Kunstgruppe. (Smartphone geeignet)

Einzelnutzer

Padlet ist auch für einzelne Nutzer interessant. Da es kein Vorwissen braucht, bekommt hier jeder Lehrer die Möglichkeit, auf einfachste Art eine kleine Webseite zu erstellen. Aber auch Schüler können ihr Padlet erstellen.

Einsatzbeispiele

Immer wenn eine schnelle, einfache Webseite benötigt wird, ist man mit Padlet gut aufgehoben, um Inhalte ins Netz zu stellen.

  • Es geht mal eine Runde in den PC Raum. Über das Padlets werden Links mit Recherchenaufträgen weitergegeben. Der Link zum Padlet kann über einen Dienst wie bit.ly verkürzt werden
  • Für den Einstieg in ein neues Thema wird eine Seite mit Informationen vorbereitet.
  • Ein Padlet wird als zentrale Seite für eine Unterrichtsreihe angelegt mit Links zu anderen Webseiten, Links zu Schüler Padlets, …
  • Über ein Padlet werden Materialien, z.B. Arbeitsblätter zum Ansehen und Herunterladen für die Schüler bereitgestellt.
  • Ein Padlet wird als einfaches Blog genutzt.

Padlet motiviert

Da man mit Padlet leicht ein Publikum außerhalb der Schule erreichen kann, ist die Motivation bei vielen Schülern größer. Sie können anderen zeigen, was sie in der Schule machen, der Familie und den Freunden. Über einen Link kann das Padlet in die Schulhomepage eingebunden werden. Tipp: vor der Veröffentlichung sollte das Padlet schreibgeschützt werden.

Die Nutzung  von Padlet macht kompetent

Als Werkzeug ist Padlet eben mehr als ein Plakat aus Papier. In seiner einfachsten Nutzung kann es ein Plakat 1:1 in seiner Funktion ersetzen. Aber damit hört es nicht auf. Plakate sind statisch. Ein Padlet kann Filme und Animationen aufnehmen und Links zu anderen Webseiten. Außerdem kann ein Padlet leicht über den Klassenraum hinaus gezeigt werden. Hier sind die Möglichkeiten gegenüber dem Plakat deutlich erweitert (aus Sicht von Unterrichtenden: im SAMR Modell auf der Stufe Augmentation).

So wenig wie es beim Plakat nur darum geht, mit Schere, Kleber und Marker umgehen zu können, so wenig steht bei Padlet das Handling im Mittelpunkt. Sicher muss auch dieses eingeübt werden, doch im Vordergrund steht bei der Nutzung von Padlet im Unterricht je nach Thema die Darstellung von Inhalten und ihren Zusammenhängen, die Organisation der Arbeit im Team und die Absprache über die Inhalte und gemeinsame Standards der Darstellung, die Weitergabe von erarbeiteten Ergebnissen an andere innerhalb der Lerngruppe oder über sie hinaus in die Öffentlichkeit des Internets und mehr.

Schüler nutzen Padlet

Bei der Arbeit mit Plakaten kommen oft nur die zum Zuge, die eine schöne Handschrift haben oder gut zeichnen können. Padlet bietet auch grobmotorischen oder zurückhaltenden Schülern eine Möglichkeit, sich in die Teamarbeit einzubringen. Digital schreiben alle schön und der digitale Raum bietet der Kreativität bei der Gestaltung größere Freiräume.

Für Schüler kann Padlet ein erster Einstieg in die Arbeit mit Webseiten sein, da die grundlegenden Möglichkeiten der Einbindung von Inhalten sehr ähnlich sind. Schüler, die mit Padlet umgehen können, sind auch in der Lage, einen Beitrag in einem Blog zu schreiben und mit Links, Bildern, Videos etc. zu versehen. In der gemeinsamen Arbeit an einem Padlet üben Schüler zudem die nötigen sozialen Kompetenzen ein, welche erforderlich sind, ein gemeinsames Projekt zu erstellen. Ohne Regeln und Absprachen wird es nicht gehen. Anders als beim Plakat, wo meist nur einer arbeiten kann, können hier in einer Gruppe wirklich alle gleichzeitig arbeiten. Soll das Padlet veröffentlicht werden, so dass es auch über Google zu finden ist, bietet Padlet einen guten Anlass, sich mit dem Thema Urheberrecht und Creative Commons auseinanderzusetzen.

Lehrer nutzen Padlet

Lehrern bietet sich Padlet als ein Instrument an, mit welchem sie erste Gehversuche machen können beim Einsatz eines digitalen online basierten Tools zur Gestaltung ihres Unterrichtes. Sie werden dabei merken, dass Padlet gegenüber dem Plakat weitaus mehr Möglichkeiten bietet und selbst neue Lernanlässe bietet. Wer mit Padlet positive Erfahrungen sammelt, und das wird man, wird Zutrauen gewinnen, neugierig werden und sich auch nach anderen digitalen Tools umsehen.

Vor dem ersten Unterrichtseinsatz

Bevor man als Lehrer Padlet (oder andere digitale Werkzeuge) im Unterricht einsetzt, sollte man sich zunächst im Klaren sein, was man damit erreichen möchte. Es geht um Unterrichtsentwicklung. Padlet ist natürlich auch ein Lerngegenstand aber nur nachgeordnet. Welche Lerngelegenheiten möchte ich durch den Einsatz von Padlet im Unterricht für meine Schüler ermöglichen? Außerdem sollte man sich selbst ausreichend vertraut gemacht haben mit Padlet. Erschließen sie sich selbst Inhalte mit einem Padlet, nutzen sie es selbst zum Lernen, bereiten sie damit ein Thema auf. Mit dieser Erfahrung können sie abschätzen, welche Anforderungen Padlet an ihre Schüler stellt und welche Möglichkeiten es ihnen bietet, Lernprozesse zu gestalten, welche Lerngelegenheiten es ihnen erschließt. Nutzen sie Padlet gemeinsam mit Kollegen einer Fachkonferenz, um ihr schulinternes Curriculum weiterzuentwickeln oder ein neues Themenfeld gemeinsam aufzubereiten. So erfahren sie die Möglichkeiten kollaborativen Arbeitens mit Padlet selbst und können sie anschließend ihren Schülern vermitteln.

Lehrerfortbildung ohne ICT geht gar nicht

Posted in Alltag, Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on August 15, 2016

In einem Video mit Will Richardson – TTT#342 Why School? with Will Richardson – in dem es auch um seine Schrift „Why School?“ geht, äußert er einen Gedanken, den ich sehr wichtig finde, wenn man sich mit dem Einsatz digitaler Endgeräte wie Tablets im Unterricht auseinandersetzt. Lehrer, so fordert er, müssten sich erst einmal für ein oder zwei Jahre selbst als Lernende vertraut machen mit den Geräten und Möglichkeiten, bevor sie diese im Unterricht einsetzen und Schülern in die Hand geben. Lehrer müssten selbst damit vertraut sein, sicher damit umgehen können und sie kompetent als Werkzeuge in ihrem eignen Lernen einsetzen können. Wenn der Lehrer selbst Lernender ist mit digitalen Werkzeugen, so Richardson, kann er besser beurteilen, wie man diese in einem Lernkontext mit Schülern einsetzt. Sonst würden es letztlich nur digitale Arbeitsblätter sein oder dass die Hausaufgaben auf einer Webseite hinterlegt werden. Richardson ist der Meinung, dass Schulen viel zu wenig darin investieren, ihre Lehrer mit den Geräten vertraut zu machen.

Viele Lehrer sind digitale Dünnbrettbohrer

Leider verhält es sich so, dass viele Lehrer wenig kompetent im Umgang mit digitalen Endgeräten sind, und das meint nicht nur die älteren Lehrkräfte. Auch bei jüngeren beobachtet man immer wieder, dass die Kenntnisse sehr oberflächlich sind. Im schulischen Kontext reicht es in der Regel für das Erstellen von sehr einfachen Arbeitsblättern und das Führen von Notenlisten. E-Mail nutzt man für Dienst-Mails notgedrungen. Man kann im Computerraum oder am interaktiven Whiteboard auch noch Videos von YouTube zeigen und eine Recherche durchführen. Vielleicht kann man Schülern auch noch Grundlagen einer Powerpoint Präsentation vermitteln. Damit endet es bei vielen dann auch schon. Die Lehrer, mit denen ich zu tun habe, nutzen Computer und das Internet nicht, um selbst damit zu lernen.

Wer nicht selbst kompetent ist, wird ICT auch eher nicht im Unterricht nutzen

Wer sich selbst nicht sicher fühlt, wird im Unterricht lieber beim Bewährten bleiben. Warum soll man sich auf etwas einlassen, was zu Misserfolgen und Frustration führt? Warum soll man etwas nutzen, von dessen Nutzen man nicht überzeugt ist, weil man selbst keine positiven Erfahrungen damit gemacht hat? Wie soll man, selbst wenn man willig ist, digitale Werkzeuge im Unterricht gewinnbringend einsetzen, wenn man nicht weiß wie? Ich denke, es liegt bei Lehrkräften in der Regel nicht am mangelnden Willen, doch man kann es nicht und weiß nicht, was möglich ist. Natürlich kann man gemeinsam mit den Schülern lernen, wie Ulf Blanke (@ulfblanke) richtig sagt. Doch wer schon über ausreichend Erfahrungen verfügt, wer den Schülern zumindest in einigen Bereichen einige Schritte voraus ist, der wird erfolgreicher sein. Für jemanden der selbst über eine gute Kompetenz verfügt, sagt es sich „Schüler und Lehrer können auch gemeinsam lernen“ sehr leicht. Man darf dabei nicht vergessen, dass auch Schüler das Lernen mit dem Internet nicht erfunden haben. Sicher können sie YouTube nutzen, um Anleitung zum Lösen von Problemen zu finden. Das ist aber nicht alles. Es passt darüber hinaus nicht zum Selbstverständnis vieler Lehrkräfte, sich ohne ausreichenden Hintergrund in neue Fahrwasser zu begeben. Es könnte zu vieles schief gehen, so die Sorge.

Lehrerfortbildungen sind so 1.0

Als ich das Video mit Will Richardson sah und seine Forderung nach dem Vertrautmachen von Lehrkräften mit Tablets bevor sie es Schülern in die Hände geben, hörte, dachte ich sofort an die Lehrerfortbildungen im Land und die diversen offiziellen Kongresse, so wie ich sie zumindest aus NRW kenne. Die digitalen Möglichkeiten werden dort so gut wie gar nicht genutzt. Dass auf einem Kongress für die Schulträger, Medienzentren und Medienberater etwa eine Twitterwall als Backchannel genutzt wird oder eine Möglichkeit der gemeinsamen Dokumentation über ein Etherpad, darauf wartet man vergebens. Lediglich der Vortragende nutzt Notebook und Projektor, vielleicht noch mit Internetanschluss.

Nicht viel anders verhält es sich bei vielen offiziellen Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer durch die Moderatoren der Kompetenzteams. Die Moderatoren nutzen vielleicht digitale Präsentationstechniken und einige sehr wenige Teilnehmer machen vielleicht Notizen auf Notebook oder Tablet. Darauf beschränkt sich dann der Einsatz digitaler Werkzeuge. In Arbeitsphasen werden bekannte Moderationstechniken genutzt, wie sie bei den Moderatorenschulungen vermittelt werden, Platzdeckchen, Plakat erstellen, Museumsrundgang, Karten beschriften und an eine Pinnwand heften. Und um die tollen Ergebnisse zu sichern, macht hinterher vielleicht noch jemand ein paar Fotos. Wenn ich das als Teilnehmer erlebe, denke ich, ich bin im Schul-Museum.

Keine Lehrerfortbildungen mehr ohne digitale Werkzeuge

Sicher gibt es auch Ausnahmen von den geschilderten analogen Zuständen in der Lehrerfortbildung, etwa in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Allerdings geht es dort vor allem um den Einsatz digitaler Möglichkeiten im Unterricht. Lehrer probieren aus, was sie mit ihren Schülern machen können. Das ist schon ein Stück besser als gar nichts. Wenn Lehrer kompetent werden sollen in der Nutzung digitaler Werkzeuge zum gestalten eigener Lernprozesse, und das müssen sie, dann müssen sie eine Möglichkeit bekommen, zumindest eine Grundkompetenz zu erhalten. Von da aus müssen sie sich selbst auf den Weg machen, sich mit Kollegen vernetzen und gemeinsam mit den Schülern lernen.

Bei der Sache gibt es natürlich einen Haken. Auch die Moderatoren sind mehrheitlich nicht kompetent in der Nutzung von digitalen Werkzeugen für das eigene Lernen. Das schlägt sich nicht nur im Fehlen dieser Thematik in den Inhalten der fachlichen Fortbildungen nieder, sondern eben auch in der Gestaltung der Fortbildungen selbst.

Folglich müsste man zunächst die Moderatoren selbst kompetent machen. Da die meisten von ihnen selbst Lehrerinnen und Lehrer an Schulen sind, sollten sie die beste Unterstützung bekommen, dass sie an ihren Schulen auch digitale Werkzeuge im Unterricht nutzen können. Nur dann werden sie als Lernende und Lehrende die notwendigen Kompetenzen erlangen. Im nächsten Schritt könnten sie dann ihre Fortbildungsmodule überarbeiten und ihr Portfolio an Moderationstechniken auf digital umstellen.

Im letzten Schritt bilden sie dann unter Einsatz von digitalen Möglichkeiten Lehrende weiter und helfen ihnen so nicht nur fachlich auf den Weg, sondern auch dabei, selbst zu Lernenden zu werden, die in der Lage sind die digitalen Möglichkeiten für sich zu nutzen, womit sie in die Lage versetzt werden, diese Möglichkeiten auch in ihrem eigenen Unterricht einzusetzen und dabei ihren Schülern lernendes Vorbild sind.

Selbiges gilt im Prinzip auch für die Lehrerausbildung an Universitäten und Seminaren. Es wird leider nicht reichen, wenn man Informatik zum Gegenstand jeglicher Lehrerausbildung macht, denn die kann man sich auch noch aus Bücher aneignen.

Lehrer des 21. Jahrunderts sind die Lerner des 21. Jahrunderts

Posted in Kompetenzen, Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik, Uncategorized by damianduchamps on April 30, 2016

An vielen Stellen herrscht mittlerweile kein Zweifel mehr daran, dass das Lernen des 21. Jahrhunderts anders aussieht als es gegenwärtig noch an der Mehrheit der Schulen praktiziert wird.

Wer sich in der Bildungslandschaft umschaut, sieht, dass sich schon recht deutlich herauskristallisiert hat, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts aussieht, denn es gibt bereits Schulen, wo es praktiziert und weiterentwickelt wird. Schaut man sich die Beispiele näher an, wird aber auch sehr schnell klar, was die Akteure auszeichnet.

Sie alle selbst sind Lerner des 21. Jahrhunderts.

Es sind die André Spangs, Alicia Bankhofers, Thorsten Larbigs, Jörg Lohrers, Gerhard Bless und so weiter dieser Welt. Sie alle leben vor, wofür sie stehen, indem sie die Lernmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts aktiv nutzen, um ihre eigenen Kompetenzen zu erweitern. Das heißt, sie bauen sich ihre persönlichen Lernnetzwerke auf, suchen sich Informationen im Netz, nehmen an MOOCs teil, schauen Lernvideos, sie schreiben Blogs, podcasten, erstellen Videos, veranstalten edChats, erstellen gemeinsam Dinge, …, sie erwerben Kompetenzen und teilen sie mit anderen und wachsen dabei weiter.

Was bedeutet das für die Entwicklung des Bildungssystems selbst hin zu einem Bildungssystem des 21. Jahrhunderts?

Man kann, so denke ich, sicher davon ausgehen, dass die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer digitale Technologien nutzen, im privaten Umfeld wie in der Unterrichtsvorbereitung. Trotzdem fällt es ihnen extrem schwer, sich in Bezug auf Unterricht auf digitale Technologien einzulassen. Welche enorme Bedeutung das Lernen des 21. Jahrhunderts für Schule hat, übersteigt ihren Vorstellungshorizont sogar komplett, und das nicht ohne Grund.

Der beste Englischlehrer ist nicht nur Pädagoge, sondern beherrscht die englische Sprache perfekt, der beste Biologielehrer ist Biologe und Pädagoge und der beste Mathematiklehrer ist Mathematiker mit Leib und Seele und Pädagoge. Wer Schüler zu Lernern des 21. Jahrhunderts machen soll, muss deshalb selbst ein Super-Lerner des 21. Jahrhunderts sein. Nach modernem Rollenverständnis vermitteln Pädagogen heute schon lange nicht mehr nur Wissen, sondern auch das Lernen selbst. Und immer schon lernen Lehrer in ihrer Ausbildung auch selbst mit den Methoden, die sie hinterher als Lehrer in ihrer täglichen Arbeit nutzen sollen.

Wenn Lehrerinnen und Lehrer also nicht selbst aus eigener Praxis in der Entwicklung und Erweiterung ihrer beruflichen Professionalität erfahren haben, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts funktioniert und welchen Gewinn es ihnen bringt, dann können sie dieses weder in ihren beruflichen Alltag integrieren noch verstehen, warum dazu überhaupt eine Notwendigkeit besteht. Dann wundert es auch nicht, wenn Schulen noch immer Smartphones verbieten und man an Schulen oft nur Einzelkämpfer findet, die mit digitalen Technologien in ihrem Unterricht arbeiten und sich auf den Weg gemacht haben, ihre Schüler die Chance gehen, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln.

Für die Praxis bedeutet dieses:

  • Die Lehrerausbildung muss so schnell wie möglich umgestellt werden, um aus Lehramtsstudenten und Referendaren Lerner des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Die Lehrerfortbildung muss umgestellt werden, um Lehrer zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Für den Übergang müssen Lehrer an den Schulen massiv entlastet werden, um den Raum zu erhalten, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln

Schulen stehen gegenwärtig unter einem enormen Druck von vielen Seiten. Inklusion, Flüchtlinge, G8/G9, demographischer Wandel und gesellschaftliche Probleme, die in die Schulen schwappen, lassen unter den gegebenen Bedingungen nicht viel Luft für einzelne Themen. Mit Tafel, Buch, Stift und Heft hat Unterricht immer funktioniert und für viele Lehrer stehen deshalb digitale Technologien ziemlich weit hinten auf der Prioritätenliste. Wenn sich also etwas ändern soll, und es muss sich etwas ändern, dringend, dann braucht es einer gewaltigen gemeinsamen Anstrengung. Ohne einen Schub aus der Politik und die entsprechenden Mittel, um die Lehrerausbildung und -fortbildung wie oben beschrieben, zu verändern, wird es nicht gehen. Dafür braucht es politischen Willen. Man hörte mal etwas munkeln von einem milliardenschweren Programm aus Berlin. Das war schon 2015 und es ging wohl mehr um Ausstattung von Schulen. Von daher ist der Ausblick gegenwärtig nicht sehr optimistisch, auch wenn zu spüren ist, dass an vielen Schulen so langsam Aufbruchstimmung einkehrt in Bezug auf digitale Technologien und Unterricht.

Lehrerfortbildung (NRW) oh mein Gott

Posted in Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on Dezember 15, 2010

Ich bin schon selbst seit Jahren in der Lehrerfortbildung tätig. Mein Erfolg schwankt. In den letzten Jahren konnte ich meinen Erfolg nicht wirklich messen, denn es gibt kaum jemanden, so scheint es, der gegenwärtig fortgebildet werden möchte. Ich kann das gut nachvollziehen, denn wer heute Lehrer ist, wird von allen Seiten zugeworfen und ist froh, wenn dabei das eigentliche Kerngeschäft, der Unterricht nicht auf der Strecke bleibt.

Fortbildung halte ich für extrem wichtig. Ohne Fortbildung wird sich in der Schullandschaft nichts bewegen. Unterrichtsentwicklung an den Schulen braucht Fortbildung, um Lehrer professionell weiterzuentwickeln.

Auch ich möchte gerne meinen Teil dazu beitragen und glaube, vor allem durch mein Wissen im Bereich der neueren Medien im Zusammenhang mit Unterricht anderen etwas davon abgeben zu können.

Seit einiger Zeit bin ich auch, weil ich das Fach unterrichte, Fachmoderator für Englisch. Ich sehe ein, dass ich als Fachmoderator entsprechende Qualifikationen benötigte. Ja, ich bestehe sogar darauf, auf den allerneusten Stand der Fachdidaktik gebracht zu werden. Ich möchte sicher sein, meinen Kolleginnen und Kollegen das zu vermitteln, was aktuell ist und dem Stand der Forschung entspricht.

Anders als lange Jahre zuvor darf jetzt tatsächlich auch nur noch fortbilden, wer qualifiziert wurde. Bisher war das nicht so. Natürlich gibt es Fortbildungen für die so genannten Fachmoderatoren schon lange. Trotzdem tummelten sich in der Fortbildung viele, die alleine aufgrund ihres Interesses qualifiziert waren. Mit der neuen Vorgabe möchte man von Seiten der Landesregierung die Qualität der Fortbildung sichern, quasi so wie man auch auf Ebene der Schulen die Qualität von Unterricht durch Lernstandserhebungen und zentrale Prüfungen sicherstellen will. Das macht Sinn.

Kürzlich war ich selbst auf einer solchen Fortbildung für Fachmoderatoren. Es ist nicht die erste Fortbildung des Landes, welche ich erleben durfte, jedoch die erste als Fachmoderator und die erste mit dem Anspruch Qualität der Fortbildung sichern zu wollen. Rund 25 Fachmoderatorinnen und -Moderatoren saßen dort sage und schreibe sechs Personen gegenüber, welche die Veranstaltung durchführten. Später kam noch eine weitere Person hinzu, und die Person, welche verantwortlich zeichnet für diese Art von Fortbildungen, war ebenfalls den halben Tag zugegen. Die die Fortbildung durchführenden Personen, stellen wohl auch jene Personen dar, unter deren Federführung die Fortbildungsinhalte entstehen.

Im Laufe der Fortbildung hatte jede dieser Personen ihre Rolle. Jeder hatte einen Part und trug etwas vor oder leitete eine Arbeitsphase. Für mich war das der absolute Overkill. Es war nicht so, dass die Moderatoren sich nicht große Mühe mit der Fortbildung gaben. Trotzdem kam bei den Teilnehmern nicht gerade übermäßig große Begeisterung auf. Das hatte mehrere Ursachen. Die Inhalte waren nicht wirklich neu. In der Praxisphase versuchte man mit den Teilnehmern eine kooperative Lernform (wobei ich bei solchem Ansinnen mit Lehrern häufig vermute, der Fortbildende möchte sein oder ihr Moderationgeschick unter Beweis stellen). Zunächst sollten die Teilnehmer etwas in Einzelarbeit erarbeiten, dann dieses in einer ausgelosten Gruppe zusammenführen und anschließend dem Plenum vorstellen. Für den Gegenstand, um welchen es bei dieser Aufgabe ging, brachte das keinerlei Gewinn. Das Ergebnis, welches nichts anderes als exemplarische Beispiele darstellte, wurde anschließend im Plenum kleingekaut, ohne die Sache irgendwie weiter zubringen.

Zuvor hatte es schon zwei Präsentationen mit Hilfe von PowerPoint gegeben. Eine weitere folgte später. Auffällig war bei allen dreien, dass die Moderatoren nicht in der Lage waren, die Präsentierfunktion im Vollbildsmodus zu nutzen. Man war sich allerdings schon bewusst, dass die Darstellung recht klein ausfiel und fragte sogar nach, ob man es hinten noch lesen könne.

Als letztes Bonbon wurde eine ganz besondere Software vorgestellt. Es ging um eine Software, bei der man nur wenig „programmieren“ müsse. Mittels einer Präsentation, welche man sich geliehen hatte, wurde das Programm vorgestellt. Anschließend zeigte man das Programm selbst und Aufgaben, welche man damit nach Angaben der Moderatoren noch am Abend zuvor erstellt hatte. Zwei Moderatoren erklärten. Keiner von beiden schienen sonderlich gut eingearbeitet in das Programm. Zwar wurde kurz angerissen, wofür die Software zu verwenden sei, doch wie sie im Schulalltag am besten untergebracht wird, dazu gab es kaum Informationen. Anschließend wurde noch darauf hingewiesen, dass man heute auch mit der Software zu den Lehrwerken recht gut Übungen zum Ausdrucken erstellen könne, Multiple-Choice, Lückentexte, Auswahlaufgaben und ähnlich. Die Software, um welche es zuvor gegangen war, heißt Hot Potatoes. Dazu glaube ich, braucht man nichts mehr sagen.

Ich habe auch von anderen Fortbildungen zu den Kernfächern teilweise ähnlich interessante Geschichten gehört, jedoch auch positive Beispiele. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass viele Fortbildungen für Fachmoderatoren die Qualität der Fortbildung haben, welche ich kürzlich erleben durfte, dann frage ich mich, wie dadurch die Qualität von Fortbildung für Lehrer gesichert werden soll.

Gerüchtweise hörte ich, zum Thema Neue Medien gebe es bisher in der Fortbildung für Fachmoderatoren so gut wie nichts, bezogen auf das Fach Englisch und den Regierungsbezirk, zu welchem diese Fortbildungen gehören. So, wie man es mir sagte, dürfen Fachmoderatoren nur Fortbildung anbieten, welche den Modulen der Fortbildung entsprechen, welche sie selbst genossen haben. Kommt da im schlimmsten Fall nichts nach zum Lernen mit den Möglichkeiten der digitalen Welt, dürfte ich ganz offiziell mein Spezialwissen in diesem Bereich in Fortbildungen nicht vermitteln. Toll!

Am Ende der Fortbildung gab es für alle Teilnehmer einen Evaluationsbogen, wie sich das heute gehört. Einzutragen waren, unterschieden nach theoretischem Teil und praktischem Teil, Pluspunkte, Minuspunkte und Anregungen. Man evaluiert sich selber. Reicht das? Ich glaube nicht. Wer sichert die Qualität der Fortbildungen für die Fachmoderatoren? Die Person, welche den Morgen über der Veranstaltung beiwohnte, da sie zu ihrem Verantwortungsbereich gehört, saß mit vorne, trug das eine andere bei, welches auf der Linie dessen lag, was die vorne vortrugen, und nickte sonst nur zustimmend. Sie ist nicht vom Fach und damit für mich auch nicht ausreichend qualifiziert.

Die Qualität der Fortbildung war für mich und einige andere Teilnehmer nicht nur in dieser Hinsicht fragwürdig. Es gab ein Flip Chart, welches beschrieben wurde und einige Folien, auf welchen die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse sammelten. Für den Fachbereich gibt es auf der Plattform des Landes (auf Webweaver basierend wie lo-net) eine eigene Gruppe mitMail, Kalender, Chat, Dateiablage und seit neuestem auch Wiki, um das Auffinden der Materialien in der Dateiablage zu vereinfachen. Das alles trägt den Charakter von Fortbildungen von vor 10 oder mehr Jahren. Es gab kein WLAN währender der Fortbildung, keine gemeinsam zu bearbeitende Onlinedokumentation, etwa in Form eines Etherpad oder eines Google Doc.

Das war mein Eindruck von der Fortbildung für die Fortbildung, und er war nicht gut. Aber vielleicht war das die Ausnahme und alles wird noch gut, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Und vielleicht ist es ja auch nicht bei allen Bezirksregierungen so wie bei meiner, hoffe ich.

Tagged with:

Neue Strukturen fordern neue Kompetenzen

Posted in Kompetenzen by damianduchamps on August 1, 2010

Mit dem Web 2.0 wird Goverment 2.0 möglich. Bürger können über Wertschöpfungsketten am Staat beteiligt werden. Wie das funktioniert erläutert Philipp Müller in dem Artikel Bürger machen Staat 2.0, auf den ich durch einen Tweet von @cervus stieß. Den Artikel fand ich ungemein interessant, nicht nur in Hinsicht auf sich ankündigende Veränderungen staatlicher Gestaltungsstrukturen, sondern auch wegen eines kleinen Ausschnittes, der sich mit gesellschaftlichen Veränderungen befasst.

Die Privatsphäre ist auch kein unumstößlicher Wert. Sie ist ein Kind der Moderne. Die Moderne hat uns diese Binaritäten wie privat und öffentlich, Arbeit und Freizeit, Staat und Wirtschaft, Wohlfühlen und Geldverdienen gebracht. Das Web 2.0 weicht diese scharfen Gegensätze nun wieder auf. Dabei stellt sich uns nicht mehr die Frage, ob wir das wollen – die richtige Frage lautet: Wie gehen wir damit um?  […] Wer im Web 2.0 auftritt, braucht eine sehr klare Vorstellung davon, wie viel er von sich hergeben will und welche Konsequenzen das möglicherweise haben kann. Und es darf natürlich keinen Zwang geben, ein defensiver Ansatz muss genauso erlaubt sein wie ein offensiver.

In dieser Form las ich das bisher noch nicht und es war mir auch nicht wirklich bewusst, scheint mir nun aber sehr logisch, wenn ich darüber nachdenke. Privatsphäre gab es früher nicht und Freizeit ebenso wenig. Noch weiter zurück lagen auch Staat und Wirtschaft sehr eng bei einander, in der ehemaligen DDR sogar noch bis zur Neuzeit.

Mit dem Netz verwischen einige dieser Trennungen wieder. Arbeit und Freizeit verschmelzen bei vielen Menschen, die im und mit dem Netz arbeiten. Teils geschieht das freiwillig, teils nicht. Manch einer arbeitet fast den ganzen Tag und empfindet es nicht als Arbeit. Andere sind durch das Netz und seine Möglichkeiten immer erreichbar, müssen auf Abruf antreten und haben keine Alternative.

Privatspäre ist eine mühsam gewonnene Abgrenzung des Individuums von der Masse. Gesetze sichern sie, um den Einzelnen vor dem Staat und seinen Instrumenten zu schützen. In unserer Gesellschaft, in der Meinungen und Überzeugungen frei sind, man nicht fürchten muss, sich der Verfolgung auszusetzen, wenn man anders denkt, reißen junge Menschen die Mauern zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ein. Das geschieht im blinden Vertrauen auf diese Gegebenheiten. Ältere, die andere Systeme aus eigenem Erleben kennen oder zum Misstrauen gegenüber jeglicher Obrigkeit erzogen wurden, sind da skeptisch und können die Sichtweisen der jungen Generationen nicht nachvollziehen.

Der goldene Weg liegt wohl, wie so oft, irgendwo in der Mitte. Ein jeder muss seinen Weg hier finden. Schule hat dabei eine Aufgabe, und das bedeutet nicht nur Medienkompetenz. Der Begriff ist dafür viel zu eng, denn es ist mehr gefordert. Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen, so dass junge Menschen befähigt werden, abzuwägen und zu entscheiden.

Tagged with: ,

Kompetenzraster (wiederentdeckt)

Posted in Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on Mai 21, 2010

Vom kompetenzorientierten Unterricht sind wir an den meisten Schulen im Lande wohl meilenweit entfernt (siehe Ist kompetenzorientierter Unterricht ein Papiertiger?), doch damit ist das Thema natürlich nicht tot. Auch wenn sich sogar die Universitäten des Themas in der Lehrerausbildung kaum annehmen und die Studienseminare gerade zaghafte erste Schritte in Richtung kompetenzorientierten Unterrichts unternehmen, so gibt es hier und da Bewegung im Kleinen. Von Seiten des Landes tut sich eher wenig, wie es aussieht. Wohl arbeitet man in Kommissionen an neuen Kernlehrplänen für die Nebenfächer, die Hauptfächer lässt man aber scheinbar links liegen. Was man an Material findet, stammt vielfach aus der Konzeptionsphase von vor sieben oder acht Jahren. Trotzdem gibt es ein wenig Leben in der Thematik. Das stammt von kleinen Inseln der Aktivität, von Schulen, welche die Initiative ergriffen und sich auf den Weg gemacht haben, Häuser des Lernens, auf die der Ausspruch von Sir Ken Robinson „It’s important not to be frustrated by the whole system. Change happens one school at a time. Be the change where you are.“ gut passt. Das sind Schulen, die eher von der Reformpädagogik inspiriert sind, Schulen, die zum Archiv der Zukunft Netzwerk gehören oder diesem nahestehen, Montessorischulen, Schulen, die sich im Schulverbund Blick über den Zaun organisieren, und einige andere. Es sind die Schulen, die den Bildungsforscher Andreas Schleicher nicht wegen seiner harschen aber zutreffenden Kritik am deutschen Schulsystem verurteilen, sonder schon lange die Richtung gehen, die er einfordert. Für diese Schulen ist der Begriff Kompetenzraster kein Neuland mehr. Viele von ihnen verwenden Kompetenzraster in verschiedener Form.

Ich selbst hatte wohl das eine oder andere Mal den Begriff Kompetenzraster gehört, mehr nicht. Vor kurzem kam ich dann mit dem Begriff etwas anders in Berührung. Das war beim 1. Regionaltreffen des ADZ NRW an der Friedensschule in Köln. Diese Schule, die mich sehr beeindruck hat, arbeitet kompetenzorientiert und nutzt auch Kompetenzraster. Das machte mich neugierig und ich forschte nach. Worauf ich zuerst stieß, waren die sehr umfassenden Kompetenzraster des Instituts Beatenberg, einer Schule in der Schweiz. Diese Kompetenzraster werden an vielen Stellen zitiert. Über einen Tweet von Rolf Kröger (@watueueh) stieß ich nun auf einen recht aktuellen (oder zumindest im März aktualisierten) Eintrag im Bereich Toolbox BildungKompetenzraster – eine neue Form der Leistungsbewertung. Das ist das Modell des Instituts Beatenberg. Neu ist das Modell nicht. Es wurde 2004 veröffentlicht und stammt damit aus der Zeit, als man bei uns gerade eben die Implementierung der neuen am Kompetenzmodell orientierten KMK-Bildungsstandards und der daraus abgeleiteten Kernlehrpläne für die Hauptfächer (NRW) anging. Sowenig wie der kompetenzorientierte Unterricht bisher in den Schulen angekommen ist, so wenig kennt man dort Kompetenzraster.

Von Wiederentdeckt kann man, wie ich beim Durchsehen der Bertelsmann Seite vermutete, wohl eher nicht sprechen. Das Thema Kompetenzraster ist im Mainstream kaum vertreten, wie Google Insight deutlich zeigt. (Den Google Dienst kann ich übrigens nur wärmsten empfehlen, um Einblicke in solche Thematiken zu erhalten. Leider liefert er Daten jedoch erst ab 2004.) Abgesehen von zwei kurzen Phasen im Februar 2008 und Januar 2009 war das Thema online nicht wahrzunehmen.

Web-Suche-Interesse: kompetenzraster
Deutschland, Österreich, Schweiz
2004 – heute
Kategorie: Bildung

Auch wenn sich die Masse derer im System Bildung Beteiligten dafür wenig interessiert, sind Kompetenzraster auf jeden Fall einen Blick wert, da sie das, worum es beim kompetenzorientierten Unterricht geht, leichter verständlich machen. Zunächst einmal finde ich, ist die Überschrift auf der Webseite der Bertelsmann Stiftung Kompetenzraster – eine neue Form der Leistungsbewertung mehr als irreführend, denn es geht eben nicht um die Bewertung von Leistung im herkömmlichen Sinne, sondern um Kompetenzen und über welche davon ein Lernender in welchem Ausmaß verfügt.

Da es in der Schule beim Lernen um Kompetenzen geht, und zwar in allen Bereichen, hat man beim Institut Beatenberg für alle Bereiche Kompetenzraster erstellt. Das betrifft damit die traditionellen Schulfächer wie auch das Arbeits- und Sozialverhalten oder Gesundheit und Selbstorganisation. Erfunden hat das Institut Beatenberg die Kompetenzraster vermutlich nicht, denn in ähnlicher Form findet man Vergleichbares auch an anderer Stelle. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen  (oder exakt Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen) ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Kompetenzraster. Auch hier werden Kompetenzen nach Niveaus gestuft abgebildet. Packt man die verschiedenen Kompetenzbereiche der Kernlehrpläne des Fachs Englisch (NRW) in ihrer dreifachen Abstufung nach Doppeljahrgangsstufen in eine Tabelle (siehe Kompetenzerwartungen am Ende der Jahrgangsstufen), erhält man ebenfalls ein Kompetenzraster. Letztere Beispiele sind zwar Kompetenzraster, haben aber mit denen von Schule eines nicht gemein. Sie sind nicht für die Hand von Schülern gedacht. Kompetenzraster als Instrumente zur Steuerung von Lernprozessen sind in der Regel so formuliert, dass sie für Schüler verständlich sind. Sie können außerdem anders dimensioniert sein und müssen z.B. nicht Kompetenzen bis zur höchsten Kompetenzstufe abbilden.

Was ein Kompetenzraster genau ausmacht, beschreibt das Institut Beatenberg sehr gut und ich zitiere ihren Text deshalb mit zwei kleinen Abänderungen hier:

Kompetenzraster beschreiben, was man in einem bestimmten LernFachbereich können könnte. Oder anders gesagt: Sie bilden das Curriculum ab in Form einer Matrix. In der Vertikalen werden jene Kriterien aufgeführt, die ein LernSachgebiet inhaltlich bestimmen (was?). In der Horizontalen werden zu jedem dieser Kriterien vier bis sechs Niveaustufen definiert (wie gut?). Kompetenzraster stecken damit einen Entwicklungshorizont ab (Horizont-Didaktik), indem sie in differenzierter Weise den Weg beschreiben von einfachen Grundkenntnissen bis hin zu komplexen Fähigkeitsstufen.

Damit bieten Kompetenzraster Lernenden einen Orientierungsrahmen, der ihnen einmal einen Lernbereich anschaulich macht und ihnen außerdem hilft, ihren Lernstand einzuschätzen. Sie haben damit Quasi eine Karte, auf der sie den Startpunkt, die Wegpunkte und den Zielpunkt für eine Bergbesteigung sehen. Auf welchem Weg sie nach oben kommen und ob sie Wegpunkte umgehen oder überspringen, wie lange sie für einzelne Wegstrecken benötigen und ob sie den Zielpunkt am Gipfel komplett erreichen, ist dabei offen.

Interessant finde ich Kompetenzraster auch aus der Sicht des Lehrers, denn hier eröffnet sich eine andere Perspektive zur Planung von Unterricht, die von kompetenzorientiertem Unterricht. Dieser muss so angelegt sein, dass er den Lernenden die Möglichkeit gibt, die verschiedenen Niveaustufen entsprechend der Progression der Lerninhalte zu erreichen. Lernangebote in Form von Materialien lassen sich mittels des Rasters leicht abstufen in ihrem Anspruchsniveau. Idealerweise ist das Angebot außerdem noch ausreichend differenziert, um verschiedene Zugänge zum Lerngegenstand zu ermöglichen.

Unterricht mit Kompetenzrastern fängt jedoch nicht mit dem Material an, sondern mit dem Kompetenzraster selbst. Das muss eine Kompetenz bzw. Teilkompetenz zunächst in verschiedene Niveaustufen einteilen, üblicherweise vier oder sechs. Und dabei geht man vom der zu erreichenden Teilkompetenz rückwärts vor.

Auch für die Erstellung schulinterner Curricula, also eine Ebene über der Unterrichtsplanung selbst, machen Kompetenzraster Sinn. In ihnen werden Bildungsstandards, wie sie zur Erlangung des Abschlusses der Schule erreicht werden müssen, von oben nach unten in niveaugestuften Teilkompetenzen aufgerastert. Auf dieser Stufe sind die Kompetenzraster des Instituts Beatenberg anzusiedeln. Für die Erstellung von Materialien für ein Lernbüro etwa, müssen dann, wie oben beschrieben, die Teilkompetenzen erneut heruntergebrochen.

Ich selbst werde mich in den kommenden Wochen weiter mit dem Thema auseinandersetzen, wie auch mit dem kompetenzorientierten Unterricht.