Damian Duchamps' Blog

Digitaler Wandel in Schule – Erfolg oder Misserfolg – wir haben es in der Hand

Posted in Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on April 10, 2017

Der digitale Wandel braucht Zeit, mehr Zeit als manche ihm zugestehen wollen, sorgfältige Planung, gute Vorbereitung, Fortbildung, Gewöhnung, Routinierung, Selbstvertrauen, Mut und Vernetzung der Akteure, und einen kulturellen Wandel im Lehrerzimmer. Zahllose gescheiterte Projekte belegen weltweit, dass Projekte, die grundlegende Faktoren wie diese nicht berücksichtigen, zum Scheitern verurteilt sind, noch bevor sie begonnen haben.

Und auf einmal soll es schnell gehen mit dem digitalen Wandel von Schule

Lange haben sich unsere Schulen vor dem digitalen Wandel gedrückt, zu lange vermutlich. Es gab und gibt im schulischen Alltag jede Menge andere Probleme zu bewältigen, individuelle Förderung, Inklusion, Flüchtlinge und vieles mehr. Wer diesen Beitrag liest, weiß was gemeint ist. Und nun soll mit einem Mal ein digitaler Ruck durch die Schulen gehen. Finanzprogramme werden aufgelegt und Handlungsdruck wird aus der Politik auf die Städte und Kommunen und über diese an Schulen weitergegeben. Auf Landesebene wird aktuell das Strategiepapier der KMK in schulpolitische Vorgaben umgesetzt, welche schulischer Entwicklung die Marschrichtung für die kommenden Jahre vorgeben sollen. Medienkonzepte sind mit einem Mal wieder in aller Munde, zumindest in NRW. Dort werden Schulträger nun aktiv unter dem Druck des Programms Gute Schule 2020. Medienentwicklungspläne (MEP) müssen her, denn ohne Konzepte gibt es kein Geld für den Ausbau digitaler Infrastruktur an Schulen. Medienkonzepte werden eingefordert, auf deren Grundlage Beratungsfirmen wie Garbe & Lexis (der Name taucht scheinbar überall auf) den Schulträgern MEPs ausarbeiten. Ich höre von Zeitfenstern, die von wenigen Wochen reichen bis zu einem Dreivierteljahr. Schulen geraten gegenwärtig gewaltig unter Druck, denn sie sollen liefern, wenn sie nicht auf der Strecke bleiben wollen.

So schnell, wie viele sich das vorstellen, geht das mit dem digitalen Wandel der Schulen nicht. Gut Ding will Weile haben, und das hat viele Gründe.

Digitaler Wandel von Schule braucht kompetente Lehrkräfte

Fehler Nummer eins ist, dass man das Pferd von hinten aufzäumen möchte, in NRW zumindest. Idealerweise erstellen Schulen in NRW ihr Medienkonzept auf der Grundlage des Medienpass NRW. Dieser ist quasi ein Kompetenzraster mit Schnittstellen zu den Richtlinien und Lehrplänen und dockt an diese an. Prinzipiell ist das eine gute und hilfreiche Grundlage. Abgesehen davon, dass der Medienpass NRW in seiner aktuellen Ausgabe ziemlich veraltet ist und die neue, am KMK Strategiepapier orientierte Version noch in Arbeit ist, gibt es ein noch viel gravierenderes Problem. In Kollegien soll der Medienpass NRW helfen, die verschiedenen im Unterricht zu vermittelnden Kompetenzen und Teilkompetenzen auf die Fachbereiche aufzuteilen. In den Fachschäften sollen dann fachliche Lehr- und Lernmittelkonzepte entstehen, welche die Grundlage des schulischen Medienkonzeptes bilden. Und genau an dieser Stelle liegt das größte Problem.

  • Wie sollen die Lehrerinnen und Lehrer bitte in der Lage sein, zu entscheiden, welche Teilkompetenz sie in welchem Fach mit welcher Thematik verknüpft vermitteln können, wenn sie die Kompetenzen, welche sie den Kindern vermitteln sollen, vielfach selbst nicht einmal haben?
  • Wie sollen sie planen und entwicklen, wenn sie nicht einmal wissen, welche Möglichkeiten der digitale Wandel von Schule für die Unterrichtsentwicklung bereithält?

Man muss sich das einmal klar machen. Von Schulen werden mit der Erstellung eines Medienkonzeptes Entscheidungen erwartet, welche eine Tragweite auf Jahre haben. Den meisten Schulen fehlt dazu aber schlicht die Kompetenz. Frühere Medienkonzepte wurden oft von dem oder den Computerfreaks geschrieben. Die Folge waren PC Räume, die nur von wenigen genutzt wurden, und Klassenraum PCs und Medienecken zumeist ohne Internetanbindung, die vor sich hin gammelten. Drohen den Medienkonzepten, an denen jetzt geschrieben wird, und den daraus folgenden Investitionen ähnliche Schicksale? Wird man Tabletkoffer in jede Klasse stellen, die dann zweimal die Woche für ein paar interaktive Übungen, Videoschauen und Kahoot genutzt werden?

Dieses Problem ist nicht damit zu lösen, dass Medienberater in die Schulen geschickt werden, die auf ein oder zwei Konferenzen Input geben und Möglichkeiten vorstellen. Das reicht definitiv nicht.

Der digitale Wandel in Schulen braucht Zeit

Veränderung an Schulen funktioniert nicht im Hauruck-Verfahren. Wie man bei Richard Heinen lernen kann, dauern Innovationszyklen an Schulen zwischen 5 und 7 Jahren. Das ist vielen nicht klar, Schulen am allerwenigsten, scheint mir.

Jeder weiß, Schulträger müssen den Wandel finanzieren können. Selbst mit Unterstützung durch Landesprogramme bedeutet das eine Verteilung der Investition auf mehrere Jahre. Dieser Faktor ist wichtig, jedoch nicht der eigentlich entscheidende Faktor. Viel wichtiger ist der Faktor Mensch. Die Akteure vor Ort müssen überhaupt erst die Kompetenz besitzen, den digitalen Wandel an Schule zu gestalten. Die Kompetenz dazu erwerben Lehrerinnen und Lehrer mal nicht so eben bei ein paar Fortbildungen. Selbst ein oder zwei pädagogische Tage reichen hier nicht. Es braucht eine Menge mehr.

Selbst wenn Geld und Experten für Fortbildungen unbegrenzt zur Verfügung stünden, würde dieses den digitalen Wandel nicht wesentlich beschleunigen, denn dem Innovationspotenzial von Lehrerinnen und Lehrern sind Grenzen gesetzt. Die meisten von ihnen stehen mitten im Leben mit Familie und mit voller Stundenzahl und allem, was dieses an Schule nach sich zieht. Lehrkräfte, die in der EDU Szene unterwegs sind, die sich bei Twitter, über Blogs und bei Barcamps über ihren Unterricht im digitalen Wandel austauschen, die man als Vorreiter im digitalen Wandel von Schule sehen kann, sind häufig nicht erst seit gestern dabei. Ihre Kompetenzen haben sie sich meist über mehrere Jahre angeeignet. Wenn Lehrkräfte im Schulalltag in den digitalen Wandel einsteigen sollen, brauchen sie Zeit. Zusätzlicher Freiraum durch eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung für eine Übergangszeit könnte ihnen dafür Entlastung bieten. Doch diese Entlastung wird es nicht geben.

Schulen müssen also Möglichkeiten finden, wie sie Lehrerinnen und Lehrern die notwendigen Schritte in den digitalen Wandel ihre Unterrichtes erleichtern können, und sie müssen sich dabei Zeit geben.

Teachers in many schools have no idea how to manage email, or meetings, or how to organise themselves online. If we want this digital revolution to take place, it is going to take many many hours of patient explaining and demoing to veteran teachers.

Quelle: 21century teaching, Alicia Bankhofer, https://bankhoferedu.wordpress.com/2017/04/06/takeaways-from-the-edudays/

Der digitale Wandel in Schulen braucht Experten

Zunächst einmal müssen Lehrerinnen und Lehrer den digitalen Wandel in der Gestaltung von Lernprozessen an sich selbst zu vollziehen. Dazu braucht es Input von anderen, oft von außerhalb des Kollegiums. Hier taucht leider schon das nächste Problem auf. Es gibt noch längst nicht so viele Experten, wie man benötigte, die Kompetenzen in alle Schulen zu tragen, die erforderlich sind, um den digitalen Wandel auf den Weg zu bringen. Durch die eindrucksvollen Zahlen an Referenten auf Kongressen oder Teilgeber auf Barcamps darf man sich nicht täuschen lassen. Der Kreis dieser Personen ist sehr begrenzt und man sieht immer wieder die gleichen Namen und Gesichter. Vor Ort sieht es ganz anders aus. Das belegen sehr eindrücklich die Erfahrungen von @frausonnig, als diese Fachleute suchte, die auf einem pädagogischen Tag zum Thema Unterricht mit digitalen Werkzeugen, entsprechende Workshops abhalten sollten.

Insgesamt gab es im Schuljahr 2015/2016 in Deutschland 33.547 allgemeinbildende Schulen.

Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/235954/umfrage/allgemeinbildende-schulen-in-deutschland-nach-schulart/

In Deutschland gab es im Schuljahr 2015/2016 insgesamt 754.726 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen.

Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/201496/umfrage/anzahl-der-lehrer-in-deutschland-nach-bundeslaendern/

Alleine in NRW gab es im Schuljahr 2015/16 laut dieser Statistik 167.266 Lehrkräfte. Insgesamt 60 volle Stellen hat das Land für Medienberater bereitgestellt. Wenn man davon ausgeht, dass diese mit mindestens 5 Stunden entlastet werden sollen, sprechen wir hier von maximal 300 Personen. Und von diesen sind noch längst nicht alle selbst soweit, dass man sagen kann, sie sind in der Lage ihre eigenen Lernprozesse digital zu gestalten. Aber selbst wenn sie es wären, so käme hier ein Medienberater auf mehr als 300 Lehrkräfte. Das Problem ist allerdings zu lösen, ohne dass man noch mehr Medienberater einstellt, ausbildet und zu Schulen schickt.

Der digitale Wandel in Schulen braucht einen kulturellen Wandel

Neben Input von außen durch Experten und Zeit, das Neue lernend umzusetzen, braucht es auch einen sehr grundsätzlichen Wandel im Selbstverständnis der Lehrkräfte. Selbstverständlich werden Lehrerinnen und Lehrern auf Nachfrage bestätigen, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist. Doch viele Lehrkräfte sehen sich selbst vor allem in der Rolle von Wissensvermittlern oder meinetwegen auch Vermittlern von Kompetenzen (+ Erzieher, Sozialarbeiter, Ersatzeltern, …). Ihre Rolle als Lernende sehen sie im System Schule selten. Das aber ist es genau der wunde Punkt. Solange sie nicht in der Lage sind, sich selbst als Lernende zu begreifen, als Lernende im Prozess des digitalen Wandels von Schule, die sowohl lernen am Wandel als auch diesen Wandel lernend gestalten sollen, solange wird Schule bleiben wie sie ist.

Schaffen Schulen mit ihren Lehrkräften diesen kulturellen Wandel, wird manches einfacher, denke ich. Lernende, die ihre Lernprozesse mit den Möglichkeiten des digitalen Wandels gestalten, sind in der Regel keine Einzelkämpfer. Sie vernetzen sich (PLN). Für die meisten Lehrkräfte reicht schon eine Vernetzung im Kollegium und das bedeutet mehr als das, wofür Jahrgangsstufen- oder Fachteams an den meisten Schulen bisher standen.

Eine Form, diese Vernetzung zu leben, können Mikrofortbildungen sein, regelmäßige kleine Fortbildungen, gespeist aus den bereits vorhandenen Kompetenzen in einem Kollegium, Fortbildungen mit Verabredungen zur Weiterarbeit und zum Ausprobieren im Unterricht. Auch gelegentliche Hospitationen können unterstützen oder Team-Teaching Stunden. Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer müssen Twitter Nutzer werden. Twitter ist ein Kanal mit sehr hoher Informationsdichte und nicht jedermanns Sache. Für Schulen reicht es aus, wenn ein oder zwei Lehrkräfte Twitter nutzen, um neue Impulse für die Entwicklung in der Schule aufzunehmen und diese dann in Mikrofortbildungen im Kollegium weiterzugeben. Eine Möglichkeit zur Intensivierung der Vernetzung, den Austausch und die schnelle Hilfe untereinander kann aber ein Messenger Dienst wie WhatsApp sein. Viele Lehrerinnen und Lehrer nutzen diesen Dienst bereits, wenn sie auch privat in Kontakt stehen. Warum sollte es dann nicht genutzt werden, um Ideen zu teilen, Anregungen auszutauschen und sich auch bei kleineren Problemen zu unterstützen? Wo die Ablehnung gegenüber WhatsApp zu groß ist, bietet sich Telegram an, das weniger vorbelastet ist durch negative Schlagzeilen. Auch die Nutzung einer Cloud gestützten Office Lösung kann Vernetzung unterstützen, wenn sie im Kollegium genutzt wird, das gemeinsame Lernen, die Curriculum- und Schulprogrammarbeit und die Erstellung von Unterrichtsmaterialien zu gestalten.

Vernetzung bietet sich, wenn sie im Kollegium funktioniert, auch mit Schulen im Umfeld an. Warum soll jede Schule das Rad neu erfinden? Die Vernetzung von Schulen ist nicht neu und hat sich, wenn sie gepflegt wurde, schon in der Vergangenheit bewährt. Besuchen dann von einer der vernetzten Schulen ein oder zwei Personen diesen oder jenen Kongress zum Thema, Barcamps oder ähnlich, so kann dieses ausreichen, um weitere neue Impulse in die Schulen zu holen.

Die Aufgabe der Experten sehe ich deshalb vor allem als Katalysatoren im digitalen Wandel von Schule. Sie können definitiv nicht alle Lehrkräfte fit machen. Ihre Aufgabe ist vielmehr, den kulturellen Wandel in Schulen anzustoßen, bei den Planungen Impulse zu geben, die Vernetzung mit anderen Systemen vermitteln und ähnlich. Sie werden auch fortbilden und Input geben, doch den eigentlichen digitalen Wandel müssen Schulen als lernendes System selbst vollziehen. Genau dieses macht doch auch den digitalen Wandel aus, die Kompetenz, das eigene Lernen zu gestalten, sich zu vernetzen, zu kommunizieren, zu kollaborieren, kreativ zu sein und Kritik zu nutzen, um voran zu kommen. Schulen, die diesen Wandel in der eigenen Kultur schaffen, werden alle Informationen dazu finden. Es ist nichts Anderes, als was sie ihren Schülern vermitteln wollen.

Der Einstieg in den digitalen Wandel muss einfach sein

Viele Lehrkräfte haben keine Vorstellung davon, was heute überhaupt möglich ist und was es bedeutet, das eigene Lernen mit den Möglichkeiten des Digitalen zu gestalten. Doch das ist nicht der alleinige Grund, warum viele von ihnen sich nicht zutrauen, selbst digitale Technologien im Unterricht einzusetzen.

Es hat auch mit der eigenen Kompetenz im Umgang mit digitalen Technologien zu tun. Man kann heute sicherlich davon ausgehen, dass die Mehrheit der Lehrkräfte Computer nicht nur zum Online-Banking, Urlaub-Buchen und Online-Shopping, sondern auch zur Vorbereitung des Unterrichts nutzen. Über mehr als die Fähigkeit, einen Browser zu bedienen und die rudimentärsten Funktionen einer Textverarbeitung und Tabellenkalkulation zu nutzen, verfügen die meisten dabei jedoch nicht. Und auch wenn viele von ihnen mittlerweile Smartphones und auch Tablets besitzen, so nutzen sie meist nur die einfachsten Funktionen.

Diesen Hintergrund muss man berücksichtigen, wenn man Lehrkräften den Einstieg in den digitalen Wandel ihres Unterrichts nahebringen möchte. Der Einstieg muss deshalb einfach sein, mit ganz niederschwelligen Angeboten. Es muss Technologie sein, die ohne große Kenntnisse und mit wenig Fehlerpotential zu nutzen ist. Benötigt werden Tools bzw. Apps, die auf einfachstem Niveau zu nutzen sind und auch so zu Ergebnissen und Erfolgen führen.

Padlet, Kahoot, Plickers, QR-Codes und ähnlich erlebe ich als Angebote, die ankommen bei Lehrkräften, die ihre Ersten Gehversuche in der Entwicklung von Unterricht mit digitalen Werkzeugen machen, auch bei Menschen mit sehr wenig Vertrauen in die eigenen Kompetenzen im Umgang mit digitaler Technologie. Angebote wie die genannten vermitteln Erfolgserlebnisse und machen Mut, eben da sie noch recht einfach zu erlernen sind.

Und auch bei diesen Angeboten betone ich zu Beginn immer wieder, wie wichtig es ist, klein anzufangen und erst den nächsten Schritt zu wagen, wenn man sich sicher fühlt. Padlet kann man zunächst als eine Möglichkeit nutzen, einen motivierenden Unterrichtseinstieg zu gestalten, indem man ein digitales Poster gestaltet zum neuen Thema, mit kleinen Texten, Bildern und Videos. Die Vorbereitung dafür erfolgt zu Hause. Es ist nur wenig Technik notwendig. Schüler und ihre Geräte sind noch nicht eingeschlossen. Das Risiko, dass etwas schief gehen kann, ist noch sehr gering. Erst in der nächsten Stufe holt man die Schüler nach und nach ins Boot. Zunächst schreiben alle, der Reihe nach, auf ein Padlet. Und erst später erarbeiten Schüler dann auch Padlets in Gruppen.

Es geht beim Einsatz von Padlet, Kahoot, Plickers, QR-Codes und ähnlich zunächst nicht primär darum, Schülern Möglichkeiten zu geben, ihr Lernen zu gestalten oder mehr Spaß und Motivation in den Unterricht zu bringen. Das sind hier noch Nebenprodukte. Ganz zu Beginn, wenn Lehrkräfte beginnen, digitale Werkzeuge in ihren Unterricht einzubinden, stehen sie als Lernende im Mittelpunkt. Sie müssen Erfahrungen sammeln und Zugvertrauen gewinnen.

Was für Apps und ähnlich gilt, muss auch für die Technik gelten. Wer glaubt, man könne von Lehrkräften direkt erwarten, sie können über ein Software Menü das WLAN im Klassenraum mal eben ein- und ausschalten, der überfordert die meisten von ihnen. Für den Anfang kann man auch auf einfache Möglichkeiten setzen wie Access Points, die man in die Netzwerkdose steckt. Wer Tablets als Dokumentenkamera einsetzen soll, wird sich sicherer fühlen, wenn man Tablet und Projektor lediglich durch ein Kabel verbindet, eine App startet und die Übertragung steht. Man kann sicher davon ausgehen, dass viele Lehrkräfte zumindest ein Jahr brauchen werden, bis sie über ausreichend Erfahrung und Zuversicht verfügen, digitale Möglichkeiten regelmäßig in ihrem Unterricht einzusetzen. Unverzichtbar ist dabei die oben beschriebene Vernetzung der Lehrkräfte untereinander, da man sich gegenseitig helfen und ermuntern kann.

Fazit

Auch wenn die Zeit zu drängen scheint, den digitalen Wandel an Schulen nun endlich mit aller Macht voranzutreiben, so sollte man dabei den Faktor Mensch nicht außer Acht lassen. In unserer Gesellschaft sind digitale Technologien inzwischen zwar überall zu finden, doch nur ein kleinerer Teil der Nutzer ist in der Lage, sie tatsächlich mit einer Kompetenz zu nutzen, die über die rein oberflächliche Bedienung hinausgeht. Das gilt für Kinder und Jugendliche und es gilt auch für Lehrkräfte. Wer den digitalen Wandel an Schule aktiv gestalten soll, die Lehrkräfte also allen voran, muss überhaupt erst selbst in der Lage sein, sein Lernen mit digitalen Möglichkeiten zu gestalten. Erst dann weiß man als Lehrkraft überhaupt, worum es geht, was den Wandel ausmacht und wohin die Entwicklung gehen soll. Dann kann man die Veränderung anstoßen. Mit einem deutlichen zeitlichen Vorsprung werden Lehrkräfte über ausreichend Zuvertrauen zu sich selbst im Umgang mit digitalen Technologien im Unterricht haben, dass sie auch in der Lage sein werden, ihre Schülerinnen und Schüler auf den Weg zu bringen. Wenn die Schule den kulturellen Wandel im Selbstverständnis der Lehrkräfte vom Lehrenden zum Lernenden schafft, dann wird ihr auch der digitale Wandel des Unterrichts gelingen. Dafür braucht die Schule als lernendes System Zeit, wie auch die Menschen, die diesen Wandel gestalten sollen. Zeit bedeutet auch, dass die Entwicklung auf persönlicher wie institutioneller Ebene in einfachen, angemessenen Schritten erfolgt. Viele kleine Erfolge führen eher zum Ziel als viele große Rückschläge. Jeder Lehrer und jede Lehrerin muss ihren eigenen Weg finden. Gemeinsam, vernetzt, wird die Last auf viele Schultern verteilt. Die zentralen Kompetenzen für die Lernenden im 21. Jahrhundert, die 4 K, stehen irgendwo an Horizont als Fernziele, verpackt in Strategiepapiere, Empfehlungen, Kompetenzraster und bald auch in Lehrplänen und Richtlinien. Nicht jeder wird sie erreichen. Was wir unseren Schülerinnen und Schülern zubilligen, müssen wir auch den Lehrkräften zugestehen. Grundlegende Kompetenzen zur Entwicklung des eigenen Unterrichts im digitalen Wandel von Schule sollte jeder haben. Ohne wird es bald nicht mehr gehen. Doch nicht jeder muss zur Speerspitze des digitalen Wandels gehören. Und Schule ist, das war schon immer so, ein sehr behäbiges System.

Die Zeit war wohl einfach reif, dass mal jemand innehält und sich Gedanken macht, ob das, was sich aktuell an Entwicklung in Schule im Zusammenhang mit dem digitalen Wandel abzeichnet, so Sinn macht und funktionieren kann. Ich war da nicht der einzige. Deswegen siehe auch die sehr lesenswerten Beiträge:

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Die 4 Cs & Fake News

Posted in Kompetenzen, Medienwelt by damianduchamps on März 13, 2017

Spätestens seit dem Präsidentschaftswahlkampf der USA im Jahr 2016 ist Fake News ein Thema, das in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist, auch in Schule. Sachlich falsche Informationen waren schon immer ein Thema, seit Schülerinnen und Schüler das Internet nutzen, um sich zu informieren. Neuer ist nur, dass jetzt auch vermehrt und sehr gezielt Nachrichten von einzelnen Personen, ideologischen Gruppierungen, Parteien und auch Staaten gezielt über das Internet verbreitet werden.

Die Herausforderung für die Nutzer des Internets und auch anderer Medien, über welche falsche Informationen verbreitet werden, ist die gleiche wie zuvor. Wie erkennt man sie?

Hier kommt die Medienkompetenz ins Spiel und eine 4 Cs (Critical Thinking, Communication, Collaboration, Creativity), der Kernkomptenzen unserer Zeit. Es geht um das Kritische Denken.

IFLA, die Internationale Vereinigung bibliothekarischer Verbände und Einrichtungen, nahm die Diskussion über fake news zum Anlass, eine Schritt-für-Schritt Anleitung zu erstellen, wie man fake news erkennen kann. Grundlage dafür war der Artikel How to Spot Fake News von FactCheck.org vom November 2016. Die acht Schritte sollten meiner Meinung nach jeder Schülerin und jedem Schüler  bekannt sein. Anknüpfungspunkte gibt es im Unterricht vieler Fächer, ob es um Kreationisten geht, Holocaust Leugner, Menschen, die an Chemtrails glauben, um Propaganda, Produktrezensionen, Werbung und vieles mehr. Alles ist auch im Internet vertreten, auf eigenen Webseiten oder auch nur bei Facebook.

Die Grafik von IFLA kann in verschiedenen Sprachen über How To Spot Fake News als PDF und JPEG heruntergeladen werden. Sie ist unter Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0 ) lizenziert (siehe auch IFLA Urheberrecht).

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Sie verstehen kaum, was sie lesen oder hören

Posted in Hauptschule, Kompetenzen, Uncategorized by damianduchamps on Februar 5, 2017

An meiner Schule wurden 2016 letztmalig die Lernstandserhebungen Klasse 8 durchgeführt, letztmalig da die Hauptschule ausläuft. Die Ergebnisse für meinen Englisch Grundkurs waren bescheiden. Sie lagen beim Leseverstehen komplett im Niveau 1 und 2. Auch das Hörverstehen war vergleichbar bescheiden. Im Parallelkurs gab es zumindest noch einige wenige Schüler im Niveau 3.

Verglichen mit dem Landesdurchschnitt für die Schulform und den entsprechenden Standorttyp 1 waren diese Ergebnisse jedoch nicht deutlich abweichend. Warum aber, so fragt man sich, ist das Niveau so gering? Warum ist es an meiner Schule so gering und warum ist es auch an vergleichbaren Schulen nicht besser?

Da mir auch die Ergebnisse für das Leseverstehen Deutsch vorlagen, verglich ich diese mit denen von Englisch. Die Ergebnisse in Deutsch umfassen die gesamte Klasse, die meines Grundkurses nur einen Teil der Klasse. Nicht überraschend ist zunächst die Beobachtung, dass sich die Ergebnisse im Leseverstehen der beiden Grundkurse Englisch im Fach Deutsch der jeweiligen Klassen widerspiegeln.

leseverstehen

Mit großer Wahrscheinlichkeit rekrutieren sich die Schüler meines Grundkurs Englisch eher aus denen, die auch in Deutsch im Leseverstehen lediglich Niveau 1 und 2 erreichten (siehe Grafik). Schüler, die schon nicht in der Lage sind, einen deutschen Text lesend mehr als oberflächlich zu verstehen, werden dieses auch bei der englischen Sprache nicht besser können. Liegt eigentlich nahe. Entsprechendes ist für das Hörverstehen zu vermuten, welches in Deutsch nicht getestet wurde.

Das Leseverstehen (Englisch) meiner Schüler und von Schülern an Schulen mit gleichem Standorttyp und an der Schulform insgesamt ist erstaunlich gering. Mit dem Auffinden einfacher Informationen an der Textoberfläche haben die Schülerinnen und Schüler wenig Probleme und auch das Auffinden von Informationen, die in der Aufgabenstellung etwas anders formuliert sind als im Text, klappt noch so einigermaßen. Darüber hinaus geht aber kaum etwas.

Dass meine Schüler in Englisch sehr schwach sind, das wusste ich schon vor der Lernstandserhebung, und ich kenne auch einen Teil der Ursachen. Auch im Unterricht und den Leistungsüberprüfungen zeigte sich das geringe Lese- und Hörverstehen immer wieder deutlich. Sehr überrascht hat mich jedoch das insgesamt geringe Niveau des Leseverstehens in Deutsch. Zwei Drittel der Schüler schaffen nicht mehr als Niveau 2 – Einfaches Verstehen: „Schülerinnen und Schüler können wesentliche Gedanken eines Textes verstehen und Informationen einander zuordnen.“ Sie sind jedoch nicht in der Lage, aus dem Gelesenen Schlüsse zu ziehen, zwischen den Zeilen zu lesen oder einen Text differenziert zu deuten. Und das gilt nicht nur für meine Schule, sondern auch darüber hinaus für Schulform und den Standorttyp.

deutsch-lesen

Diese Ergebnisse gelten für den Standorttyp der Stufe 1. Das ist noch der günstigste Standorttyp, hier ist die Welt noch relativ in Ordnung.

Standorttyp der Stufe 1

  • Unter 5% der Schülerinnen und Schüler haben – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit – einen Migrationshintergrund.
  • Unter 5% der Schülerinnen und Schüler bekommen Sozialgeld nach SGB II oder kommen aus Familien, die den gesetzlich geregelten Eigenanteil im Rahmen der Lernmittelfreiheit nicht aufbringen können und zur Unterstützung Sozialhilfe nach SGB XII erhalten.
  • Für die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler gilt, dass die elterliche Wohnung in einem Wohngebiet liegt,
    • dessen Einwohnerinnen und Einwohner ein hohes Einkommen aufweisen, o in dem der Anteil der Empfängerinnen und Empfänger von SGB II Leistungen sehr gering ist,
    • welches einen sehr niedrigen Ausländeranteil aufweist,
    • welches einen sehr niedrigen Arbeitslosenanteil aufweist.
  • Die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler stammt aus einem Wohnumfeld mit einem hohen Wohnwert.

Quelle: Deskriptive Beschreibung der Standorttypen von Schulen bei den Lernstandserhebungen in Nordrhein-Westfalen.pdf

Man fragt sich nun, wie die Ergebnisse der Lernstandserhebung bei den anderen, ungünstigeren Standorttypen ausfallen werden, besser sicher nicht.

Das geringe Leseverstehen, welches die Lernstandserhebung Deutsch den Schülern der Klasse 8 attestiert, wird sich nach meinen Erfahrungen auch in den verbleibenden Jahren an der Schule bei den wenigsten merkenswert verbessern. Es beeinträchtigt so die gesamte Schullaufbahn dieser Schüler. Immer wenn es um schriftliche Aufgabenstellungen und Anweisungen geht oder wenn Informationen aus Texten entnommen werden sollen, werden diese Schüler deutliche Probleme haben, Probleme, weil sie nur unzureichend verstehen, worum es geht. Selbst in der Fremdsprache Englisch schlägt sich dieses nieder, noch einmal zusätzlich beeinträchtigt durch unzureichend verfügbares Vokabular. Vielen wird diese Beeinträchtigung nicht einmal bewusst sein, da das Gehirn so etwas einfach ausblendet oder kompensiert.

Doch hier hört es leider nicht auf. Diese jungen Menschen, die meiner Schule im günstigen Umfeld und die vielen anderen aus weniger günstigen Standorttypen mit wohl noch geringerem (Hör- und) Leseverstehen werden bald in die Gesellschaft entlassen. Dort müssen sie ein Leben lang mit ihrem geringen Leseverstehen zurecht kommen, wenn sie am Arbeitsplatz sind, wenn sie Verträge für Käufe oder Versicherungen unterschreiben, wenn sie sich über etwas informieren wollen und ähnlich. Und wenn ich an die parteipolitische Landschaft unseres Landes denke, dann werden sie Parteien begegnen, die mit Parolen in einer einfachen, griffigen Sprache daher kommen, genau wie für sie gemacht, eine Sprache, die auch sie verstehen, eine Sprache auf Niveaustufe 1.

Wer ihnen dann in Zeitungen, Magazinen, Talkrunden oder anderen textlastigen Formaten erklären und ausführlich auseinandersetzen möchte, warum diese Parteien vielleicht nicht so gut sind, polarisieren wollen, ein einseitiges Menschenbild zeichnen und ähnlich, wird sie nicht erreichen, denn sie werden kaum verstehen, was sie da lesen oder hören.

Vielleicht ist das jetzt ein sehr einfach gezeichnetes Bild. Es ist auch nicht neu, dass Schule viele junge Menschen nur unzureichend auf das Leben vorbereitet entlässt. Mir war es jedoch, angeknüpft an die Ergebnisse der LSE 8 meiner Schule, noch einmal ein Anlass zum Nachdenken über die Tragweite dieser Versäumnisse des Systems Schule.

Warum Trump ein Argument für den digitalen Wandel in Schule ist

Posted in Kompetenzen, Medienwelt, Uncategorized by damianduchamps on November 9, 2016

Mit den Möglichkeiten sozialer Medien haben viele Menschen sehr viele Hoffnungen für die Demokratisierung der Welt verbunden. Das Internet demokratisiert die Medien und gibt jedem eine Stimme. An vielen Stellen hat man in den letzten Jahren gesehen, wie die sozialen Medien politische Bewegungen unterstützt und vorangetrieben haben. Der arabische Frühling ist ein Beispiel dafür. Die Türkei und ihre Unterdrückung der sozialen Medien ist ein anderes Beispiel für die Wirkungskraft von Twitter, Facebook, WhatsApp und ähnlich.
Bei der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten hat sich im Wahlkampf jedoch noch eine gänzlich andere Seite des Potenzials der sozialen Medien gezeigt. Wie kein anderer Präsidentschaftskandidat zuvor, verstand es Donald Trump, die sozialen Medien zu instrumentalisieren, für seine Zwecke. Die großen Medien, Fernsehsender und angesehene Tageszeitungen waren bisher für viele Menschen Instanzen verlässlicher Informationen, ähnlich wie Institutionen der Regierung, Behörden und Ministerien. In seinem Wahlkampf führte Trump ein Feldzug gegen diese Medien und Institutionen und sprach ihnen jegliche Glaubwürdigkeit ab. Was nicht wahr sein soll, kann nicht wahr sein. Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Das Establishment, so suggerierte Donald Trump, habe sich gemeinsam mit seiner Gegnerin gegen ihn verschworen und würde die Wahrheit aus diesem Grund manipulieren. Infolge glauben viele seiner Anhänger bisherigen traditionellen Quellen verlässlicher Berichterstattung und Information nicht länger. Sie begaben sich in die Trump Filterblase und bezogen ihre Informationen und die Trump Version von Wahrheit vor allem aus den sozialen Netzwerken, denen sie mehr Vertrauen und Glauben schenkten.

Welche Schlussfolgerungen muss man daraus für Schule und Bildung ziehen? Für mich ist ganz klar, der digitale Wandel sollte möglichst schnell in Schule kommen, um unsere Schülerinnen und Schüler als zukünftige Bürger und Wähler fit zu machen für die Herausforderungen einer Zukunft, in welcher es zunehmend wichtig wird, Fakt von Fiktion zu unterscheiden. Ganz zentral ist dabei die Vermittlung der 21st Century Skills, der 4 Cs, Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und im aktuellen Zusammenhang von besonderer Bedeutung, Kritik.

Schon jetzt kann man auch in Deutschland sehr gut verfolgen, wie Verschwörungstheorien ihre Kreise ziehen. Auf Facebook ist das sehr einfach. Gerüchte über Chemtrails, nicht zugelassene Martinsumzüge, übermäßige finanzielle Bevorzugung von Flüchtlingen und ähnlich machen die Runde. Für mich erschreckend, es sind in meinem Umfeld auf Facebook auch immer wieder ehemalige Schülerinnen und Schüler meine Hauptschule dabei. Es ist erschreckend, was für Dinge da umhinterfragt übernommen und weiterverbreitet werden.

Nur über Bildung und die Schulen kann unsere Gesellschaft die nachwachsenden Generationen stark machen, zukünftige Desinformationskampagnen und Manipulation von Informationen zu erkennen. Schüler müssen lernen, Informationen zu hinterfragen, andere Quellen zu finden, sei es von anderen Parteien oder gesellschaftlichen Gruppierungen oder auch von Nachrichtenorganen und Institutionen aus dem Ausland. Die Briten wären nicht hereingefallen auf die Behauptungen der Brexit Befürworter hätten sie diese hinterfragt und über andere Informationsquellen validiert.

Trump und Brexit machen mehr als deutlich, dass es höchste Zeit ist, dass Schule sich der Herausforderung stellt, und das ist nur möglich, wenn Schule den digitalen Wandel aktiv gestaltet und Verantwortung übernimmt. Das bedeutet auch, aus der Politik muss alle Unterstützung gegeben werden, dass   dieses gelingen kann, beginnend bei der Infrastruktur und endend bei der Qualifizierung des Personals. Unsere großen Parteien sollte ein natürliches Interesse daran haben, wollen sie nicht Gefahr laufen, irgendwann von einem ignoranten Aufschneider wie Trump ins politische Abseits gedrängt zu werden.

Padlet – das digitale Einsteigertool für Lehrer

Posted in Kompetenzen, Tools by damianduchamps on September 4, 2016

marienkaefer-padlet

Padlet ist eines der einfachsten und genialsten Tools, welche das Internet aktuell für den Unterricht zu bieten hat. Es ist eigentlich nichts anderes als eine Pinnwand, an welcher Inhalte ähnlich wie Haftnotizen gesammelt werden können. Was mir daran besonders gut gefällt, sind vier Dinge:

  • Vielseitigkeit
  • Plattformunabhängigkeit
  • einfachste Nutzung für Schüler wie Lehrer
  • deutsche Sprache

Selbst begegnete ich Padlet, damals noch Wallwisher, erstmals 2010. Ich fand es so ansprechend, dass ich es direkt mit einer Klasse 5 im Englischunterricht nutzte, um Vokabeln zu sammeln. Jeder bekam den Link und alle legten los. Es klappte gut. Leider ging es nur im PC-Raum und das war mir zu aufwändig. Dieses Schuljahr (nach drei Jahren ohne Schule) kam Padlet bei mir erstmals wirklich umfangreich im Unterricht mit Tablets und Smartphones zum Einsatz, um als Lehrer Inhalte bereitzustellen und für meine Schüler um Ergebnisse einer Gruppenarbeit zu sammeln und darzustellen. Das funktionierte sehr gut.

Padlet, ein Tool für Einsteiger

Wo Tablets, Smartphones, Laptops oder anderer Geräte mit Internetzugang in den Unterricht integriert sind, ist Padlet in der Regel bekannt und ein Werkzeug unter vielen. Aber aller Anfang ist schwer. Die Hürden erscheinen interessierten Lehrern oft höher als sie tatsächlich sind. Gerade für erste Gehversuche im Unterricht mit digitalen Tools braucht es Werkzeuge, die sehr einfach zu nutzen sind und keine Vorkenntnisse benötigen. Padlet ist ein solches Tool. Deshalb steht es bei meinen Fortbildungen immer ganz vorne.

Das digitale Plakat plus

Plakate, diese unhandlichen großen Papiere, mochte ich im Unterricht noch nie. Als Lehrer muss man sie erst einmal besorgen, schleppt sie dann herum, ist darauf angewiesen, dass die Schüler auch Schere, Kleber und Marker dabei haben und Material, aus welchem ausgeschnitten werden kann. Meist fehlt wieder einmal irgend etwas. Und anschließend hängen sie vielleicht irgendwo bevor sie letztendlich im Müll enden. Selbst habe ich wegen dieser organisatorischen Hürden auf den Einsatz von Plakaten im Unterricht weitestgehend verzichtet. Referendare sehe ich aber noch immer regelmäßig damit auf dem Weg in die nächste Unterrichtsstunde. Mindestens eine Vorführstunde zeigt einen „Museumsrundgang“.

Enter Padlet

Dank Padlet geht es nun einfacher, denn Padlet ist Plakat + Schere + Kleber + Marker in einem und das Rohmaterial für das Ausschneiden und „Aufkleben“ liefert das Internet. Vorbei sind die Tage, wo ein Schüler wieder einmal etwas vergessen hat und nicht mitmachen kann. Vergessen wird allenfalls noch der Link zum Padlet, doch den hat ja der Lehrer. Nichts liegt herum, verknickt und verstaubt und landet spätestens zum Schuljahresende im Mülleimer. Als Zugabe können auf diesem digitalen Poster auch noch Filme, Audioaufnahmen, zusätzliche Dokumente und Links zu anderen Inhalten im Internet hinzugefügt werden. Und Freunde und Familien der Schüler können sich das Werk zum Schluss über einen Link auch noch ansehen. Tada!

Plattformunabhängig

Minimalanforderung für die Nutzung von Padlet ist ein Internetzugang und ein Browser. Das geht auf jedem Gerät. Für iOS und Android gibt es Apps, über die Padlets aufgerufen und bearbeitet werden können. Ein integrierter QR Code Scanner erlaubt es, Padlets direkt über ihren QR Code im App zu öffnen. Die Bedienung über Touch ist einfach. Doppelt tippen öffnet ein neues Pad oder ein bestehendes für die Bearbeitung. Auch für Chrome OS ist eine Erweiterung verfügbar. Padlets können sehr groß werden. Solange nur kleine Texte eingegeben werden oder ein Bild eingefügt wird, kommt man mit einem Smartphone oder 7“ Tablet aus. Wird ein Padlet umfangreicher, muss ein größerer Bildschirm her.

Benötigtes Vorwissen

Wer einen Browser bedienen kann und des Lesens mächtig ist, kann Padlet. Punkt!

Einfach, einfacher, am einfachsten

Die Bedienung von Padlet ist sehr einfach. Man kann mit „Neues Padlet“ direkt loslegen und die Sache ausprobieren. Ein Assistent führt gut erklärend durch die ersten Schritte: Name, Beschreibung, Layout, Hintergrund und Freigabe. Selbst Mitbenutzer sind ohne Anmeldung möglich, wenn die Standardeinstellungen gewählt werden und die Mitbenutzer (Schüler) den Link erhalten. Direkt vom ersten Padlet aus ist anschließend eine Registrierung möglich, um das Padlet dauerhaft zu sichern. Einmal registriert lassen sich nach Bedarf weitere Padlets anlegen. Beim Benutzen erschließen sich weitere Funktionen recht gut von alleine, etwa dass man Text im Padlet auch formatieren, verlinken und in Listen strukturieren kann.

Doppelklick/+ und loslegen

Neue Pads also Inhaltsfelder werden per Doppelklick oder über das Plus-Zeichen unten rechts erstellt und können dann mit Inhalten gefüllt werden. Inhalte wie Webseiten, Bilder, Videos, Lieder, Dokumente und ähnlich lassen sich per Link einfügen. Fotos, Videos, Audiodateien und Dokumente lassen sich auch hochladen. Jedes Pad kann mit einer Überschrift versehen werden und Text aufnehmen. Text kann formatiert werden, wenn man ihn markiert. Durch Ziehen lassen Pads sich in Größe und Form verändern. Mit Doppelklick auf ein Pad lässt es sich erneut bearbeiten oder löschen.

Multi-User

Padlet ist das ideale Werkzeug für kollaboratives Arbeiten. Wer über den Link verfügt, kann je nach Einstellung schreiben oder moderieren. Schreiben bedeutet für den einzelnen User, dass nur selbst erstellte Pads bearbeitet werden können. Moderieren erlaubt auch das Bearbeiten fremder Pads im Padlet.

Einsatzbeispiele

Padlet ist im Mehrnutzer Einsatz vielfältig zu verwenden. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

  • Schüler erarbeiten ein Thema in Gruppen. Nach der Vorbereitung werden die gesammelten Ergebnisse in Form eines Padlet zusammengestellt, ähnlich wie auf einem Plakat. (Laptop, PC, Tablet größer 7“)
  • Brainstorming für ein Thema. Alle Schüler der Klasse erhalten den Link und können ihre Beiträge einstellen. (Smartphone geeignet)
  • Elfchen oder Haikus gesammelt veröffentlichen. Link/QR Code ins Heft kleben. (Smartphone geeignet)
  • Argumente für eine Erörterung sammeln, eine Seite pro, andere contra. (Smartphone geeignet)
  • LdL – Schüler unterrichten andere Schüler. Sie arbeiten im Team und bereiten ergänzendes Material für eine kleine Unterrichtseinheit in einem Padlet vor. (Laptop, PC, Tablet größer 7“)
  • Von der letzten Klassenfahrt. Ausgewählte Bilder werden mit kleinen Texten von jedem Schüler beigesteuert. (Smartphone geeignet)
  • Ergebnisse eines Kunstprojektes. Jeder Schüler fotografiert sein Bild mit einem Smartphone oder Tablet und lädt es mit einem kleinen Text ins Padlet. (Smartphone geeignet)
  • Planung einer Klassenfahrt. Wenn das Ziel steht, kann in einem Padlet das Programm vor Ort geplant und dargestellt werden, mit Bildern, Informationen, Links und Karten. (Laptop, PC, Tablet größer 7“)
  • Da die einzelnen Pads sich auch verschieben lassen, kann von Schülern in Gruppen ein vorgefertigtes Padlet gemeinsam sortiert werden: Wortgruppen, Verben regelmäßig/unregelmäßig, Oberbegriffe/ Unterbegriffe, … (Laptop, PC, Tablet größer 7“)
  • In einem Padlet wird ein Inhalt (Film, Text, Bild) eingebunden und mit einer Aufgabe versehen. Das Padlet wird in Anzahl der Schülergruppen dupliziert und den Gruppen zugeteilt. Diese bearbeiten dann die Aufgabenstellung. Nach Abschluss wird das Padlet durch Umstellen auf „kann lesen“ für die Bearbeitung gesperrt. Die Gruppen vergleichen nun ihre Ergebnisse. Auch ein Museumsrundgang könnte sich anschließen.
  • Im Kunstunterricht wurden Skulpturen erstellt. Schüler fotografieren ihre Skulptur und stellen das Foto mit einer Erklärung in ein Padlet der Kunstgruppe. (Smartphone geeignet)

Einzelnutzer

Padlet ist auch für einzelne Nutzer interessant. Da es kein Vorwissen braucht, bekommt hier jeder Lehrer die Möglichkeit, auf einfachste Art eine kleine Webseite zu erstellen. Aber auch Schüler können ihr Padlet erstellen.

Einsatzbeispiele

Immer wenn eine schnelle, einfache Webseite benötigt wird, ist man mit Padlet gut aufgehoben, um Inhalte ins Netz zu stellen.

  • Es geht mal eine Runde in den PC Raum. Über das Padlets werden Links mit Recherchenaufträgen weitergegeben. Der Link zum Padlet kann über einen Dienst wie bit.ly verkürzt werden
  • Für den Einstieg in ein neues Thema wird eine Seite mit Informationen vorbereitet.
  • Ein Padlet wird als zentrale Seite für eine Unterrichtsreihe angelegt mit Links zu anderen Webseiten, Links zu Schüler Padlets, …
  • Über ein Padlet werden Materialien, z.B. Arbeitsblätter zum Ansehen und Herunterladen für die Schüler bereitgestellt.
  • Ein Padlet wird als einfaches Blog genutzt.

Padlet motiviert

Da man mit Padlet leicht ein Publikum außerhalb der Schule erreichen kann, ist die Motivation bei vielen Schülern größer. Sie können anderen zeigen, was sie in der Schule machen, der Familie und den Freunden. Über einen Link kann das Padlet in die Schulhomepage eingebunden werden. Tipp: vor der Veröffentlichung sollte das Padlet schreibgeschützt werden.

Die Nutzung  von Padlet macht kompetent

Als Werkzeug ist Padlet eben mehr als ein Plakat aus Papier. In seiner einfachsten Nutzung kann es ein Plakat 1:1 in seiner Funktion ersetzen. Aber damit hört es nicht auf. Plakate sind statisch. Ein Padlet kann Filme und Animationen aufnehmen und Links zu anderen Webseiten. Außerdem kann ein Padlet leicht über den Klassenraum hinaus gezeigt werden. Hier sind die Möglichkeiten gegenüber dem Plakat deutlich erweitert (aus Sicht von Unterrichtenden: im SAMR Modell auf der Stufe Augmentation).

So wenig wie es beim Plakat nur darum geht, mit Schere, Kleber und Marker umgehen zu können, so wenig steht bei Padlet das Handling im Mittelpunkt. Sicher muss auch dieses eingeübt werden, doch im Vordergrund steht bei der Nutzung von Padlet im Unterricht je nach Thema die Darstellung von Inhalten und ihren Zusammenhängen, die Organisation der Arbeit im Team und die Absprache über die Inhalte und gemeinsame Standards der Darstellung, die Weitergabe von erarbeiteten Ergebnissen an andere innerhalb der Lerngruppe oder über sie hinaus in die Öffentlichkeit des Internets und mehr.

Schüler nutzen Padlet

Bei der Arbeit mit Plakaten kommen oft nur die zum Zuge, die eine schöne Handschrift haben oder gut zeichnen können. Padlet bietet auch grobmotorischen oder zurückhaltenden Schülern eine Möglichkeit, sich in die Teamarbeit einzubringen. Digital schreiben alle schön und der digitale Raum bietet der Kreativität bei der Gestaltung größere Freiräume.

Für Schüler kann Padlet ein erster Einstieg in die Arbeit mit Webseiten sein, da die grundlegenden Möglichkeiten der Einbindung von Inhalten sehr ähnlich sind. Schüler, die mit Padlet umgehen können, sind auch in der Lage, einen Beitrag in einem Blog zu schreiben und mit Links, Bildern, Videos etc. zu versehen. In der gemeinsamen Arbeit an einem Padlet üben Schüler zudem die nötigen sozialen Kompetenzen ein, welche erforderlich sind, ein gemeinsames Projekt zu erstellen. Ohne Regeln und Absprachen wird es nicht gehen. Anders als beim Plakat, wo meist nur einer arbeiten kann, können hier in einer Gruppe wirklich alle gleichzeitig arbeiten. Soll das Padlet veröffentlicht werden, so dass es auch über Google zu finden ist, bietet Padlet einen guten Anlass, sich mit dem Thema Urheberrecht und Creative Commons auseinanderzusetzen.

Lehrer nutzen Padlet

Lehrern bietet sich Padlet als ein Instrument an, mit welchem sie erste Gehversuche machen können beim Einsatz eines digitalen online basierten Tools zur Gestaltung ihres Unterrichtes. Sie werden dabei merken, dass Padlet gegenüber dem Plakat weitaus mehr Möglichkeiten bietet und selbst neue Lernanlässe bietet. Wer mit Padlet positive Erfahrungen sammelt, und das wird man, wird Zutrauen gewinnen, neugierig werden und sich auch nach anderen digitalen Tools umsehen.

Vor dem ersten Unterrichtseinsatz

Bevor man als Lehrer Padlet (oder andere digitale Werkzeuge) im Unterricht einsetzt, sollte man sich zunächst im Klaren sein, was man damit erreichen möchte. Es geht um Unterrichtsentwicklung. Padlet ist natürlich auch ein Lerngegenstand aber nur nachgeordnet. Welche Lerngelegenheiten möchte ich durch den Einsatz von Padlet im Unterricht für meine Schüler ermöglichen? Außerdem sollte man sich selbst ausreichend vertraut gemacht haben mit Padlet. Erschließen sie sich selbst Inhalte mit einem Padlet, nutzen sie es selbst zum Lernen, bereiten sie damit ein Thema auf. Mit dieser Erfahrung können sie abschätzen, welche Anforderungen Padlet an ihre Schüler stellt und welche Möglichkeiten es ihnen bietet, Lernprozesse zu gestalten, welche Lerngelegenheiten es ihnen erschließt. Nutzen sie Padlet gemeinsam mit Kollegen einer Fachkonferenz, um ihr schulinternes Curriculum weiterzuentwickeln oder ein neues Themenfeld gemeinsam aufzubereiten. So erfahren sie die Möglichkeiten kollaborativen Arbeitens mit Padlet selbst und können sie anschließend ihren Schülern vermitteln.

Lehrerfortbildung ohne ICT geht gar nicht

Posted in Alltag, Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on August 15, 2016

In einem Video mit Will Richardson – TTT#342 Why School? with Will Richardson – in dem es auch um seine Schrift „Why School?“ geht, äußert er einen Gedanken, den ich sehr wichtig finde, wenn man sich mit dem Einsatz digitaler Endgeräte wie Tablets im Unterricht auseinandersetzt. Lehrer, so fordert er, müssten sich erst einmal für ein oder zwei Jahre selbst als Lernende vertraut machen mit den Geräten und Möglichkeiten, bevor sie diese im Unterricht einsetzen und Schülern in die Hand geben. Lehrer müssten selbst damit vertraut sein, sicher damit umgehen können und sie kompetent als Werkzeuge in ihrem eignen Lernen einsetzen können. Wenn der Lehrer selbst Lernender ist mit digitalen Werkzeugen, so Richardson, kann er besser beurteilen, wie man diese in einem Lernkontext mit Schülern einsetzt. Sonst würden es letztlich nur digitale Arbeitsblätter sein oder dass die Hausaufgaben auf einer Webseite hinterlegt werden. Richardson ist der Meinung, dass Schulen viel zu wenig darin investieren, ihre Lehrer mit den Geräten vertraut zu machen.

Viele Lehrer sind digitale Dünnbrettbohrer

Leider verhält es sich so, dass viele Lehrer wenig kompetent im Umgang mit digitalen Endgeräten sind, und das meint nicht nur die älteren Lehrkräfte. Auch bei jüngeren beobachtet man immer wieder, dass die Kenntnisse sehr oberflächlich sind. Im schulischen Kontext reicht es in der Regel für das Erstellen von sehr einfachen Arbeitsblättern und das Führen von Notenlisten. E-Mail nutzt man für Dienst-Mails notgedrungen. Man kann im Computerraum oder am interaktiven Whiteboard auch noch Videos von YouTube zeigen und eine Recherche durchführen. Vielleicht kann man Schülern auch noch Grundlagen einer Powerpoint Präsentation vermitteln. Damit endet es bei vielen dann auch schon. Die Lehrer, mit denen ich zu tun habe, nutzen Computer und das Internet nicht, um selbst damit zu lernen.

Wer nicht selbst kompetent ist, wird ICT auch eher nicht im Unterricht nutzen

Wer sich selbst nicht sicher fühlt, wird im Unterricht lieber beim Bewährten bleiben. Warum soll man sich auf etwas einlassen, was zu Misserfolgen und Frustration führt? Warum soll man etwas nutzen, von dessen Nutzen man nicht überzeugt ist, weil man selbst keine positiven Erfahrungen damit gemacht hat? Wie soll man, selbst wenn man willig ist, digitale Werkzeuge im Unterricht gewinnbringend einsetzen, wenn man nicht weiß wie? Ich denke, es liegt bei Lehrkräften in der Regel nicht am mangelnden Willen, doch man kann es nicht und weiß nicht, was möglich ist. Natürlich kann man gemeinsam mit den Schülern lernen, wie Ulf Blanke (@ulfblanke) richtig sagt. Doch wer schon über ausreichend Erfahrungen verfügt, wer den Schülern zumindest in einigen Bereichen einige Schritte voraus ist, der wird erfolgreicher sein. Für jemanden der selbst über eine gute Kompetenz verfügt, sagt es sich „Schüler und Lehrer können auch gemeinsam lernen“ sehr leicht. Man darf dabei nicht vergessen, dass auch Schüler das Lernen mit dem Internet nicht erfunden haben. Sicher können sie YouTube nutzen, um Anleitung zum Lösen von Problemen zu finden. Das ist aber nicht alles. Es passt darüber hinaus nicht zum Selbstverständnis vieler Lehrkräfte, sich ohne ausreichenden Hintergrund in neue Fahrwasser zu begeben. Es könnte zu vieles schief gehen, so die Sorge.

Lehrerfortbildungen sind so 1.0

Als ich das Video mit Will Richardson sah und seine Forderung nach dem Vertrautmachen von Lehrkräften mit Tablets bevor sie es Schülern in die Hände geben, hörte, dachte ich sofort an die Lehrerfortbildungen im Land und die diversen offiziellen Kongresse, so wie ich sie zumindest aus NRW kenne. Die digitalen Möglichkeiten werden dort so gut wie gar nicht genutzt. Dass auf einem Kongress für die Schulträger, Medienzentren und Medienberater etwa eine Twitterwall als Backchannel genutzt wird oder eine Möglichkeit der gemeinsamen Dokumentation über ein Etherpad, darauf wartet man vergebens. Lediglich der Vortragende nutzt Notebook und Projektor, vielleicht noch mit Internetanschluss.

Nicht viel anders verhält es sich bei vielen offiziellen Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer durch die Moderatoren der Kompetenzteams. Die Moderatoren nutzen vielleicht digitale Präsentationstechniken und einige sehr wenige Teilnehmer machen vielleicht Notizen auf Notebook oder Tablet. Darauf beschränkt sich dann der Einsatz digitaler Werkzeuge. In Arbeitsphasen werden bekannte Moderationstechniken genutzt, wie sie bei den Moderatorenschulungen vermittelt werden, Platzdeckchen, Plakat erstellen, Museumsrundgang, Karten beschriften und an eine Pinnwand heften. Und um die tollen Ergebnisse zu sichern, macht hinterher vielleicht noch jemand ein paar Fotos. Wenn ich das als Teilnehmer erlebe, denke ich, ich bin im Schul-Museum.

Keine Lehrerfortbildungen mehr ohne digitale Werkzeuge

Sicher gibt es auch Ausnahmen von den geschilderten analogen Zuständen in der Lehrerfortbildung, etwa in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Allerdings geht es dort vor allem um den Einsatz digitaler Möglichkeiten im Unterricht. Lehrer probieren aus, was sie mit ihren Schülern machen können. Das ist schon ein Stück besser als gar nichts. Wenn Lehrer kompetent werden sollen in der Nutzung digitaler Werkzeuge zum gestalten eigener Lernprozesse, und das müssen sie, dann müssen sie eine Möglichkeit bekommen, zumindest eine Grundkompetenz zu erhalten. Von da aus müssen sie sich selbst auf den Weg machen, sich mit Kollegen vernetzen und gemeinsam mit den Schülern lernen.

Bei der Sache gibt es natürlich einen Haken. Auch die Moderatoren sind mehrheitlich nicht kompetent in der Nutzung von digitalen Werkzeugen für das eigene Lernen. Das schlägt sich nicht nur im Fehlen dieser Thematik in den Inhalten der fachlichen Fortbildungen nieder, sondern eben auch in der Gestaltung der Fortbildungen selbst.

Folglich müsste man zunächst die Moderatoren selbst kompetent machen. Da die meisten von ihnen selbst Lehrerinnen und Lehrer an Schulen sind, sollten sie die beste Unterstützung bekommen, dass sie an ihren Schulen auch digitale Werkzeuge im Unterricht nutzen können. Nur dann werden sie als Lernende und Lehrende die notwendigen Kompetenzen erlangen. Im nächsten Schritt könnten sie dann ihre Fortbildungsmodule überarbeiten und ihr Portfolio an Moderationstechniken auf digital umstellen.

Im letzten Schritt bilden sie dann unter Einsatz von digitalen Möglichkeiten Lehrende weiter und helfen ihnen so nicht nur fachlich auf den Weg, sondern auch dabei, selbst zu Lernenden zu werden, die in der Lage sind die digitalen Möglichkeiten für sich zu nutzen, womit sie in die Lage versetzt werden, diese Möglichkeiten auch in ihrem eigenen Unterricht einzusetzen und dabei ihren Schülern lernendes Vorbild sind.

Selbiges gilt im Prinzip auch für die Lehrerausbildung an Universitäten und Seminaren. Es wird leider nicht reichen, wenn man Informatik zum Gegenstand jeglicher Lehrerausbildung macht, denn die kann man sich auch noch aus Bücher aneignen.

Lehrer des 21. Jahrunderts sind die Lerner des 21. Jahrunderts

Posted in Kompetenzen, Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik, Uncategorized by damianduchamps on April 30, 2016

An vielen Stellen herrscht mittlerweile kein Zweifel mehr daran, dass das Lernen des 21. Jahrhunderts anders aussieht als es gegenwärtig noch an der Mehrheit der Schulen praktiziert wird.

Wer sich in der Bildungslandschaft umschaut, sieht, dass sich schon recht deutlich herauskristallisiert hat, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts aussieht, denn es gibt bereits Schulen, wo es praktiziert und weiterentwickelt wird. Schaut man sich die Beispiele näher an, wird aber auch sehr schnell klar, was die Akteure auszeichnet.

Sie alle selbst sind Lerner des 21. Jahrhunderts.

Es sind die André Spangs, Alicia Bankhofers, Thorsten Larbigs, Jörg Lohrers, Gerhard Bless und so weiter dieser Welt. Sie alle leben vor, wofür sie stehen, indem sie die Lernmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts aktiv nutzen, um ihre eigenen Kompetenzen zu erweitern. Das heißt, sie bauen sich ihre persönlichen Lernnetzwerke auf, suchen sich Informationen im Netz, nehmen an MOOCs teil, schauen Lernvideos, sie schreiben Blogs, podcasten, erstellen Videos, veranstalten edChats, erstellen gemeinsam Dinge, …, sie erwerben Kompetenzen und teilen sie mit anderen und wachsen dabei weiter.

Was bedeutet das für die Entwicklung des Bildungssystems selbst hin zu einem Bildungssystem des 21. Jahrhunderts?

Man kann, so denke ich, sicher davon ausgehen, dass die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer digitale Technologien nutzen, im privaten Umfeld wie in der Unterrichtsvorbereitung. Trotzdem fällt es ihnen extrem schwer, sich in Bezug auf Unterricht auf digitale Technologien einzulassen. Welche enorme Bedeutung das Lernen des 21. Jahrhunderts für Schule hat, übersteigt ihren Vorstellungshorizont sogar komplett, und das nicht ohne Grund.

Der beste Englischlehrer ist nicht nur Pädagoge, sondern beherrscht die englische Sprache perfekt, der beste Biologielehrer ist Biologe und Pädagoge und der beste Mathematiklehrer ist Mathematiker mit Leib und Seele und Pädagoge. Wer Schüler zu Lernern des 21. Jahrhunderts machen soll, muss deshalb selbst ein Super-Lerner des 21. Jahrhunderts sein. Nach modernem Rollenverständnis vermitteln Pädagogen heute schon lange nicht mehr nur Wissen, sondern auch das Lernen selbst. Und immer schon lernen Lehrer in ihrer Ausbildung auch selbst mit den Methoden, die sie hinterher als Lehrer in ihrer täglichen Arbeit nutzen sollen.

Wenn Lehrerinnen und Lehrer also nicht selbst aus eigener Praxis in der Entwicklung und Erweiterung ihrer beruflichen Professionalität erfahren haben, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts funktioniert und welchen Gewinn es ihnen bringt, dann können sie dieses weder in ihren beruflichen Alltag integrieren noch verstehen, warum dazu überhaupt eine Notwendigkeit besteht. Dann wundert es auch nicht, wenn Schulen noch immer Smartphones verbieten und man an Schulen oft nur Einzelkämpfer findet, die mit digitalen Technologien in ihrem Unterricht arbeiten und sich auf den Weg gemacht haben, ihre Schüler die Chance gehen, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln.

Für die Praxis bedeutet dieses:

  • Die Lehrerausbildung muss so schnell wie möglich umgestellt werden, um aus Lehramtsstudenten und Referendaren Lerner des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Die Lehrerfortbildung muss umgestellt werden, um Lehrer zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Für den Übergang müssen Lehrer an den Schulen massiv entlastet werden, um den Raum zu erhalten, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln

Schulen stehen gegenwärtig unter einem enormen Druck von vielen Seiten. Inklusion, Flüchtlinge, G8/G9, demographischer Wandel und gesellschaftliche Probleme, die in die Schulen schwappen, lassen unter den gegebenen Bedingungen nicht viel Luft für einzelne Themen. Mit Tafel, Buch, Stift und Heft hat Unterricht immer funktioniert und für viele Lehrer stehen deshalb digitale Technologien ziemlich weit hinten auf der Prioritätenliste. Wenn sich also etwas ändern soll, und es muss sich etwas ändern, dringend, dann braucht es einer gewaltigen gemeinsamen Anstrengung. Ohne einen Schub aus der Politik und die entsprechenden Mittel, um die Lehrerausbildung und -fortbildung wie oben beschrieben, zu verändern, wird es nicht gehen. Dafür braucht es politischen Willen. Man hörte mal etwas munkeln von einem milliardenschweren Programm aus Berlin. Das war schon 2015 und es ging wohl mehr um Ausstattung von Schulen. Von daher ist der Ausblick gegenwärtig nicht sehr optimistisch, auch wenn zu spüren ist, dass an vielen Schulen so langsam Aufbruchstimmung einkehrt in Bezug auf digitale Technologien und Unterricht.

Lehrerfortbildung (NRW) oh mein Gott

Posted in Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on Dezember 15, 2010

Ich bin schon selbst seit Jahren in der Lehrerfortbildung tätig. Mein Erfolg schwankt. In den letzten Jahren konnte ich meinen Erfolg nicht wirklich messen, denn es gibt kaum jemanden, so scheint es, der gegenwärtig fortgebildet werden möchte. Ich kann das gut nachvollziehen, denn wer heute Lehrer ist, wird von allen Seiten zugeworfen und ist froh, wenn dabei das eigentliche Kerngeschäft, der Unterricht nicht auf der Strecke bleibt.

Fortbildung halte ich für extrem wichtig. Ohne Fortbildung wird sich in der Schullandschaft nichts bewegen. Unterrichtsentwicklung an den Schulen braucht Fortbildung, um Lehrer professionell weiterzuentwickeln.

Auch ich möchte gerne meinen Teil dazu beitragen und glaube, vor allem durch mein Wissen im Bereich der neueren Medien im Zusammenhang mit Unterricht anderen etwas davon abgeben zu können.

Seit einiger Zeit bin ich auch, weil ich das Fach unterrichte, Fachmoderator für Englisch. Ich sehe ein, dass ich als Fachmoderator entsprechende Qualifikationen benötigte. Ja, ich bestehe sogar darauf, auf den allerneusten Stand der Fachdidaktik gebracht zu werden. Ich möchte sicher sein, meinen Kolleginnen und Kollegen das zu vermitteln, was aktuell ist und dem Stand der Forschung entspricht.

Anders als lange Jahre zuvor darf jetzt tatsächlich auch nur noch fortbilden, wer qualifiziert wurde. Bisher war das nicht so. Natürlich gibt es Fortbildungen für die so genannten Fachmoderatoren schon lange. Trotzdem tummelten sich in der Fortbildung viele, die alleine aufgrund ihres Interesses qualifiziert waren. Mit der neuen Vorgabe möchte man von Seiten der Landesregierung die Qualität der Fortbildung sichern, quasi so wie man auch auf Ebene der Schulen die Qualität von Unterricht durch Lernstandserhebungen und zentrale Prüfungen sicherstellen will. Das macht Sinn.

Kürzlich war ich selbst auf einer solchen Fortbildung für Fachmoderatoren. Es ist nicht die erste Fortbildung des Landes, welche ich erleben durfte, jedoch die erste als Fachmoderator und die erste mit dem Anspruch Qualität der Fortbildung sichern zu wollen. Rund 25 Fachmoderatorinnen und -Moderatoren saßen dort sage und schreibe sechs Personen gegenüber, welche die Veranstaltung durchführten. Später kam noch eine weitere Person hinzu, und die Person, welche verantwortlich zeichnet für diese Art von Fortbildungen, war ebenfalls den halben Tag zugegen. Die die Fortbildung durchführenden Personen, stellen wohl auch jene Personen dar, unter deren Federführung die Fortbildungsinhalte entstehen.

Im Laufe der Fortbildung hatte jede dieser Personen ihre Rolle. Jeder hatte einen Part und trug etwas vor oder leitete eine Arbeitsphase. Für mich war das der absolute Overkill. Es war nicht so, dass die Moderatoren sich nicht große Mühe mit der Fortbildung gaben. Trotzdem kam bei den Teilnehmern nicht gerade übermäßig große Begeisterung auf. Das hatte mehrere Ursachen. Die Inhalte waren nicht wirklich neu. In der Praxisphase versuchte man mit den Teilnehmern eine kooperative Lernform (wobei ich bei solchem Ansinnen mit Lehrern häufig vermute, der Fortbildende möchte sein oder ihr Moderationgeschick unter Beweis stellen). Zunächst sollten die Teilnehmer etwas in Einzelarbeit erarbeiten, dann dieses in einer ausgelosten Gruppe zusammenführen und anschließend dem Plenum vorstellen. Für den Gegenstand, um welchen es bei dieser Aufgabe ging, brachte das keinerlei Gewinn. Das Ergebnis, welches nichts anderes als exemplarische Beispiele darstellte, wurde anschließend im Plenum kleingekaut, ohne die Sache irgendwie weiter zubringen.

Zuvor hatte es schon zwei Präsentationen mit Hilfe von PowerPoint gegeben. Eine weitere folgte später. Auffällig war bei allen dreien, dass die Moderatoren nicht in der Lage waren, die Präsentierfunktion im Vollbildsmodus zu nutzen. Man war sich allerdings schon bewusst, dass die Darstellung recht klein ausfiel und fragte sogar nach, ob man es hinten noch lesen könne.

Als letztes Bonbon wurde eine ganz besondere Software vorgestellt. Es ging um eine Software, bei der man nur wenig „programmieren“ müsse. Mittels einer Präsentation, welche man sich geliehen hatte, wurde das Programm vorgestellt. Anschließend zeigte man das Programm selbst und Aufgaben, welche man damit nach Angaben der Moderatoren noch am Abend zuvor erstellt hatte. Zwei Moderatoren erklärten. Keiner von beiden schienen sonderlich gut eingearbeitet in das Programm. Zwar wurde kurz angerissen, wofür die Software zu verwenden sei, doch wie sie im Schulalltag am besten untergebracht wird, dazu gab es kaum Informationen. Anschließend wurde noch darauf hingewiesen, dass man heute auch mit der Software zu den Lehrwerken recht gut Übungen zum Ausdrucken erstellen könne, Multiple-Choice, Lückentexte, Auswahlaufgaben und ähnlich. Die Software, um welche es zuvor gegangen war, heißt Hot Potatoes. Dazu glaube ich, braucht man nichts mehr sagen.

Ich habe auch von anderen Fortbildungen zu den Kernfächern teilweise ähnlich interessante Geschichten gehört, jedoch auch positive Beispiele. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass viele Fortbildungen für Fachmoderatoren die Qualität der Fortbildung haben, welche ich kürzlich erleben durfte, dann frage ich mich, wie dadurch die Qualität von Fortbildung für Lehrer gesichert werden soll.

Gerüchtweise hörte ich, zum Thema Neue Medien gebe es bisher in der Fortbildung für Fachmoderatoren so gut wie nichts, bezogen auf das Fach Englisch und den Regierungsbezirk, zu welchem diese Fortbildungen gehören. So, wie man es mir sagte, dürfen Fachmoderatoren nur Fortbildung anbieten, welche den Modulen der Fortbildung entsprechen, welche sie selbst genossen haben. Kommt da im schlimmsten Fall nichts nach zum Lernen mit den Möglichkeiten der digitalen Welt, dürfte ich ganz offiziell mein Spezialwissen in diesem Bereich in Fortbildungen nicht vermitteln. Toll!

Am Ende der Fortbildung gab es für alle Teilnehmer einen Evaluationsbogen, wie sich das heute gehört. Einzutragen waren, unterschieden nach theoretischem Teil und praktischem Teil, Pluspunkte, Minuspunkte und Anregungen. Man evaluiert sich selber. Reicht das? Ich glaube nicht. Wer sichert die Qualität der Fortbildungen für die Fachmoderatoren? Die Person, welche den Morgen über der Veranstaltung beiwohnte, da sie zu ihrem Verantwortungsbereich gehört, saß mit vorne, trug das eine andere bei, welches auf der Linie dessen lag, was die vorne vortrugen, und nickte sonst nur zustimmend. Sie ist nicht vom Fach und damit für mich auch nicht ausreichend qualifiziert.

Die Qualität der Fortbildung war für mich und einige andere Teilnehmer nicht nur in dieser Hinsicht fragwürdig. Es gab ein Flip Chart, welches beschrieben wurde und einige Folien, auf welchen die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse sammelten. Für den Fachbereich gibt es auf der Plattform des Landes (auf Webweaver basierend wie lo-net) eine eigene Gruppe mitMail, Kalender, Chat, Dateiablage und seit neuestem auch Wiki, um das Auffinden der Materialien in der Dateiablage zu vereinfachen. Das alles trägt den Charakter von Fortbildungen von vor 10 oder mehr Jahren. Es gab kein WLAN währender der Fortbildung, keine gemeinsam zu bearbeitende Onlinedokumentation, etwa in Form eines Etherpad oder eines Google Doc.

Das war mein Eindruck von der Fortbildung für die Fortbildung, und er war nicht gut. Aber vielleicht war das die Ausnahme und alles wird noch gut, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Und vielleicht ist es ja auch nicht bei allen Bezirksregierungen so wie bei meiner, hoffe ich.

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Neue Strukturen fordern neue Kompetenzen

Posted in Kompetenzen by damianduchamps on August 1, 2010

Mit dem Web 2.0 wird Goverment 2.0 möglich. Bürger können über Wertschöpfungsketten am Staat beteiligt werden. Wie das funktioniert erläutert Philipp Müller in dem Artikel Bürger machen Staat 2.0, auf den ich durch einen Tweet von @cervus stieß. Den Artikel fand ich ungemein interessant, nicht nur in Hinsicht auf sich ankündigende Veränderungen staatlicher Gestaltungsstrukturen, sondern auch wegen eines kleinen Ausschnittes, der sich mit gesellschaftlichen Veränderungen befasst.

Die Privatsphäre ist auch kein unumstößlicher Wert. Sie ist ein Kind der Moderne. Die Moderne hat uns diese Binaritäten wie privat und öffentlich, Arbeit und Freizeit, Staat und Wirtschaft, Wohlfühlen und Geldverdienen gebracht. Das Web 2.0 weicht diese scharfen Gegensätze nun wieder auf. Dabei stellt sich uns nicht mehr die Frage, ob wir das wollen – die richtige Frage lautet: Wie gehen wir damit um?  […] Wer im Web 2.0 auftritt, braucht eine sehr klare Vorstellung davon, wie viel er von sich hergeben will und welche Konsequenzen das möglicherweise haben kann. Und es darf natürlich keinen Zwang geben, ein defensiver Ansatz muss genauso erlaubt sein wie ein offensiver.

In dieser Form las ich das bisher noch nicht und es war mir auch nicht wirklich bewusst, scheint mir nun aber sehr logisch, wenn ich darüber nachdenke. Privatsphäre gab es früher nicht und Freizeit ebenso wenig. Noch weiter zurück lagen auch Staat und Wirtschaft sehr eng bei einander, in der ehemaligen DDR sogar noch bis zur Neuzeit.

Mit dem Netz verwischen einige dieser Trennungen wieder. Arbeit und Freizeit verschmelzen bei vielen Menschen, die im und mit dem Netz arbeiten. Teils geschieht das freiwillig, teils nicht. Manch einer arbeitet fast den ganzen Tag und empfindet es nicht als Arbeit. Andere sind durch das Netz und seine Möglichkeiten immer erreichbar, müssen auf Abruf antreten und haben keine Alternative.

Privatspäre ist eine mühsam gewonnene Abgrenzung des Individuums von der Masse. Gesetze sichern sie, um den Einzelnen vor dem Staat und seinen Instrumenten zu schützen. In unserer Gesellschaft, in der Meinungen und Überzeugungen frei sind, man nicht fürchten muss, sich der Verfolgung auszusetzen, wenn man anders denkt, reißen junge Menschen die Mauern zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ein. Das geschieht im blinden Vertrauen auf diese Gegebenheiten. Ältere, die andere Systeme aus eigenem Erleben kennen oder zum Misstrauen gegenüber jeglicher Obrigkeit erzogen wurden, sind da skeptisch und können die Sichtweisen der jungen Generationen nicht nachvollziehen.

Der goldene Weg liegt wohl, wie so oft, irgendwo in der Mitte. Ein jeder muss seinen Weg hier finden. Schule hat dabei eine Aufgabe, und das bedeutet nicht nur Medienkompetenz. Der Begriff ist dafür viel zu eng, denn es ist mehr gefordert. Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen, so dass junge Menschen befähigt werden, abzuwägen und zu entscheiden.

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Kompetenzraster (wiederentdeckt)

Posted in Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on Mai 21, 2010

Vom kompetenzorientierten Unterricht sind wir an den meisten Schulen im Lande wohl meilenweit entfernt (siehe Ist kompetenzorientierter Unterricht ein Papiertiger?), doch damit ist das Thema natürlich nicht tot. Auch wenn sich sogar die Universitäten des Themas in der Lehrerausbildung kaum annehmen und die Studienseminare gerade zaghafte erste Schritte in Richtung kompetenzorientierten Unterrichts unternehmen, so gibt es hier und da Bewegung im Kleinen. Von Seiten des Landes tut sich eher wenig, wie es aussieht. Wohl arbeitet man in Kommissionen an neuen Kernlehrplänen für die Nebenfächer, die Hauptfächer lässt man aber scheinbar links liegen. Was man an Material findet, stammt vielfach aus der Konzeptionsphase von vor sieben oder acht Jahren. Trotzdem gibt es ein wenig Leben in der Thematik. Das stammt von kleinen Inseln der Aktivität, von Schulen, welche die Initiative ergriffen und sich auf den Weg gemacht haben, Häuser des Lernens, auf die der Ausspruch von Sir Ken Robinson „It’s important not to be frustrated by the whole system. Change happens one school at a time. Be the change where you are.“ gut passt. Das sind Schulen, die eher von der Reformpädagogik inspiriert sind, Schulen, die zum Archiv der Zukunft Netzwerk gehören oder diesem nahestehen, Montessorischulen, Schulen, die sich im Schulverbund Blick über den Zaun organisieren, und einige andere. Es sind die Schulen, die den Bildungsforscher Andreas Schleicher nicht wegen seiner harschen aber zutreffenden Kritik am deutschen Schulsystem verurteilen, sonder schon lange die Richtung gehen, die er einfordert. Für diese Schulen ist der Begriff Kompetenzraster kein Neuland mehr. Viele von ihnen verwenden Kompetenzraster in verschiedener Form.

Ich selbst hatte wohl das eine oder andere Mal den Begriff Kompetenzraster gehört, mehr nicht. Vor kurzem kam ich dann mit dem Begriff etwas anders in Berührung. Das war beim 1. Regionaltreffen des ADZ NRW an der Friedensschule in Köln. Diese Schule, die mich sehr beeindruck hat, arbeitet kompetenzorientiert und nutzt auch Kompetenzraster. Das machte mich neugierig und ich forschte nach. Worauf ich zuerst stieß, waren die sehr umfassenden Kompetenzraster des Instituts Beatenberg, einer Schule in der Schweiz. Diese Kompetenzraster werden an vielen Stellen zitiert. Über einen Tweet von Rolf Kröger (@watueueh) stieß ich nun auf einen recht aktuellen (oder zumindest im März aktualisierten) Eintrag im Bereich Toolbox BildungKompetenzraster – eine neue Form der Leistungsbewertung. Das ist das Modell des Instituts Beatenberg. Neu ist das Modell nicht. Es wurde 2004 veröffentlicht und stammt damit aus der Zeit, als man bei uns gerade eben die Implementierung der neuen am Kompetenzmodell orientierten KMK-Bildungsstandards und der daraus abgeleiteten Kernlehrpläne für die Hauptfächer (NRW) anging. Sowenig wie der kompetenzorientierte Unterricht bisher in den Schulen angekommen ist, so wenig kennt man dort Kompetenzraster.

Von Wiederentdeckt kann man, wie ich beim Durchsehen der Bertelsmann Seite vermutete, wohl eher nicht sprechen. Das Thema Kompetenzraster ist im Mainstream kaum vertreten, wie Google Insight deutlich zeigt. (Den Google Dienst kann ich übrigens nur wärmsten empfehlen, um Einblicke in solche Thematiken zu erhalten. Leider liefert er Daten jedoch erst ab 2004.) Abgesehen von zwei kurzen Phasen im Februar 2008 und Januar 2009 war das Thema online nicht wahrzunehmen.

Web-Suche-Interesse: kompetenzraster
Deutschland, Österreich, Schweiz
2004 – heute
Kategorie: Bildung

Auch wenn sich die Masse derer im System Bildung Beteiligten dafür wenig interessiert, sind Kompetenzraster auf jeden Fall einen Blick wert, da sie das, worum es beim kompetenzorientierten Unterricht geht, leichter verständlich machen. Zunächst einmal finde ich, ist die Überschrift auf der Webseite der Bertelsmann Stiftung Kompetenzraster – eine neue Form der Leistungsbewertung mehr als irreführend, denn es geht eben nicht um die Bewertung von Leistung im herkömmlichen Sinne, sondern um Kompetenzen und über welche davon ein Lernender in welchem Ausmaß verfügt.

Da es in der Schule beim Lernen um Kompetenzen geht, und zwar in allen Bereichen, hat man beim Institut Beatenberg für alle Bereiche Kompetenzraster erstellt. Das betrifft damit die traditionellen Schulfächer wie auch das Arbeits- und Sozialverhalten oder Gesundheit und Selbstorganisation. Erfunden hat das Institut Beatenberg die Kompetenzraster vermutlich nicht, denn in ähnlicher Form findet man Vergleichbares auch an anderer Stelle. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen  (oder exakt Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen) ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Kompetenzraster. Auch hier werden Kompetenzen nach Niveaus gestuft abgebildet. Packt man die verschiedenen Kompetenzbereiche der Kernlehrpläne des Fachs Englisch (NRW) in ihrer dreifachen Abstufung nach Doppeljahrgangsstufen in eine Tabelle (siehe Kompetenzerwartungen am Ende der Jahrgangsstufen), erhält man ebenfalls ein Kompetenzraster. Letztere Beispiele sind zwar Kompetenzraster, haben aber mit denen von Schule eines nicht gemein. Sie sind nicht für die Hand von Schülern gedacht. Kompetenzraster als Instrumente zur Steuerung von Lernprozessen sind in der Regel so formuliert, dass sie für Schüler verständlich sind. Sie können außerdem anders dimensioniert sein und müssen z.B. nicht Kompetenzen bis zur höchsten Kompetenzstufe abbilden.

Was ein Kompetenzraster genau ausmacht, beschreibt das Institut Beatenberg sehr gut und ich zitiere ihren Text deshalb mit zwei kleinen Abänderungen hier:

Kompetenzraster beschreiben, was man in einem bestimmten LernFachbereich können könnte. Oder anders gesagt: Sie bilden das Curriculum ab in Form einer Matrix. In der Vertikalen werden jene Kriterien aufgeführt, die ein LernSachgebiet inhaltlich bestimmen (was?). In der Horizontalen werden zu jedem dieser Kriterien vier bis sechs Niveaustufen definiert (wie gut?). Kompetenzraster stecken damit einen Entwicklungshorizont ab (Horizont-Didaktik), indem sie in differenzierter Weise den Weg beschreiben von einfachen Grundkenntnissen bis hin zu komplexen Fähigkeitsstufen.

Damit bieten Kompetenzraster Lernenden einen Orientierungsrahmen, der ihnen einmal einen Lernbereich anschaulich macht und ihnen außerdem hilft, ihren Lernstand einzuschätzen. Sie haben damit Quasi eine Karte, auf der sie den Startpunkt, die Wegpunkte und den Zielpunkt für eine Bergbesteigung sehen. Auf welchem Weg sie nach oben kommen und ob sie Wegpunkte umgehen oder überspringen, wie lange sie für einzelne Wegstrecken benötigen und ob sie den Zielpunkt am Gipfel komplett erreichen, ist dabei offen.

Interessant finde ich Kompetenzraster auch aus der Sicht des Lehrers, denn hier eröffnet sich eine andere Perspektive zur Planung von Unterricht, die von kompetenzorientiertem Unterricht. Dieser muss so angelegt sein, dass er den Lernenden die Möglichkeit gibt, die verschiedenen Niveaustufen entsprechend der Progression der Lerninhalte zu erreichen. Lernangebote in Form von Materialien lassen sich mittels des Rasters leicht abstufen in ihrem Anspruchsniveau. Idealerweise ist das Angebot außerdem noch ausreichend differenziert, um verschiedene Zugänge zum Lerngegenstand zu ermöglichen.

Unterricht mit Kompetenzrastern fängt jedoch nicht mit dem Material an, sondern mit dem Kompetenzraster selbst. Das muss eine Kompetenz bzw. Teilkompetenz zunächst in verschiedene Niveaustufen einteilen, üblicherweise vier oder sechs. Und dabei geht man vom der zu erreichenden Teilkompetenz rückwärts vor.

Auch für die Erstellung schulinterner Curricula, also eine Ebene über der Unterrichtsplanung selbst, machen Kompetenzraster Sinn. In ihnen werden Bildungsstandards, wie sie zur Erlangung des Abschlusses der Schule erreicht werden müssen, von oben nach unten in niveaugestuften Teilkompetenzen aufgerastert. Auf dieser Stufe sind die Kompetenzraster des Instituts Beatenberg anzusiedeln. Für die Erstellung von Materialien für ein Lernbüro etwa, müssen dann, wie oben beschrieben, die Teilkompetenzen erneut heruntergebrochen.

Ich selbst werde mich in den kommenden Wochen weiter mit dem Thema auseinandersetzen, wie auch mit dem kompetenzorientierten Unterricht.