Damian Duchamps' Blog

Schule – Chaos mit Ansage, System ohne System


Posted in Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Mai 15, 2016

Dieser Tage hatte ich mit dem System Schule mal wieder ein Erlebnis, welches bei mir das Fass zum überlaufen brachte, wo ich tatsächlich mal wieder mit dem Gedanken spielte, alles einfach hinzuschmeißen.

Ich bin in der Lehrerfortbildung tätig und dafür mit einigen Stunden entlastet. Nun hat man mir angeboten, meine Entlastung auszuweiten. Ich könnte also mehr Stunden in der Fortbildung tätig sein und würde dafür weniger unterrichten. Bisher war so etwas relativ einfach geregelt. Man sprach sich mit der Leitung des Kompetenzteams, welche die Fortbildung vor Ort regelt, ab, diese beantragte entsprechende Stunden bei der Bezirksregierung und wenn alles in Ordnung war, bekam man die zusätzlichen Stunden genehmigt. Das geht jetzt nicht mehr. Jetzt muss ich mich bewerben, „mit den üblichen Unterlagen,“ und dann zu einem Bewerbungsgespräch zur Bezirksregierung fahren. Selbst wenn ich, der ich einige Jahre in der Fortbildung tätig bin, meine Tätigkeit dort nur um zwei Stunden erweitern möchte, muss ich diese Prozedur über mich ergehen lassen. Wer sich das bei der Bezirksregierung ausgedacht hat, dem sollte man dafür mindestens das Bundesverdienstkreuz verleihen. Letztlich ist dieses Erlebnis aber nur symptomatisch für das Chaos in unserem Schulsystem.

Nun ja, so kam also der ganze Frust mit diesem System in mir wieder einmal hoch. Und das hat Gründe, denn ich bin zwar auch nur ein Rad im Getriebe, doch ich habe Augen und Ohren und bin, auch durch dieses Schulsystem, zu Kritik erzogen worden. Zum Glück.

Als ich 1970 als Erstklässler das erste Mal mit Schule zu tun hatte, war das Schulsystem noch weitestgehend in Ordnung. Es war ein System, welches bundeseinheitlich ziemlich gleichförmig angelegt war, dreigliedrig und zumindest vom Prinzip her durchlässig nach unten wie nach oben. Überall begann man mit der ersten Fremdsprache in der Klasse fünf und mit der zweiten in der Klasse sieben. Nach und nach wurde überall der Abschluss der Klasse zehn eingeführt, auch wenn ein Hauptschulabschluss nach Klasse neun weiterhin möglich war. Aber es zeichneten sich bereits erste Versuche an, das System aufzubrechen. Die Gesamtschule wurde eingeführt. Chancengleichheit für alle, war die Losung. Grundsätzlich war das sicher keine schlechte Idee. Auch die katholische Tochter vom Lande oder der Sohn des Arbeiters sollte die Gelegenheit erhalten, das Abitur zu machen und zu studieren. Was aber im Laufe der Jahrzehnte daraus wurde, ist schlichtweg eine Katastrophe.

Wirklich besser wurde wenig. Auch wenn nach außen hin zunächst noch alles ziemlich gleich war, begann das System auseinander zu driften. Ein Abitur aus Nordrhein-Westfalen galt zum meiner Abi-Zeit in Bayern nichts. Wer sein Abitur in einer Gesamtschule in Nordrhein Westfalen ablegte, lag im Stoff deutlich hinter einem Abiturienten vom Gymnasium zurück.

Schule entwickelte sich im Spannungsfeld der parteipolitischen Ideologien, auf Landesebene bis hinunter in die Kommunen. In den CDU und CSU regierten Bundesländern blieb man eher konservativ beim bewährten System und setzte auf Leistung und Elitenförderung. In den SPD-regierten Bundesländern war man dagegen deutlich experimentierfreudiger. Das Mantra, unter dem das geschah, lautete „Chancengleichheit.“ Immer wieder wurde in den SPD Ländern mit oft zweifelhaftem Erfolg versucht, die Dinge zum Besseren zu verändern. Die Gesamtschule kam ins Spiel. Schulversuche und Leuchtturmprojekte blieben in der Regel allerdings ohne Folgen, weil sich die dahinter liegenden Konzepte auch bei erfolgreichen Ergebnissen, politisch nicht durchsetzen ließen. Viele junge motivierte Lehrer wurden so im Laufe der Jahre verheizt. Man ließ sie neue Konzepte auszuarbeiten, Lehrpläne schreiben usw. bis sie lernten, Reformen einfach auszusitzen. Diese Generation Lehrer ist mittlerweile fast komplett im Ruhestand und die meisten sind froh darüber. Aus ihrer Sicht hat sich das Schulsystem im Laufe der Jahrzehnte in unserem Land nicht verbessert.

Wenn man die Entwicklung über die vielen Jahre beobachtet, hat man das Gefühl, das System Schule driftet mehr und mehr auseinander. Aus dem einst relativ einheitlichen System ist mittlerweile etwas geworden, wo es schwierig ist, überhaupt noch von einem System zu sprechen. Vor wenigen Jahren hieß es einmal im Spiegel, dass wir in Deutschland mittlerweile über 50 verschiedene Schulformen haben, zumindest dem Namen nach. Mit der Einführung von G8 ist alles nur noch chaotischer geworden. In manchen Bundesländern beginnt man nun mit der zweiten Fremdsprache bereits in der sechsten Klasse. In anderen ist man bei der Klasse sieben geblieben. Familien, die von einem Bundesland in ein anderes wechseln wollen, werden dadurch vor enorme Probleme gestellt. Viele Kinder müssen ein Jahr wiederholen, weil sie das erste Jahr der neuen Fremdsprache verpasst haben. Wer von einer Hauptschule oder einer Realschule zum Gymnasium in die Oberstufe wechselt, muss bei einem G8 Gymnasium die Klasse zehn wiederholen, da diese dort bereits zur Oberstufe zählt.

Das G8 war von seiner Grundidee sicherlich in Ordnung. Man wollte eine Angleichung an andere Länder in Europa. Doch wie so oft in diesem System Schule scheiterte das alles am System selbst. Damit G8 funktionieren kann, mussten die Schulen ihre Lehrpläne in den einzelnen Fächern reduzieren. Ganz wenigen Schulen gelang dieses. Bei der Mehrheit der Gymnasien funktionierte es überhaupt nicht. Keine Fachschaft war dort bereit, etwas zu streichen. Das sollten gefälligst die anderen tun, die weniger wichtigen Fächer. Und so wurde der Schwarze Peter hin und her geschoben und zum Schluss wurde gar nichts gestrichen. Die Leidtragenden sind die Schüler und die Familien. Gestiegener Druck und weniger Freizeit sind eine Folge. Irgendwann erkannte auch die Politik, dass es so nicht weitergehen konnte. An vielen Stellen kam zudem der Wunsch auf, wieder zurück zu G9 zu gehen. Wo die Politik es dann zuließ, wechselten tatsächlich Gymnasien wieder zurück zu G9. Gleichzeitig versuchte man für die G8 Gymnasien die Situation zu entschärfen. Anstelle der Reduktion im Stoffumfang, den die Gymnasien nicht geschafft hatten, setzte man jetzt bei den Hausaufgaben an. Weniger Hausaufgaben. Ob das nun zu einem Erfolg geführt hat, darüber hat man bisher nichts gehört. Ich wage, zu bezweifeln, dass die Situation sich geändert hat. Auch hier werden die einzelnen Fächer weiterhin auf dem alten Umfang der Hausaufgaben bestanden haben und den schwarzen Peter an die anderen weitergegeben haben.

Und parallel verschwinden nun nach und nach die Hauptschulen und an vielen Stellen auch die Realschulen. Stattdessen hat man hier in Nordrhein-Westfalen nun jede Menge neue Gesamtschulen und Sekundarschulen und ein paar Gemeinschaftsschulen. Letztere entstanden in dem Versuch der SPD, das Schulsystem umzukrempeln. Der Versuch scheiterte dann aber am Widerstand der CDU. Neue Gemeinschaftsschulen gab es nicht mehr nach dem Schulfrieden, doch da die gerade entstandenen Bestandsschutz haben, existieren sie weiter. Wenn man die Gesamtlage in NRW betrachtet, so entwickelt sich das System tendenziell zu einem zweigliedrigen Schulsystem. Auf der einen Seite sind die Gymnasien, welche gut 40 % aller Schüler aus den Grundschulen aufnehmen. Und dann sind da noch die anderen Schulen: Gesamtschulen, Sekundarschulen, Realschulen und Hauptschulen und die wenigen Gemeinschaftsschulen. Wirklich zweigliedrig kann das System jedoch nicht werden. Wie an verschiedenen Stellen im ganzen Land zu sehen ist, passen hier einige Sachen nicht zusammen. Es entstehen vor allem unsägliche und unnötige Konkurrenzsituationen zwischen Schulen.

Immer wieder wird deutlich, dass die gesellschaftlichen Vorstellungen von Schule mit denen der Politik nicht deckungsgleich sind. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Politik von Parteien gemacht wird, die nicht von 80 oder 90 % der Bevölkerung gewählt werden. Sie vertreten damit auch bildungspolitische Ideologien, die nur von einem kleineren Teil der Bevölkerung unterstützt werden. Hinzu kommt, dass viele Eltern, vor allem wenn sie selbst einen mittleren oder gehobenen Bildungsabschluss haben, ihre Kinder auf einem Gymnasium sehen möchten. Sie sollen später bessere Chancen haben und definitiv nicht mit den ganzen Kindern aus dem bildungsfernen Schichten auf eine Schule gehen, „nicht mit den Migrantenkindern, nicht mit den Blöden, nicht mit den Asozialen, nicht mit den Förderschülern (Inklusion ist gut, aber bitte nicht in der Klasse meines Kindes).“ Ihre Kinder sollen auf jeden Fall Abitur machen. Und außerdem klingt es ja auch viel besser, wenn man sagen kann, mein Kind geht aufs Gymnasium. Und Gesamtschulen entwickeln sich jetzt, wo die Hauptschulen wegfallen, mehr und mehr zum Sammelbecken für all jene Kinder, die eben nirgendwo anders unterkommen. Wer möchte es Eltern übel nehmen, wenn sie ihr Kind dort nicht hinschicken wollen? Der Politik scheint das aber egal. Aufgrund der rechtlichen Strukturen ist es auch nicht möglich, das Schulsystem nun tatsächlich in ein zweigliedriges umzuwandeln.

Hier bei mir vor Ort im südlichen Westfalen sehe ich das ganz deutlich. Man hat neue Gesamtschulen aufgemacht und Sekundarschulen und die Hauptschulen laufen nun alle aus. Aber die Realschulen verschwinden nicht komplett. Es wurde sogar eine in privater Trägerschaft neu eröffnet und gibt noch eine weitere in privater Trägerschaft, welche die Politik nicht einfach schließen kann. Eine andere, die geschlossen werden sollte, bleibt nun doch bestehen, zumindest vorerst. Alle können sich vor Anmeldungen kaum retten. Die Gesamtschulen und die Sekundarschule hingegen haben enorme Probleme durch diese Konkurrenz der Gymnasien und Realschulen. Ihnen fehlen die Kinder mit gymnasialer Empfehlung. Sie bekommen zum Teil nicht einmal ausreichend viele Schüler, um die Vorgaben für die Genehmigung ihrer Schulform zu erfüllen. Die Eltern stimmen mit den Füßen ab. Sie wollen die Gesamtschule nicht. Hier auf dem Land wollen die Eltern auch keinen gebundenen Ganztag. Auf die Gesamtschulen und die Sekundarschule geht nur, wer muss.

Der demographische Wandel verstärkt das Problem noch einmal zusätzlich. Die Gymnasien müssten, wenn nur Kinder mit einem über die Jahre unveränderten Leistungsniveau aufgenommen würden, eigentlich schrumpfen. Das würde für die Gymnasien jedoch weniger Mittelzuweisungen und weniger Lehrerstellen bedeuten. Verhindern können sie das nur, indem sie auch weniger geeignete Schüler aufnehmen. In Folge haben die Gymnasien nun deutlich mehr schwächere Schüler, die sie bis zum Abitur „fördern“ müssen und die restlichen Schulen, von den Realschulen abgesehen, erhalten nur noch was über bleibt und werden so immer mehr zum Sammelbecken für den traurigen Rest. Obwohl schon seit Jahren immer mehr Kinder auf die Gymnasien gehen, die in der Vergangenheit nie dort aufgenommen worden wären, steigt die Zahl der Schüler, die ihr Abitur mit eins machen. Gleichzeitig klagen aber die Hochschulen und Universitäten über immer weniger studierfähige junge Studenten. Wie passt das bitte zusammen?

Das alte dreigliedrige Schulsystem hat zu seiner Zeit sehr gut funktioniert. Es war ein Modell, welches im Großen und Ganzen den Anforderungen seiner Gesellschaft und Wirtschaft entsprach. Heute wäre dieses Schulsystem nicht mehr angemessen. Wie durch eine Vielzahl von Studien festgestellt wurde, hat unser Schulsystem die Tendenz, soziale Benachteiligungen zu verstärken. Alle Versuche, dem entgegenzusteuern, haben keine Verbesserung gebracht, sondern die Tendenz sogar noch weiter zementiert. Das dreigliedrige Schulsystem hat heute keine Berechtigung mehr. Ein Umbau war definitiv erforderlich, um das Schulsystem an veränderte gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingenden anzupassen. Leider aber war niemand in der Lage, die Fliehkräfte, welche sich aus parteiideologischen Überzeugungen, lokalpolitischen Eitelkeiten, gesellschaftlichen Veränderungen, wirtschaftlichen Anforderungen, demographischen Entwicklungen und finanziellen Sachzwängen ergaben in eine gemeinsame Richtung zu lenken, um das alte Schulsystem in ein neues kohärentes System zu überführen. Ein Grund, warum das nicht gelang, liegt in den politischen Strukturen Deutschlands begründet. Wesentlich entscheidender für die Probleme mit unserem Bildungssystem dürfte jedoch der fehlende gesellschaftliche Konsens sein, wie ein über alle Bundesländer und Kommunen hinweg einheitliches Schulsystem aussehen könnte.

Schulpolitik ist kein Schlachtfeld, auf welchem sich Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker, Menschen mit Ideologien und Eitelkeiten austoben können. Hier geht es um die Zukunft von Menschen, um die Zukunft eines Landes. Lösungen, die einen großen Teil der Gesellschaft nicht mitnehmen und über Machtpolitik, politisches Geschachere oder Schulfrieden zustande kommen, sind keine Lösungen. Das macht die aktuelle Situation wohl mehr als deutlich.

Vielleicht wäre es für die Politik endlich einmal an der Zeit, die bildungspolitischen Ideologien zu begraben und stattdessen einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, der dann gemeinschaftlich und bundesweit umgesetzt wird!

Bewundern kann man in dieser Situation, wo eine Besserung auf absehbare Zeit nicht einmal zu erwarten ist, nur die Mitbürger, die als Lehrerinnen und Lehrer täglich ihr Bestes geben, um den Schaden, den dieses System an Kindern und Jugendlichen verursacht, so gering wie möglich zu halten. Viele von ihnen, die allen Widernissen zum Trotz dieses System aushalten, sehen ihr Lehrersein noch immer als Berufung und nicht bloß als Beruf. Dass sie in diesem häufig so menschenverachtenden System oft ihre Gesundheit lassen müssen und häufiger unter Burn-out leiden als andere Berufsgruppen, wundert da nicht. Sie haben täglich mit den Unzulänglichkeiten dieses Systems zu kämpfen. Man kann es ihnen nicht hoch genug anrechnen, dass sie trotzdem ein Maximum leisten. Zu den Leidtragenden in diesem System zählt neben den Lehrern leider auch eine noch größere Zahl an Kindern, Kinder, die nicht die Schule bekommen, die sie eigentlich haben sollten.

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Lehrer des 21. Jahrunderts sind die Lerner des 21. Jahrunderts

Posted in Kompetenzen, Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik, Uncategorized by damianduchamps on April 30, 2016

An vielen Stellen herrscht mittlerweile kein Zweifel mehr daran, dass das Lernen des 21. Jahrhunderts anders aussieht als es gegenwärtig noch an der Mehrheit der Schulen praktiziert wird.

Wer sich in der Bildungslandschaft umschaut, sieht, dass sich schon recht deutlich herauskristallisiert hat, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts aussieht, denn es gibt bereits Schulen, wo es praktiziert und weiterentwickelt wird. Schaut man sich die Beispiele näher an, wird aber auch sehr schnell klar, was die Akteure auszeichnet.

Sie alle selbst sind Lerner des 21. Jahrhunderts.

Es sind die André Spangs, Alicia Bankhofers, Thorsten Larbigs, Jörg Lohrers, Gerhard Bless und so weiter dieser Welt. Sie alle leben vor, wofür sie stehen, indem sie die Lernmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts aktiv nutzen, um ihre eigenen Kompetenzen zu erweitern. Das heißt, sie bauen sich ihre persönlichen Lernnetzwerke auf, suchen sich Informationen im Netz, nehmen an MOOCs teil, schauen Lernvideos, sie schreiben Blogs, podcasten, erstellen Videos, veranstalten edChats, erstellen gemeinsam Dinge, …, sie erwerben Kompetenzen und teilen sie mit anderen und wachsen dabei weiter.

Was bedeutet das für die Entwicklung des Bildungssystems selbst hin zu einem Bildungssystem des 21. Jahrhunderts?

Man kann, so denke ich, sicher davon ausgehen, dass die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer digitale Technologien nutzen, im privaten Umfeld wie in der Unterrichtsvorbereitung. Trotzdem fällt es ihnen extrem schwer, sich in Bezug auf Unterricht auf digitale Technologien einzulassen. Welche enorme Bedeutung das Lernen des 21. Jahrhunderts für Schule hat, übersteigt ihren Vorstellungshorizont sogar komplett, und das nicht ohne Grund.

Der beste Englischlehrer ist nicht nur Pädagoge, sondern beherrscht die englische Sprache perfekt, der beste Biologielehrer ist Biologe und Pädagoge und der beste Mathematiklehrer ist Mathematiker mit Leib und Seele und Pädagoge. Wer Schüler zu Lernern des 21. Jahrhunderts machen soll, muss deshalb selbst ein Super-Lerner des 21. Jahrhunderts sein. Nach modernem Rollenverständnis vermitteln Pädagogen heute schon lange nicht mehr nur Wissen, sondern auch das Lernen selbst. Und immer schon lernen Lehrer in ihrer Ausbildung auch selbst mit den Methoden, die sie hinterher als Lehrer in ihrer täglichen Arbeit nutzen sollen.

Wenn Lehrerinnen und Lehrer also nicht selbst aus eigener Praxis in der Entwicklung und Erweiterung ihrer beruflichen Professionalität erfahren haben, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts funktioniert und welchen Gewinn es ihnen bringt, dann können sie dieses weder in ihren beruflichen Alltag integrieren noch verstehen, warum dazu überhaupt eine Notwendigkeit besteht. Dann wundert es auch nicht, wenn Schulen noch immer Smartphones verbieten und man an Schulen oft nur Einzelkämpfer findet, die mit digitalen Technologien in ihrem Unterricht arbeiten und sich auf den Weg gemacht haben, ihre Schüler die Chance gehen, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln.

Für die Praxis bedeutet dieses:

  • Die Lehrerausbildung muss so schnell wie möglich umgestellt werden, um aus Lehramtsstudenten und Referendaren Lerner des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Die Lehrerfortbildung muss umgestellt werden, um Lehrer zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Für den Übergang müssen Lehrer an den Schulen massiv entlastet werden, um den Raum zu erhalten, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln

Schulen stehen gegenwärtig unter einem enormen Druck von vielen Seiten. Inklusion, Flüchtlinge, G8/G9, demographischer Wandel und gesellschaftliche Probleme, die in die Schulen schwappen, lassen unter den gegebenen Bedingungen nicht viel Luft für einzelne Themen. Mit Tafel, Buch, Stift und Heft hat Unterricht immer funktioniert und für viele Lehrer stehen deshalb digitale Technologien ziemlich weit hinten auf der Prioritätenliste. Wenn sich also etwas ändern soll, und es muss sich etwas ändern, dringend, dann braucht es einer gewaltigen gemeinsamen Anstrengung. Ohne einen Schub aus der Politik und die entsprechenden Mittel, um die Lehrerausbildung und -fortbildung wie oben beschrieben, zu verändern, wird es nicht gehen. Dafür braucht es politischen Willen. Man hörte mal etwas munkeln von einem milliardenschweren Programm aus Berlin. Das war schon 2015 und es ging wohl mehr um Ausstattung von Schulen. Von daher ist der Ausblick gegenwärtig nicht sehr optimistisch, auch wenn zu spüren ist, dass an vielen Schulen so langsam Aufbruchstimmung einkehrt in Bezug auf digitale Technologien und Unterricht.

Die Kontrollverlustangst der Schulen

Posted in Medienwelt, Schulentwicklung by damianduchamps on April 11, 2016

An vielen Schulen scheint sich mittlerweile die Erkenntnis durchzusetzen, dass sich in Bezug auf den Einsatz von digitalen Technologien im Unterricht etwas tun muss. Selbst bei Schulträgern habe ich in letzter Zeit mehrfach deutliches Interesse oder zumindest eine große Offenheit für den Einsatz von Tablets im Unterricht oder sogar Your Own Device (BYOD) feststellen können. Im Vergleich mit vielen anderen Ländern hinken wir in Deutschland beim Einsatz digitaler Technologien im Unterricht sehr hinterher. Von daher machen die geschilderten Beobachtungen bei einigen Schulen und Schulträgern zumindest ein wenig Hoffnung.

Leider aber gibt es aber auch noch immer Fälle, wo man an Schulen auf dem Stand von vor fünf Jahren stehen geblieben ist. Meine Schule teilt sich das Gebäude mit zwei weiteren Schulen, einer Realschule, die in zwei Jahren schließen wird, genau wie meine eigene Hauptschule, und einer Gesamtschule im Aufbau. Wo man an anderen Schulen von Bring BYOD redet, ist man an meinem Schulzentrum noch immer krampfhaft bemüht, das Thema Smartphone unter Kontrolle zu halten. Symptomatisch für die gesamte Einstellung zum Smartphone am Schulzentrum ist schon der Name der Regelung, welche den Umgang mit damit regelt. Wir sprechen hier nicht etwa von„Smartphone Regeln “, sondern von einem „Handy Verbot“. Sicherlich kann man das Smartphone noch immer unter dem Oberbegriff Handy fassen, doch letztlich ist der Begriff Handy ein Begriff von gestern. So veraltet wie die Begrifflichkeit ist auch das Verhalten der Schulen am Schulzentrum. Das Verbot besagt eigentlich, dass Handys, also Smartphones, nicht mitgebracht werden dürfen in die Schule. Dass dieses Verbot illusorisch ist, weiß jeder. Von daher wird das Mitbringen trotz Verbotes toleriert. Es gibt genug Eltern, die sogar darauf bestehen, dass ihre Kinder das Smartphone mitnehmen, um im Notfall erreichbar zu sein. Das Argument, in der Schule gebe es doch ein Telefon, welches die Schüler benutzen können, zählt bei diesen Eltern nicht, da die Kommunikation nicht nur telefonisch, sondern oft auch über soziale Medien, allen voran WhatsApp, abläuft. Die Schüler haben also ihre Smartphones dabei. Laut Handy Verbot dürfen sie diese jedoch nicht benutzen. Und dieses Verbot gilt nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Pause und auf dem gesamten Schulgelände. In Notfällen ist erst ein Lehrer zu fragen, bevor das Smartphone aus der Tasche geholt werden darf, um beispielsweise die Mutter anzurufen, ihr eine Nachricht zu senden oder eine Nachricht zu lesen, die sie geschickt hat. Wird man als Schüler erwischt mit dem Smartphone in der Hand, nehmen viele Lehrer den Schülern das Smartphone sofort weg. Es wird dann im Sekretariat der jeweiligen Schule abgegeben und die Schüler können es sich am Ende des Unterrichtstages abholen. Nach dem dritten Verstoß müssen die Eltern erscheinen, um das Smartphone abzuholen. Rechtlich ist dieses ein völliges Unding, was der Schulleitung der Gesamtschule jedoch egal ist. Die Oberhand behalten, ist hier wichtiger.

Das ist schon ziemlich extrem. Und wie extrem das Verbot durchgesetzt wird, zeigen die folgenden zwei Beispiele.

Beispiel 1: In der 5 Minuten Pause versucht eine Schülerin der Klasse acht einer Mitschülerin zu helfen, deren Smartphone nicht richtig funktioniert. Sie nimmt deren Smartphone in die Hand, öffnet es, entnimmt den Akku und setzt ihn gerade wieder ein als ein Lehrer vorbeikommt und dieses sieht. Er nimmt der Schülerin das Smartphone weg.

Beispiel 2: Ein Schüler der Klasse zehn geht am Ende des Schultages zum Ausgang des Schulhofes in Richtung der wartenden Busse. Er zieht das Smartphone aus der Hosentasche, um nach eigenen Aussagen nach der Uhrzeit zu schauen. Die Schulleitung der Gesamtschule geht hinter ihm, sieht ihn und nimmt ihm das Smartphone weg. Die Begründung ist, er habe gegen das Handyverbot verstoßen.

Für mich ist diese extrem restriktive Regelung am Schulzentrum für die Nutzung von Smartphones ein ganz klares Beispiel für Kontrollverlustangst. Diese Angst ist symptomatisch für Schulleitungen und Lehrer, die es nicht verstanden haben. Es gibt noch immer viele, die so denken. Die Spuren dieser Angst, einem völlig entfesselten Medium gegenüberzustehen und dieses weder zu verstehen, noch es beherrschen zu können, finden sich vielerorts. In vielen Konzepten zum Einsatz von digitalen Medien finden sich präventive Maßnahmen völlig überproportioniert wieder. Das erinnert schon sehr an die Präventionskonzepte zu Zigaretten, Alkohol und anderen Drogen. Cybermobbing, Internetsucht, Computerspielsucht, Onlineabofallen, Pädophile im Internet, Netiquette, Prävention, verantwortungsvoller Umgang und ähnliche Schlagworte finden sich in manchen Medienkonzepten häufiger als solche, welche die Möglichkeiten beschreiben, Lernen und Lehren mit digitalen Technologien zu gestalten. Neben der völlig überdimensionierten Prävention gibt es dann noch je nach Schule etwas Textverarbeitung für das Schreiben eines Lebenslaufes und einer Bewerbung, rudimentäre Tabellenkalkulation, da das in den Lernstandserhebungen gefordert wird, etwas präsentieren und Online Recherche und vielleicht auch Programmierung. Alles findet im PC Raum statt, wo die PCs sicher weggesperrt sind. Das sagt eine Menge aus. Natürlich kann mit Smartphones und ihren vielen technischen Möglichkeiten für Bild-, Video- und Tonaufnahmen gekoppelt mit permanentem Onlinezugang, mit Computern, Spielkonsolen und sozialen Netzwerken jede Menge Missbrauch getrieben werden. Und es gibt diesen Missbrauch auch und jede Menge Gefahren und beides muss in der Schule thematisiert werden, so wie in der Fahrschule auch unverantwortliches Verhalten und die Gefahren im Straßenverkehr zur Sprache kommen. Hauptthema in der Fahrschule ist jedoch das Fahren, die Teilnahme am Straßenverkehr, und entsprechend muss für die Schule die Gestaltung  von Unterricht selbst mit digitalen Technologien den größten Anteil am gesamten Konzept einnehmen.

Für Schulen, welche den Umgang mit Smartphones noch immer extrem restriktiv handhaben, ist der Schritt zu Konzepten wie BYOD sehr schwierig. Man muss dafür erst einmal ein solches Verbot kippen und quasi ins Gegenteil verkehren. Das bedeutet anstrengende Überzeugungsarbeit und teilweise auch schwere Kämpfe für die, die etwas verändern wollen. Über Jahre gehegte Überzeugungen müssen aufgegeben werden. Man hat Angst, mit einem Mal die Glaubwürdigkeit zu verlieren. Und das alles nur, weil solche Schulen bisher nicht in der Lage waren, das Thema Smartphone in der Schule pädagogisch anzugehen. Ich bin mal gespannt, wie das an meinem Schulzentrum weitergeht. Die Zeit wird auch dort nicht stehen bleiben.

ICT – und gut Ding will Weile haben

Posted in Alltag, Medienwelt, Schulentwicklung by damianduchamps on Januar 31, 2011

Als ich dieser Tage wieder einmal über die so genannten neuen Medien und Schule nachdachte, da kam mir ein Vergleich mit der Automobiltechnologie in den Sinn.

Wenn man sich vorstellt, dass Computer als Instrumente zur Nutzung der neuen digitalen Möglichkeiten vergleichbar zu Automobilen sind, dann ergibt sich für mich das folgende Bild.

Viele Schulen verfügen über ein oder zwei Omnibusse, die je nach Finanzkraft der Schulträger oft schon in die Jahre gekommen sind. Meist haben diese Omnibusse nicht einmal Sitzplätze für alle Schüler. Der Busfahrer hat meist keinen Führerschein, da er im Alltag noch lieber auf seine Pferdekutsche setzt. Und wenn er denn in der Lage ist, den Bus zumindest in Gang zu setzen und zu lenken, so traut er sich gerade einmal, eine Runde durch den Ort zu fahren. Auf die Autobahn und in die nächste größere Stadt oder gar ins Ausland, da wird er nicht hinfahren, das traut er sich nicht zu, da hat er Angst, und vielleicht kann er es auch nicht. Seine Schüler kennen die moderne Technologie der Fortbewegung häufig schon besser, teilweise jedoch nur oberflächlich besser. Die Schüler ans Steuer lassen, das kommt für die meisten Lehrer natürlich nicht infrage. Immerhin müssen sie die Kontrolle behalten und für die Sicherheit der ganzen Klasse Sorge tragen.

In manchen Schulen gibt es auch einzelne Automobile für einzelne Klassen. Aber hier kann immer nur einer, vielleicht können auch zwei mit dem Auto auf die Reise gehen. Das Fahren haben sich die Schüler meistens selber beigebracht. Der Lehrer ist als Fahrlehrer sowieso nicht zu brauchen, wenn es um Automobile geht. Mit Pferden und seiner Kutsche, da kennt er sich aus. Doch beim Automobil, da nutzt das wenig. Hier steht er häufig dabei und staunt, wie selbstverständlich die jungen Leute mit der neuen Technologie umgehen. Oft ist ihm das sogar recht unheimlich. Zuhause hat er tatsächlich ein Automobil. Irgendwann ging es nicht mehr anders. Er muss damit zur Schule fahren und gelegentlich fährt er damit zur Bank, um die neusten Auszüge zu holen oder eine Überweisung abzugeben. Auch zur Bibliothek und zur Buchhandlung fährt er schon mal und holt sich neue Unterrichtsmaterialien. Ein oder zwei Mal im Jahr fährt er auch zum Reisebüro und bucht seine Urlaubsreise. Ganz abenteuerlich wird es, wenn er sich denn traut und in die nächste größere Stadt fährt mit seinem Automobil und Einkäufe tätigt. Da braucht er sehr viel Mut, denn es gibt viele unbekannte Neuigkeiten, denen er auf den großen Straßen begegnen kann. Viel lieber ist ihm seine Kutsche und der kleine Ort, in welchem er wohnt. Hier hatte quasi alles vor der Türe, das Terrain ist ihm vertraut.

Mit einem einzelnen Automobil für eine Klasse kann man nicht wirklich viel erreichen, denn die Klasse kann immer nur einzelne Schüler losschicken oder eventuell Paare. Dass man gemeinsam hinausgeht und den großen Verkehrsstrom aufsucht und darin mitschwimmt, das geht nicht.

Manche Schulen sind vielleicht etwas moderner und haben Automobilklassen. Da kommt jeder Schüler mit dem eigenen Automobil. Diese Klassen können gemeinsam hinausfahren in die große weite Welt und müssen dabei nicht zu zweit auf einem engen Sitz im Omnibus alle in die gleiche Richtung fahren.

Es gibt Schulen, die versuchen einen Zwischenlösung und haben ein so genanntes Automobil Pool. Da kann eine Klasse darauf zugreifen, stunden- oder manchmal auch tageweise. Auch diese Klassen können sich hinausbegeben in die große weite Welt, manchmal zu zweit mit einem Automobil und wenn Sie Glück haben sogar jeweils mit einem Automobil für jeden einzelnen Schüler.

Die große weite Welt mit ihren breiten Straßen und schnellen Verkehrsströmen ist jedoch nicht für alle Schüler aller Schulen gleichermaßen zugängig. Auch wenn Schulen über die gleiche Ausstattung mit Automobilen verfügen oder vielleicht auch nur über einen oder zwei Omnibussen, so kann es sein, dass ihre Erkundungsmöglichkeiten in der großen weiten Welt sich deutlich unterscheiden. Da die Verantwortlichen in den Schulen und Zuständigkeiten darüber die große weite Welt fürchten und um die Sicherheit der Kinder bangen, sowie Todesgefahren und mögliche Straftaten und ihre Folgen hinter jeder Abzweigung von den großen Straßen und auf diesen selbst vermuten, sind ihre Fahrzeuge mit den unterschiedlichsten Sicherheitstechniken ausgestattet. Eine Sicherheitstechnik besteht zum Beispiel darin, die Fahrzeuge so sehr zu verbreitern, dass Abzweigungen zu kleinen abgelegenen Dörfern und Gehöften für diese Fahrzeuge zu eng sind und deswegen nicht benutzbar. Wiederum andere verwenden eine Sicherheitstechnik, bei welcher die Schüler auf Tempo 30 gedrosselt sind, auch auf den großen Verkehrsstraßen. Weit kommt man so in einer Doppelstunde nicht und bleibt so den meisten möglichen Gefahren fern. Einige Schulen setzen auf die Verdunkelung der Fenster. Auf den Fensterscheiben der Fahrzeuge lässt man nur wenige Quadratzentimeter große Sichtfenster für den Durchblick frei. Eine recht moderne Technik setzt auf GPS. Bestimmte Regionen außerhalb der Schule gelten als gesperrt und kommt ein Fahrzeug der Schule an ihre Grenzen, setzt ein automatischer Umgelenkprozess ein. Diese Techniken steigern den Nutzwert der verschiedenen Automobile in keiner Weise, sondern mindern ihn eher. Den Verantwortlichen ist das jedoch lieber. Zwar haben die Fahrten hinaus in die weite Welt dann wenig mit dem wirklichen Leben zu tun, doch fühlen sie sich so auf der sicheren Seite. Vielen Lehrern ist das lieb, denn es nimmt sie ein Stück weit aus der Verantwortung.

Natürlich hinkt dieser Vergleich an vielen Stellen. Es gibt jedoch tatsächlich auch Parallelen. Wenn man zurück schaut, so dauerte die Einführung von Automobilen gerade in den Anfangsjahren ziemlich lange. Zunächst fehlte es an vielen Stellen an der notwendigen Infrastruktur. Benzin gab es nur beim Apotheker und Automobile waren teuer. Von den Anfängen bis zum Automobil als dem Fortbewegungsmittel der Massen hat es einige Jahrzehnte gedauert. Ein sehr großer Unterschied meines Vergleichs von Computern und anderen modernen digitalen Endgeräten zu Automobilen, ist die wesentlich schnellere Entwicklung der digitalen Technik im Vergleich zur Automobiltechnik.

Ein wenig vergleichbar zum Einsatz von digitalen Endgeräten in der Schule ist vielleicht die Einführung von Taschenrechnern. Auch damit tat man sich zu Anfang enorm schwer, wenngleich die ersten Taschenrechner relativ einfach zu bedienen waren. Die Einführung wurde zunächst natürlich auch durch den hohen Preis der Taschenrechner gebremst. Außerdem gab es in den Kollegien natürlich auch eine Menge Vorbehalte gegen die Nutzung von Taschenrechnern. Durchgesetzt haben sie sich dann letztendlich doch, und heute nutzt jeder Schüler im Laufe seiner Schulzeit auch Taschenrechner.

Es wird wohl noch ein wenig Zeit brauchen, bis wir in der Hand eines jeden Schülers ein digitales Endgerät sehen werden. Ich spreche übrigens immer von „digitalen Endgeräten“, da für mich die Form und der Funktionsumfang dieser Geräte nicht abzusehen ist. Sie werden sicherlich Informationen speichern, kommunizieren können, neue Informationen aufnehmen können, Informationen von außerhalb abrufen können, Informationen austauschen, Information darstellen und manipulieren können und vielleicht noch mehr, was heute kaum vorstellbar ist. Wie diese Geräte aussehen werden, was sie letztlich können und wie sie genutzt werden können, das ist für uns jetzt so wenig präzise vorhersagbar, wie vor 70 Jahren ein Automobil, wie wir es heute benutzen, vorhersagbar gewesen wäre.

Gut Ding will Weile haben. Viele haben es nicht sonderlich eilig, denn die neuen Möglichkeiten sind ihm unheimlich und oft unbegreifbar. Sie fühlen sich vollkommen wohl mit ihrem Pferd und ihrer Kutsche. Für diejenigen, die bereits die neuen Möglichkeiten nutzen, kann der Wandel nicht schnell genug vonstatten gehen. In den Schulen stoßen sie immer wieder an ihre Grenzen. Das, was für sie selbstverständlich ist, ist dort eben nicht Selbstverständlichkeit. So muss man eben aus dem wenigen, was man hat, das Beste machen und sehen, dass man diese Möglichkeiten irgendwie ausbaut. Das ist schwierig und oft frustrierend. Selbst an den Stellen, wo mittlerweile Einsicht herrscht, kommt man oft nicht weiter, da jetzt das Geld fehlt. Gut Ding will Weile haben und Geduld und Ausdauer sind dabei Tugenden, die man haben muss als jemand, der selbst bereits auf der Überholspur bis zum Mond vorgedrungen ist.

 

Wir brauchen den Generationenwechsel

Posted in Alltag, Hauptschule, Schulentwicklung by damianduchamps on Januar 12, 2011

Schulentwicklung braucht Kraft und Energie und zwar direkt vor Ort an den Schulen. Veränderung braucht jedoch auch Köpfe, die sich von alten Vorstellungen lösen können. Eine Episode in meiner Schule, einer kleinen Hauptschule im südlichen Westfalen, machte mir dieses heute wieder einmal mehr als deutlich.

Im überregionalen Teil der Tageszeitung zitierte man ein Gymnasiallehrer aus Ennepetal, der seinen Standpunkt gegen die Gemeinschaftsschule darlegte. Ich selbst hatte den Artikel bereits am Morgen beim Frühstück gelesen. Der Kollege vom Gymnasium spricht sich vor allem gegen längeren gemeinsamen Unterricht aus.

Für einen Teil der Kollegen in meiner Hauptschule war dieser Artikel regelrecht Wasser auf die Mühlen. Ein Kollege hatte den Artikel mitgebracht und reichte ihn in Kopien umher. Durch den Artikel fühlten sich die Kollegen, die ohnehin für das gegliederte Schulsystem sind, in ihrer Meinung mehr als bestätigt. Seht ihr meinten sie, genau das sagen wir auch immer. Gemeinsames Lernen, heterogene Lerngruppen, Inclusion und ähnlich sind ihnen Fremdworte. Sie fahren ihren Unterricht so, wie sie das seit Jahrzehnten tun. Früher hatten wir natürlich auch andere Schüler, die gehen jetzt auf die Realschule oder sogar auf das Gymnasium, sagen sie. Unsere Schüler jetzt, die sind doch einfach nur faul, meinen sie, die wollen nicht lernen, zuhause stimmt es nicht und deswegen wundert es auch nicht, dass sie immer weniger lernen. Die Klassenarbeiten fallen entsprechend von Jahr zu Jahr schlechter aus. Wer nicht will, den kannst du auch nicht fördern. Da müssen erst mal die Eltern. Und in dem Ton geht es weiter.

Und dann kommen natürlich die Migranten dran. Wir haben ja hier nur die Dümmsten. Und viele von ihnen wollen gar nicht hier sein. Am besten gehen sie zurück, dahin wo sie hergekommen sind, so hört man diese Kollegen reden (Sarrazin lässt grüßen – sie finden, was er sagt übrigens richtig).

Spricht man sie dann auf Finnland an, dann sind die Migranten genau das Argument, welches ihnen Recht gibt, dass das finnische Modell hier bei uns auf gar keinen Fall funktionieren kann, denn die haben ja keine oder kaum Migranten. In Kanada habe man zwar mehr Migranten, sagen sie, wenn man nun auf Kanada und dort die Provinz Ontario verweist, aber in Kanada suche man sich seine Einwanderer sehr gezielt aus. Wer dumm ist oder keine Leistung bringen will, der komme gar nicht ins Land hinein. Also lasse sich dieses System mit unserem auch nicht vergleichen, so ihr Argument. Danach wettert man dann vielleicht noch ein wenig auf verfehlte Immigrationspolitik in Deutschland.

Modernere Unterrichtsmethoden, ach hör mir damit auf, meinen sie. Eine jüngere Kollegin, die sehr offen unterrichtet und einen dieser älteren konservativen Kollegen bat, seinen Unterricht in ihrer Klasse doch entsprechend ein wenig anzupassen, bekam zu hören, dass man sich mit 30 Berufsjahren Erfahrung doch nichts von einer jüngeren Kollegen vorschreiben lassen müsse.

Veränderung, dagegen sind diese Kollegen, von denen ich hier berichte, eigentlich nicht. Sie wünschen Veränderung, wie so viele andere auch. Die Veränderung, die Sie sich vorstellen, bedeutet jedoch das Rad um mindestens 20 oder gar 30 Jahre zurück zu drehen.

Nein, sagten sie mal, als bei uns eine Gruppe Veränderungen anstoßen wollte, wir stellen uns euch nicht den Weg, denn ihr müsst sie noch länger unterrichten. Dass sie sich dann an den Veränderungen beteiligen, das könne man von ihnen wohl aber nicht mehr erwarten. Damit war das Thema für sie erledigt.

Was ich hier geschildert habe an Beobachtungen, trifft nur auf einen Teil meines Kollegiums zu und lässt sich auch nicht für alle Kollegen und Kolleginnen über 50 verallgemeinern und das möchte ich auch nicht. Es gibt unter den älteren Kolleginnen und Kollegen viele, die über lange Jahre sehr engagiert an ihrer Schule gearbeitet haben und dieses auch heute noch immer tun, wenn vielleicht auch teilweise mit gedrosselter Energie. Aus meiner Erfahrung muss ich jedoch sagen, dass die veränderungsresistenten überwiegend älteren Kollegen den Entwicklungsprozess meiner Schule nicht unwesentlich be- oder vielleicht sogar auch verhindern. Einige von ihnen werden zum Ende des Schuljahres pensioniert und das ist auch gut so. Sie haben über viele Jahre gute Arbeit geleistet und dafür respektiere ich sie sehr. Ich kann jedoch nicht akzeptieren, dass sie sich als Bildungsprofis selber von Lernprozessen ausschließen. Von daher muss ich sagen, ist es besser, dass sie endlich gehen.

Natürlich wird mit den älteren Kollegen auch eine Menge an Erfahrung gehen und der Schule vielleicht auch fehlen. Es bleibt außerdem zu abzuwarten, ob für die ausscheidenden Kollegen brauchbarer jüngerer Nachwuchs kommen wird. Auch wenn derzeit die Ausbildung an Universität und in Studienseminaren vielfach noch weit von zeitgemäßen didaktischen Ansätzen entfernt ist, so lässt sich alles dieses vernachlässigen, wenn die nachrückenden Lehrerinnen und Lehrer zumindest das notwendige Engagement und die Begeisterung mitbringen, um Schule endlich zu verändern und nach vorne zu bringen. Darauf hoffe ich, und ich hoffe wohl nicht alleine.

Lehrerfortbildung (NRW) oh mein Gott

Posted in Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on Dezember 15, 2010

Ich bin schon selbst seit Jahren in der Lehrerfortbildung tätig. Mein Erfolg schwankt. In den letzten Jahren konnte ich meinen Erfolg nicht wirklich messen, denn es gibt kaum jemanden, so scheint es, der gegenwärtig fortgebildet werden möchte. Ich kann das gut nachvollziehen, denn wer heute Lehrer ist, wird von allen Seiten zugeworfen und ist froh, wenn dabei das eigentliche Kerngeschäft, der Unterricht nicht auf der Strecke bleibt.

Fortbildung halte ich für extrem wichtig. Ohne Fortbildung wird sich in der Schullandschaft nichts bewegen. Unterrichtsentwicklung an den Schulen braucht Fortbildung, um Lehrer professionell weiterzuentwickeln.

Auch ich möchte gerne meinen Teil dazu beitragen und glaube, vor allem durch mein Wissen im Bereich der neueren Medien im Zusammenhang mit Unterricht anderen etwas davon abgeben zu können.

Seit einiger Zeit bin ich auch, weil ich das Fach unterrichte, Fachmoderator für Englisch. Ich sehe ein, dass ich als Fachmoderator entsprechende Qualifikationen benötigte. Ja, ich bestehe sogar darauf, auf den allerneusten Stand der Fachdidaktik gebracht zu werden. Ich möchte sicher sein, meinen Kolleginnen und Kollegen das zu vermitteln, was aktuell ist und dem Stand der Forschung entspricht.

Anders als lange Jahre zuvor darf jetzt tatsächlich auch nur noch fortbilden, wer qualifiziert wurde. Bisher war das nicht so. Natürlich gibt es Fortbildungen für die so genannten Fachmoderatoren schon lange. Trotzdem tummelten sich in der Fortbildung viele, die alleine aufgrund ihres Interesses qualifiziert waren. Mit der neuen Vorgabe möchte man von Seiten der Landesregierung die Qualität der Fortbildung sichern, quasi so wie man auch auf Ebene der Schulen die Qualität von Unterricht durch Lernstandserhebungen und zentrale Prüfungen sicherstellen will. Das macht Sinn.

Kürzlich war ich selbst auf einer solchen Fortbildung für Fachmoderatoren. Es ist nicht die erste Fortbildung des Landes, welche ich erleben durfte, jedoch die erste als Fachmoderator und die erste mit dem Anspruch Qualität der Fortbildung sichern zu wollen. Rund 25 Fachmoderatorinnen und -Moderatoren saßen dort sage und schreibe sechs Personen gegenüber, welche die Veranstaltung durchführten. Später kam noch eine weitere Person hinzu, und die Person, welche verantwortlich zeichnet für diese Art von Fortbildungen, war ebenfalls den halben Tag zugegen. Die die Fortbildung durchführenden Personen, stellen wohl auch jene Personen dar, unter deren Federführung die Fortbildungsinhalte entstehen.

Im Laufe der Fortbildung hatte jede dieser Personen ihre Rolle. Jeder hatte einen Part und trug etwas vor oder leitete eine Arbeitsphase. Für mich war das der absolute Overkill. Es war nicht so, dass die Moderatoren sich nicht große Mühe mit der Fortbildung gaben. Trotzdem kam bei den Teilnehmern nicht gerade übermäßig große Begeisterung auf. Das hatte mehrere Ursachen. Die Inhalte waren nicht wirklich neu. In der Praxisphase versuchte man mit den Teilnehmern eine kooperative Lernform (wobei ich bei solchem Ansinnen mit Lehrern häufig vermute, der Fortbildende möchte sein oder ihr Moderationgeschick unter Beweis stellen). Zunächst sollten die Teilnehmer etwas in Einzelarbeit erarbeiten, dann dieses in einer ausgelosten Gruppe zusammenführen und anschließend dem Plenum vorstellen. Für den Gegenstand, um welchen es bei dieser Aufgabe ging, brachte das keinerlei Gewinn. Das Ergebnis, welches nichts anderes als exemplarische Beispiele darstellte, wurde anschließend im Plenum kleingekaut, ohne die Sache irgendwie weiter zubringen.

Zuvor hatte es schon zwei Präsentationen mit Hilfe von PowerPoint gegeben. Eine weitere folgte später. Auffällig war bei allen dreien, dass die Moderatoren nicht in der Lage waren, die Präsentierfunktion im Vollbildsmodus zu nutzen. Man war sich allerdings schon bewusst, dass die Darstellung recht klein ausfiel und fragte sogar nach, ob man es hinten noch lesen könne.

Als letztes Bonbon wurde eine ganz besondere Software vorgestellt. Es ging um eine Software, bei der man nur wenig „programmieren“ müsse. Mittels einer Präsentation, welche man sich geliehen hatte, wurde das Programm vorgestellt. Anschließend zeigte man das Programm selbst und Aufgaben, welche man damit nach Angaben der Moderatoren noch am Abend zuvor erstellt hatte. Zwei Moderatoren erklärten. Keiner von beiden schienen sonderlich gut eingearbeitet in das Programm. Zwar wurde kurz angerissen, wofür die Software zu verwenden sei, doch wie sie im Schulalltag am besten untergebracht wird, dazu gab es kaum Informationen. Anschließend wurde noch darauf hingewiesen, dass man heute auch mit der Software zu den Lehrwerken recht gut Übungen zum Ausdrucken erstellen könne, Multiple-Choice, Lückentexte, Auswahlaufgaben und ähnlich. Die Software, um welche es zuvor gegangen war, heißt Hot Potatoes. Dazu glaube ich, braucht man nichts mehr sagen.

Ich habe auch von anderen Fortbildungen zu den Kernfächern teilweise ähnlich interessante Geschichten gehört, jedoch auch positive Beispiele. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass viele Fortbildungen für Fachmoderatoren die Qualität der Fortbildung haben, welche ich kürzlich erleben durfte, dann frage ich mich, wie dadurch die Qualität von Fortbildung für Lehrer gesichert werden soll.

Gerüchtweise hörte ich, zum Thema Neue Medien gebe es bisher in der Fortbildung für Fachmoderatoren so gut wie nichts, bezogen auf das Fach Englisch und den Regierungsbezirk, zu welchem diese Fortbildungen gehören. So, wie man es mir sagte, dürfen Fachmoderatoren nur Fortbildung anbieten, welche den Modulen der Fortbildung entsprechen, welche sie selbst genossen haben. Kommt da im schlimmsten Fall nichts nach zum Lernen mit den Möglichkeiten der digitalen Welt, dürfte ich ganz offiziell mein Spezialwissen in diesem Bereich in Fortbildungen nicht vermitteln. Toll!

Am Ende der Fortbildung gab es für alle Teilnehmer einen Evaluationsbogen, wie sich das heute gehört. Einzutragen waren, unterschieden nach theoretischem Teil und praktischem Teil, Pluspunkte, Minuspunkte und Anregungen. Man evaluiert sich selber. Reicht das? Ich glaube nicht. Wer sichert die Qualität der Fortbildungen für die Fachmoderatoren? Die Person, welche den Morgen über der Veranstaltung beiwohnte, da sie zu ihrem Verantwortungsbereich gehört, saß mit vorne, trug das eine andere bei, welches auf der Linie dessen lag, was die vorne vortrugen, und nickte sonst nur zustimmend. Sie ist nicht vom Fach und damit für mich auch nicht ausreichend qualifiziert.

Die Qualität der Fortbildung war für mich und einige andere Teilnehmer nicht nur in dieser Hinsicht fragwürdig. Es gab ein Flip Chart, welches beschrieben wurde und einige Folien, auf welchen die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse sammelten. Für den Fachbereich gibt es auf der Plattform des Landes (auf Webweaver basierend wie lo-net) eine eigene Gruppe mitMail, Kalender, Chat, Dateiablage und seit neuestem auch Wiki, um das Auffinden der Materialien in der Dateiablage zu vereinfachen. Das alles trägt den Charakter von Fortbildungen von vor 10 oder mehr Jahren. Es gab kein WLAN währender der Fortbildung, keine gemeinsam zu bearbeitende Onlinedokumentation, etwa in Form eines Etherpad oder eines Google Doc.

Das war mein Eindruck von der Fortbildung für die Fortbildung, und er war nicht gut. Aber vielleicht war das die Ausnahme und alles wird noch gut, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Und vielleicht ist es ja auch nicht bei allen Bezirksregierungen so wie bei meiner, hoffe ich.

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Nachhilfe spiegelt dem Schulsystem das eigene Versagen

Posted in Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on November 7, 2010

Schule funktioniert in Deutschland wie in manchen anderen Ländern schon seit vielen Jahren nicht mehr richtig. Es wird auch schon seit vielen Jahren darüber geredet und debattiert. Ein Punkt, dem dabei meiner Meinung nach viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist das Thema Nachhilfe. Ein Schüler bekommt in der Regel Nachhilfe, wenn er oder sie im Stoff zurückfällt und die Noten immer schlechter werden. Nachhilfe ist Hilfe außerhalb des Systems Schule.

Es hat Nachhilfe in verschiedener Form schon immer gegeben. In der einfachsten Form setzen sich die Eltern oder Geschwister oder vielleicht auch ein Verwandter mit dem Kind hin und erklären, was es nicht verstanden hat oder üben, was noch nicht richtig sitzt. Hier spricht eigentlich kaum jemand von Nachhilfe. Wenn die Probleme sehr massiv sind, die Personen im näheren Umkreis des Kindes überfordert sind oder keine Zeit haben, dann kommt die bezahlte Nachhilfe ins Spiel. Entweder es handelt sich dann um einen älteren Schüler, einen Studenten oder vielleicht auch einen Lehrer oder anderen Fachmann. Und alle die verlangen Geld für die Dienstleistung Nachhilfe. Heute bedeutet Nachhilfe in den meisten Fällen Nachhilfe in einem spezialisierten Institut. Laut einer Bertelsmann Studie (siehe Link am Ende des Beitrags) erhält etwa jeder neunte Schüler Nachhilfe und Eltern geben dafür in Deutschland geschätzte 942 Millionen bis 1,47 Milliarden Euro aus, jährlich. Überwiegend sind die Schüler von Gymnasien und Realschulen Kunden der Nachhilfeinstitute. Aber auch Grundschüler der vierten Klasse sind schon mit etwa 15 % (laut IGLU Studie 2006) dabei. Nachhilfe ist teuer, und deshalb kann nicht jede Familie sich diesen Luxus leisten. Vermutlich wäre die Zahl der Schüler, welche professionellen Nachhilfe in Anspruch nimmt, noch höher, wenn die Kosten geringer wären.

Was ich an allen diesen Zahlen erschreckend finde, ist die Tatsache, dass aus der Nachhilfe eine regelrechte Industrie werden konnte. Die bekannten Institute haben heute Niederlassungen in jedem größeren Ort. Überall ist Bedarf. In diesem Phänomen manifestiert sich für mich letztlich das Versagen von Schule in Deutschland. Wie kann es sein, dass Schüler außerhalb der Schule derart massiv um Hilfe suchen müssen, um im System Schule bestehen zu können? Wie können Lehrer es mit ihrem Berufsethos vereinbaren, dass ihre Schüler bei ihnen nicht genug lernen, um ihren Anforderungen zu genügen? Das ist letztlich nicht anders als wenn ein Patient nach der ungenügenden Behandlung durch Ärzte zu einem Medizinmann geht.

In der Schule wird das Thema professionelle Nachhilfe in der Regel totgeschwiegen. Irgendwie ist es letztlich auch peinlich. Wer zugibt, dass Schüler mit externer Hilfe gutmachen, was Lehrer nicht leisten können, muss sich das eigene Versagen eingestehen.

Es erstaunt mich eigentlich nicht mehr, dass in einigen anderen Ländern Schüler fast völlig ohne Nachhilfe auskommen. Niemanden wird es überraschen, dass dieses genau jene Länder sind, welche in den internationalen Lernstandstests gut abgeschnitten haben, Kanada, die Niederlande und natürlich auch Finnland.

Wir wissen, was in diesen Ländern anders läuft, und in Teilen hat die Schulpolitik bereits darauf reagiert. Auch die Pädagogik ist schon lange deutlich weiter. Schlagworte wie individuelle Förderung, individuelles Lernen, schülerorientierter Unterricht und ähnlich spiegeln das wieder. Nur in Schule und Lehrerausbildung kommt davon derzeit noch herzlich wenig an.

Viele Lehrer beklagen mangelnde Erziehung durch die Eltern sowie fehlende Bereitschaft zum Lernen, Faulheit und Desinteresse und auch Dummheit bei den Schülern, und sehen darin die Ursache für die schulischen Problemen ihrer Schüler. Auch wenn es keine methodisch einwandfreien und umfassenden Untersuchungen zur Wirksamkeit von Nachhilfe gibt, so „weisen Studien eher darauf hin, dass Nachhilfe tatsächlich wirkt“ (FAZ Artikel). Sie wirkt sicher nicht nur, weil die Eltern dafür bezahlen, oder sie die letzte und einzige Möglichkeit ist, etwa ein Sitzenbleiben zu vermeiden oder einen Abschluss zu retten. Was die Nachhilfe auf jeden Fall zeigt, Schüler, die in der Schule nichts lernen, können doch lernen, egal was sie dazu bewegt.

Vor allem diejenigen Lehrer, welche das Scheitern ihres Unterrichts auf die Schüler, ihre Eltern oder andere externe Faktoren zurückführen, sollten sich diese Tatsache vor Augen halten. Irgendetwas an Ihrer Argumentation passt hier nicht.

Für mich ist es einer der schlagensten Belege dafür, dass Schule sich verändern muss. Und dabei geht es mir vor allem um die Veränderung des Unterrichts, unabhängig davon, ob wir nun eine Einheitsschule oder ein gegliedertes Schulsystem in welcher Form auch immer haben. Unterricht ist und bleibt das zentrale Element von Schule. Hier muss Veränderung zuerst ansetzen. Veränderungen in der Struktur von Schule, ob Einheitsschule oder gegliedertes Schulsystem, ob Halbtag oder Ganztag, ob 45 oder 60 min Stunden, können diese Veränderungen unterstützen oder im schlimmsten Fall auch beeinträchtigen, jedoch nicht unmöglich machen. Das zumindest ist meine Überzeugung. Es braucht lediglich Menschen, welche die Veränderung wollen.

Siehe auch: Gelernt wird am Nachmittag (FAZ, 30. April 2010), Nachhilfe kostet bis zu 1,5 Milliarden Euro pro Jahr (Bertelsmann Pressemittelung), Ausgaben für Nachhilfe – teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung (PDF mit Ergebnissen der Studie)

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Was bitte ist „Individuelle Förderung“? (1)

Posted in Hauptschule, Schulentwicklung by damianduchamps on Juli 18, 2010

Wer ab und an in mein Blog schaut, hat gesehen, dass ich mich momentan mit dem Thema Individuelle Förderung intensiver beschäftige, denn an meiner Schule soll sich etwas bewegen in diese Richtung. In NRW ist Individuelle Förderung vom Schulgesetz vorgeschrieben, sogar dem Wortlaut nach.

Schulgesetz NRW (Stand: 15. 2. 2010)

Erster Teil

Allgemeine Grundlagen

Erster Abschnitt

Auftrag der Schule

§ 1

Recht auf Bildung, Erziehung und individuelle Förderung

(1) Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf seine wirtschaftliche Lage und Herkunft und sein Geschlecht ein Recht auf schulische Bildung, Erziehung und individuelle Förderung. Dieses Recht wird nach Maßgabe dieses Gesetzes gewährleistet.

Quelle: http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Schulrecht/Gesetze/SchulG_Info/Schulgesetz.pdf

Wie man verschiedentlich hört, setzen Gerichte in diesem Bundesland das Recht auf Individuelle Förderung in der Rechtsprechung bereits um. Eltern, die gegen Noten klagen oder das Sitzenbleiben ihres Kindes, erhalten Recht, da die betroffenen Schulen Individuelle Förderung in den seltensten Fällen nachweisen können.

Individuelle Förderung ist ein Begriff, der sich für mich im Laufe der Zeit gewandelt hat. Ich habe eine Vorstellung davon, jetzt, was ich darunter verstehe. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass in meinem Kollegium die Vorstellungen dazu sehr auseinandergehen. In der Steuergruppe steht man meinen Vorstellungen recht nah, weil wir gemeinsam am Konzept arbeiten und ich ein wenig die Rolle des Vordenkers übernommen habe. Einige im Kollegium lehnen Individuelle Förderung mehr oder weniger ab und andere haben andere Ideen oder stehen irgendwo dazwischen.

Die meisten Informationen, die ich zum Thema Individuelle Förderung bisher hatte, fand ich im Netz. Dort findet sich viel und auch wieder nicht. Es gibt Informationen von Seiten der Schulministerien, Handreichungen, Materialien, Anleitungen, Konzepte einzelner Schulen, Ideen einzelner Lehrer und mehr. Viele Schulen aller Schulformen erwähnen auf ihren Seiten Individuelle Förderung, bleiben jedoch inhaltlich eher vage. Daneben finden sich einige Druckwerke aus der Fachwelt und Fördermaterialien der Verlage. Klett (und Auer, von denen sie Material übernommen haben) und Cornelsen scheinen dabei auf einer ähnlichen Linie zu liegen.

Aufgefallen ist mir bei meinen Recherchen, dass es scheinbar eine Reihe verschiedener Konzepte von Individueller Förderung gibt. Das ist also nicht nur ein Phänomen, das ich in meinem Kollegium beobachten konnte. Es scheint, jede Schule hat ein eigenes Konzept und nur einige Konzepte sind vergleichbar.

Für mich war das ein Grund, mich intensiver mit dem Begriff auseinanderzusetzen. Dazu habe ich noch einmal Revue passieren lassen, wie das mit meiner Vorstellung oder besser meinen Vorstellungen von Individueller Förderung war und sich diese entwickelt haben.

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Unterricht vor Technik

Posted in Medienwelt, Schulentwicklung by damianduchamps on Juni 15, 2010

Deutsche Schulen hinken bei der Integration von modernen Technologien hinterher. Das ist seit Jahren bekannt. Es bestätigt sich allerdings immer wieder von neuem, so auch in einem Artikel der Welt vom Januar mit dem Titel „Deutsche Schulen bei PC- Nutzung  Schlusslicht„. Eine grundlegende Besserung ist nicht in Aussicht. Gelder aus dem Konjunkturprogramm der Regierung flossen vor allem in die langjährig vernachlässigte Bausubstanz von Schulen. Nur an wenigen Stellen blieb Geld für die Investition in IT-Infrastruktur über.

Auf der eine Seite finde ich das bedauerlich. Doch auf der anderen Seite ist es kein wirklicher Verlust. Wieso?

Wie auch bekannt, ist das Fachwissen der Lehrer in deutschen Schulen in Bezug auf den Unterrichtseinsatz von Computer und Internet überwiegend nicht auf dem Stand der Zeit. Nur wenige wissen, die neuen Medien gekonnt in den Unterricht zu integrieren und das Potential, welches sie bieten, auch auszuschöpfen. Ein Großteil deutscher Lehrer setzen Computer und Internet im Unterricht entweder gar nicht oder nur beschränkt ein. Werden Computer und Internet von diesen wenig medienkompetenten Lehrern, so geht es in der Regel um Internetrecherche und Textverarbeitung. Gelegentlich wird sogar einmal ein YouTube Film gezeigt. Was kompetentes Recherchieren angeht, Suchstrategien und Bewertung von Suchergebnissen, davon haben auch diese Lehrer selten eine Ahnung. „Sucht mal etwas zum Thema XYZ heraus“, heißt es dann meist, können dieses Kompetenz somit auch nicht vermitteln. Oft wissen sie nicht einmal, dass es so etwas gibt.

Für mich stellt sich, wenn ich dieses beobachte, die Frage nach dem Sinn solchen Tuns. Viel lernen Schüler ohnehin nicht dabei. Es ist definitiv keine Frage der Ausstattung. Schulen könnte man gegenwärtig mit Computern und Internetanbindungen pflastern, ändern würde es an dem beschriebenen Sachverhalt nichts. Auch die vielbeschworenen Medienkonzepte tragen zu keiner tatsächlichen Verbesserung bei. Zu Beginn der Ausstattung von Schulen mit Computern ging man meist nach dem Gießkannenprinzip vor. Als Resultat standen an manchen Schulen neue Rechner entweder Monate und länger in ihren Lieferkartons in einer Ecke oder gammelten aufgebaut und eingerichtet in einer Medienecke ihrer Entsorgung entgegen. Dann kamen die Medienkonzepte und nichts wurde besser. Es wurde nach Plan ausgestattet, doch von Ausnahmen abgesehen, standen die Rechner wieder mehr herum.

Ein Grund für diese Zustände war und bleibt die fehlende Medienkompetenz der Lehrer selbst, altgedienter wie frisch ausgebildeter. Es gibt da aber noch einen weiteren, oft übersehenen Faktor, den Unterricht selbst. Es ist nur sehr schwer möglich, Computer und Internet in einen herkömmlichen, mehr lehrerorientierten Unterricht zu integrieren. Für Lehrer stellt sich häufig die Frage, wo der Raum bei aller Stofffülle sein soll, auch noch den Computer und das Internet unterzubringen. „Ich habe nur so und so viele Monate bis zu XYZ und komme so gerade damit hin. Und dann auch noch mit den neuen Medien arbeiten? Das schaffe ich gar nicht. Ich bin froh, wenn ich mit dem Stoff durchkomme.“ Argumente wie dieses hört man immer wieder. Natürlich gibt es stoffliche Verpflichtungen und gerade in der gymnasialen Oberstufe ist der Druck enorm. Die Argumentation findet sich jedoch mit Ausnahme der Grundschulen an fast allen anderen Schulformen auch.

Für mich kann es da nur eine Abhilfe geben. Unterricht muss sich verändern. Erst wenn Unterricht sich mehr in Richtung Schülerorientierung entwickelt, offenere Lernformen zulässt und auf die Vermittlung von Kompetenzen abzielt, entsteht Raum für die Integration von Computer und Internet. Lernen benötigt Zeit und braucht Erfahrungsräume. Die benötigten Freiräume können Schulen sich schaffen, seit es Kernlehrpläne/ Kerncurricula gibt, denn  seither ist es möglich, Stoffpläne zu entschlacken und unnötigen Ballast über Bord zu werfen. Bisher machen nur wenige Schulen davon Gebrauch, so scheint es.

Unterricht verändern im beschriebenen Sinne, geht aber nur, wenn Lehrer dazu befähigt werden. Das benötigt Fortbildung und eine veränderte Ausbildung der Nachwuchslehrer. Dazu gehört nicht nur eine moderne Pädagogik, sondern auch Medienkompetenz. An Schulen, die Kompetenzen in einem schülerorientierten Unterricht vermitteln, werden neue Medien kein Fremdkörper sein, sondern ein natürlich integrierter Bestandteil. Und deswegen geht für mich Unterricht vor Technik.

Fortbildung bläst frischen Wind ins Förderkonzept

Posted in Alltag, Hauptschule, Schulentwicklung by damianduchamps on Mai 30, 2010

Eine gelungene Fortbildung zum Thema Individuelle Förderung hat in der letzten Woche endlich das erreicht, was die Steuergruppe meiner Schule bisher im Kollegium nicht erreichen konnte. Mehrheitlich ist man dort nun endlich überzeugt, dass individuelle Förderung nicht nur eine Modeerscheinung oder zu ignorierende gesetzliche Vorgabe ist, sondern tatsächlich helfen kann, unseren Schülern gerechter zu werden und Lehrern auf Dauer Entlastung zu verschaffen.

Zu verdanken ist dieses der Frau, welche die Fortbildung geschickt leitete und es schaffte, die Widerstände zu überwinden, indem sie wahre Überzeugungsarbeit leistete. Das gelang ihr durch ihre offene und ehrliche Art und Weise. Selbst brachte sie die Erfahrung zweier Schulen zum Thema individuelle Förderung und Förderband mit und verkaufte so keine leeren Konzepte und tote Theorie. Sie begründete die Notwendigkeit, individuelle Förderung in Angriff zu nehmen, machte keinen Hehl aus der bevorstehenden Arbeit und der Tatsache, dass es auch mit individueller Förderung Schüler geben wird, denen nicht zu helfen ist.

Jetzt im Nachhinein verstehe ich vielleicht besser, warum meine Kolleginnen und Kollegen dem Projekt mit so wenig Begeisterung und teilweise auch offener Ablehnung gegenüberstanden. Es war Verunsicherung und auch Angst vor etwas Unbekanntem, einer Sache, die sich nicht abschätzen lässt. In der Fortbildung erhielt das, was nun vor dem Kollegium liegt, endlich Dimensionen und Konturen. Das zu vermitteln, war uns als Steuergruppe nicht gelungen, da wir ja selbst auch keine Erfahrungen mit einem Förderband haben.

Die Bewertungen der Veranstaltung am Ende waren fast durchgängig positiv, wie z.B. diese: Durststrecke – noch sehr viel Arbeit bis zur praktischen Einführung. Vorfreude – wenn alles steht, wird’s entspannt.Wirkliche Ablehnung des Vorhabens gab es keine mehr: Werde nur noch in die Thematik kurz hineinschnuppern, da ich ins letzte Berufsjahr komme, bleibe aber skeptisch was unwillige Schüler angeht. Hoffentlich haben die Kollegen Erfolg!

Vor dem Kollegium liegt nun eine Menge Arbeit, die Materialien für das Förderband zusammenzustellen. Wer sich für den ersten groben Entwurf unseres Förderkonzept nach der Fortbildung interessiert, der liest unten weiter.

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