Damian Duchamps' Blog

Datenschutz & Schule – nur Pragmatismus bringt uns weiter

Posted in Datenschutz, Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on September 29, 2017

Mal ganz ehrlich, Datenschutz und Schule gehen momentan gar nicht zusammen. Schulen sollen digitale Lösungen in den Unterricht integrieren, doch ständig erhebt jemand warnend den Zeigefinger und sagt, in Bezug auf den Schutz der persönlichen Daten der Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte geht dieses nicht und das nicht und grundsätzlich geht sowieso gar nichts. Mit solch einem Ansatz werden wir nicht weiterkommen. Das ist nichts anderes als Verhinderungskultur. Was wir brauchen, sind Lösungsansätze, die uns im schulischen Alltag weiterbringen anstatt uns zu blockieren. Datenschutzschutzbeauftragte sollten nicht nur sagen, was nicht geht, sondern Schulen helfen, pragmatische Lösungen zu finden.

Damit hier kein Missverständnis aufkommt aufkommt, den Schutz der persönlichen Daten von Schülerinnen und Schülern halte ich für absolut unverzichtbar.

Wenn wir in der Schule vom Schutz der persönlichen Daten sprechen, gehen wir von Vorstellungen aus, die meiner Meinung nach völlig unrealistisch und überzogen sind. Natürlich sollen und müssen persönliche Daten geschützt werden. Dazu sind wir verpflichtet und es ist selbstverständlich. Ein Restrisiko ist jedoch nie auszuschließen, wie überall im Leben. Beim Datenschutz versuchen wir jedoch genau dieses. Man tut so, als müsse ist den perfekten Schutz geben, und ist man sich da nicht sicher, so ist die Lösung tabu, die Lernplattform, das App, das Lernmanagementsystem können nicht genutzt werden.

Landesdatenschutzbeauftragte geben für die Microsoft Cloud Deutschland kein grünes Licht, weil noch Unklarheit über irgendein Komma besteht in der Dokumentation. Derweil nutzen große Konzerne die Lösung schon lange, denn diese Lösungen sind von diversen Instituten der Wirtschaft und von anderen Institutionen zertifiziert und geprüft. Das gilt auch für die G-Suite von Google. Bei Firmen geht es um Wirtschaftsdaten und Wirtschaftsspionage. Das hat in der Regel mehr Gewicht als persönliche Daten, denn es geht um Millionen- oder Milliardenbeträge.
Man fragt sich, warum geht in Schule nicht, was in der Wirtschaft geht? Die Wirtschaft hat nicht weniger zu verlieren als Schule mit persönlichen Daten.

Wenn es um Schule und Datenschutz geht, fehlt uns ein vernünftiges Maß. Im Schulleben außerhalb der digitalen Welt sieht das völlig anders aus. Seien wir doch mal realistisch. Verzichten wir darauf, mit unseren Schülerinnen und Schülern ins Schwimmbad zu gehen, nur weil eventuell ein Kind sich nicht an die Regeln halten könnte und vom Rand ins Becken springt, oder heimlich auf das Dreimeterbrett klettert unter herrunter springt? Nein, tun wir nicht. Wir nehmen das Risiko in Kauf, denn es gibt keinen absoluten Schutz. Ja, aber beim Schutz der persönlichen Daten, könnte so etwas doch lebenslange Folgen haben, wird mancher nun entgegnen. Doch könnte es nicht auch lebenslange Folgen haben, wenn eines der Kinder beim Schwimmunterricht nun doch vom Rand springt und verletzt sich dabei so, dass es lebenslänglich unter den Folgen zu leiden hat? Ich hoffe, an diesem Beispiel aus der analogen Welt wird deutlich, dass wir, wenn wir vom Thema Datenschutz sprechen, vollkommen überzogen reagieren. Den absoluten Schutz der persönlichen Daten gibt es nicht. Das soll nicht heißen, dass wir leichtfertig oder fahrlässig umgehen sollten mit den persönlichen Daten der uns anvertrauten Schülerinnen und Schüler. Was wir jedoch brauchen, sind pragmatische Lösungen, die einen möglichst großen Schutz der persönlichen Daten ermöglichen und Schule gleichzeitig nicht unnötig ausbremsen, indem jegliche Lösung aus Datenschutzgründen negiert wird.

Um dieses zu erreichen, braucht es eigentlich gar nicht viel. Für mich gibt es einige Grundsätze, die, wenn man sie beachtet, viele Lösungen ermöglichen.

Persönliche Daten von Schülerinnen und Schülern gehören grundsätzlich nicht in Lernplattformen, Lernmanagementsysteme, Apps oder ähnlich
Namen

Wer zwingt uns dazu, dass Schülerinnen und Schüler mit ihren echten Namen in einem Lernmanagementsystem angemeldet sein müssen? Eine pragmatische Lösung könnte darin bestehen, stattdessen Pseudonyme zu verwenden oder anonymisierte Account Namen. Natürlich müssen Lehrkräfte in der Lage sein, diese Pseudonyme oder anonymisierten Accountnamen Schülern zuzuordnen. Man kann jetzt einwenden, dass sich diese Daten verbinden lassen und schon weiß man wieder, wer wer ist. Das funktioniert immer. Und selbst aus anonymisierten Daten kann man mit etwas Geschick wieder eine Zuordnung herstellen, wenn man das will. Den perfekten Schutz vor “bösen” Konzernen oder Geheimdiensten gibt es nicht. So realistisch muss man einfach sein. Und selbst wenn wir ein System haben, welches den deutschen Datenschutzvorgaben absolut genügt (auf Server in Deutschland laufend, alle Vorschriften erfüllt und so weiter), auch dann gibt es keine absolute Sicherheit. Die Server könnten gehackt und die Kontodaten gestohlen werden. Und wenn die Schüler sich von ihren Smartphones oder von zu Hause aus in der Plattform einloggen, mit einem Pseudonym oder anonymisierten Account, dann könnten natürlich, wenn man Standortdaten oder Gerätedaten ausliest und diese möglicherweise noch mit gestohlenen Daten vom Einwohnermeldeamt kombiniert oder mit Daten von einem sozialen Netzwerk, die exakten persönlichen Daten der Personen herausgefunden werden. Lässt sich alles konstruieren, alles ist möglich. Aber hallo! Bleiben wir doch einfach mal realistisch. Auf dem Weg in die Schule sind auch schon Kinder überfahren worden. Lassen wir die Kinder deshalb nicht in die Schule laufen? Es gibt immer ein gewisses Restrisiko im Leben.

Noten

Es sollte auch völlig klar sein, dass Noten in jeglicher Form, Leistungsbewertungen, nichts in Lernplattformen, Lernmanagementsystem oder ähnlich zu suchen haben. Das schließt aber nicht aus, dass man innerhalb der Plattform Feedback gibt und Angaben macht, ob eine Aufgabe gelöst ist oder nicht. Das genau ist eine der Stärken digitaler Plattformen, das unmittelbare Feedback, um Schülerinnen und Schülern in ihren Lernprozessen zu unterstützen. Und solange Schülerinnen und Schüler keine Accounts nutzen, die direkt über den Namen persönlich zuordenbar sind, sehe ich darin kein Problem. Und da es auch keine Erfordernis gibt, Noten direkt über eine Plattform mitzuteilen, sehe ich darin auch keinen Grund, solche Plattformen nicht zu nutzen.

Nutzungsordnung & pädagogischer Auftrag

Dass persönliche Daten in schulischen digitalen Anwendungen nichts zu suchen haben, kann man Schülerinnen und Schülern durchaus verständlich machen. Auch in anderen Plattformen sollten Schülerinnen Schüler mit ihren persönlichen Daten sparsam umgehen. In einer schulischen Anwendung können sie lernen, wie man persönliche Daten vermeidet. Es ist ein pädagogischer Auftrag der Schule, dieses zu vermitteln. Ich nutze Google Classroom und meine Schülerinnen und Schüler wissen, dass persönliche Daten nichts in der Plattform zu suchen haben. Sie sprechen sich untereinander in der Plattform mit ihren englischen Pseudonymen an. Das funktioniert wunderbar. Über eine Nutzungsordnung haben wir geregelt, dass persönliche Daten nicht in Google Classroom auftauchen. Geregelt ist dort auch, dass der Nutzer Account nicht mit privaten Accounts verknüpft wird. Was aber, wenn sich jemand nicht an diese Regel hält? Was wenn die Accounts zu Hause auf dem heimischen PC verknüpft werden, da auf dem gleichen PC auch die Daten des privaten Accounts sind? Was, wenn auf dem privaten Gerät ein Trojaner mitliest? Pech gehabt! Auch wenn wir unsere Schülerinnen und Schüler immer wieder ermahnen, nicht auf dem Treppengeländer herunter zu rutschen, so tun es leider doch immer wieder welche und alle Jahre wieder liegt jemand unten am Fuß der Treppe und hat sich den Arm gebrochen. So ist das Leben.

Pragmatismus ist gefragt

Wie ich hoffentlich zeigen konnte, kann man, wenn man mit den Anforderungen an den Schutz der persönlichen Daten unserer Schülerinnen und Schüler auf einem realistischen, alltagstauglichen Maß bleibt, durchaus pragmatische Lösungen finden, um im schulischen Alltag zurecht zu kommen. Es bringt niemanden weiter, wenn wir durch überhöhte, unrealistische und auch praktisch nicht einlösbare Anforderungen in Bezug auf den Datenschutz an der Nutzung sehr vieler digitaler Angebote gehindert werden. Leider haben deutsche Firmen im internationalen Vergleich kaum etwas zu bieten, was vergleichbar wäre zu Office 365 mit der Cloud, G-Suite for Education oder Edmodo, Formative und vielen weiteren Apps und Plattformen, die für ein zeitgemäßes Lernen in Schule unverzichtbar sind. Und ganz ehrlich, wer garantiert uns, dass deutsche Firmen und Geheimdienste weniger Interesse an den persönlichen Daten der uns anvertrauten Schülerinnen und Schülern haben?

Datenschützer sind gefragt, praktikable Lösungen zu bieten

Meiner Meinung nach sollten die Datenschützer auf jeder Ebene, vom schulischen Datenschutzbeauftragten bis zu den Landesdatenschutzbeauftragten und den entsprechenden Verantwortlichen in den Ministerien für Schule ihre Aufgabe nicht primär darin sehen, nur den warnenden Zeigefinger zu heben und dieses und jenes zu verbieten. Natürlich sollen sie Schulen helfen, den Schutz der persönlichen Daten ihrer Schülerinnen Schüler so gut wie möglich sicherzustellen und nicht in irgendwelche Fallen zu tappen. Ganz wichtig wäre jedoch auch, dass diese Institutionen nach Lösungen suchen, wie man digitale Angebote trotzdem nutzen kann, ohne die persönlichen Daten der Schülerinnen und Schüler zu gefährden, und Schulen beim Finden solcher Möglichkeiten unterstützen. Außerdem sollten sie eine Aufgabe darin sehen, gemeinsam mit den Anbietern digitaler Angebote Lösungen zu finden, welche Schulen in ihren Verpflichtungen in Bezug auf den Datenschutz unterstützen. Bei der Vielzahl der Angebote kann dieses sicher nicht nur mit einer begrenzten Zahl von Angeboten erfolgen. Es wäre aber schon hilfreich, wenn es englischsprachige Orientierungshilfen für die Anbieter von Lernplattformen, Apps und LMS gäbe, die ihnen helfen könnten, ihre Angebote auf deutsche Datenschutzanforderungen auszurichten. Darauf könnten dann Schulen, die ein Angebot nutzen wollen, diese Anbieter verweisen. Wenn wir hier pragmatischer sind, wenn Schulen Unterstützung erhalten, wenn sie loslegen können, dann wird der deutsche Markt für Anbieter aus anderen Ländern auch attraktiver und das wiederum macht es für diese Firmen interessanter, den deutschen Markt mit seinen speziellen Anforderungen stärker bei der Entwicklung von Angeboten zu berücksichtigen, sei es dass man beispielsweise Server in Deutschland aufstellt oder anmietet oder dass man angepasste Formen der Nutzerregistrierung und -verwaltung und der Speicherung von Daten anbietet.

Datenschutz und Schule muss definitiv neu gedacht werden, vor allem von den oben genannten Institutionen. Wir brauchen pragmatische Lösungen, keine Kultur der Verhinderung und Beschränkung, sondern eine der Ermöglichung.

Noch gut zu wissen

Was vielen vermutlich nicht klar ist: wenn wir ohne persönliche Daten arbeiten, entfallen viele der engen Vorschriften der Datenschutzgesetzgebung. Werden keine persönlichen Daten verarbeitet, braucht es kein Verfahrensverzeichnis und auch keinen Vertrag zur Datenverarbeitung im Auftrag mit dem Anbieter einer digitalen Plattform. Eine Absicherung mit einer Nutzungsvereinbarung ist dabei aber unbedingt erforderlich. Ohne begibt sich die Schule auf juristisches Glatteis! Sind die Produkte, welche Schüler etwa in einer Plattform wie Office 365 mit der Cloud produzieren, frei von persönlichen Daten und auch sonst nicht zuordenbar, sehe ich keine Erfordernis diese Daten als persönliche Daten zu behandeln. Wenn überhaupt, dann geht es hier noch um Urheberrechte der Schüler. Es muss an dieser Stelle jedoch angemerkt werden, dass dieses nicht jeder Datenschutzbeauftragte das so sieht. Genauso, wie es auch Datenschutzbeauftragte gibt, die meinen, auch nicht persönliche Daten dürfen nicht in Drittstaaten gehen. Deshalb auch mein Appell, pragmatisch zu denken.

Auch mit einer informierten und freiwilligen Einwilligung der Betroffenen geht eigentlich alles. Für Schulen ist dieses allerdings eine Lösung, von der ich abraten würde.

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Einer geht noch …

Posted in Alltag, Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Februar 7, 2017

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es langsam etwas viel wird für viele Lehrerinnen und Lehrer in unserem Schulsystem. Man kommt ohnehin nicht wirklich voran. Nichts geht und alles muss auf dem Weg in Richtung Zukunft, und dann kam auch noch die Digitalisierung mit allem, was sie mit sich bringt.

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Schluss mit dem digitalen Schwebezustand

Posted in Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik, Uncategorized by damianduchamps on Januar 14, 2017

Wenn aktuell mal wieder beobachte, was sich in der Bildungslandschaft ereignet, vergeht mir die Lust an Schule und Schulentwicklung, an Entwicklung von Unterricht mit digitalen Tools und der Beratung von Schulen und Schulträgern dahingehend.

Der Grund dafür ist einfach. Es hängt alles in der Schwebe. Nichts ist wirklich klar definiert. Hier in NRW kommt nun GuteSchule#2020. Toll mag man meinen, endlich tut sich etwas. Nur, mehr als einen Topf voll Geld und ein paar grobe Vorgaben gibt es nicht. Bloß nichts festlegen, nein, keine festen Vorgaben machen, keine verbindlichen Ziele definieren. So kommt es, wie es kommen muss. Die einen sanieren damit Gebäude, an anderer Stelle baut man ganze Schulen neu davon, hört man, und ein klein wenig wird auch in digitale Infrastruktur investiert. Wenn das Jahr 2020 um ist, werden wir feststellen, dass die Standards an den Schulen in NRW weiterhin höchst unterschiedlich sind. Manche haben Breitbandanschluss und WLAN im gesamten Gebäude, für Schüler und Lehrer, andere endlich funktionierende Toiletten und dichte Dächer oder Klassenräume statt Container, jedoch noch immer keinen Breitbandanschluss und auch kein WLAN im Gebäude. Dass uns das als Land wirklich weiterbringt, werden nur Politiker behaupten, die sich in irgendeiner Vorzeigeschule in einer iPad Klasse von den Medien feiern lassen.

Und dann ist da ja noch das Milliardenpaket des Bundes. Auch hier wird es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht anders laufen. Schon jetzt regt sich Widerstand gegen Bevormundung durch den Bund. Am liebsten hätte man das Geld vermutlich in die Landestöpfe und würde dort damit nach eigenem Belieben verfahren, ohne exakte Zielvorgaben und ohne jegliche Rechenschaft.

Ich wünschte mir, es gäbe sehr eindeutige Vorgaben, sowohl vom Land als auch vom Bund, am besten miteinander abgestimmt. Könnte man nicht zeitliche Vorgaben machen und sagen, bis zum Jahre X hat dieses und jenes zu erfolgen?

  • alle Schulen, ohne Ausnahme, sind an Breitband angeschlossen
  • alle Schulgebäude sind mit WLAN ausgeleuchtet
  • alle Klassenräume haben Präsentationsmedien
  • alle Lehrerinnen und Lehrer sind fortgebildet/fit gemacht
  • alle Länder haben überarbeitete Fachcurricula
  • alle Schulen haben Medienkonzepte und angepasste Fachcurricula
  • alle Schulen können auf eine Basis online IT Infrastruktur zugreifen
  • alle Lehrer, die kein Privatgerät nutzen, haben ein Dienstgerät
  • alle Schüler haben digitale Endgeräte

Alle habe ich jeweils hervorgehoben, da es nicht sein kann, dass in einem reichen Land wie Deutschland, Schulen, Schüler und Lehrer benachteiligt werden, nur weil sie das Pech haben, in eine strukturschwachen Kommune zu leben oder weil im Falle von Schülern ihre Eltern nicht über ausreichend Einkommen verfügen. Alle schreibe ich auch, weil es nicht der Beliebigkeit kommunaler Verwaltungen und parteilichen Ideologie überlassen werden kann, was am Ende dabei herauskommt.

Ich denke, hier sollte es wirklich einen Konsens geben, egal wo die Bundesländer und ihre Regierungen schulpolitisch gerade stehen. Mögen sie sich an ihren Schulformen abarbeiten, wenn sie das denn brauchen, doch bitte nicht an solch grundlegenden Fragen wie der Ausrichtung unserer Schulen und ihres Unterrichts auf eine Zukunft, die schon längst begonnen hat.

5 Mrd. € DigitalPakt#D sorgt für Goldgräberstimmung

Posted in Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Oktober 13, 2016

Es ist schon interessant, welche Welle Frau Wanka mit ihrer Ankündigung des DigitalPakt#D lostritt. Um 5 Mrd. € geht es, die für 40.000 Schulen bis 2021 vom Bund bereitgestellt werden sollen. Überall bricht mit einem mal eine digitale Goldgräberstimmung aus und dabei sprechen wir bisher nur von einer Ankündigung. Man meint, das Geld schon zu riechen, doch es ist noch nicht einmal in der Haushaltsplanung des Bundes vorgesehen, zumindest offiziell noch nicht. Und dann ist da noch das  rechtlich wackelige Konstrukt des Artikel 91c im Grundgesetz, welches eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Informationstechnik zulasse, wo eine Kooperation sonst verboten ist.

In Regierungskreisen muss da schon länger etwas in Planung gewesen sein, denn schon im Mai 2015 meinte Prof. Dr. Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund als er auf einer Veranstaltung in Münster (Schulträgertagung, 29. April 2015) die Ergebnisse von ICILS vorstellte, die Koalition plane ein Milliardenprogramm. Er fügte jedoch auch direkt dazu, wenn dieses so liefe wie das Programm zum Ganztag, wo mit den Geldern überall einfach nur Mensen gebaut wurden, dann könne man es direkt vergessen. Das Video (51 min.) ist übrigens sehenswert, da es viele der aktuell diskutierten Punkte zur Umsetzung des DigitalPakt#D anspricht.

5 Mrd. € ist eine Menge Geld. Wie einige ausgerechnet haben, ist es dann auf die einzelne Schule gerechnet doch nicht so viel und dann ist ja noch die Frage, wie viel tatsächlich vor Ort ankommen wird. In der Industrie reibt man sich sicher schon die Hände. Wie es scheint, waren ja auch Experten aus diversen Stiftungen an der Erarbeitung des Programms nicht unwesentlich beteiligt.

Das DigitalPakt#D Programm soll zwar erst 2017 starten, doch schon bringen sich die verschiedenen Player in Position. Claims sind abzustecken. Wer kann was und wer soll was? Zuständigkeiten werden im Konzept zwar angesprochen, müssen für die Praxis jedoch noch genau ausgelotet werden. Der Bund, die Länder, die Kommunen, die Schulen, es ist ein weites Feld. Absprachen sind erforderlich, über Ländergrenzen hinaus. So sollen sich die Länder „auf ländergemeinsame technische Standards“ verpflichten. NRW ist gerade dabei Logineo NRW zu installieren. Das ist ein Standard, von dem noch nicht einmal sicher ist, ob sich die Schulen und Schulträger in NRW darauf einlassen werden, und nun soll ein ländergemeinsamer Standard her. In Hamburg nutzt man auch Logineo, doch kann NRW diesen Standard länderübergreifend einbringen? Auch das Hasso Plattner Institut scheint schon in Position mit der School-Cloud. Mit einem Pilot-Forschungsvorhaben hat man sich bereits versucht, einen vorderen Platz zu sichern. Es werden aber auch andere Player aus der Industrie nicht untätig warten, denn es lockt die Aussicht auf große Aufträge. Microsoft, Bertelsmann, die Schulbuchverlage, Plattformbetreiber, Hardwarehersteller, alle wollen dabei sein. 5 Mrd. auf 5 Jahre und damit wird es nicht enden, denn Hardware muss aktualisiert werden, Lizenzen für Software und Inhalte laufen nicht ewig. Wenn DigitalPakt#D funktioniert, dann zieht das Folgekosten hinter sich her, über die sich jetzt noch keiner Gedanken macht. Bildung kostet Geld und billiger als aktuell wird es ziemlich sicher nicht werden, eher teurer.

Es wird definitiv spannend werden. Schulen sollen ein überzeugendes Konzept vorlegen. Dieses ist Voraussetzung für die Förderung. Alternativ kann es auch ein Konzept des Schulträgers sein. Und damit nicht „einzelne Schulen mit der Erstellung eines Medienentwicklungskonzeptes überlastet sind,“ ist es möglich, dass die Schulträger ein Konzept entwickeln und entsprechend sinnvolle zentralisierte Strukturen aufbauen, die dann gefördert werden. (Wenn ich da an meinen Schulträger denke, dann wird man dort direkt für die Schulen entscheiden und den Schulen eine Struktur überstülpen.) Entsprechend bringt sich deshalb in NRW die Medienberatung in Position. Zu Gute Schule 2020 kommt nun noch der DigitalPakt#D hinzu. Schulen und Schulträger sind zu beraten, eine Herkulesaufgabe, die da auf die Medienberaterinnen und -berater zukommt. In anderen Bundesländer wird es bei den entsprechenden Institutionen ähnlich sein. Da sich viele Schulen bisher noch nicht auf den Weg gemacht haben und nicht mehr vorweisen können als PC-Räume, Medienecken, ein paar interaktive Whiteboards, ein wenig Schulung zum Handling von Office Anwendungen und Prävention, mit Medienkonzepten, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind, ist der Beratungsbedarf entsprechend hoch. Wer etwas abhaben will vom Kuchen, muss ein Konzept vorlegen können „zur Umsetzung digitaler Bildung auf Basis vorab festgelegter Kriterien.“ (Welche Kriterien dieses sind, wer sie festlegt und wer die Einhaltung prüft, ist scheinbar noch offen.)

Wie der DigitalPakt#D bei den Schulen selbst ankommen wird, muss man sehen. Ich vermute mal, die armen Lehrerinnen und Lehrer, von denen sich viele gerade in den wohlverdienten Herbstferien befinden, sehen eine riesige Lawine auf sich zu rollen, eine Lawine, deren Dimensionen sich nicht abschätzen lassen für den Einzelnen. Viele Schulen konnten sich dem Wandel bisher entziehen. Auf die altbewährte Art und Weise ging es ja auch noch immer. Diese Zeiten werden nun endgültig vorbei sein schätze ich. Sich dem Sog der digitalen Welt zu entziehen, wird nicht länger gelingen. Die Digger schnüren ihre Ranzen, packen die Werkzeuge und beladen die Wagen. Sie sind bereit, ihre Pfosten einzuschlagen und ihre Claims abzustecken, in jeder Schule, an jedem Arbeitsplatz, in jedem Klassenzimmer, in jeder Schultasche. Es riecht nach Gold …

 

Schule – Chaos mit Ansage, System ohne System


Posted in Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Mai 15, 2016

Dieser Tage hatte ich mit dem System Schule mal wieder ein Erlebnis, welches bei mir das Fass zum überlaufen brachte, wo ich tatsächlich mal wieder mit dem Gedanken spielte, alles einfach hinzuschmeißen.

Ich bin in der Lehrerfortbildung tätig und dafür mit einigen Stunden entlastet. Nun hat man mir angeboten, meine Entlastung auszuweiten. Ich könnte also mehr Stunden in der Fortbildung tätig sein und würde dafür weniger unterrichten. Bisher war so etwas relativ einfach geregelt. Man sprach sich mit der Leitung des Kompetenzteams, welche die Fortbildung vor Ort regelt, ab, diese beantragte entsprechende Stunden bei der Bezirksregierung und wenn alles in Ordnung war, bekam man die zusätzlichen Stunden genehmigt. Das geht jetzt nicht mehr. Jetzt muss ich mich bewerben, „mit den üblichen Unterlagen,“ und dann zu einem Bewerbungsgespräch zur Bezirksregierung fahren. Selbst wenn ich, der ich einige Jahre in der Fortbildung tätig bin, meine Tätigkeit dort nur um zwei Stunden erweitern möchte, muss ich diese Prozedur über mich ergehen lassen. Wer sich das bei der Bezirksregierung ausgedacht hat, dem sollte man dafür mindestens das Bundesverdienstkreuz verleihen. Letztlich ist dieses Erlebnis aber nur symptomatisch für das Chaos in unserem Schulsystem.

Nun ja, so kam also der ganze Frust mit diesem System in mir wieder einmal hoch. Und das hat Gründe, denn ich bin zwar auch nur ein Rad im Getriebe, doch ich habe Augen und Ohren und bin, auch durch dieses Schulsystem, zu Kritik erzogen worden. Zum Glück.

Als ich 1970 als Erstklässler das erste Mal mit Schule zu tun hatte, war das Schulsystem noch weitestgehend in Ordnung. Es war ein System, welches bundeseinheitlich ziemlich gleichförmig angelegt war, dreigliedrig und zumindest vom Prinzip her durchlässig nach unten wie nach oben. Überall begann man mit der ersten Fremdsprache in der Klasse fünf und mit der zweiten in der Klasse sieben. Nach und nach wurde überall der Abschluss der Klasse zehn eingeführt, auch wenn ein Hauptschulabschluss nach Klasse neun weiterhin möglich war. Aber es zeichneten sich bereits erste Versuche an, das System aufzubrechen. Die Gesamtschule wurde eingeführt. Chancengleichheit für alle, war die Losung. Grundsätzlich war das sicher keine schlechte Idee. Auch die katholische Tochter vom Lande oder der Sohn des Arbeiters sollte die Gelegenheit erhalten, das Abitur zu machen und zu studieren. Was aber im Laufe der Jahrzehnte daraus wurde, ist schlichtweg eine Katastrophe.

Wirklich besser wurde wenig. Auch wenn nach außen hin zunächst noch alles ziemlich gleich war, begann das System auseinander zu driften. Ein Abitur aus Nordrhein-Westfalen galt zum meiner Abi-Zeit in Bayern nichts. Wer sein Abitur in einer Gesamtschule in Nordrhein Westfalen ablegte, lag im Stoff deutlich hinter einem Abiturienten vom Gymnasium zurück.

Schule entwickelte sich im Spannungsfeld der parteipolitischen Ideologien, auf Landesebene bis hinunter in die Kommunen. In den CDU und CSU regierten Bundesländern blieb man eher konservativ beim bewährten System und setzte auf Leistung und Elitenförderung. In den SPD-regierten Bundesländern war man dagegen deutlich experimentierfreudiger. Das Mantra, unter dem das geschah, lautete „Chancengleichheit.“ Immer wieder wurde in den SPD Ländern mit oft zweifelhaftem Erfolg versucht, die Dinge zum Besseren zu verändern. Die Gesamtschule kam ins Spiel. Schulversuche und Leuchtturmprojekte blieben in der Regel allerdings ohne Folgen, weil sich die dahinter liegenden Konzepte auch bei erfolgreichen Ergebnissen, politisch nicht durchsetzen ließen. Viele junge motivierte Lehrer wurden so im Laufe der Jahre verheizt. Man ließ sie neue Konzepte auszuarbeiten, Lehrpläne schreiben usw. bis sie lernten, Reformen einfach auszusitzen. Diese Generation Lehrer ist mittlerweile fast komplett im Ruhestand und die meisten sind froh darüber. Aus ihrer Sicht hat sich das Schulsystem im Laufe der Jahrzehnte in unserem Land nicht verbessert.

Wenn man die Entwicklung über die vielen Jahre beobachtet, hat man das Gefühl, das System Schule driftet mehr und mehr auseinander. Aus dem einst relativ einheitlichen System ist mittlerweile etwas geworden, wo es schwierig ist, überhaupt noch von einem System zu sprechen. Vor wenigen Jahren hieß es einmal im Spiegel, dass wir in Deutschland mittlerweile über 50 verschiedene Schulformen haben, zumindest dem Namen nach. Mit der Einführung von G8 ist alles nur noch chaotischer geworden. In manchen Bundesländern beginnt man nun mit der zweiten Fremdsprache bereits in der sechsten Klasse. In anderen ist man bei der Klasse sieben geblieben. Familien, die von einem Bundesland in ein anderes wechseln wollen, werden dadurch vor enorme Probleme gestellt. Viele Kinder müssen ein Jahr wiederholen, weil sie das erste Jahr der neuen Fremdsprache verpasst haben. Wer von einer Hauptschule oder einer Realschule zum Gymnasium in die Oberstufe wechselt, muss bei einem G8 Gymnasium die Klasse zehn wiederholen, da diese dort bereits zur Oberstufe zählt.

Das G8 war von seiner Grundidee sicherlich in Ordnung. Man wollte eine Angleichung an andere Länder in Europa. Doch wie so oft in diesem System Schule scheiterte das alles am System selbst. Damit G8 funktionieren kann, mussten die Schulen ihre Lehrpläne in den einzelnen Fächern reduzieren. Ganz wenigen Schulen gelang dieses. Bei der Mehrheit der Gymnasien funktionierte es überhaupt nicht. Keine Fachschaft war dort bereit, etwas zu streichen. Das sollten gefälligst die anderen tun, die weniger wichtigen Fächer. Und so wurde der Schwarze Peter hin und her geschoben und zum Schluss wurde gar nichts gestrichen. Die Leidtragenden sind die Schüler und die Familien. Gestiegener Druck und weniger Freizeit sind eine Folge. Irgendwann erkannte auch die Politik, dass es so nicht weitergehen konnte. An vielen Stellen kam zudem der Wunsch auf, wieder zurück zu G9 zu gehen. Wo die Politik es dann zuließ, wechselten tatsächlich Gymnasien wieder zurück zu G9. Gleichzeitig versuchte man für die G8 Gymnasien die Situation zu entschärfen. Anstelle der Reduktion im Stoffumfang, den die Gymnasien nicht geschafft hatten, setzte man jetzt bei den Hausaufgaben an. Weniger Hausaufgaben. Ob das nun zu einem Erfolg geführt hat, darüber hat man bisher nichts gehört. Ich wage, zu bezweifeln, dass die Situation sich geändert hat. Auch hier werden die einzelnen Fächer weiterhin auf dem alten Umfang der Hausaufgaben bestanden haben und den schwarzen Peter an die anderen weitergegeben haben.

Und parallel verschwinden nun nach und nach die Hauptschulen und an vielen Stellen auch die Realschulen. Stattdessen hat man hier in Nordrhein-Westfalen nun jede Menge neue Gesamtschulen und Sekundarschulen und ein paar Gemeinschaftsschulen. Letztere entstanden in dem Versuch der SPD, das Schulsystem umzukrempeln. Der Versuch scheiterte dann aber am Widerstand der CDU. Neue Gemeinschaftsschulen gab es nicht mehr nach dem Schulfrieden, doch da die gerade entstandenen Bestandsschutz haben, existieren sie weiter. Wenn man die Gesamtlage in NRW betrachtet, so entwickelt sich das System tendenziell zu einem zweigliedrigen Schulsystem. Auf der einen Seite sind die Gymnasien, welche gut 40 % aller Schüler aus den Grundschulen aufnehmen. Und dann sind da noch die anderen Schulen: Gesamtschulen, Sekundarschulen, Realschulen und Hauptschulen und die wenigen Gemeinschaftsschulen. Wirklich zweigliedrig kann das System jedoch nicht werden. Wie an verschiedenen Stellen im ganzen Land zu sehen ist, passen hier einige Sachen nicht zusammen. Es entstehen vor allem unsägliche und unnötige Konkurrenzsituationen zwischen Schulen.

Immer wieder wird deutlich, dass die gesellschaftlichen Vorstellungen von Schule mit denen der Politik nicht deckungsgleich sind. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Politik von Parteien gemacht wird, die nicht von 80 oder 90 % der Bevölkerung gewählt werden. Sie vertreten damit auch bildungspolitische Ideologien, die nur von einem kleineren Teil der Bevölkerung unterstützt werden. Hinzu kommt, dass viele Eltern, vor allem wenn sie selbst einen mittleren oder gehobenen Bildungsabschluss haben, ihre Kinder auf einem Gymnasium sehen möchten. Sie sollen später bessere Chancen haben und definitiv nicht mit den ganzen Kindern aus dem bildungsfernen Schichten auf eine Schule gehen, „nicht mit den Migrantenkindern, nicht mit den Blöden, nicht mit den Asozialen, nicht mit den Förderschülern (Inklusion ist gut, aber bitte nicht in der Klasse meines Kindes).“ Ihre Kinder sollen auf jeden Fall Abitur machen. Und außerdem klingt es ja auch viel besser, wenn man sagen kann, mein Kind geht aufs Gymnasium. Und Gesamtschulen entwickeln sich jetzt, wo die Hauptschulen wegfallen, mehr und mehr zum Sammelbecken für all jene Kinder, die eben nirgendwo anders unterkommen. Wer möchte es Eltern übel nehmen, wenn sie ihr Kind dort nicht hinschicken wollen? Der Politik scheint das aber egal. Aufgrund der rechtlichen Strukturen ist es auch nicht möglich, das Schulsystem nun tatsächlich in ein zweigliedriges umzuwandeln.

Hier bei mir vor Ort im südlichen Westfalen sehe ich das ganz deutlich. Man hat neue Gesamtschulen aufgemacht und Sekundarschulen und die Hauptschulen laufen nun alle aus. Aber die Realschulen verschwinden nicht komplett. Es wurde sogar eine in privater Trägerschaft neu eröffnet und gibt noch eine weitere in privater Trägerschaft, welche die Politik nicht einfach schließen kann. Eine andere, die geschlossen werden sollte, bleibt nun doch bestehen, zumindest vorerst. Alle können sich vor Anmeldungen kaum retten. Die Gesamtschulen und die Sekundarschule hingegen haben enorme Probleme durch diese Konkurrenz der Gymnasien und Realschulen. Ihnen fehlen die Kinder mit gymnasialer Empfehlung. Sie bekommen zum Teil nicht einmal ausreichend viele Schüler, um die Vorgaben für die Genehmigung ihrer Schulform zu erfüllen. Die Eltern stimmen mit den Füßen ab. Sie wollen die Gesamtschule nicht. Hier auf dem Land wollen die Eltern auch keinen gebundenen Ganztag. Auf die Gesamtschulen und die Sekundarschule geht nur, wer muss.

Der demographische Wandel verstärkt das Problem noch einmal zusätzlich. Die Gymnasien müssten, wenn nur Kinder mit einem über die Jahre unveränderten Leistungsniveau aufgenommen würden, eigentlich schrumpfen. Das würde für die Gymnasien jedoch weniger Mittelzuweisungen und weniger Lehrerstellen bedeuten. Verhindern können sie das nur, indem sie auch weniger geeignete Schüler aufnehmen. In Folge haben die Gymnasien nun deutlich mehr schwächere Schüler, die sie bis zum Abitur „fördern“ müssen und die restlichen Schulen, von den Realschulen abgesehen, erhalten nur noch was über bleibt und werden so immer mehr zum Sammelbecken für den traurigen Rest. Obwohl schon seit Jahren immer mehr Kinder auf die Gymnasien gehen, die in der Vergangenheit nie dort aufgenommen worden wären, steigt die Zahl der Schüler, die ihr Abitur mit eins machen. Gleichzeitig klagen aber die Hochschulen und Universitäten über immer weniger studierfähige junge Studenten. Wie passt das bitte zusammen?

Das alte dreigliedrige Schulsystem hat zu seiner Zeit sehr gut funktioniert. Es war ein Modell, welches im Großen und Ganzen den Anforderungen seiner Gesellschaft und Wirtschaft entsprach. Heute wäre dieses Schulsystem nicht mehr angemessen. Wie durch eine Vielzahl von Studien festgestellt wurde, hat unser Schulsystem die Tendenz, soziale Benachteiligungen zu verstärken. Alle Versuche, dem entgegenzusteuern, haben keine Verbesserung gebracht, sondern die Tendenz sogar noch weiter zementiert. Das dreigliedrige Schulsystem hat heute keine Berechtigung mehr. Ein Umbau war definitiv erforderlich, um das Schulsystem an veränderte gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingenden anzupassen. Leider aber war niemand in der Lage, die Fliehkräfte, welche sich aus parteiideologischen Überzeugungen, lokalpolitischen Eitelkeiten, gesellschaftlichen Veränderungen, wirtschaftlichen Anforderungen, demographischen Entwicklungen und finanziellen Sachzwängen ergaben in eine gemeinsame Richtung zu lenken, um das alte Schulsystem in ein neues kohärentes System zu überführen. Ein Grund, warum das nicht gelang, liegt in den politischen Strukturen Deutschlands begründet. Wesentlich entscheidender für die Probleme mit unserem Bildungssystem dürfte jedoch der fehlende gesellschaftliche Konsens sein, wie ein über alle Bundesländer und Kommunen hinweg einheitliches Schulsystem aussehen könnte.

Schulpolitik ist kein Schlachtfeld, auf welchem sich Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker, Menschen mit Ideologien und Eitelkeiten austoben können. Hier geht es um die Zukunft von Menschen, um die Zukunft eines Landes. Lösungen, die einen großen Teil der Gesellschaft nicht mitnehmen und über Machtpolitik, politisches Geschachere oder Schulfrieden zustande kommen, sind keine Lösungen. Das macht die aktuelle Situation wohl mehr als deutlich.

Vielleicht wäre es für die Politik endlich einmal an der Zeit, die bildungspolitischen Ideologien zu begraben und stattdessen einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, der dann gemeinschaftlich und bundesweit umgesetzt wird!

Bewundern kann man in dieser Situation, wo eine Besserung auf absehbare Zeit nicht einmal zu erwarten ist, nur die Mitbürger, die als Lehrerinnen und Lehrer täglich ihr Bestes geben, um den Schaden, den dieses System an Kindern und Jugendlichen verursacht, so gering wie möglich zu halten. Viele von ihnen, die allen Widernissen zum Trotz dieses System aushalten, sehen ihr Lehrersein noch immer als Berufung und nicht bloß als Beruf. Dass sie in diesem häufig so menschenverachtenden System oft ihre Gesundheit lassen müssen und häufiger unter Burn-out leiden als andere Berufsgruppen, wundert da nicht. Sie haben täglich mit den Unzulänglichkeiten dieses Systems zu kämpfen. Man kann es ihnen nicht hoch genug anrechnen, dass sie trotzdem ein Maximum leisten. Zu den Leidtragenden in diesem System zählt neben den Lehrern leider auch eine noch größere Zahl an Kindern, Kinder, die nicht die Schule bekommen, die sie eigentlich haben sollten.

Lehrer des 21. Jahrunderts sind die Lerner des 21. Jahrunderts

Posted in Kompetenzen, Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik, Uncategorized by damianduchamps on April 30, 2016

An vielen Stellen herrscht mittlerweile kein Zweifel mehr daran, dass das Lernen des 21. Jahrhunderts anders aussieht als es gegenwärtig noch an der Mehrheit der Schulen praktiziert wird.

Wer sich in der Bildungslandschaft umschaut, sieht, dass sich schon recht deutlich herauskristallisiert hat, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts aussieht, denn es gibt bereits Schulen, wo es praktiziert und weiterentwickelt wird. Schaut man sich die Beispiele näher an, wird aber auch sehr schnell klar, was die Akteure auszeichnet.

Sie alle selbst sind Lerner des 21. Jahrhunderts.

Es sind die André Spangs, Alicia Bankhofers, Thorsten Larbigs, Jörg Lohrers, Gerhard Bless und so weiter dieser Welt. Sie alle leben vor, wofür sie stehen, indem sie die Lernmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts aktiv nutzen, um ihre eigenen Kompetenzen zu erweitern. Das heißt, sie bauen sich ihre persönlichen Lernnetzwerke auf, suchen sich Informationen im Netz, nehmen an MOOCs teil, schauen Lernvideos, sie schreiben Blogs, podcasten, erstellen Videos, veranstalten edChats, erstellen gemeinsam Dinge, …, sie erwerben Kompetenzen und teilen sie mit anderen und wachsen dabei weiter.

Was bedeutet das für die Entwicklung des Bildungssystems selbst hin zu einem Bildungssystem des 21. Jahrhunderts?

Man kann, so denke ich, sicher davon ausgehen, dass die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer digitale Technologien nutzen, im privaten Umfeld wie in der Unterrichtsvorbereitung. Trotzdem fällt es ihnen extrem schwer, sich in Bezug auf Unterricht auf digitale Technologien einzulassen. Welche enorme Bedeutung das Lernen des 21. Jahrhunderts für Schule hat, übersteigt ihren Vorstellungshorizont sogar komplett, und das nicht ohne Grund.

Der beste Englischlehrer ist nicht nur Pädagoge, sondern beherrscht die englische Sprache perfekt, der beste Biologielehrer ist Biologe und Pädagoge und der beste Mathematiklehrer ist Mathematiker mit Leib und Seele und Pädagoge. Wer Schüler zu Lernern des 21. Jahrhunderts machen soll, muss deshalb selbst ein Super-Lerner des 21. Jahrhunderts sein. Nach modernem Rollenverständnis vermitteln Pädagogen heute schon lange nicht mehr nur Wissen, sondern auch das Lernen selbst. Und immer schon lernen Lehrer in ihrer Ausbildung auch selbst mit den Methoden, die sie hinterher als Lehrer in ihrer täglichen Arbeit nutzen sollen.

Wenn Lehrerinnen und Lehrer also nicht selbst aus eigener Praxis in der Entwicklung und Erweiterung ihrer beruflichen Professionalität erfahren haben, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts funktioniert und welchen Gewinn es ihnen bringt, dann können sie dieses weder in ihren beruflichen Alltag integrieren noch verstehen, warum dazu überhaupt eine Notwendigkeit besteht. Dann wundert es auch nicht, wenn Schulen noch immer Smartphones verbieten und man an Schulen oft nur Einzelkämpfer findet, die mit digitalen Technologien in ihrem Unterricht arbeiten und sich auf den Weg gemacht haben, ihre Schüler die Chance gehen, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln.

Für die Praxis bedeutet dieses:

  • Die Lehrerausbildung muss so schnell wie möglich umgestellt werden, um aus Lehramtsstudenten und Referendaren Lerner des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Die Lehrerfortbildung muss umgestellt werden, um Lehrer zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Für den Übergang müssen Lehrer an den Schulen massiv entlastet werden, um den Raum zu erhalten, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln

Schulen stehen gegenwärtig unter einem enormen Druck von vielen Seiten. Inklusion, Flüchtlinge, G8/G9, demographischer Wandel und gesellschaftliche Probleme, die in die Schulen schwappen, lassen unter den gegebenen Bedingungen nicht viel Luft für einzelne Themen. Mit Tafel, Buch, Stift und Heft hat Unterricht immer funktioniert und für viele Lehrer stehen deshalb digitale Technologien ziemlich weit hinten auf der Prioritätenliste. Wenn sich also etwas ändern soll, und es muss sich etwas ändern, dringend, dann braucht es einer gewaltigen gemeinsamen Anstrengung. Ohne einen Schub aus der Politik und die entsprechenden Mittel, um die Lehrerausbildung und -fortbildung wie oben beschrieben, zu verändern, wird es nicht gehen. Dafür braucht es politischen Willen. Man hörte mal etwas munkeln von einem milliardenschweren Programm aus Berlin. Das war schon 2015 und es ging wohl mehr um Ausstattung von Schulen. Von daher ist der Ausblick gegenwärtig nicht sehr optimistisch, auch wenn zu spüren ist, dass an vielen Schulen so langsam Aufbruchstimmung einkehrt in Bezug auf digitale Technologien und Unterricht.

Schule, Lehrer und Urheberrechtsverstöße

Posted in Medienwelt, Schulpolitik by damianduchamps on Oktober 31, 2011

Lehrer stehen immer mit einem Bein im Gefängnis, sagt man so schön. Dabei meinte man bisher vor allem rechtlich zweifelhafte Situationen auf Klassenfahrten oder im Sportunterricht. Seit es möglich ist, Medien zu kopieren, geraten auch immer mehr Lehrer in diesem Bereich nicht nur in rechtliche Grauzonen sondern sogar in eindeutig verbotenes Territorium. Mit dem Internet und Lernmanagementsystemen haben sich die Möglichkeiten zum oft unwissentlichen Rechtsverstoß noch einmal deutlich potenziert.

Der Gesetzgeber erwartet von dem im Schulsystem tätigen Lehrpersonal sowie deren Vorgesetzten Kenntnis und Einhaltung urheberrechtlicher Vorgaben. Auf Seiten der Bezirksregierungen und Ministerien ist man sich durchaus bewusst, dass Anspruch und Wirklichkeit in diesem Feld oft weit auseinanderklaffen. Je nach Fall von Urheberrechtsverstoß ist man deshalb sogar bereit, als Dienstherr die rechtliche Vertretung zu übernehmen. Problematisch ist dabei jedoch, dass die Budgets der Landesregierungen durch den Landeshaushalt vorgegeben und damit begrenzt sind. Die Justiziare des Landes haben damit auch nur einen eingeschränkten Handlungsspielraum. Anders sieht es auf Seiten der Urheberrechteinhaber aus. In der Regel verfügen diese über gewaltige Finanzreserven und sind auch gewillt, diese in für sie eindeutigen Fällen von Urheberrechtsverstößen durch Schulen oder Lehrer einzusetzen, um zu ihrem Recht zu gelangen. Das Land kann es sich also gar nicht „leisten“, jeden durch Unkenntnis verursachten Rechtsbruch im Bereich der Urheberrechte mit rechtlicher Beihilfe zu unterstützen, erfuhr ich von einem Justiziar der Landesregierung Nordrhein-Westfalen. Ein weiteres Problem ergibt sich darüber hinaus aus der Tatsache, dass die jeweilige Landesregierung nur eine sehr kleine Anzahl Justiziare beschäftigt und diese sich nur zu einem Teil mit urheberrechtlichen Fragen in Bezug auf Schule auseinandersetzen können. Schulen und Lehrer stehen damit weitestgehend einsam auf weiter Flur in einem Minenfeld von für sie rechtlichen Unsicherheiten. Zwar gibt es einige eindeutige Rechtsvorgaben und Absprachen mit den Vertretern der Urheberrechteinhaber, doch darüber hinaus bleiben andere Bereiche schwammig, da vage definiert, und damit der Interpretation der jeweiligen gerichtlichen Instanz überlassen, falls es zum Rechtsstreit kommt.

Grundsätzlich, so riet der Justiziar des Landes Nordrhein-Westfalen, solle man sich auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen und unterlassen, was zweifelhaft erscheint. Wer digitale Materialien, die ihren Ursprung in einem Lehrbuch haben, in einem Lernmanagementsystem einstellen und den Schülern verfügbar machen möchte, riskiert einen Verstoß gegen geltendes Recht. Zum einen ist nicht erlaubt, Lehrwerke in irgendeiner Form zu digitalisieren und zum anderen gilt ein Lernmanagementsystem grundsätzlich als öffentlich. Dieser Rechtsauffassung folgend, veröffentlicht der Lehrer somit die illegale digitale Kopie auch noch für alle Welt im Internet. Ob dieses nun so zutrifft, hängt dann vom jeweiligen Gericht ab, welches über den Fall entscheidet und inwieweit dieses der Auffassung ist, dass ein an sich geschlossenes Lernmanagementsystem grundsätzlich öffentlich ist oder nicht. Eine eindeutige Rechtsvorlage gibt es hierzu nicht, wenn überhaupt Präzedenzfälle.

Das Beispiel zeigt wie schwierig es für Lehrer ist, richtig zu entscheiden. Der Rat des Justiziars ist vermutlich der beste. Wer sicher gehen möchte, fertigt keine digitalen Kopien an und stellt diese, falls er sie doch anfertigt, auf gar keinen Fall in einem Lernmanagementsystem zur Verfügung. Nur so bleibt man auf der sicheren Seite.

Rechtsverstöße, ob bewusst oder unbewusst, gehören leider zum Alltag von Lehrpersonen. Mehrheitlich werden diese Rechtsverstöße vermutlich eher unbewusst begangen. Schon immer haben Lehrer seit es die technische Möglichkeit gibt, die oft kargen Medienbestände ihrer Schulen durch eigenes Material ergänzt. Fernsehsendungen wurden aufgezeichnet, ebenso wie Materialien aus dem Hörfunk. Diese wurden in der Schule im Unterricht zu Lehrzwecken oder zur Unterhaltung eingesetzt wie die privat erworbene CD oder DVD mit Musiktiteln oder Dokumentar- oder Spielfilmen. Die meisten dieser Materialien sind ausdrücklich nicht für öffentliche Veranstaltungen zugelassen. Bei DVDs ist dieses sogar im Vorspann zu lesen. Was jedoch ist Öffentlichkeit? Ist die Vorführung in der Klasse der Vorführung im Freundeskreis im heimischen Wohnzimmer vergleichbar? Oder trägt die Vorführung im schulischen Unterricht doch eher den Charakter einer öffentlichen Vorführung wie etwa im Kino? Die Rechtsauffassung haben sich hier im Laufe der Jahre leicht verändert. Schulfernsehsendungen werden von den öffentlich-rechtlichen Sendern speziell für den Unterricht erstellt. Stundenplan und Sendezeit passen jedoch in den wenigsten Fällen überein. Folglich müssen Schulsendungen aufgezeichnet werden. Kaum ein Lehrer wird jedoch wissen, dass diese Aufzeichnung spätestens ein Jahr nach der letzten Ausstrahlung zu löschen ist und ihre weitere Verwendung damit hochgradig illegal. Als Lehrer wäre man jedoch dumm, wenn man dieses Unterrichtsmaterial, welches sich im Unterricht als gut erwiesen hat, wieder löschen würde. Aus Erfahrung weiß man, dass man ähnliche Unterrichte wieder halten wird und dann genau dieses Unterrichtsmaterial wieder benötigt. Die Sender, WDR und SWR, versuchen hier Lehrer zu unterstützen und nehmen erfolgreiche Sendungen im Wechsel von Jahr zu Jahr ins Programm. Doch ewig ist das nicht möglich. Was tun, wenn das aufgezeichnete Material aus dem Schulfernsehen nach 3 Jahren noch nicht an Aktualität verloren hat, jedoch nicht mehr im Programm der Sender zu finden ist? Privatpersonen werden ihre Aufzeichnungen nicht löschen. In schulischen Mediensammlungen, zusammengetragen von häufig mehreren Lehrpersonen, ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Wer will den Job auf sich nehmen, jedes Jahr zu überprüfen, welcher Film nicht länger verwendet werden darf und gelöscht werden muss?

Diese rechtlichen Einschränkungen verdanken wir übrigens nicht den öffentlich rechtlichen Sendern, sondern deren privater Konkurrenz, von welchen sich die Landesregierungen entsprechend unter Druck haben setzen lassen.

Kopiert werden in Schulen auch Medien zu Lehrwerken, denn welche Schule kann es sich leisten CDs (früher Kassetten) in ausreichender Anzahl für alle Fachlehrer anzuschaffen? Hier ist der Fall übrigens mehr als eindeutig und auch für den Unbedarftesten klar. Es ist verboten. Verlage haben keine Kontrollmöglichkeiten, können aber eins und eins zusammenzählen, wenn eine Schule nur einen Satz CDs direkt über den Verlag bestellt (über die Urheberrechtsabgabe auf CD Rohlinge und Brenner erhalten sie zumindest eine kleine Kompensation). Wie aber stellt sich der urheberrechtliche Fall dar, wenn ein Lehrer die Französisch CD rippt, um sie auf einem mp3 Player mit in die Klasse zu nehmen oder womöglich in ein Lernmanagementsystem zu stellen, so dass Schüler das Audiomaterial individuell anhören können? Beides ist rechtlich unsicher.

Seit es den Kopierer gibt, lässt sich auch gedrucktes Material der Verlage einfach vervielfältigen. Die Budgets der Schulen sind begrenzt, man hat sich auf ein Lehrwerk in der Fachschaft geeinigt und ein Teil des Ergänzungsmaterials in geringer Anzahl zusätzlich erworben. Doch nicht immer kann das Lehrwerk inklusive Zusatzmaterial das abdecken, was Lehrern pädagogisch sinnvoll erscheint. Manches lässt sich durch Material mit ausdrücklicher Kopiererlaubnis abdecken, anderes jedoch nicht. Also wird aus diesem Lehrbuch oder jenem Arbeitsheft im Klassensatz kopiert.

Lehr- und Lernmittelverlage, die einen Teil ihrer Mitarbeiter aus der Lehrerschaft rekrutieren, wissen natürlich um diesen Sachverhalt und haben sich zu Zugeständnissen bereit erklärt. Bis zu 12% eines jeden Werkes, jedoch maximal 20 Seiten dürfen für eine Klasse kopiert werden. (siehe Was darf wie aus Schulbüchern kopiert werden?) Mit diesem Zugeständnis einher ging jedoch die Vereinbarung jegliche Form digitaler Kopien und Speicherung zu untersagen. Das ist, wenn man die zunehmende Digitalisierung der Schulwelt betrachtet, ein hoher Preis auf den man sich von Seiten der Länder für dieses Zugeständnis eingelassen hat.

Dieser Vereinbarung folgend, ist es leider nur zu logisch, dass man von Seiten der Verlage auch an der Einhaltung dieser Vereinbarung interessiert ist und das möchte man natürlich kontrollieren. Dazu hat man sich als Instrument eine Softwarelösung ausgedacht, welche Festplatten auf digitale Kopien von Verlagsveröffentlichungen durchsuchen kann. Mit dieser Software (in der Blogosphäre irreführend als #schultrojaner bezeichnet) will man die Länder zur Selbstkontrolle in die Pflicht nehmen.

Besagter Vertrag existiert schon eine Weile und es wundert, dass erst jetzt jemand aufmerksam geworden ist auf diesen Passus. Sofern es sich um eine echte Selbstkontrolle handelt, welche mit der Software durchgeführt wird, sehe ich keine rechtlichen Bedenken in Bezug auf den Datenschutz von Schülern oder Lehrern, zumal die Prüfung wohl nur auf Servern durchgeführt werden soll. Das setzt auch voraus, dass diese Software nur lokal läuft, also nicht ins Netz funkt, und die erhobenen Daten transparent sind. Werden beim Einsatz der Software jedoch die Bildungsverlage unmittelbar involviert, ist eine datenschutzrechtliche Unbedenklichkeit – wie im Vertrag vorausgesetzt – nicht mehr gewährleistet. In diesem Fall stimme ich Martin Kurz zu, dass das ganze Vorhaben nicht umgesetzt werden wird (siehe Freie Inhalte im Bildungswesen statt Kampf mit einem Schultrojaner).

Fazit: Leider leben wir in einem Land, in welchem Schulen und Lehrer anders als z.B. in den USA  mit relativ vielen Einschränkungen in Bezug auf die Nutzung nicht käuflich erworbener und mit entsprechenden Rechten versehener Materialien leben müssen, was deren Nutzung in schulischen Kontexten angeht. Die Vertreter der Interessen der Urheberrechteinhaber (meist die Verlage und nicht die Autoren selbst) haben sich eine sehr starke Position erarbeitet und nutzen diese soweit es geht aus. Im Bewusstsein der anstehenden Veränderungen durch digitale Medien ist man zu kleinen Zugeständnissen im analogen Bereich bereit, nicht jedoch im digitalen Bereich, den man noch nicht einmal wirklich besetzt hat.

Solange Schulen und Lehrer sogar die Lehrpläne, auf deren Grundlagen ihr Unterricht stattfinden soll, aus eigener Tasche bezahlen müssen, ist wohl nicht mit einer besseren finanziellen Ausstattung für Lehr- und Lernmittel von Seiten der Länder zu rechnen. Ohne Kopieren geht es also leider nicht.

Schulen und Lehrer müssen, um nicht Gefahr zu laufen, in Zivilklagen zu hohen Geldstrafen verurteilt zu werden, mit gesundem Menschenverstand an das Thema herangehen, den engen rechtlichen Rahmen ausschöpfen und sie sollten tunlichst unterlassen, was ihnen rechtlich bedenklich erscheint. Laufen sie in eine rechtliche Falle, kann das Land als Dienstherr nur in sehr seltenen Fällen mit Rechtsbeistand zur Seite stehen.

Zum Glück ist die Zahl der Fälle, in welchen Urheberrechtsverletzungen durch Schulen und Lehrer von Seiten der Verlage zur Anzeige gebracht wurden, bisher noch relativ gering, auch weil eine gezielte Kontrolle die Möglichkeiten und Ressourcen der Verlage überschreitet. Mit der Einführung von Kontrollmechanismen etwa in Form einer Suchsoftware auf Schulservern könnte sich dieses jedoch radikal ändern.

Es gibt nur wenige mögliche Auswege aus der für Schulen und Lehrer sehr unbefriedigenden urheberrechtlichen Situation.

  • Das Bildungswesen wird finanziell so gut ausgestattet, dass Materialwünsche durch käuflichen Erwerb ausreichend befriedigt werden können – womit auf absehbare Zeit nicht zu rechnen ist, falls überhaupt jemals – oder
  • das Bildungswesen wird aus den bestehenden urheberrechtlichen Zwängen deutlich stärker befreit als bisher – damit ist jedoch auf absehbare Zeit nicht auch zu rechnen – oder
  • das Bildungswesen macht sich von den Verlagen unabhängig und erschafft sich als Community freie Materialien, was an verschiedenen Stellen bereits vorgeschlagen wurde (siehe noch einmal Martin Kurz) und in kleinen Ansätzen auch schon umgesetzt wird.

Systemfehler Schule

Posted in Schulpolitik by damianduchamps on September 16, 2011

Dieser Tage las ich erneut über die vielen Schulabgänger ohne einen Abschluss. Und dann war da auch mal wieder ein Artikel über Hauptschüler, die mit ihrem Hauptschulabschluss keine Lehrstelle finden.

Es ist nicht neu, denn es geht so schon seit vielen Jahren. Das Problem ist bekannt. Unsere Schulen sind nicht in der Lage, alle Schüler so weit zu bringen, dass sie einen Abschluss erlangen bzw. reif für eine Ausbildung sind. Eine Vielzahl von Fehlern im System Schule führt so zu, dass junge Menschen ihrer Chancen zur Teilhabe an der Gesellschaft beraubt werden. Sie können nicht mit ihrem vollen Potenzial in den Arbeitsprozess integriert werden, können so nicht ihren vollen Beitrag zur Gesellschaft beisteuern und schlagen hinterher oft als Negativposten in der Gesamtbilanz zu Buche.

Die Fehler im System sind schon seit Jahren bekannt, doch anstatt sie zu beseitigen, doktert man an den Symptomen herum. Die Leistungsniveaus wurden schrittweise abgesenkt und eine riesige Nachhilfeindustrie arbeitet dem System zu und gleicht seine Mängel zumindest teilweise aus. Gigantisch ist auch das System, welches nach Verlassen der Schule die chancenlosen Abgänger über Jahre beschäftigt und aus den Statistiken heraushält. Zahlreiche Bildungsträger haben, finanziert von der Agentur für Arbeit, eine Industrie aufgebaut, in welcher die Jugendlichen, an welchen das System Schule gescheitert ist, beschult, beschäftigt, ausgebildet und verwahrt werden. Zum Teil erhalten die jungen Menschen, welche in den Mühlen dieses Systems stecken, sogar noch Geld, um sie bei der Stange zu halten. Von einem Bildungsträger ist mir bekannt, dass die Jugendlichen, die dort beschult werden, monatlich 120 € erhalten. Einzige Bedingung ist, dass sie regelmäßig erscheinen. Mit der Teilnahme am Programm bleiben sie aus der Statistik der Hartz 4 Empfänger heraus, und das verkauft sich politisch gut.

Die Kosten sind enorm, doch man spricht nur selten darüber. Irgendwann enden die Maßnahmen für die jungen Leute und irgendwann sind diese jungen Leute auch keine jungen Leute mehr und landen dann in Maßnahmen für Arbeitslose.

Wer nachrechnet und nachdenkt, wird sich fragen, warum niemand auf die Idee kommt, die Unsummen, welche Jugendliche ohne Abschluss bzw. mit einem obsoleten Abschluss im Anschluss an ihre Schulzeit verschlingen, direkt in das Schulsystem zu investieren? Warum nimmt man dieses Geld nicht, um Lehrerinnen und Lehrer besser zu qualifizieren? Warum stattet man Schulen personell nicht besser aus? Warum schickt man nicht mehr Schulsozialarbeiter an die Schulen? Warum fängt man die Kinder aus bildungsferneren Bevölkerungsteilen nicht früher auf?

Das System der außerschulischen Nachhilfeinstitute, der externen Bildungsträger usw. läuft wie geschmiert. Viele Menschen verdienen dadurch ihren Lebensunterhalt (und hangeln sich bei den Bildungsträgern von Jahresvertrag zu Jahresvertrag). Vielleicht ist auch das ein Grund, warum man nichts ändern möchte?

Jeder vernünftige Mensch sieht vermutlich ein, dass es insgesamt sinnvoller wäre, gar nicht erst unzählige junge Menschen als Verlierer aus dem Schulsystem zu entlassen. Statt an den Symptomen herumzudoktern, sollte man die Ursachen angehen. Trotzdem ändert sich am System so gut wie nichts. Verstehe das, wer will. Ich verstehe es zumindest nicht.

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Die Bildungsverlierer

Posted in Hauptschule, Schulpolitik by damianduchamps on Februar 27, 2011

Nachdem ich heute das sehr interessante ZDF Interview mit Christian Füller las, musste ich mich auch des Themas annehmen. Worüber ich hier schreibe, ist nicht neu. Ich möchte allerdings einfach einmal aus meinem Erleben plastisch machen, was man sonst so allgemein beschreibt, wenn es um die Bildungsverlierer geht. Zu denen zähle ich nicht nur die Kinder, die am Ende ihrer Schulzeit ein Lesevermögen auf Grundschulniveau haben, sondern den Großteil der Kinder, die heute eine Hauptschule besuchen.

Ich unterrichte nunmehr seit 13 Jahren an einer Hauptschule im ländlichen Bereich. Über lange Jahre war hier die Welt scheinbar noch in Ordnung. Irgendwann kam im Schulzentrum eine Realschule hinzu. Das war vor meiner Zeit. Seit der Realschule sinken die Übergangsquoten von den Grundschulen zu unserer Schule kontinuierlich. Die Hauptschule mit einst nahezu 1200 Schülern hat heute noch knapp über 400 Schüler und die Realschule beinahe 500. In den letzten zehn Jahren machte sich die Abwanderung von Kindern, die traditionell Hauptschüler gewesen wären, zur Realschule im Leistungsniveau unserer Schüler immer stärker bemerkbar. Jeder neue Fünferjahrgang schien den vorherigen zu übertreffen in Bezug auf die Anzahl der Problemfälle und die allgemein schwachen Lernvoraussetzungen, welche die Kinder mitbrachten. Vor allem in den letzten Jahren nahm der Anteil der Neuzugänge mit massiven Problemen stark zu. Die Grundschulen stehen unter großem Druck der Eltern, die ihre Kinder um jeden Preis ans Gymnasium schicken möchten. Die Eltern kann man verstehen. Wer möchte nicht das Beste für sein Kind? Grundschulen zählen von ihrer Pädagogik her zum Modernsten, was unser Land momentan zu bieten hat. Sie unterrichten sehr offen und versuchen, ihren Schülern möglichst individuelle Lernwege zu eröffnen. Allerdings scheinen auch sie vielfach überfordert, wirklich alle Kinder dort abzuholen, wo sie stehen. Von Grundschullehrerinnen und -lehrern höre ich das zumindest immer wieder. Sie berichten von Fällen, die ihre Möglichkeiten einfach übersteigen. Das sind verhaltensauffällige Kinder, Kinder mit sprachlichen Problemen durch Migrationshintergrund, entwicklungsverzögerte Kinder, durch Familienprobleme traumatisierte Kinder, vernachlässigte Kinder, nicht erzogene Kinder, verhaltensgestörte Kinder, usw.. Diese Kinder fallen bereits in der Grundschule durchs Raster. Oft hat man an der Grundschule weder die Ressourcen noch die Expertise, um diesen Kindern zu helfen. Einige Kinder werden mit ihren Problemen übersehen, für einen Teil wird ein so genanntes GU-Verfahren eröffnet und wieder andere nimmt man einfach so mit. Die Kinder, für welche sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wird, können einer GU-Klasse (Klassen mit gemeinsamem Unterricht, d.h. eine Lehrkraft einer Förderschule ist mit Stunden für die Klasse abgeordnet) zugewiesen werden, falls man ausreichend GU-Kinder in den entsprechenden Jahrgängen hat, und eine solche Klasse an der eigenen Schule aufmachen kann. Sonst werden Kinder mit festgestelltem Förderbedarf an eine Förderschule abgegeben (bzw. abgeschoben).

An meine Hauptschule kamen bisher alle Kinder, welche eine Empfehlung für die Hauptschule hatten oder eine eingeschränkte Empfehlung für die Realschule und von dieser abgewiesen wurden. Außerdem landeten bei uns auch alle so genannten GU-Kinder, also Schüler mit ausgewiesenem Förderbedarf, sofern die Mindestzahl von sechs Kindern erreicht wurde. Die ist notwendig, um überhaupt eine GU-Klasse eröffnen zu können. Auch zu Beginn dieses Schuljahres haben wir wieder eine solche Klasse aufgemacht. Es kamen mehrere Kinder mit Förderbedarf von den Grundschulen und für einen Schüler mit Migrationshintergrund aus der Fünf des Vorjahres war Förderbedarf festgestellt worden und er wurde dieser Klasse zugewiesen. In den ersten Wochen versuchen wir zu diagnostizieren, wo die Kinder stehen. In Mathematik erreichten von allen Kindern der drei Klassen nicht einmal 10 % den in dieser Altersgruppe zu erreichen Normalwert im Rechenvermögen. So extrem hatten wir das bisher noch nicht erlebt. Auch im Bereich Deutsch konnten wir bei vielen Kindern enorme Defizite feststellen.

Wir kämpfen jetzt mit Schwierigkeiten an vielen verschiedenen Fronten. Alleine in meiner Klasse mit 22 Kindern haben wir mindestens fünf Kinder mit riesigen Problemen. Zum Halbjahresende hatten wir mehrere Kinder mit über 100 Fehlstunden. Da ist ein Junge, der irgend eine Verhaltensstörung hat. Schon in der Grundschule gab es Probleme, welche die Mutter, getrennt lebend, jedoch der Schule zuschrieb und ihr Kind an einer anderen Grundschule anmeldete. Die Probleme blieben jedoch. Wir wussten davon zunächst nichts. Der Junge fällt bei seinen Mitschülern negativ auf, da immer wieder engen Körperkontakt sucht. Er fasst sie an, umarmt sie, greift sie in die Haare und ähnlich. In den Anfangswochen erlebten wir außerdem mehrfach, dass der Junge bei bestimmten Problemen mit Mitschülern völlig blockierte und sich starr wie eine Salzsäule an die Wand stellte und nicht mehr ansprechbar war für eine halbe Stunde und länger. In einem Fall kauerte er ohne jegliche Bewegung eine Unterrichtsstunde lang draußen auf dem Flur vor dem Klassenzimmer. Eine Schülerin kommt aus sozial sehr schwierigen Verhältnissen. Die Mutter und ihr Lebensgefährte sind Hartz IV Empfänger und die etwas ältere Schwester ist ein der GU-Fünf gelandet. Häufig kommt das Kind verdreckt in den Unterricht, Essensflecke auf der Kleidung. Das Mädchen fehlt häufig und hatte mehr als einmal Läuse. Regelmäßig fehlen Sachen in ihrer Schultasche. Wir versuchen, mit den Eltern zusammen zu arbeiten und bestimmte Maßnahmen für das Mädchen zu ergreifen. So haben wir zum Beispiel eine Hausaufgabenbetreuung an unserer Schule, in der siebten und achten Stunde. Das Mädchen möchte dort nicht hingehen, auch wenn es große Schwierigkeiten mit der Erledigung der Hausaufgaben hat. An unserer Schule kann man ein warmes Mittagessen haben. Das können die Eltern nicht bezahlen. Und Butterbrote für den Mittag, das will das Mädchen nicht und es wickelt seine Mutter um den Finger, so dass diese der Tochter Recht gibt. Das Jugendamt ist bereits eingeschaltet. Dann haben wir einen Jungen, der in seiner Entwicklung stark zurückgeblieben scheint. Er fehlt häufiger. Wir sind bei diesem Kind noch nicht sicher, was das Problem ist und hoffen nun, dass die Mutter bereit ist, mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten. Ein weiterer Junge ist in seinem Verhalten ebenfalls mehr als auffällig. Er ist sehr unruhig, kann sich kaum konzentrieren und hat entsprechende Schwierigkeiten im Unterricht. Was genau das Problem ist, wissen wir allerdings auch hier noch nicht. Ich könnte an dieser Stelle noch weiter aufzählen, was mit verschiedenen Kindern in der Klasse nicht stimmt. Auch aus dem Vorjahr hätte ich noch Beispiele zu bieten. Rein auf den Unterricht betrachtet, ist vielen gemein, dass sie zu wenig Anstrengungsbereitschaft haben, kaum Frustrationstoleranz, geringes Durchhaltevermögen, mangelnde Selbstorganisation, wenig Selbstdisziplin und zum Teil wenig Motivation irgendetwas zu ändern. Die Ursachen sind, wie angedeutet, höchst unterschiedlich. In der Regel hatten die Kinder ihre Probleme schon in der Grundschule und oft äußerten sie sich dort noch massiver als bei uns. Bei uns sammeln sich jetzt die Problemkinder aus den verschiedenen Grundschulen.

Die Probleme sind, wie oben angedeutet, äußerst vielfältig. Verhaltensauffälligkeiten scheinen uns sehr häufig im Elternhaus begründet. Auch auf dem Land haben wir mittlerweile viele zerbrochene Familien. Und häufig sind es genau die Kinder aus diesen Familien, welche Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, die dann zu schulischen Problemen führen. Kinder mit Migrationshintergrund haben häufig Probleme, da sie die deutsche Sprache nicht sicher beherrschen. Wir haben Kinder, die von der Grundschule ohne einen Zahlenbegriff kommen. Genauso kommen Kinder, die nach vier oder teilweise fünf Jahren Grundschule nicht richtig schreiben und lesen können. Es braucht spezielles Wissen, um zum Beispiel herauszufinden, warum manche Kinder bestimmte Rechenprobleme haben. Unsere Mathematiklehrer haben dieses Wissen aus ihrer Ausbildung in der Regel nicht. Sie wissen nicht, dass diese Kinder in der Grundschule völlig falsche und abstruse Rechenstrategien entwickelt haben, die bei diesen Kindern zu falschen Rechenergebnissen oder extrem langen Rechenwegen und großer Frustration führen. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, welche gewaltige Rechenleistung diese Kinder auf einzelne Aufgaben verwenden, so dass sie zum einen entweder grundsätzlich zu falschen Ergebnissen kommen oder aber so viele Rechenschritte machen, dass sich die Fehlerwahrscheinlichkeit enorm erhöht und sie außerdem in der vorgegebenen Zeit nur sehr wenige Aufgaben rechnen können (in Arbeiten schaffen sie niemals alle Aufgaben!). Es braucht viel Zeit und ein intensives, individuelles Eingehen auf diese Kinder, um diese Strategien zu ermitteln. Erst dann kann Ihnen geholfen werden, eine einfachere und sichere Strategie zu entwickeln.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich an einer Hauptschule auf dem Land bin, dann wage ich nicht mir auszumalen, wie es mittlerweile an den verbliebenen Hauptschulen in den Ballungsgebieten aussieht. Be a hero, be a teacher. Die wahren Helden unter den Lehrern sitzen dort.

In der gegenwärtigen Situation haben Hauptschulen natürlich versucht, sich auf diese Probleme einzustellen. Hauptschulen mit Schulsozialpädagogen oder Schulsozialarbeitern können sich glücklich schätzen, da diese ihnen enorme Unterstützung bieten mit ihrem Fachwissen und ihrer Vernetzung. Auch Hauptschulen mit GU-Klassen können froh sein über diese, da sie so mit den Förderschulpädagogen Experten im Haus haben, die sie zumindest um Rat fragen können. Das größte Problem der Hauptschulen sehe ich vor allem darin, dass ihre Lehrerschaft nicht ausgebildet wurde, um mit den Problemen, mit welchen sie in ihrem Alltag konfrontiert werden, professionell umzugehen. Auch mit dem Thema individuelle Förderung tut Hauptschule sich wie nahezu alle anderen Schulformen extrem schwer. Eine wirklich effektive individuelle Förderung aller Schüler wird sich an kaum einer Hauptschule finden. Hauptschulen erben die Probleme ihrer Schüler von den Grundschulen, da diese genauso überfordert sind.

Von schulischer Seite her ist das Problem der Bildungsverlierer nur durch mehr und entsprechend qualifiziertes Personal zu lösen, egal wie das Schulsystem aussieht. Individuelle Probleme der Schüler müssen, so wie man es uns in Finnland vormacht, früh erkannt werden, um entsprechend reagieren zu können.

Die Probleme, welche Kinder in der Schule haben oder von außen mit in sie hineinbringen, sind wie Krankheiten. Bleiben sie unbehandelt, werden aus einer Krankheit mehrere, werden sie chronisch und mutieren sie am Ende zum Krebsgeschwür, welches den Schüler komplett zerstört. Wer sprachliche Defizite hat oder durch Schwierigkeiten im Mathematik- oder Fremdsprachenunterricht leistungsmäßig mehr und mehr zurückfällt, sich im Unterricht immer mehr langweilt, keine Selbstwirksamkeit mehr erfährt, tendiert auch eher dazu auch im Verhalten auffällig zu werden. Nicht anders verhält es sich, wenn ein Kind familiäre oder persönliche Probleme mit sich herumtragen muss.

Für mich ist klar, dass vor allem ganz unten und auf breiter Front massiv eingegriffen werden muss, um die 15% Bildungsverlierer gar nicht erst entstehen zu lassen. Neben der pädagogischen Komponente gibt es noch die gesellschaftliche Seite. Die Eltern potentieller Bildungsverlierer sind, so erleben wir es an meiner Hauptschule, nicht immer an Hilfe interessiert oder verweigern sich dieser sogar. Oft brauchen sie selbst Hilfe, um ihren Kindern helfen zu können. Auch hierfür müssen Möglichkeiten gefunden werden. Es kann nicht sein, dass Kinder durch das System fallen, weil ihre Eltern nicht helfen können oder alles blockieren.

Interessant ist die jüngste Entwicklung in NRW. Mit Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung und demographischem Schülerschwund saugt jetzt die Realschule den letzten Rest Schüler, welcher der Hauptschule als relativ unproblematisch verblieben war, aus dieser heraus. Das tut die Realschule ihrem Selbsterhaltungswillen folgend. Abschulen darf die Realschule ab sofort niemanden mehr. Gleiches gilt für die Gymnasien, welche sich auch jetzt wieder kräftig bei den Realschulen bedienen, um sich zu erhalten, was dann dazu führt, dass die Realschulen kaum noch jemanden abweisen können. Für die Realschulen wird es in Kürze ein böses Erwachen geben. Bisher waren sie mit den Problemfällen, wie die Hauptschule sie seit Jahren kennt, kaum konfrontiert. Und wenn es Problemfälle gab, landeten die bei der Hauptschule – Problem gelöst. Das geht jetzt nicht mehr. Realschulen mit ihren Riesenklassen werden mit Problemschülern noch weitaus mehr überfordert sein als wir als Hauptschule. Was man sich damit antut, ahnt noch kaum einer. Man saugt sich, bildlich gesehen, gerade eine Menge Sand ins Getriebe.

Die Hauptschule wird verschwinden. Das ist klar und nicht mehr zu ändern, egal wie man dazu steht. Die Kinder, welche an Hauptschulen landen, weil man sie an anderen Schulen nicht haben will, werden in NRW in Zukunft an einer Verbundschule landen oder Gemeinschaftsschule und je nach Region vielleicht an einer Gesamtschule. Das Problem ist damit jedoch noch immer nicht gelöst, wie mit diesen Kindern umgegangen wird, dass aus ihnen keine Bildungsverlierer werden.

Zum Teufel mit dem Bildungsförderalismus

Posted in Schulpolitik by damianduchamps on Februar 5, 2011

In Deutschland haben wir gravierende Probleme mit dem Bildungssytem, was nun wirklich seit der ersten PISA Studie jedem klar ist. Die Probleme des Schulsystems sind vielfältig und darum so schwierig zu packen. Prinzipiell lassen sich diese Probleme für mich auf drei Kernbereiche reduzieren. Die Reihenfolge entspricht der Größe und Bedeutung des jeweiligen Problems.

  1. Unterricht: ist noch nicht in der Gegenwart angekommen
  2. Ungerechtigkeit: gesellschaftlicher Hintergrund bestimmt Schullaufbahn
  3. Bildungsförderalismus: fehlende Kompatibilität der Systeme, Insellösungen

Wenn Punkt eins in Ordnung wäre, wir also an allen Schulen im Land, egal welcher Schulform auch immer, einen schülerorientierten Unterricht hätten, welcher dem einzelnen Schüler seine individuelle Entwicklung ermöglicht, so fielen Punkt zwei und drei deutlich weniger ins Gewicht. Da Unterricht an deutschen Schulen überwiegend nicht schülerorientiert ist, verschärft sich somit die Ungerechtigkeit des Systems und entfaltet die Verschiedenheit der Systeme von Bundesland zu Bundesland erst seine verheerende Wirkung in vollem Maße.

Eine Verringerung der Ungerechtigkeit des Schulsystems durch veränderte Strukturen kann für Teile der Schülerpopulation eine Verbesserung bringen, wird aber ohne eine entsprechende Veränderung von Unterricht letztlich nicht wirklich durchschlagend wirken.

Bleibt noch der Bildungsförderalismus, der zwar ein großes Problem darstellt, dessen Aufhebung aber keine automatische Verbesserung von Punkt eins und zwei garantiert.

Befürworter der Bildungshoheit der Bundesländer argumentieren gerne, dass so verschiedene Systeme ausprobiert werden könnten, um das bessere System zu finden. Grundsätzlich stimme ich dieser Aussage zu. Leider wird jedoch seit Jahrzehnten ausprobiert, mit dem Ergebnis, dass sich nichts verbessert hat. Im Gegenteil haben wir nun eine zerklüftete Bildungslandschaft mit zig verschiedenen Schulformen, Lehrerausbildungen und von einander abweichenden Lehrergehältern. In einem Bericht sprach man von über 50 verschiedenen Schulformen (von denen sich eine kleinere Zahl sich nur der Bezeichnung nach unterscheiden). Die mit der Bildungshoheit einhergehenden Probleme wurden nicht umsonst in den letzten Monaten von allen größeren Medien aufgegriffen.

Sehr schön beschrieb neulich der Gymnasiallehrer Christian Bode in der Süddeutschen in einer Antwort auf einen Brief einer ehemaligen Schülerin (sehr lesenswert, beide) das Problem mit dem Bildungsförderalismus und seinen Folgen:

Das deutsche Schul- und Bildungssystem ist wie der so oft als Bild bemühte Öltanker – schwerfällig und mit langem Bremsweg, wenn es mal in die falsche Richtung geht.
Das ist so und ich habe aufgehört, mir hier Illusionen zu machen. Die ländereigene Bildungs- und Schulpolitik ist nun mal das letzte politische Versuchsfeld, auf dem jeder und jede mal so richtig die Sau rauslassen kann, ohne dafür gleich die Quittung bei der nächsten Wahl zu bekommen. Das schafft Schmerzfreiheit und man findet auch immer eine Studie, die einem Recht gibt. Dazu bedarf es oft nur weniger preiswerter Zutaten, um hier sein eigenes ideologisches Süppchen zu kochen. Man nehme: Elternwille und Chancengleichheit, PISA und skandinavische Gesamtschulen, Zentralabitur und G8, Lernen ohne Noten, Binnendifferenzierung und Inklusion, Einheitsschule und Oberschule, Fördern und Fordern, Soziologengeschwafel und Finanzierungsvorbehalt, das Ganze einmal kurz aufkochen lassen, fertig ist die Schulpolitik. Freilich nur bis zur nächsten Schulreform. Das Schöne an Schule ist eben auch: Jeder kennt sich damit aus, denn jeder war mal da.

Das trifft die Sache wirklich gut (hätte ich natürlich nicht so treffend ausdrücken können als dummer Hauptschullehrer, da bin ich ehrlich – doch das nur nebenbei). Ich denke allerdings, dass hier unter anderem einer der Schlüssel liegt, um tiefgreifende Veränderungen in Unterricht und Schulsystem bundesweit einheitlich überhaupt durchzusetzen zu können.

Was würde es uns nutzen, wenn Bundesland A morgen nach Beendigung aller parteipolitischer Sandkastenzänkereien in einer von allen Parteien getragenen Mutter aller Reformen ein Bildungssystem aus dem Boden stampfte, welches dieses Bundesland in kurzer Zeit auf ein PISA Niveau vergleichbar den Spitzenländern heben würde? Profitieren würden davon die Bürger im Bundesland A. Unter den anderen Bundesländern würden sich einige vielleicht dazu durchringen, leicht adaptierte, meist verwässerte Versionen zu übernehmen. Die anderen würden das Modell von Bundesland A ideologisch zerfetzen und  eigene Gegenentwürfe suchen oder sogar beim Status Quo verharren.

Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, den Bildungsförderalismus endlich abzuschaffen. Weg damit, so schnell wie möglich. Seit Bestehen der Bundesrepublik hat uns der Bildungsförderalismus keinerlei Gewinn gebracht. Vielmehr hat er die Probleme des Bildungssystems noch vermehrt. Die wenigen Standards, auf welche die Bundesländer sich in der Vergangenheit einigen konnten, reichen nicht, und es ist keine Aussicht auf eine Verbesserung der Lage zu erwarten. Mit der zunehmenden Zersplitterung der Bildungslandschaft wird die Migration von Familien innerhalb der Bundesrepublik immer weiter erschwert. Früher waren es die NRW Abiturienten, die in Bayern nicht zum Studium zugelassen wurden, heute trifft es auch die Schüler, die mit einem Umzug in ein anderes Bundesland ihre bisherige Schulform nicht besuchen können oder eine Ehrenrunde drehen müssen wegen unterschiedlicher Systeme. Das darf nicht sein, nicht in einem Nationalstaat des 21. Jahrhunderts. Migration heute eine Grundvoraussetzung für Arbeitnehmer, die in Arbeit bleiben wollen.

Eine Fragmentierung des Bildungssystems kann kein Zustand auf Dauer bleiben. Solange die Bundesländer die Bildungshoheit besitzen, wird sich dieser Zustand nicht verbessern, sondern tendenziell eher verschlechtern, wie die vergangenen Jahrzehnte mehr als deutlich belegen.

Natürlich garantiert ein Bildungssystem unter Bundeshoheit noch lange keine idealen Verhältnisse. Es geht uns dann allen gleich gut oder schlecht. Allerdings denke ich, dass ein solches System nicht den wahlperiodenzyklischen Veränderungen unterworfen wäre wie auf Länderebene. Dort bedeutet in der Regel jeder Regierungswechsel, der mit einem deutlichen Wechsel der parteilichen Machtverhältnisse einhergeht, auch eine veränderte Bildungspolitik; siehe NRW.

Schulentwicklung braucht Stabilität und Verlässlichkeit. Die scheint mir auf Bundesebene leichter zu erreichen, schon alleine der Dimensionen und der damit verbundenen Kosten wegen. Die Abschaffung des Bildungsförderalismus sollte auf längere Sicht zu einer Beruhigung in der Bildungslandschaft führen und wäre ein Anfang für eine notwendige Vereinheitlichung der Strukturen.

Eine Bildungspolitik unter Bundeshoheit wäre außerdem ein Grund mehr, Schulen größere Autonomie zu gewähren, überall im Land. Schon in den Bundesländern zeigt sich, welch aufgeblähte und teure Verwaltungsstrukturen sich im bestehenden System mit unselbständigen Schulen über die Jahrzehnte entwickeln konnten.(*1) Das eingesparte Geld könnte direkt in die Schulen fließen.

Die Frage ist nun, wie kommt man zu einer Abkehr vom Bildungsförderalismus? Wie werden wir ihn los? Die  Politiker der Länder werden sich mit allen Mitteln wehren, sich ihr Mittel zur Selbstverwirklichung nehmen zu lassen. Braucht es ein Volksbegehren, einen Volksentscheid, eine Petition im Bundestag, einen Aufstand der Schüler, Eltern und Lehrer und aller derer, welche unter dem kaputten System leiden? Brauchen wir eine Partei, die sich die Abschaffung auf die Fahnen schreibt?

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*1 Ein schönes Beispiel dafür sind die Bezirksregierungen des Landes NRW. Als die um eine reduziert werden sollten, zogen die alle möglichen Verwaltungsarbeiten aus den Schulämtern an sich, um ihre Daseinslegitimation zu erhöhen.