Damian Duchamps' Blog

Zum Teufel mit dem Bildungsförderalismus

Posted in Schulpolitik by damianduchamps on Februar 5, 2011

In Deutschland haben wir gravierende Probleme mit dem Bildungssytem, was nun wirklich seit der ersten PISA Studie jedem klar ist. Die Probleme des Schulsystems sind vielfältig und darum so schwierig zu packen. Prinzipiell lassen sich diese Probleme für mich auf drei Kernbereiche reduzieren. Die Reihenfolge entspricht der Größe und Bedeutung des jeweiligen Problems.

  1. Unterricht: ist noch nicht in der Gegenwart angekommen
  2. Ungerechtigkeit: gesellschaftlicher Hintergrund bestimmt Schullaufbahn
  3. Bildungsförderalismus: fehlende Kompatibilität der Systeme, Insellösungen

Wenn Punkt eins in Ordnung wäre, wir also an allen Schulen im Land, egal welcher Schulform auch immer, einen schülerorientierten Unterricht hätten, welcher dem einzelnen Schüler seine individuelle Entwicklung ermöglicht, so fielen Punkt zwei und drei deutlich weniger ins Gewicht. Da Unterricht an deutschen Schulen überwiegend nicht schülerorientiert ist, verschärft sich somit die Ungerechtigkeit des Systems und entfaltet die Verschiedenheit der Systeme von Bundesland zu Bundesland erst seine verheerende Wirkung in vollem Maße.

Eine Verringerung der Ungerechtigkeit des Schulsystems durch veränderte Strukturen kann für Teile der Schülerpopulation eine Verbesserung bringen, wird aber ohne eine entsprechende Veränderung von Unterricht letztlich nicht wirklich durchschlagend wirken.

Bleibt noch der Bildungsförderalismus, der zwar ein großes Problem darstellt, dessen Aufhebung aber keine automatische Verbesserung von Punkt eins und zwei garantiert.

Befürworter der Bildungshoheit der Bundesländer argumentieren gerne, dass so verschiedene Systeme ausprobiert werden könnten, um das bessere System zu finden. Grundsätzlich stimme ich dieser Aussage zu. Leider wird jedoch seit Jahrzehnten ausprobiert, mit dem Ergebnis, dass sich nichts verbessert hat. Im Gegenteil haben wir nun eine zerklüftete Bildungslandschaft mit zig verschiedenen Schulformen, Lehrerausbildungen und von einander abweichenden Lehrergehältern. In einem Bericht sprach man von über 50 verschiedenen Schulformen (von denen sich eine kleinere Zahl sich nur der Bezeichnung nach unterscheiden). Die mit der Bildungshoheit einhergehenden Probleme wurden nicht umsonst in den letzten Monaten von allen größeren Medien aufgegriffen.

Sehr schön beschrieb neulich der Gymnasiallehrer Christian Bode in der Süddeutschen in einer Antwort auf einen Brief einer ehemaligen Schülerin (sehr lesenswert, beide) das Problem mit dem Bildungsförderalismus und seinen Folgen:

Das deutsche Schul- und Bildungssystem ist wie der so oft als Bild bemühte Öltanker – schwerfällig und mit langem Bremsweg, wenn es mal in die falsche Richtung geht.
Das ist so und ich habe aufgehört, mir hier Illusionen zu machen. Die ländereigene Bildungs- und Schulpolitik ist nun mal das letzte politische Versuchsfeld, auf dem jeder und jede mal so richtig die Sau rauslassen kann, ohne dafür gleich die Quittung bei der nächsten Wahl zu bekommen. Das schafft Schmerzfreiheit und man findet auch immer eine Studie, die einem Recht gibt. Dazu bedarf es oft nur weniger preiswerter Zutaten, um hier sein eigenes ideologisches Süppchen zu kochen. Man nehme: Elternwille und Chancengleichheit, PISA und skandinavische Gesamtschulen, Zentralabitur und G8, Lernen ohne Noten, Binnendifferenzierung und Inklusion, Einheitsschule und Oberschule, Fördern und Fordern, Soziologengeschwafel und Finanzierungsvorbehalt, das Ganze einmal kurz aufkochen lassen, fertig ist die Schulpolitik. Freilich nur bis zur nächsten Schulreform. Das Schöne an Schule ist eben auch: Jeder kennt sich damit aus, denn jeder war mal da.

Das trifft die Sache wirklich gut (hätte ich natürlich nicht so treffend ausdrücken können als dummer Hauptschullehrer, da bin ich ehrlich – doch das nur nebenbei). Ich denke allerdings, dass hier unter anderem einer der Schlüssel liegt, um tiefgreifende Veränderungen in Unterricht und Schulsystem bundesweit einheitlich überhaupt durchzusetzen zu können.

Was würde es uns nutzen, wenn Bundesland A morgen nach Beendigung aller parteipolitischer Sandkastenzänkereien in einer von allen Parteien getragenen Mutter aller Reformen ein Bildungssystem aus dem Boden stampfte, welches dieses Bundesland in kurzer Zeit auf ein PISA Niveau vergleichbar den Spitzenländern heben würde? Profitieren würden davon die Bürger im Bundesland A. Unter den anderen Bundesländern würden sich einige vielleicht dazu durchringen, leicht adaptierte, meist verwässerte Versionen zu übernehmen. Die anderen würden das Modell von Bundesland A ideologisch zerfetzen und  eigene Gegenentwürfe suchen oder sogar beim Status Quo verharren.

Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, den Bildungsförderalismus endlich abzuschaffen. Weg damit, so schnell wie möglich. Seit Bestehen der Bundesrepublik hat uns der Bildungsförderalismus keinerlei Gewinn gebracht. Vielmehr hat er die Probleme des Bildungssystems noch vermehrt. Die wenigen Standards, auf welche die Bundesländer sich in der Vergangenheit einigen konnten, reichen nicht, und es ist keine Aussicht auf eine Verbesserung der Lage zu erwarten. Mit der zunehmenden Zersplitterung der Bildungslandschaft wird die Migration von Familien innerhalb der Bundesrepublik immer weiter erschwert. Früher waren es die NRW Abiturienten, die in Bayern nicht zum Studium zugelassen wurden, heute trifft es auch die Schüler, die mit einem Umzug in ein anderes Bundesland ihre bisherige Schulform nicht besuchen können oder eine Ehrenrunde drehen müssen wegen unterschiedlicher Systeme. Das darf nicht sein, nicht in einem Nationalstaat des 21. Jahrhunderts. Migration heute eine Grundvoraussetzung für Arbeitnehmer, die in Arbeit bleiben wollen.

Eine Fragmentierung des Bildungssystems kann kein Zustand auf Dauer bleiben. Solange die Bundesländer die Bildungshoheit besitzen, wird sich dieser Zustand nicht verbessern, sondern tendenziell eher verschlechtern, wie die vergangenen Jahrzehnte mehr als deutlich belegen.

Natürlich garantiert ein Bildungssystem unter Bundeshoheit noch lange keine idealen Verhältnisse. Es geht uns dann allen gleich gut oder schlecht. Allerdings denke ich, dass ein solches System nicht den wahlperiodenzyklischen Veränderungen unterworfen wäre wie auf Länderebene. Dort bedeutet in der Regel jeder Regierungswechsel, der mit einem deutlichen Wechsel der parteilichen Machtverhältnisse einhergeht, auch eine veränderte Bildungspolitik; siehe NRW.

Schulentwicklung braucht Stabilität und Verlässlichkeit. Die scheint mir auf Bundesebene leichter zu erreichen, schon alleine der Dimensionen und der damit verbundenen Kosten wegen. Die Abschaffung des Bildungsförderalismus sollte auf längere Sicht zu einer Beruhigung in der Bildungslandschaft führen und wäre ein Anfang für eine notwendige Vereinheitlichung der Strukturen.

Eine Bildungspolitik unter Bundeshoheit wäre außerdem ein Grund mehr, Schulen größere Autonomie zu gewähren, überall im Land. Schon in den Bundesländern zeigt sich, welch aufgeblähte und teure Verwaltungsstrukturen sich im bestehenden System mit unselbständigen Schulen über die Jahrzehnte entwickeln konnten.(*1) Das eingesparte Geld könnte direkt in die Schulen fließen.

Die Frage ist nun, wie kommt man zu einer Abkehr vom Bildungsförderalismus? Wie werden wir ihn los? Die  Politiker der Länder werden sich mit allen Mitteln wehren, sich ihr Mittel zur Selbstverwirklichung nehmen zu lassen. Braucht es ein Volksbegehren, einen Volksentscheid, eine Petition im Bundestag, einen Aufstand der Schüler, Eltern und Lehrer und aller derer, welche unter dem kaputten System leiden? Brauchen wir eine Partei, die sich die Abschaffung auf die Fahnen schreibt?

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*1 Ein schönes Beispiel dafür sind die Bezirksregierungen des Landes NRW. Als die um eine reduziert werden sollten, zogen die alle möglichen Verwaltungsarbeiten aus den Schulämtern an sich, um ihre Daseinslegitimation zu erhöhen.

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Mangelverwaltung durch Mangelausgleich

Posted in Hauptschule, Schulpolitik by damianduchamps on Mai 26, 2010

Das Schuljahr nähert sich dem Ende und die Personalplanungen der zuständigen Dienststellen, sprich Dezernate, sind bereits seit einigen Wochen im Gange. Es gilt, die Weichen für das kommende Schuljahr zu stellen. Schulleiter werden von den für Stellenangelegenheiten verantwortlichen Dezernenten einbestellt und man schachert um die Zuteilung von Personal. Lehrer sind dabei eigentlich nichts weiter als Zählvieh. In meinem Schulamtsbezirk, der mit einem benachbarten zusammen verwaltet wird, fehlen an vielen Schulen Lehrer. Ersatz gibt es nicht. Vor allem im benachbarten, an Hessen angrenzenden Schulamtsbezirk ist die Situation schwierig, da Arbeitsplätze in wenige Kilometer entfernten Schulen vom Gehalt her lukrativer sind, bei gleicher Arbeit. Was also kann man tun?

Klar ist, dass man Schulen, die personell überbesetzt sind, Lehrer wegnimmt.  Das sind die Schulen, bei denen der Schülerschwund durch geburtenschwache Jahrgänge und sinkende Anmeldezahlen in Konkurrenz zu Realschule und Gymnasium schneller voranschreitet als der Personalrückgang durch Pensionierungen. Dann gibt es aber auch die Schulen, die genau richtig, also weder unter- noch überbesetzt sind. Und es gibt die Schulen, die leicht bis stark unterbesetzt sind. Es geht dabei nicht um fehlende Lehrer für bestimmte Unterrichtsfächer, sondern um die Zahl der Lehrer im Verhältnis zu der der Schüler.

Im Fall der Hauptschulen in den beiden Schulamtsbezirken, um die es in meinem Fall geht, sind wir jetzt bei der Verwaltung des Mangels angekommen. Da es keine überzähligen Lehrer mehr zu verteilen gibt, verteilt man nun den Mangel möglichst gleich, indem man den Schulen, die noch entsprechend ihrer Schülerzahl mit Lehrpersonal besetzt sind, Lehrer wegnimmt und sie an Schule, die deutlich zu wenige Lehrer haben, abordnet. Das geschieht meiner Schule nun zum neuen Schuljahr.

In Folge werden wir wohl wie viele andere Hauptschulen nun Unterricht kürzen müssen im neuen Schuljahr. Die Landesregierung sähe es natürlich gerne, wenn die fehlenden Unterrichtsstunden durch die mögliche unbezahlte Mehrarbeit von Lehrkräften aufgefangen würden. Drei Stunden pro Monat sind möglich, denn erst ab der vierten muss gezahlt werden. Bei einem Kollegium von 30 Lehrkräften, könnte man so theoretisch 90 Stunden in einem Monat gewinnen, was grob 0,75 Stellen entspricht. Vom Fachlehrermangel, an dessen Ausgleich niemand mehr denkt, will ich nicht erinnern. Nur eine Zahl: An Hauptschulen wird Englisch nur zu etwa 20 % von Fachkräften unterrichtet, der restliche Englischunterricht wird fachfremd erteilt. In den Naturwissenschaften, Kunst und Musik sieht es nicht besser aus, und auch dem Fach Mathematik gehen demnächst die Fachlehrer aus.

Warum, fragt mancher sich, stellt man nicht einfach neue Lehrer ein? Dafür gibt es zwei Gründe. Falls Stellen ausgeschrieben werden, finden sich oft keine geeigneten oder gar keine Bewerber. Insgesamt werden allerdings kaum noch Stellen ausgeschrieben. Die Zuteilung von Lehrern an Schulen orientiert sich an der Zahl der Schüler und wird mittels des Stellenschlüssels, einer fixen Zahl, berechnet. In den Landesstatistiken kennt man zwei Zahlen, die Entwicklung der Schülerpopulation und die der Lehrerpensionierungen. Was man in den Planungen hinnimmt, ist eine Verringerung der Zahl der Lehrer zu Ungunsten des Zahlenverhältnisses Schüler-Lehrer. Was man auf jeden Fall vermeiden will, ist eine Erhöhung der Zahl. Schrumpft zur Zeit die Zahl der Lehrer schneller als die der Schüler (durch Geburtenrückgänge), so ist man nicht bereit, dieses durch Neueinstellungen auszugleichen, da man vermeiden will, in späteren Jahren zu viele Lehrer im Verhältnis zur Zahl der Schüler im Sold zu haben, die man dann als Beamte nicht mehr los wird. Schüler, die zur Zeit die Schule besuchen, müssen den Mangel letztlich durch Unterrichtsausfall ausbaden.

Geld alleine löst keine Probleme

Posted in Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Mai 25, 2010

Deutschland muss sparen. So viel ist klar. Wenn es aber um die Frage geht, wo gespart werden kann und soll, dann scheiden sich die Geister. Für die einen ist der Bereich Bildung und Forschung definitiv ein Kandidat und für andere geht hier gar nichts und man möchte die Ausgaben sogar noch steigern in den kommenden Jahren. Was ist nun richtig? Oder muss die Frage vielleicht völlig anders gestellt werden?

Die FAZ griff das Thema am 24. Mai mit dem Artikel Sparen an der Bildung – aber richtig auf und versucht, eine Position in der Mitte zu finden (Dank für den Hinweis auf den Artikel an @janschuette). Der Autor, Winand von Petersdorff, ist der Meinung, dass man durchaus Ansätze zum Sparen finden kann, nämlich dort, wo Ausgaben nichts oder wenig bewirken. Als Extrembeispiele führt er Hochschulen an, die nicht einmal wissen, wie sie die Fülle an Geld sinnvoll ausgeben sollen. Richtig weist er darauf hin, dass zwischen der ins Bildungssystem investierten Geldmenge und  dem, was dabei herauskommt, nicht unbedingt ein proportionaler Zusammenhang bestehen muss. Die Gesamtschulen zeigen, denke ich, wie richtig er mit dieser Aussage liegt. Entsprechend erteilt er der Forderung nach kleineren Klassen zur Verbesserung des Lernerfolges eine klare Absage und stützt sich dabei auf Ergebnisse wissenschaftlicher Studien. Diesen Studien widerspreche ich auch nicht, denn Klassengröße ist nicht das entscheidende Kriterium für eine Verbesserung von Unterricht. Von daher stimme ich ihm hier auch zu. Allerdings würde ich nicht soweit gehen, nun auch gleich zu sagen, man könne Klassen ohne Nachteile vergrößern, um damit dann Personal (sprich Geld) zu sparen.

Eines stellt Winand von Petersdorff absolut richtig fest, Geld, welches für Bildung ausgegeben wird, kommt eher denen zu Gute, die es nicht brauchen als denen, die es am nötigsten hätten. Die schlechtere Stellung von Kindern aus bildungsfernen Schichten zeigt sich an vielen Stellen, von der Empfehlung der Grundschulen für eine weiterführende Schule, zur Entscheidung der Eltern dieser Kinder für eine Sekundarschule und eben auch darin, wie wenig diese Kinder von Bildungsausgaben profitieren. Eine Lösung dieses Problems sieht von Petersdorff im Timing von Bildungsinvestitionen. Um die nachteiligen Effekte der sozialen Herkunft  auf den Bildungserfolg zu reduzieren, spricht er sich für Investitionen in die frühkindliche Bildung aus. Aus der Sicht eines Hauptschullehrers kann ich dieses nur unterstützen. Viele der Kinder, mit denen ich zu tun habe, kommen mit großen Defiziten in verschiedensten Bereichen an meine Schule. Für Hauptschulen, deren Klientel sich heute überwiegend auf die Kinder bildungsferner Schichten beschränkt, ist das Alltag. Viele der Defizite, mit denen wir zu kämpfen haben, lassen sich auf Versäumnisse in der frühen Kindheit und Kindheit zurückführen. Wir als Schule können nur noch notdürftig kitten, doch beheben können wir die Defizite häufig nicht und so verfolgen sie diese Kinder ein Leben lang.

Die Übel, die unser Bildungssystem plagen, haben auch mit Geld zu tun und damit, wer von Bildungsinvestitionen profitiert und wer nicht. Für mich ist die zentrale Frage jedoch eine andere. Wie kann man die Struktur unseres Bildungssystems ändern, so dass alle davon gleichermaßen profitieren?

Ich glaube, Schule muss sich grundlegend verändern. Wer glaubt, unser bestehendes System durch Mehrausgaben zu besseren Ergebnissen zu bringen, kommt nicht vom Fleck. Was wir brauchen, ist eine neue Struktur, eine Revolution, wie Sir Ken Robinson fordert. Außerdem benötigen wir einen Unterricht, der Schülern als Individuen gerecht wird und ihnen ihre eigenen Lernwege ermöglicht. Das geht jedoch nicht ohne Lehrer, die in der Lage sind, anders zu unterrichten. Lehrer müssen fortgebildet werden, und es ist nicht mit ein paar Veranstaltungen hier und da und dort getan. Es muss eine nachhaltige Fortbildung sein, die Lehrer zu kompetenten Lehrern des 21. Jahrhunderts macht. Das kann nur über Wochen und Monate gehen, praktisch und unterrichtsbegleitend. Dafür braucht es Ressourcen. Lehrer müssen freigestellt werden für Fortbildung. Aus eigenen Mitteln können die meisten Schulen dieses derzeit kaum leisten.

An Hauptschulen wäre das vielleicht noch machbar, durch Vergrößerung der Klassen, da diese etwas kleiner sind als an anderen Schulformen. An Realschulen und Gymnasien mit Klassengrößen von 30 und mehr Schülern halte ich diesen Weg jedoch nicht für gangbar. Und in dem Moment, wo man zu der Lösung käme, größere Klassen wären machbar, würden findige Ministerialbeamte sofort den Stellenschlüssel, sprich das Schüler zu Lehrer Zahlenverhältnis, erhöhen und damit diese Möglichkeit zunichtemachen.

Die Lösung wäre, meiner Meinung nach, eine Zuteilung weiterer Lehrkräfte an die Schulen, um Lehrer über längere Zeiträume für Fortbildung freizusetzen. Das muss zumindest für eine Umbauphase von vermutlich fünf bis sieben Jahren möglich sein. Damit könnte man die Lehrer, die derzeit an Schulen arbeiten und noch auf mindestens 20 Jahre die Mehrheit in den Kollegien stellen, auf einen aktuellen Stand von schülerorientiertem Unterricht bringen. Fortbildung ist selbstverständlich für alle verpflichtend. Außerdem ist die Lehrerausbildung selbst auf den diesen Stand zu bringen, um nicht weiter Lehrernachwuchs zu produzieren, der in seinen Kompetenzen auf dem Stand von vor 20 Jahren ist. Mit einer auf diesem Weg bewirkten Veränderung von Schule könnte zudem der Lehrerberuf wieder zu einem attraktiven Beruf werden. Wir brauchen kluge Köpfe für die Schulen, die klügsten Köpfe überhaupt.

Beginnen sollte man am besten sofort. Es sind bereits zu viele Kinder in unserem System auf der Strecke geblieben. Schulen und Lehrer, die sich auf einen schülerorientierten Unterricht verstehen und diesen seit Jahren erfolgreich praktizieren, gibt es ausreichend. Von ihnen könnten wir lernen.

Ist kompetenzorientierter Unterricht ein Papiertiger?

Posted in Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Mai 19, 2010

Seit 2004 sind die Kernlehrpläne für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch als „Element schulischer Qualitätsarbeit„(1) an den Schulen NRWs eingeführt. In Schuljahren gerechnet, befinden wir uns also im sechsten Jahr der Umsetzung im schulischen Alltag. Mit den drei Kernlehrplänen kam das Konzept des kompetenzorientierten Unterrichts in die Schulen. Und um sicherzustellen, dass Schulen die neuen Kernlehrpläne auch entsprechend in der Praxis umsetzen, wurden zwei Instrumente der Standardsicherung installiert, die Qualitätsanalyse – kurz QA und die Lernstandserhebungen.

In den QAs wird den Schulen von speziell geschultem Personal der Spiegel vorgehalten. „Die Qualitätsprüferinnen und -prüfer nehmen ihre Aufgabe in der Funktion von „Unternehmensberatungen für Schulen“ wahr.“ (2) Dabei schauen sie sich auch den Bereich Kompetenzen an. Der ist aber nur ein Teilbereich von vielen. Bei den Kompetenzen im Qualitätstableau (3) geht es dann um alle möglichen Kompetenzen, vor allem aber um die Kompetenzen der Schule und der Lehrkräfte, Fachkompetenzen, personale Kompetenzen, berufliche Kompetenzen, diagnostische Kompetenzen und Förderkompetenzen, und dann tatsächlich auch um Schlüsselkompetenzen. Explizit kommt im Qualitätstableau zur QA der kompetenzorientierte Unterricht nicht einmal vor, eher implizit.

Die Lernstandserhebungen haben dann schon eher etwas mit von Schülern zu erwerbenden Kompetenzen zu tun. Hier finden sich tatsächlich Aufgabenformen, wie sie in den Kernlehrplänen angeführt werden. Hört man sich um, so scheinen die Ergebnisse der Lernstandserhebungen insgesamt eher um den Durchschnitt herum zu liegen. Dabei schneiden manche Schulen besser und andere schlechter ab. Man muss dabei allerdings zwei Dinge beachten. Einmal betreffen die Lernstandserhebungen nur die drei Kernfächer und dann prüfen sie bisher immer nur einen Teil der erwarteten Kompetenzen ab. Im Fach Englisch ist so zum Beispiel der Bereich mündlicher Kommunikation bisher komplett außen vor geblieben. Was Anspruchsniveau und Aufgabenstellungen angeht, da versucht man sich nach und nach an einen Standard heranzutasten, der wohl versucht Anspruch und Wirklichkeit unter einen Hut zu bringen. Und weil das alles so schwierig ist, haben sich – man höre und staune, die Mehrheit der Bundesländer bei der Aufgabenentwicklung zusammengeschlossen.

Von den Ergebnissen ausgehend könnte man denken, alles ist im grünen Bereich, der Unterricht im Land NRW findet heute kompetenzorientiert statt. Ob das aber tatsächlich so zutrifft, wage ich ernsthaft zu bezweifeln.

Ich unterrichte an einer kleinen Hauptschule im südlichen Westfalen in einem so genannten Flächenkreis. Ein paar Kontakte habe ich auch über die Schule hinaus in andere Schulformen. Aus dieser Perspektive beurteile ich, wie es mit dem kompetenzorientierten Unterricht bestellt ist, an meiner Schule und vermutlich, so schließe ich aus meinen Beobachtungen und Recherchen, in sehr vielen, vielleicht der Mehrheit aller Schulen im Bundesland NRW.

Die Umsetzung des von den heute wahrlich nicht mehr neuen Kernlehrplänen geforderten kompetenzorientierten Unterrichts erfolgt nicht von alleine. Ein bisher überwiegend input-orientierter Unterricht muss sich verstärkt am Output orientieren. Dafür muss man Lehrer, die nach alter Manier ausgebildet wurden, fortbilden und Lehramtsstudenten und Referendare passend ausbilden. Will man also die Lehr- und Lernprozesse in den Schulen grundlegend verändern, so stellt dies  „höchste Ansprüche an die Systeme der Lehreraus- und –fortbildung und bedarf der theoretischen Fundierung zur Grundlegung entsprechender professioneller Kompetenzen, denn die Logik des Gangs der Dinge setzt vor den Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler den darauf zielenden Kompetenzerwerb ihrer Lehrerinnen und Lehrer!“ wie es so treffend in dem Artikel Didaktik und Praxis kompetenzfördernden Unterrichts (4) heißt.

Seit 2004 müsste sich also einiges getan haben. Hat es aber nicht.

An den Schulen ist bisher nichts oder nur sehr wenig angekommen.

  • Unsere Schulen sind seit mehreren Jahren gehalten, ihre schulinternen Curricula, die hausinternen Minimalpläne in Orientierung an den Vorgaben der Kernlehrpläne zu überarbeiten. Diese Minimalpläne sind die Richtschnur, an der sich der Unterricht der einzelnen Lehrerinnen und Lehrer einer Schule ausrichten soll. Um die Minimalpläne steht es allerdings schlecht. Kaum jemand in den Schulen weiß, wie es geht. Man probiert herum und tut sich sehr schwer, was man verstehen kann. Die Damen und Herren Fortbildner des Landes, die Moderatoren in den k-teams der Städte und Kreise können kaum weiterhelfen, da sie in den letzten fünf Jahren selbst nicht entsprechend fortgebildet wurden (zumindest was den Regierungsbezirkt Arnsberg angeht; vermutlich sieht es an anderer Stelle ähnlich aus).
  • Ähnlich wie um die Minimalpläne ist es um die fachliche Kompetenz der Lehrkräfte bestellt, wenn es um das Thema kompetenzorientierten Unterricht geht. Sie verfügen selbst nicht über die Kompetenz, ihren Unterricht umzustellen, da sie die dafür benötigten Fortbildungen bisher schlicht und einfach nicht erhalten haben. Also unterrichten sie weitestgehend weiter wie sie in den vergangenen Jahrzehnten auch unterrichtet haben. Eine Änderung hat es allerdings gegeben, sie bereiten ihre Schüler auf die Lernstandserhebungen vor, indem sie zumindest in den Wochen vor den Erhebungsterminen Aufgabenformate einüben.

Und in der Lehrerausbildung ist bisher auch kaum etwas angekommen.

  • Von Studenten der Lehrämter, die ich extra daraufhin befragte, hörte ich, dass Veranstaltungen zum Thema kompetenzorientierter Unterricht oder Entwicklung kompetenzorientierter schulinterner Curricula Mangelware wären und wenn es sie tatsächlich einmal gäbe, immer auch andere alternativ zu wählende Veranstaltungen angeboten wären. Gehört haben die meisten, dass es so etwas gibt, wirklich Ahnung hatte von den Befragten jedoch niemand.
  • In den Seminaren des Vorbereitungsdienstes ist der kompetenzorientierte Unterricht erstaunlicherweise auch noch nicht so richtig angekommen. Von einem Seminar hörte ich noch diese Woche, man wolle nun mal so vorsichtig daran gehen, von lernzielorientierter Unterrichtsplanung zu kompetenzorientierter Unterrichtsplanung überzugehen.

In die Lehrerfortbildung kommt langsam Bewegung.

  • Wie bereits oben gesagt, sind die Moderatoren, welche unsere Lehrkräfte für den kompetenzorientierten Unterricht kompetent machen sollen, selbst noch keinen Schritt weiter als die, welche sie fortbilden sollen. Wie ich verschiedentlich hörte, soll es da zumindest in den Kernfächern nun langsam Bewegung geben und im Bereich der Bezreg. Arnsberg versucht man wohl die Moderatoren der Kernfächer in Massenveranstaltungen mit 50 und mehr Personen (Kosten sparen oder nicht ausreichend kompetente Leute, um die Moderatoren zu schulen?) auf den aktuellen Stand zu bringen.

Ehrlich gesagt, derzeit ist es schlecht bestellt um den kompetenzorientierten Unterricht, zumindest an meiner Schule und ich bin mir sicher auch an der Mehrheit der restlichen Schulen im Land NRW. Ich kann mir vorstellen, dass – wenn überhaupt – die Grundschulen schon dichter dran sind am Ziel, denn sie die ersten gewesen, die sich auf den Weg gemacht haben, schon vor Jahren, sogar schon vor den Kernlehrplänen.

Ist der kompetenzorientierte Unterricht ein Papiertiger? Meiner Meinung nach ist er definitiv ein solcher. Wenn die Landesregierung weder das eigene Personal auf den fachlichen Stand bringen kann und noch schlimmer, nicht einmal in der Lage ist, zumindest den Nachwuchs dorthin zu bringen, wie soll dann kompetenzorientierter Unterricht Einzug in die Klassenräume der Schulen halten?

Wenn das Land die Ergebnisse der Lernstandserhebungen und der QAs als Indikatoren für den Erfolg der Umsetzung nimmt, dann scheint man insgesamt schon am Ziel angekommen. Glaubt das die Landesregierung und verzichtet deswegen auf durchgreifendere Maßnahmen zur Unterstützung ihrer Lehrkräfte und zur Ausbildung neuer Lehrkräfte? Ich kann es nicht sagen. Eines ist für ich jedoch klar, solange sich hier nicht wirklich ernsthafte Veränderungen einstellen, ist der kompetenzorientierte Unterricht ein Papiertiger und wird es bleiben, wie so viele andere verpuffte Reformen und Reformen von Reformen.

Lehramtsstudium als Masterstudiengang = Mogelpackung?

Posted in Schulpolitik by damianduchamps on Mai 10, 2010

Ich hatte mich bereits vorher auf dieser Seite mit der Veränderung des Lehramtsstudiums auseinandergesetzt (siehe Folgen einer verfehlten Einstellungspolitik und Lehramtsstudium wird Masterstudium). In Gesprächen wurde ich auf einige weitere Dinge aufmerksam, und greife das Thema deshalb noch einmal auf.

Im Mai 2009 wurde vom Landtag NRW wie in anderen Bundesländern auch das Gesetz zur Reform der Lehrerausbildung beschlossen. In einer entsprechenden Pressemittleilung der Landesregierung zu den Eckpunkten der neuen Lehrerausbildung heißt es: „Das Lehramtsstudium wird auf Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt. Dies geschieht in Folge des 1999 europaweit begonnenen „Bologna-Prozesses“. Damit hält das Gesetz die Balance zwischen der geforderten Professionalisierung für den Lehrerberuf einerseits und der gewünschten Offenheit des Studiums in den ersten Jahren andererseits.“ (1)

Auf den ersten Blick klingt das zunächst gut. Wer Lehramt studiert, kann darauf setzen, dass sein Master überall als gleichwertig anerkannt wird und wer sich noch umentscheidet und doch nicht in den Schuldienst gehen möchte, der kann auch dieses tun. Mit dieser Offenheit ergibt sich für die Planung von Seiten der Schulministerien bezüglich des Lehrernachwuchses jedoch ein Problem. Schon 2008 hieß es dazu in einem Artikel der GEW zur Lehrereinstellung: „Verschärft werde die Situation noch dadurch, dass mit der Umstellung von Bachelor- auf Masterstudiengänge keine verlässlichen Aussagen mehr über die Zahl der künftigen Absolventen von Lehramtsstudiengängen zu machen sind.“ (2) Bisher konnte man noch relativ verlässlich abschätzen, wie viel Nachwuchs an den Universitäten ausgebildet wird, und das bereits mehrere Jahre im Voraus. In Zukunft ist dieses nicht mehr möglich.

Mit der Einführung der neuen Abschlusses soll die Bezahlung der Lehrer gerechter werden. Tatsache ist, die Bezahlung ist ungerecht. Dass am Gymnasium höhere Gehälter gezahlt werden, ist ein Privileg, hat mit Studium und Arbeitsaufwand oder -bedingungen jedoch nichts zu tun. Gymnasiallehrer werden mir da vielleicht widersprechen. Für mich bleibt es aber unverständlich, dass Schulleiter an vielen Grundschulen schlechter bezahlt werden als Lehrer an Gymnasien. Ist die Arbeit der Grundschulleiter weniger Wert? Genauso fragt sich der Sek I Lehrer, ob seine Arbeit in den unteren Jahrgängen denn einfacher und weniger belastend ist als die in der Oberstufe, oder ob seine höhere Beanspruchung in Bezug auf Erziehung nicht ebenso viel gilt wie die wissenschaftlichere oder stofflich weitergehende Bildungsarbeit der Oberstufenkollegen. Mit der Umstellung auf den Masterstudiengang soll das alles besser werden. Nur die Grundschullehrer könnten das Nachsehen haben, wenn sie ausgegliedert werden und über eine andere Qualifizierungsschiene ihr Gehaltsanspruch reduziert werden kann (siehe „Die neue Lehrerausbildung stärkt die schulformbezogene Differenzierung und Gleichwertigkeit für alle Lehrämter. Dies geschieht durch die Einführung eines eigenständigen Grundschullehramtes und die Angleichung der Ausbildungszeiten.“ (1)). Das hatte man in NRW schon einmal vor, als man die Grundschullehrerausbildung an Fachhochschulen verlegen wollte. Als Nicht-Uniabsolventen wollte man sie gehaltlich nach unten stufen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Mit dem Master wird einiges gleich, nicht jedoch alles und überall.

In Deutschland müssen Lehrer mit dem Zustand leben, dass ihre Bezahlung Ländersache ist. Zwar gelten für in allen Bundesländern die für den öffentlichen Dienst verbindlichen Gehaltsstufungen, doch liegt es in der Hoheit der Länder zu entschieden, welche Lehrer welcher Besoldungsgruppe zugeordnet werden. So kommt es zu der Ungleichbezahlung von Lehrern bei gleicher Arbeit in verschiedenen Bundesländern. Nordrhein Westfälische Städte und Gemeinden in Grenzregionen zu Nachbarbundesländern mit höherer Besoldungsstufe können ein Lied von den Folgen der Ungleichbehandlung singen. Wo nur eine Autobahnabfahrt weiter nach Hessen hinein ein Lehrer anstelle von A12 gleich mit A13 bezahlt wird, da fällt für viele die Entscheidung leicht. Man geht nach Hessen. Aus dem Raum Siegen kenne ich die Geschichten von Stellen, die unbesetzt bleiben mussten, da der Bewerber kurz vor Schuljahresbeginn noch eine Zusage aus Hessen erhielt, die Stelle kurzfristig absagte und diese daraufhin nicht mehr schnell genug neu zu besetzen war.

Mit der Umstellung der Lehrämter auf Masterabschlüsse wird es zu einer Umstrukturierung der Gehälter kommen. Ein Master ist immerhin keine Abschluss, der mit einem derzeitigen akademischen Abschluss gleichzusetzen ist, soweit ich das verstehe. Noch findet sich über die neuen Gehälter nichts. Es ist jedoch zu erwarten, dass die Gehälter für Neulehrer mit Masterabschluss unter den derzeitigen liegen werden. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen passt das. Damit eröffnet sich allerdings ein neues Problem. Wird der Lehrerberuf dadurch nicht weiter an Attraktivität verlieren? Welcher Mann wird diesen Beruf einer Anstellung in der freien Wirtschaft bevorzugen, wenn er davon eine Existenz aufbauen möchte und eine Familie ernähren muss? Schon jetzt ist die Zahl der im Lehramtsstudium befindlichen jungen Menschen deutlich zu gering um den prognostizierten Bedarf zu decken. Geringere Gehälter machen den Beruf unattraktiv und wird dazu führen, dass der Trend zum Frauenüberhang in den Grundschulen sich auch auf die anderen Schulformen ausbreitet.

Wenn sich bei uns niemand mehr findet für den Lehrerberuf, wer wird dann Schule in Zukunft machen? Werden wir Bildungsgastarbeiter aus europäischen Schwellenländern haben, die hier mehr verdienen können als zu Hause? Im Gesundheitswesen hatten wir das mit den Krankenschwestern aus Korea schon vor Jahrzehnten. Undenkbar wären sie also nicht, die Bildungsgastarbeiter.

Wer bis hier gelesen hat, der wird denken, ich bin gegen den Masterstudiengang. Ich bin da nicht grundsätzlich gegen. Es gefällt mir jedoch nicht, wie diese Sache umgesetzt wird. Was noch nicht angesprochen wurde sind der Praxisteil und der Vorbereitungsdienst. Durch das Praxissemester wird der Vorbereitungsdienst gekürzt. Das Praxissemester hat für die Schulen einen sehr üblen Beigeschmack. Zum einen kann man so natürlich Stellen sparen. Jede Schule wird verpflichtet werden, die Studenten im Praxissemester zu übernehmen. Sie werden einen Teil der Ausbildung der Nachwuchslehrer mittragen, ohne Entlastung. Dafür spart man Fachleiter. Bei denen ist die Situation derzeit ohnehin bereits desolat. Man hört von Fachleitern, die gleich zwei Seminare betreuen müssen, da man niemanden mehr findet, der dumm genug ist, ohne entsprechende Vergütung, für das Spritgeld alleine diesen Job zu machen.

Ich denke, es war durchaus sinnvoll die Ausbildung für Lehrämter zu verändern. Es müssen allerdings die Rahmenbedingungen stimmen, und die stimmen hier ganz sicher nicht. Die Leidtragenden sind wie immer die alten, die Schüler, die Lehrer und die Eltern – sprich die Gesellschaft.

Der Boden der Tatsachen

Posted in Alltag, Schulpolitik by damianduchamps on April 26, 2010

Es war ein tolles Wochenende auf dem 1. Regionaltreffen des ADZ NRW. Die Schule war inspirierend wie die Leute, die man kennenlernte. Passend schien die Sonne aus blauen Himmel, dazu der Frühling ließ flattern sein blaues Band. Und am Montag kommt man wieder in die Schule zurück. Der Himmel ist wolkenverhangen und man landet unsanft auf dem Boden der Tatsachen.

Unsere Schulen sind grau und trist, die Ausstattung ist mager, die Pädagogik die von gestern und die Motivation im Kollegium im Keller. Und es könnte doch so anders sein – man hat es ja gesehen. Ein Ding der Unmöglichkeit wäre es nicht, auch die anderen Schulen zu Schulen mit toller Lernatmosphäre zu machen, wo die Kinder mit deutlich mehr Interesse ans Lernen gehen und die Lehrer mit Freude in den Unterricht gehen, um mit ihren Schülern zu lernen.

Nichts ist unmöglich – eigentlich

Und gerade dieses Wissen, dass es nicht unmöglich wäre, es nicht wesentlich teurer wäre, die Ausstattung kindgerechter zu gestalten, dass es möglich wäre, den Lehrern ausreichend Freiraum für nachhaltige Fortbildungen zu geben und sie in Teams in Klassen zu schicken, gerade dieses Wissen macht es so unbegreiflich. Mangel an finanziellen Mitteln ist es nicht. Unser Land ist trotz gesunkener Steuereinnahmen in Folge der Rezession ein reiches Land. Die Politik, sie ist verantwortlich. Die Prioritäten werden falsch gesetzt. In Zeiten des Wahlkampfes ist Bildung in aller Munde. Politiker lieben das Thema und versprechen, alles zu verbessern. Nur wer wirklich naiv ist, schenkt ihren Worten vielleicht noch Glauben. Bildung hat keine gut bezahlte Lobby, die ihre Lobbyisten in den Bundestag schickt und die Abgeordneten zu teuren Geschäftsessen in Berlins beste Restaurants einlädt. Bildung kann keine Abgeordneten für 300.000 Euro im Jahr in „Gremien“ setzen, wo sie dreimal erscheinen, Kaffee trinken, spazieren gehen und damit ihrer Pflicht genüge getan haben. Und Bildung hat keine großen Wirtschaftslenker, welche die Politik mit Zuckerbrot und Peitsche dazu bewegen, gigantische Subventionssummen zur Stützung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit auf ihre Firmenkonten zu transferieren, zum Wohle aller versteht sich. Bildung kann auch nicht auf die Hilfe der EU hoffen, die subventioniert lieber die Hersteller von Gummibärchen, dass diese beim Handel im Ausland nicht benachteiligt werden. Keine Lobby bedeutet, kein Geld. Stattdessen herrscht Mangelverwaltung am Schulstandort Deutschland. Deutschland hat nur ein Kapital, Bildung.

Hürdenlauf

An meiner Schule setzten wir uns heute wieder dran an die Umsetzung des 60-Minuten-Taktes. Die Stundenplaner werden nun Stundentafeln erstellen und für alle Kollegen, soweit absehbar, die zur Verfügung stehenden Stunden auf 60 Minuten Stunden umrechnen, um planen zu können. Wie es dann hinterher wirklich aussehen wird, ist wie immer offen. Zwar erwartet man, dass zum Ende der Sommerferien alles steht, personal- und stundenplantechnisch, doch dank der Launen der Dezernenten und Staatssekrtäre und wie sie alle heißen, können zwei oder drei schnelle Entscheidungen in Arnsberg oder Düsseldorf sämtliche Planungen Tage vor Schuljahresbeginn wieder über den Haufen werfen. Bei uns im Kreis stehen wieder einmal Versetzungen an. Im Nachbarkreis fehlen Hauptschullehrer und im eigenen Kreis hat man leichte Überbesetzungen und ausgeglichene Besetzungen. Um 15 bis 20 Stellen soll es gehen. Auf einer Schulleiterdienstbesprechung wird das Personal dann hin- und her geschachert, Lehrer als Zählvieh. Und wenn dort entschieden ist, heißt das noch nicht, dass die Personalbewegungen ein Ende haben. Verunsicherung in allen Lehrerzimmern. Wen wird es treffen? Dass man so nicht planen kann, wen interessiert das? Mit der Standardsicherung schwingt man von oben die Peitsche und versucht die scheinselbständige Schule zu Höchstleistungen anzutreiben. )Von Schülern, die keine Motivation verspüren, in diesem System zu lernen und Eltern, die der Schule die Unterstützung verweigern, will ich hier gar nicht reden.)

Das ist der Boden der Tatsachen. Welcome back to reality!

An meiner Schule ist es momentan sehr schwierig. Die Motivation ist schlecht wie die Stimmung auch, alle sind verunsichert und die Hürden bei der Umsetzung unseres Vorhabens scheinen gigantisch. Für mich heißt das, AUGEN ZU UND AB DUCH DIE MITTE.

Wir haben viel geplant, aber noch nichts vorzuweisen. Das soll sich in den nächsten Wochen ändern, wenn wir unsere Fortbildung machen und das Material fürs Förderband zusammentragen, erstellen, bestellen und so weiter. Schritt Eins ist jetzt das Erarbeiten der Förderschwerpunkte für die Halbjahre aller Jahrgangsstufen. Das soll bis Mitte Mai geschehen sein. Ich habe mit Google Docs Formulare vorbereitet, in welche die Förderschwerpunkte dann von den Fachkonferenzen eingetragen werden können, und am Ende hat man drei schöne Tabelle, für jedes Hauptfach eine, in denen alles übersichtlich zu finden sein sollte. Das kann ich dann schnell übertragen.

War da nicht mal PISA?

Posted in Schulpolitik by damianduchamps on April 21, 2010

Dieses Statement von Frau Sommer habe ich in letzter Zeit (Wahlkampfzeit) mehrfach gehört, auch von Herrn Rüttgers:

„Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass längeres gemeinsames Lernen bis Klasse 6 oder 10 zu besseren Leistungen führt. Mangels wissenschaftlicher Beweise lehnt die Landesregierung einen Umbau der Schulen ab“, erklärte Schulministerin Barbara Sommer (CDU) gegenüber wdr.de.

Quelle: Droht in NRW ein Schulkampf?

Diese Aussage nervt mich ganz gewaltig und ich frage mich, ob PISA schon vergessen ist. Laut PISA und nachfolgenden Bildungsberichten ergab sich für Deutschland, dass unser System der sehr früh beginnenden Selektion und anschließender Differenzierung die in der Gesellschaft bestehenden sozialen Unterschiede in Bezug auf die Bildungschancen tendenziell eher verstärkt als ausgleicht. So zumindest habe ich das in Erinnerung (siehe auch Bericht über den Deutschlandbesuch des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung).

Von daher finde ich diese Aussage so unsinnig wie nur unsinnig. Für mich klingt das eher wie das, was es wohl ist, ein parteipolitisches Mantra, welches stupide daher gebetet wird, wenn immer die Sprache auf Veränderungen am bestehenden System kommt. Zwar kontert die CDU gerne damit, dass in ihrer Amtszeit in NRW die Einrichtung von so vielen Gesamtschulen wie noch nie genehmigt wurde, doch das trifft den Punkt nicht, denn auch an der Gesamtschule wird selektiert und differenziert. Es ist schade, dass die Schulentwicklung seit Jahrzehnten nicht weiter ist als ein Spielball der Politik. Auf die Vernunft hört hier keiner.

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Rüttgers und Hauptschule

Posted in Hauptschule by damianduchamps on April 9, 2010

In den WAZ Blättern stand die Woche zu lesen:

Geben Sie der Hauptschule im Falle Ihrer Wiederwahl eine Bestandsgarantie?

Rüttgers: Wir haben in den letzten fünf Jahren den Unterrichtsausfall halbiert, über 8 000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen und große Schritte getan, die individuelle Betreuung zu verbessern, – damit die Kinder mehr Chancen zum sozialen Aufstieg haben. Ich werbe darum, dass wir keine Schule als Restschule abstempeln, wie das die Opposition mit der Hauptschule macht. Hauptschüler sind keine Restschüler. Rund die Hälfte der Lehrstellen im Handwerk werden mit Hauptschulabsolventen besetzt. Ich bleibe bei meiner Linie: Wir versuchen den Unterricht für die Schüler zu verbessern, statt die Gymnasien, die Realschulen, die Hauptschulen und sogar die Gesamtschulen zu zerschlagen.

Mit Jürgen Rüttgers wird es also auch 2015 noch Hauptschulen in Nordrhein-Westfalen geben?

Rüttgers: Das ist die vernünftige und richtige Lösung für die jungen Menschen mit einer praktischen Begabung. Wir werden alles dafür tun, dass Hauptschüler mehr noch als bisher auch eine Lehrstelle bekommen und damit auch einen guten Beruf.

[…]

Rüttgers: In meiner Regierungszeit gibt es jetzt endlich auch an Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen Ganztagsangebote. Das wollen wir bis 2015 auf 43 Prozent erhöhen. Ich möchte im übrigen, dass die Eltern selbst entscheiden können, ob sie ihr Kind auf eine Ganztagsschule schicken oder auf eine Halbtagsschule. Zwang wäre da völlig falsch.

Quelle: http://www.soester-anzeiger.de/nachrichten/nordrhein-westfalen/ich-bleibe-meiner-linie-706978.html

Herr Rüttgers bekennt sich zur Hauptschule. Schön. Der Hauptschule hilft das wenig. Sie ist quasi schon tot. Eltern stimmen mit den Füßen ab, und wer kann es ihnen verdenken? Der Ruf der Hauptschule ist so schlecht, dass es kaum noch schlechter geht. Wer das Etikett Hauptschule am Zeugnis hat, der hat das Nachsehen, wenn es um Lehrstellen geht. Und dabei sind Hauptschüler mitnichten schlechter als Realschüler. Selbst bei gleichem Abschluss, werden die Hauptschüler mittlerweile fast nur noch hintenan gestellt. Politik hat die Hauptschule jahrelang kaputt gemacht. Heute erleben wir die Folgen. Die Hauptschule ist für mich wie ein Koma-Patient, dem man nun in letzter Minute mit allerlei schönen, gut verkaufbaren Maßnahmen, noch einmal etwas Leben einhauchen will. Die Hauptschule ist an sich eine gute Schule und verglichen mit Realschule und Gymnasium sicher am progressivsten. Nach der Grundschule ist die Hauptschule wohl die am fortschrittlichsten entwickelte Schule. Doch was nützt es noch?

Wer an einer Hauptschule in NRW arbeitet, schwebt momentan quasi im luftleeren Raum. Wie wird die Wahl ausgehen? Was geschieht dann? Wird die Hauptschule aufgelöst? Werden wir zusammengelegt mit den Realschulen? Fragen über Fragen. Unsicherheit lähmt die Lehrerzimmer vieler Hauptschulen.

An meiner Hauptschule versucht die Steuergruppe trotz allem, die Entwicklung der Schule voranzubringen. Förderband und 60-Minuten-Takt sollen zum neuen Schuljahr kommen. Die Steuergruppe ist optimistisch, die Schulleitung unterstützt es und das Kollegium wartet ab. Ein Teil lehnt jegliche Veränderung kategorisch ab.

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