Damian Duchamps' Blog

Systemfehler Schule

Posted in Schulpolitik by damianduchamps on September 16, 2011

Dieser Tage las ich erneut über die vielen Schulabgänger ohne einen Abschluss. Und dann war da auch mal wieder ein Artikel über Hauptschüler, die mit ihrem Hauptschulabschluss keine Lehrstelle finden.

Es ist nicht neu, denn es geht so schon seit vielen Jahren. Das Problem ist bekannt. Unsere Schulen sind nicht in der Lage, alle Schüler so weit zu bringen, dass sie einen Abschluss erlangen bzw. reif für eine Ausbildung sind. Eine Vielzahl von Fehlern im System Schule führt so zu, dass junge Menschen ihrer Chancen zur Teilhabe an der Gesellschaft beraubt werden. Sie können nicht mit ihrem vollen Potenzial in den Arbeitsprozess integriert werden, können so nicht ihren vollen Beitrag zur Gesellschaft beisteuern und schlagen hinterher oft als Negativposten in der Gesamtbilanz zu Buche.

Die Fehler im System sind schon seit Jahren bekannt, doch anstatt sie zu beseitigen, doktert man an den Symptomen herum. Die Leistungsniveaus wurden schrittweise abgesenkt und eine riesige Nachhilfeindustrie arbeitet dem System zu und gleicht seine Mängel zumindest teilweise aus. Gigantisch ist auch das System, welches nach Verlassen der Schule die chancenlosen Abgänger über Jahre beschäftigt und aus den Statistiken heraushält. Zahlreiche Bildungsträger haben, finanziert von der Agentur für Arbeit, eine Industrie aufgebaut, in welcher die Jugendlichen, an welchen das System Schule gescheitert ist, beschult, beschäftigt, ausgebildet und verwahrt werden. Zum Teil erhalten die jungen Menschen, welche in den Mühlen dieses Systems stecken, sogar noch Geld, um sie bei der Stange zu halten. Von einem Bildungsträger ist mir bekannt, dass die Jugendlichen, die dort beschult werden, monatlich 120 € erhalten. Einzige Bedingung ist, dass sie regelmäßig erscheinen. Mit der Teilnahme am Programm bleiben sie aus der Statistik der Hartz 4 Empfänger heraus, und das verkauft sich politisch gut.

Die Kosten sind enorm, doch man spricht nur selten darüber. Irgendwann enden die Maßnahmen für die jungen Leute und irgendwann sind diese jungen Leute auch keine jungen Leute mehr und landen dann in Maßnahmen für Arbeitslose.

Wer nachrechnet und nachdenkt, wird sich fragen, warum niemand auf die Idee kommt, die Unsummen, welche Jugendliche ohne Abschluss bzw. mit einem obsoleten Abschluss im Anschluss an ihre Schulzeit verschlingen, direkt in das Schulsystem zu investieren? Warum nimmt man dieses Geld nicht, um Lehrerinnen und Lehrer besser zu qualifizieren? Warum stattet man Schulen personell nicht besser aus? Warum schickt man nicht mehr Schulsozialarbeiter an die Schulen? Warum fängt man die Kinder aus bildungsferneren Bevölkerungsteilen nicht früher auf?

Das System der außerschulischen Nachhilfeinstitute, der externen Bildungsträger usw. läuft wie geschmiert. Viele Menschen verdienen dadurch ihren Lebensunterhalt (und hangeln sich bei den Bildungsträgern von Jahresvertrag zu Jahresvertrag). Vielleicht ist auch das ein Grund, warum man nichts ändern möchte?

Jeder vernünftige Mensch sieht vermutlich ein, dass es insgesamt sinnvoller wäre, gar nicht erst unzählige junge Menschen als Verlierer aus dem Schulsystem zu entlassen. Statt an den Symptomen herumzudoktern, sollte man die Ursachen angehen. Trotzdem ändert sich am System so gut wie nichts. Verstehe das, wer will. Ich verstehe es zumindest nicht.

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2 Antworten

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  1. Isthmus von Tehuantepec said, on September 16, 2011 at 4:17 pm

    Ein paar Antwortversuche:
    1. private Bildungsträger werden unternehmerisch geführt. Die Gesellschafter bauen sich ein Netzwerk auf und lobbyieren an den Stellen, an denen die Zuschüsse zu holen sind. Das Wohl der Jugendlichen ist ihnen egal – minimale Ausnahmen ausgeschlossen. Die meisten Schulen sind dagegen immer noch administrative Moloche, die nicht in der Lage sind, die theoretische Möglichkeit einer wirtschafltichen Eigenständigkeit und daraus sich ergebende Notwendigkeiten überhaupt mal zu durchdenken. Auch hier gibt es Ausnahmen, aber ebenfalls nach dem Stecknadel-im Heuhaufen-Prinzip. Abgesehen davon wird der Wettbewerb beider Systeme – privatewirtschaftliche Bildungsträger und Schulen – ja systematisch verhindert.
    2. Der Defizitansatz beherrscht immer noch das Lerngeschehen. Wer kennt das nicht: Schreibt mal eure Stärken und Schwächen auf und dann besprechen wir, wie ihr an euren Schwächen arbeitet… Das systematische Starkmachen von Schülern, die aus schwierigen familiären, gesundheitlichen, finanziellen Verhältnissen kommen, findet doch viel zu wenig statt. Die Schule als Sortieranlage ist die Regel. Wer nach 10 Jahren Regelschule auf den Arbeitsmarkt geschüttet wird, ist überzeugt davon, dass er eh nichts beitragen kann. Trotzdem ist es dann noch nicht zu spät, damit anzufangen, persönliche Stärken herauszuarbeiten. Aber nicht in einer Verwahrmaßnahme.
    3. Ranga Yogeshwar hat es letztens in seiner Sendung http://www.wdr.de/themen/global/webmedia/webtv/getwebtv.phtml?ref=70135 schön zusammengestellt: Die Anforderungen an Lehrer – die sich fett gewandelt haben – und die Motive von Menschen, diesen Beruf zu ergreifen, klaffen extrem weit auseinander. Nähe zum Heimartort, familienfreundlicher Arbeitsplatz, einfaches Studium mit klar konturiertem Beruf. Das klingt nicht wirklich nach hoher Dienstleistungsorientierung, eher nach hohem Nabelschaufaktor. Und – Achtung, nicht verschlucken beim Lesen – Lehrer ist ja ein Dienstleistungsberuf, die Kunden sind die Schüler. Denn – s. 1. – eine Schule bekommt ihre finanziellen Mittel pro Schüler. Das wird in ländlichen Gegenden bald eine ziemlich große Rolle spielen, in Großstädten zumindest an der Stelle, wo es um die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft geht.

    Fazit: Private Bildungsträger werden sich nicht freiwillig die Butter vom Brot nehmen lassen, dafür läuft das Geschäft doch viel zu reibungslos. Und die Schulen sind durch eigene Unfähigkeit, das Desinteresse an der potenziellen Kundschaft, spätestens aber durch die Verschlingung in ein administratives Geflecht aus Bezirksregierungs- und Ministerialverwaltern zu sehr paralysiert, als dass sie dies von sich aus oder über die ihnen zur Verfügung stehenden Netzwerke angreifen könnten.

    Wie gesagt, Ausnahmen ausgenommen.

    P.S. Arbeite übrigens selbst an einer Schule, die zum Glück anders ist.

  2. Julius said, on September 16, 2011 at 7:08 pm

    David Murray schrieb schon 1872: “What is spent on education will be saved a hundredfold in armies, and police, and courts of justice.” In unseren heutigen Zeiten möchte man „and Arbeitsamt, and Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ ergänzen.

    Schule ist in der Hinsicht, dass alle wissen, dass etwas falsch läuft, wir trotzdem die Augen zumachen, weggucken und dann empört bis schockiert sind, dass es dann ganz dick kommt, nur eines von vielen Systemen mit einem eklatanten innewohnenden Fehler. Gesundheitsheitssystem, Pflegesystem, Rentensystem … um nur einige Beispiele zu nennen.

    Liegt es daran, dass die Konsequenzen des Heute-nicht-Geld-Ausgebens nicht bereits morgen, sondern erst in einigen Jahren sichtbar sind? Liegt es daran, dass man mit wirklich tiefgreifenden Reformen zum Wohl aller keine Wahlen gewinnt oder nicht zu gewinnen glaubt?

    Ich persönlich weiß den Grund nicht. Doch ich bedauere es, dass es offensichtlich kein gesamtgesellschaftliches Interesse gibt, diese Systemfehler frei von parteipolitischer Taktik und Lobbyinteressen anzugehen.


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