Damian Duchamps' Blog

Was bitte ist „Individuelle Förderung“? (1)

Posted in Hauptschule, Schulentwicklung by damianduchamps on Juli 18, 2010

Wer ab und an in mein Blog schaut, hat gesehen, dass ich mich momentan mit dem Thema Individuelle Förderung intensiver beschäftige, denn an meiner Schule soll sich etwas bewegen in diese Richtung. In NRW ist Individuelle Förderung vom Schulgesetz vorgeschrieben, sogar dem Wortlaut nach.

Schulgesetz NRW (Stand: 15. 2. 2010)

Erster Teil

Allgemeine Grundlagen

Erster Abschnitt

Auftrag der Schule

§ 1

Recht auf Bildung, Erziehung und individuelle Förderung

(1) Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf seine wirtschaftliche Lage und Herkunft und sein Geschlecht ein Recht auf schulische Bildung, Erziehung und individuelle Förderung. Dieses Recht wird nach Maßgabe dieses Gesetzes gewährleistet.

Quelle: http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Schulrecht/Gesetze/SchulG_Info/Schulgesetz.pdf

Wie man verschiedentlich hört, setzen Gerichte in diesem Bundesland das Recht auf Individuelle Förderung in der Rechtsprechung bereits um. Eltern, die gegen Noten klagen oder das Sitzenbleiben ihres Kindes, erhalten Recht, da die betroffenen Schulen Individuelle Förderung in den seltensten Fällen nachweisen können.

Individuelle Förderung ist ein Begriff, der sich für mich im Laufe der Zeit gewandelt hat. Ich habe eine Vorstellung davon, jetzt, was ich darunter verstehe. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass in meinem Kollegium die Vorstellungen dazu sehr auseinandergehen. In der Steuergruppe steht man meinen Vorstellungen recht nah, weil wir gemeinsam am Konzept arbeiten und ich ein wenig die Rolle des Vordenkers übernommen habe. Einige im Kollegium lehnen Individuelle Förderung mehr oder weniger ab und andere haben andere Ideen oder stehen irgendwo dazwischen.

Die meisten Informationen, die ich zum Thema Individuelle Förderung bisher hatte, fand ich im Netz. Dort findet sich viel und auch wieder nicht. Es gibt Informationen von Seiten der Schulministerien, Handreichungen, Materialien, Anleitungen, Konzepte einzelner Schulen, Ideen einzelner Lehrer und mehr. Viele Schulen aller Schulformen erwähnen auf ihren Seiten Individuelle Förderung, bleiben jedoch inhaltlich eher vage. Daneben finden sich einige Druckwerke aus der Fachwelt und Fördermaterialien der Verlage. Klett (und Auer, von denen sie Material übernommen haben) und Cornelsen scheinen dabei auf einer ähnlichen Linie zu liegen.

Aufgefallen ist mir bei meinen Recherchen, dass es scheinbar eine Reihe verschiedener Konzepte von Individueller Förderung gibt. Das ist also nicht nur ein Phänomen, das ich in meinem Kollegium beobachten konnte. Es scheint, jede Schule hat ein eigenes Konzept und nur einige Konzepte sind vergleichbar.

Für mich war das ein Grund, mich intensiver mit dem Begriff auseinanderzusetzen. Dazu habe ich noch einmal Revue passieren lassen, wie das mit meiner Vorstellung oder besser meinen Vorstellungen von Individueller Förderung war und sich diese entwickelt haben.

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Und manchmal hasse ich Lehrer …

Posted in Alltag by damianduchamps on Juli 8, 2010

Hier im Blog habe ich jetzt längere Zeit nichts geschrieben, obwohl es viel gegeben hätte, über das ich mich hätte auslassen können. Ich habe es mir verkniffen. An verschiedenen Stellen berichtete ich bereits von meinen Versuchen, mit der Steuergruppe meiner Schule gemeinsam ein Förderkonzept auf die Beine zu stellen und gekoppelt damit die Einführung des 60-Minuten-Taktes auf den Weg zu bringen.

Nach einigem Vorwärts und Rückwärts schien der 60-Minuten-Takt zunächst gestorben, dann doch wieder nicht, nachdem die Steuergruppe dafür gekämpft hatte, um dann letztlich doch abgesagt zu werden. Da hatte man bereits einiges an Zeit und Arbeit investiert in die Sache und es durch alle Gremien geboxt bis zur Schulkonferenz. Ein Förderband gibt es nun definitiv nicht. Vielleicht kommt der 60-Minuten-Takt nun nächstes Jahr, möglicherweise aber auch nie. Die Steuergruppe erfuhr als letztes davon, dass Schulleitung den 60-Minuten-Takt mal eben hatte fallen gelassen. Der Frust war entsprechend groß, nicht nur darüber, dass es keinen 60-Minuten-Takt mehr geben wird, sondern vor allem über das Vorgehen. Im nächsten Schritt kippte die Schulleitung dann mal eben das Förderkonzept der Steuergruppe. Inhaltlich habe sich doch nichts geändert, hieß es. Der Mitgliedern der Steuergruppe raubte das den Schlaf der Nacht des gleichen Tages und am Folgetag legte das Gremium die Arbeit nieder. Im Kollegium war und ist die Verwirrung groß. Auch eine eiligst auf Druck der Steuergruppe einberufene Lehrerkonferenz konnte nicht für alle Klarheit schaffen, rettete aber scheinbar zumindest einen Teil des Förderkonzeptes der Steuergruppe.

Zur gleichen Zeit beschäftigten sich verschiedene Kolleginnen und Kollegen in den Fachschaften mit dem Thema Fördermaterial. Es war einiges Material gekauft worden. Wenn auch noch lückenhaft, so sehen die Verlage im Fördern ein lohnendes Geschäftsfeld und bringen nun mehr und mehr Material auf den Markt. Zwar hatte die Steuergruppe ein Förderkonzept formuliert und einen Leitfaden für die Erstellung von Fördermaterial erstellt, trotzdem gab und gibt es Schwierigkeiten. Unterschiedliche Kollegen haben unterschiedliche Auffassungen vom Fördern. Das reicht von ein paar Übungsblätter bis zu differenziertem Material mit Einstufungs- und Abschlusstest. Kaum jemand sieht sich verpflichtet, sich an den Vorgaben der Steuergruppe zu orientieren, soweit sie bekannt sind. In den Fachkonferenzen konnte bisher teilweise keine Einigung erzielt werden, wie das Fördermaterial aussehen soll. Jeder meint, machen zu können, wie es ihr oder ihm passt.

Der Fairness halber muss man aber auch sagen, dass nur die wenigsten wirklich eine Ahnung vom Thema „Individuelle Förderung“ haben. Wer differenziertes Material erarbeiten soll oder will, muss natürlich auch in dieser Schiene denken können. Es herrscht also ein Defizit im professionellen Bereich und dazu ein Informationsdefizit. Die Zeit hat nicht für uns gearbeitet.

Mit der Lähmung der Arbeit der Steuergruppe stockte auch der Informationsfluss. Und nun stehen die Ferien vor der Tür. Im neuen Schuljahr soll der Förderunterricht mit drei Stunden je Woche für die Fünfer und Sechser beginnen. Das Chaos regiert in den Fachschaften. Meinen Vorschlag, den Start noch einmal um ein viertel Jahr zu verschieben, um Zeit zu gewinnen und durch Schulungen die Kollegen auf einen Stand zu bringen im Thema „Individuelle Förderung“ lehnte die Steuergruppe ab, da man Angst hat, dann beim Kollegium vollends an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Wir werden also irgendwie beginnen, jeder so wie es ihm passt. Die Steuergruppe soll anschließend sehen, dass sie alles (nachträglich) in Bahnen lenkt. Ein einheitliches Förderkonzept, keine Ahnung …

Was ich in meinem Kollegium so alles erlebe und erlebt habe, das zeigt mir immer wieder, wie wenig das Prinzip „Lebenslanges Lernen“ bei vielen Lehrerinnen und Lehrern angekommen ist. Ich arbeite mit vielen gestandenen Kolleginnen und Kollegen zusammen und ich achte sie für ihre Erfahrungen und das, was sie im Laufe vieler Dienstjahre geleistet haben. Sie haben viele Reformen und Reformen von Reformen miterlebt. Man hat sie vor jeden Karren gespannt und verheiz und verschlissen. Trotzdem habe ich kein Verständnis für den Mangel an Offenheit, den manche gegenüber den Bemühungen der Steuergruppe meiner Schule zeigen, die Schule für die Zukunft fit zu machen. Von gebildeten Leuten würde ich schon gerne etwas mehr Professionalität erwarten. Außerhalb des Bildungssystems, in der Wirtschaft könnte man sich vergleichbares Verhalten nicht erlauben. In Schulen machen viele der dort Arbeitenden schlicht und einfach, was sie wollen. Das kann mitunter zum Positiven wirken. Oft leider, so meine Erfahrung, wirkt es allerdings zum Negativen. Jeder macht, wie er will, und wenn man nicht will, tut man eben nichts und sitzt es aus. Teamarbeit, wen interessiert das? – Schülerzentriert unterrichten? Sollen sich die Schüler doch erst einmal ändern. – Schüler eigenständig arbeiten lassen mit Materialien, die das zulassen? Da kann man auch gleich eine Putzfrau dazustellen. – Schüler individuell fördern? Sollen wir jetzt jeden zum Abitur fördern? Nicht mit mir. Das und mehr hört man so und ähnlich immer wieder.

Und manchmal hasse ich Lehrer, und zwar genau deswegen.

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