Damian Duchamps' Blog

Digitaler Wandel in Schule – Erfolg oder Misserfolg – wir haben es in der Hand

Posted in Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on April 10, 2017

Der digitale Wandel braucht Zeit, mehr Zeit als manche ihm zugestehen wollen, sorgfältige Planung, gute Vorbereitung, Fortbildung, Gewöhnung, Routinierung, Selbstvertrauen, Mut und Vernetzung der Akteure, und einen kulturellen Wandel im Lehrerzimmer. Zahllose gescheiterte Projekte belegen weltweit, dass Projekte, die grundlegende Faktoren wie diese nicht berücksichtigen, zum Scheitern verurteilt sind, noch bevor sie begonnen haben.

Und auf einmal soll es schnell gehen mit dem digitalen Wandel von Schule

Lange haben sich unsere Schulen vor dem digitalen Wandel gedrückt, zu lange vermutlich. Es gab und gibt im schulischen Alltag jede Menge andere Probleme zu bewältigen, individuelle Förderung, Inklusion, Flüchtlinge und vieles mehr. Wer diesen Beitrag liest, weiß was gemeint ist. Und nun soll mit einem Mal ein digitaler Ruck durch die Schulen gehen. Finanzprogramme werden aufgelegt und Handlungsdruck wird aus der Politik auf die Städte und Kommunen und über diese an Schulen weitergegeben. Auf Landesebene wird aktuell das Strategiepapier der KMK in schulpolitische Vorgaben umgesetzt, welche schulischer Entwicklung die Marschrichtung für die kommenden Jahre vorgeben sollen. Medienkonzepte sind mit einem Mal wieder in aller Munde, zumindest in NRW. Dort werden Schulträger nun aktiv unter dem Druck des Programms Gute Schule 2020. Medienentwicklungspläne (MEP) müssen her, denn ohne Konzepte gibt es kein Geld für den Ausbau digitaler Infrastruktur an Schulen. Medienkonzepte werden eingefordert, auf deren Grundlage Beratungsfirmen wie Garbe & Lexis (der Name taucht scheinbar überall auf) den Schulträgern MEPs ausarbeiten. Ich höre von Zeitfenstern, die von wenigen Wochen reichen bis zu einem Dreivierteljahr. Schulen geraten gegenwärtig gewaltig unter Druck, denn sie sollen liefern, wenn sie nicht auf der Strecke bleiben wollen.

So schnell, wie viele sich das vorstellen, geht das mit dem digitalen Wandel der Schulen nicht. Gut Ding will Weile haben, und das hat viele Gründe.

Digitaler Wandel von Schule braucht kompetente Lehrkräfte

Fehler Nummer eins ist, dass man das Pferd von hinten aufzäumen möchte, in NRW zumindest. Idealerweise erstellen Schulen in NRW ihr Medienkonzept auf der Grundlage des Medienpass NRW. Dieser ist quasi ein Kompetenzraster mit Schnittstellen zu den Richtlinien und Lehrplänen und dockt an diese an. Prinzipiell ist das eine gute und hilfreiche Grundlage. Abgesehen davon, dass der Medienpass NRW in seiner aktuellen Ausgabe ziemlich veraltet ist und die neue, am KMK Strategiepapier orientierte Version noch in Arbeit ist, gibt es ein noch viel gravierenderes Problem. In Kollegien soll der Medienpass NRW helfen, die verschiedenen im Unterricht zu vermittelnden Kompetenzen und Teilkompetenzen auf die Fachbereiche aufzuteilen. In den Fachschäften sollen dann fachliche Lehr- und Lernmittelkonzepte entstehen, welche die Grundlage des schulischen Medienkonzeptes bilden. Und genau an dieser Stelle liegt das größte Problem.

  • Wie sollen die Lehrerinnen und Lehrer bitte in der Lage sein, zu entscheiden, welche Teilkompetenz sie in welchem Fach mit welcher Thematik verknüpft vermitteln können, wenn sie die Kompetenzen, welche sie den Kindern vermitteln sollen, vielfach selbst nicht einmal haben?
  • Wie sollen sie planen und entwicklen, wenn sie nicht einmal wissen, welche Möglichkeiten der digitale Wandel von Schule für die Unterrichtsentwicklung bereithält?

Man muss sich das einmal klar machen. Von Schulen werden mit der Erstellung eines Medienkonzeptes Entscheidungen erwartet, welche eine Tragweite auf Jahre haben. Den meisten Schulen fehlt dazu aber schlicht die Kompetenz. Frühere Medienkonzepte wurden oft von dem oder den Computerfreaks geschrieben. Die Folge waren PC Räume, die nur von wenigen genutzt wurden, und Klassenraum PCs und Medienecken zumeist ohne Internetanbindung, die vor sich hin gammelten. Drohen den Medienkonzepten, an denen jetzt geschrieben wird, und den daraus folgenden Investitionen ähnliche Schicksale? Wird man Tabletkoffer in jede Klasse stellen, die dann zweimal die Woche für ein paar interaktive Übungen, Videoschauen und Kahoot genutzt werden?

Dieses Problem ist nicht damit zu lösen, dass Medienberater in die Schulen geschickt werden, die auf ein oder zwei Konferenzen Input geben und Möglichkeiten vorstellen. Das reicht definitiv nicht.

Der digitale Wandel in Schulen braucht Zeit

Veränderung an Schulen funktioniert nicht im Hauruck-Verfahren. Wie man bei Richard Heinen lernen kann, dauern Innovationszyklen an Schulen zwischen 5 und 7 Jahren. Das ist vielen nicht klar, Schulen am allerwenigsten, scheint mir.

Jeder weiß, Schulträger müssen den Wandel finanzieren können. Selbst mit Unterstützung durch Landesprogramme bedeutet das eine Verteilung der Investition auf mehrere Jahre. Dieser Faktor ist wichtig, jedoch nicht der eigentlich entscheidende Faktor. Viel wichtiger ist der Faktor Mensch. Die Akteure vor Ort müssen überhaupt erst die Kompetenz besitzen, den digitalen Wandel an Schule zu gestalten. Die Kompetenz dazu erwerben Lehrerinnen und Lehrer mal nicht so eben bei ein paar Fortbildungen. Selbst ein oder zwei pädagogische Tage reichen hier nicht. Es braucht eine Menge mehr.

Selbst wenn Geld und Experten für Fortbildungen unbegrenzt zur Verfügung stünden, würde dieses den digitalen Wandel nicht wesentlich beschleunigen, denn dem Innovationspotenzial von Lehrerinnen und Lehrern sind Grenzen gesetzt. Die meisten von ihnen stehen mitten im Leben mit Familie und mit voller Stundenzahl und allem, was dieses an Schule nach sich zieht. Lehrkräfte, die in der EDU Szene unterwegs sind, die sich bei Twitter, über Blogs und bei Barcamps über ihren Unterricht im digitalen Wandel austauschen, die man als Vorreiter im digitalen Wandel von Schule sehen kann, sind häufig nicht erst seit gestern dabei. Ihre Kompetenzen haben sie sich meist über mehrere Jahre angeeignet. Wenn Lehrkräfte im Schulalltag in den digitalen Wandel einsteigen sollen, brauchen sie Zeit. Zusätzlicher Freiraum durch eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung für eine Übergangszeit könnte ihnen dafür Entlastung bieten. Doch diese Entlastung wird es nicht geben.

Schulen müssen also Möglichkeiten finden, wie sie Lehrerinnen und Lehrern die notwendigen Schritte in den digitalen Wandel ihre Unterrichtes erleichtern können, und sie müssen sich dabei Zeit geben.

Teachers in many schools have no idea how to manage email, or meetings, or how to organise themselves online. If we want this digital revolution to take place, it is going to take many many hours of patient explaining and demoing to veteran teachers.

Quelle: 21century teaching, Alicia Bankhofer, https://bankhoferedu.wordpress.com/2017/04/06/takeaways-from-the-edudays/

Der digitale Wandel in Schulen braucht Experten

Zunächst einmal müssen Lehrerinnen und Lehrer den digitalen Wandel in der Gestaltung von Lernprozessen an sich selbst zu vollziehen. Dazu braucht es Input von anderen, oft von außerhalb des Kollegiums. Hier taucht leider schon das nächste Problem auf. Es gibt noch längst nicht so viele Experten, wie man benötigte, die Kompetenzen in alle Schulen zu tragen, die erforderlich sind, um den digitalen Wandel auf den Weg zu bringen. Durch die eindrucksvollen Zahlen an Referenten auf Kongressen oder Teilgeber auf Barcamps darf man sich nicht täuschen lassen. Der Kreis dieser Personen ist sehr begrenzt und man sieht immer wieder die gleichen Namen und Gesichter. Vor Ort sieht es ganz anders aus. Das belegen sehr eindrücklich die Erfahrungen von @frausonnig, als diese Fachleute suchte, die auf einem pädagogischen Tag zum Thema Unterricht mit digitalen Werkzeugen, entsprechende Workshops abhalten sollten.

Insgesamt gab es im Schuljahr 2015/2016 in Deutschland 33.547 allgemeinbildende Schulen.

Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/235954/umfrage/allgemeinbildende-schulen-in-deutschland-nach-schulart/

In Deutschland gab es im Schuljahr 2015/2016 insgesamt 754.726 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen.

Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/201496/umfrage/anzahl-der-lehrer-in-deutschland-nach-bundeslaendern/

Alleine in NRW gab es im Schuljahr 2015/16 laut dieser Statistik 167.266 Lehrkräfte. Insgesamt 60 volle Stellen hat das Land für Medienberater bereitgestellt. Wenn man davon ausgeht, dass diese mit mindestens 5 Stunden entlastet werden sollen, sprechen wir hier von maximal 300 Personen. Und von diesen sind noch längst nicht alle selbst soweit, dass man sagen kann, sie sind in der Lage ihre eigenen Lernprozesse digital zu gestalten. Aber selbst wenn sie es wären, so käme hier ein Medienberater auf mehr als 300 Lehrkräfte. Das Problem ist allerdings zu lösen, ohne dass man noch mehr Medienberater einstellt, ausbildet und zu Schulen schickt.

Der digitale Wandel in Schulen braucht einen kulturellen Wandel

Neben Input von außen durch Experten und Zeit, das Neue lernend umzusetzen, braucht es auch einen sehr grundsätzlichen Wandel im Selbstverständnis der Lehrkräfte. Selbstverständlich werden Lehrerinnen und Lehrern auf Nachfrage bestätigen, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist. Doch viele Lehrkräfte sehen sich selbst vor allem in der Rolle von Wissensvermittlern oder meinetwegen auch Vermittlern von Kompetenzen (+ Erzieher, Sozialarbeiter, Ersatzeltern, …). Ihre Rolle als Lernende sehen sie im System Schule selten. Das aber ist es genau der wunde Punkt. Solange sie nicht in der Lage sind, sich selbst als Lernende zu begreifen, als Lernende im Prozess des digitalen Wandels von Schule, die sowohl lernen am Wandel als auch diesen Wandel lernend gestalten sollen, solange wird Schule bleiben wie sie ist.

Schaffen Schulen mit ihren Lehrkräften diesen kulturellen Wandel, wird manches einfacher, denke ich. Lernende, die ihre Lernprozesse mit den Möglichkeiten des digitalen Wandels gestalten, sind in der Regel keine Einzelkämpfer. Sie vernetzen sich (PLN). Für die meisten Lehrkräfte reicht schon eine Vernetzung im Kollegium und das bedeutet mehr als das, wofür Jahrgangsstufen- oder Fachteams an den meisten Schulen bisher standen.

Eine Form, diese Vernetzung zu leben, können Mikrofortbildungen sein, regelmäßige kleine Fortbildungen, gespeist aus den bereits vorhandenen Kompetenzen in einem Kollegium, Fortbildungen mit Verabredungen zur Weiterarbeit und zum Ausprobieren im Unterricht. Auch gelegentliche Hospitationen können unterstützen oder Team-Teaching Stunden. Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer müssen Twitter Nutzer werden. Twitter ist ein Kanal mit sehr hoher Informationsdichte und nicht jedermanns Sache. Für Schulen reicht es aus, wenn ein oder zwei Lehrkräfte Twitter nutzen, um neue Impulse für die Entwicklung in der Schule aufzunehmen und diese dann in Mikrofortbildungen im Kollegium weiterzugeben. Eine Möglichkeit zur Intensivierung der Vernetzung, den Austausch und die schnelle Hilfe untereinander kann aber ein Messenger Dienst wie WhatsApp sein. Viele Lehrerinnen und Lehrer nutzen diesen Dienst bereits, wenn sie auch privat in Kontakt stehen. Warum sollte es dann nicht genutzt werden, um Ideen zu teilen, Anregungen auszutauschen und sich auch bei kleineren Problemen zu unterstützen? Wo die Ablehnung gegenüber WhatsApp zu groß ist, bietet sich Telegram an, das weniger vorbelastet ist durch negative Schlagzeilen. Auch die Nutzung einer Cloud gestützten Office Lösung kann Vernetzung unterstützen, wenn sie im Kollegium genutzt wird, das gemeinsame Lernen, die Curriculum- und Schulprogrammarbeit und die Erstellung von Unterrichtsmaterialien zu gestalten.

Vernetzung bietet sich, wenn sie im Kollegium funktioniert, auch mit Schulen im Umfeld an. Warum soll jede Schule das Rad neu erfinden? Die Vernetzung von Schulen ist nicht neu und hat sich, wenn sie gepflegt wurde, schon in der Vergangenheit bewährt. Besuchen dann von einer der vernetzten Schulen ein oder zwei Personen diesen oder jenen Kongress zum Thema, Barcamps oder ähnlich, so kann dieses ausreichen, um weitere neue Impulse in die Schulen zu holen.

Die Aufgabe der Experten sehe ich deshalb vor allem als Katalysatoren im digitalen Wandel von Schule. Sie können definitiv nicht alle Lehrkräfte fit machen. Ihre Aufgabe ist vielmehr, den kulturellen Wandel in Schulen anzustoßen, bei den Planungen Impulse zu geben, die Vernetzung mit anderen Systemen vermitteln und ähnlich. Sie werden auch fortbilden und Input geben, doch den eigentlichen digitalen Wandel müssen Schulen als lernendes System selbst vollziehen. Genau dieses macht doch auch den digitalen Wandel aus, die Kompetenz, das eigene Lernen zu gestalten, sich zu vernetzen, zu kommunizieren, zu kollaborieren, kreativ zu sein und Kritik zu nutzen, um voran zu kommen. Schulen, die diesen Wandel in der eigenen Kultur schaffen, werden alle Informationen dazu finden. Es ist nichts Anderes, als was sie ihren Schülern vermitteln wollen.

Der Einstieg in den digitalen Wandel muss einfach sein

Viele Lehrkräfte haben keine Vorstellung davon, was heute überhaupt möglich ist und was es bedeutet, das eigene Lernen mit den Möglichkeiten des Digitalen zu gestalten. Doch das ist nicht der alleinige Grund, warum viele von ihnen sich nicht zutrauen, selbst digitale Technologien im Unterricht einzusetzen.

Es hat auch mit der eigenen Kompetenz im Umgang mit digitalen Technologien zu tun. Man kann heute sicherlich davon ausgehen, dass die Mehrheit der Lehrkräfte Computer nicht nur zum Online-Banking, Urlaub-Buchen und Online-Shopping, sondern auch zur Vorbereitung des Unterrichts nutzen. Über mehr als die Fähigkeit, einen Browser zu bedienen und die rudimentärsten Funktionen einer Textverarbeitung und Tabellenkalkulation zu nutzen, verfügen die meisten dabei jedoch nicht. Und auch wenn viele von ihnen mittlerweile Smartphones und auch Tablets besitzen, so nutzen sie meist nur die einfachsten Funktionen.

Diesen Hintergrund muss man berücksichtigen, wenn man Lehrkräften den Einstieg in den digitalen Wandel ihres Unterrichts nahebringen möchte. Der Einstieg muss deshalb einfach sein, mit ganz niederschwelligen Angeboten. Es muss Technologie sein, die ohne große Kenntnisse und mit wenig Fehlerpotential zu nutzen ist. Benötigt werden Tools bzw. Apps, die auf einfachstem Niveau zu nutzen sind und auch so zu Ergebnissen und Erfolgen führen.

Padlet, Kahoot, Plickers, QR-Codes und ähnlich erlebe ich als Angebote, die ankommen bei Lehrkräften, die ihre Ersten Gehversuche in der Entwicklung von Unterricht mit digitalen Werkzeugen machen, auch bei Menschen mit sehr wenig Vertrauen in die eigenen Kompetenzen im Umgang mit digitaler Technologie. Angebote wie die genannten vermitteln Erfolgserlebnisse und machen Mut, eben da sie noch recht einfach zu erlernen sind.

Und auch bei diesen Angeboten betone ich zu Beginn immer wieder, wie wichtig es ist, klein anzufangen und erst den nächsten Schritt zu wagen, wenn man sich sicher fühlt. Padlet kann man zunächst als eine Möglichkeit nutzen, einen motivierenden Unterrichtseinstieg zu gestalten, indem man ein digitales Poster gestaltet zum neuen Thema, mit kleinen Texten, Bildern und Videos. Die Vorbereitung dafür erfolgt zu Hause. Es ist nur wenig Technik notwendig. Schüler und ihre Geräte sind noch nicht eingeschlossen. Das Risiko, dass etwas schief gehen kann, ist noch sehr gering. Erst in der nächsten Stufe holt man die Schüler nach und nach ins Boot. Zunächst schreiben alle, der Reihe nach, auf ein Padlet. Und erst später erarbeiten Schüler dann auch Padlets in Gruppen.

Es geht beim Einsatz von Padlet, Kahoot, Plickers, QR-Codes und ähnlich zunächst nicht primär darum, Schülern Möglichkeiten zu geben, ihr Lernen zu gestalten oder mehr Spaß und Motivation in den Unterricht zu bringen. Das sind hier noch Nebenprodukte. Ganz zu Beginn, wenn Lehrkräfte beginnen, digitale Werkzeuge in ihren Unterricht einzubinden, stehen sie als Lernende im Mittelpunkt. Sie müssen Erfahrungen sammeln und Zugvertrauen gewinnen.

Was für Apps und ähnlich gilt, muss auch für die Technik gelten. Wer glaubt, man könne von Lehrkräften direkt erwarten, sie können über ein Software Menü das WLAN im Klassenraum mal eben ein- und ausschalten, der überfordert die meisten von ihnen. Für den Anfang kann man auch auf einfache Möglichkeiten setzen wie Access Points, die man in die Netzwerkdose steckt. Wer Tablets als Dokumentenkamera einsetzen soll, wird sich sicherer fühlen, wenn man Tablet und Projektor lediglich durch ein Kabel verbindet, eine App startet und die Übertragung steht. Man kann sicher davon ausgehen, dass viele Lehrkräfte zumindest ein Jahr brauchen werden, bis sie über ausreichend Erfahrung und Zuversicht verfügen, digitale Möglichkeiten regelmäßig in ihrem Unterricht einzusetzen. Unverzichtbar ist dabei die oben beschriebene Vernetzung der Lehrkräfte untereinander, da man sich gegenseitig helfen und ermuntern kann.

Fazit

Auch wenn die Zeit zu drängen scheint, den digitalen Wandel an Schulen nun endlich mit aller Macht voranzutreiben, so sollte man dabei den Faktor Mensch nicht außer Acht lassen. In unserer Gesellschaft sind digitale Technologien inzwischen zwar überall zu finden, doch nur ein kleinerer Teil der Nutzer ist in der Lage, sie tatsächlich mit einer Kompetenz zu nutzen, die über die rein oberflächliche Bedienung hinausgeht. Das gilt für Kinder und Jugendliche und es gilt auch für Lehrkräfte. Wer den digitalen Wandel an Schule aktiv gestalten soll, die Lehrkräfte also allen voran, muss überhaupt erst selbst in der Lage sein, sein Lernen mit digitalen Möglichkeiten zu gestalten. Erst dann weiß man als Lehrkraft überhaupt, worum es geht, was den Wandel ausmacht und wohin die Entwicklung gehen soll. Dann kann man die Veränderung anstoßen. Mit einem deutlichen zeitlichen Vorsprung werden Lehrkräfte über ausreichend Zuvertrauen zu sich selbst im Umgang mit digitalen Technologien im Unterricht haben, dass sie auch in der Lage sein werden, ihre Schülerinnen und Schüler auf den Weg zu bringen. Wenn die Schule den kulturellen Wandel im Selbstverständnis der Lehrkräfte vom Lehrenden zum Lernenden schafft, dann wird ihr auch der digitale Wandel des Unterrichts gelingen. Dafür braucht die Schule als lernendes System Zeit, wie auch die Menschen, die diesen Wandel gestalten sollen. Zeit bedeutet auch, dass die Entwicklung auf persönlicher wie institutioneller Ebene in einfachen, angemessenen Schritten erfolgt. Viele kleine Erfolge führen eher zum Ziel als viele große Rückschläge. Jeder Lehrer und jede Lehrerin muss ihren eigenen Weg finden. Gemeinsam, vernetzt, wird die Last auf viele Schultern verteilt. Die zentralen Kompetenzen für die Lernenden im 21. Jahrhundert, die 4 K, stehen irgendwo an Horizont als Fernziele, verpackt in Strategiepapiere, Empfehlungen, Kompetenzraster und bald auch in Lehrplänen und Richtlinien. Nicht jeder wird sie erreichen. Was wir unseren Schülerinnen und Schülern zubilligen, müssen wir auch den Lehrkräften zugestehen. Grundlegende Kompetenzen zur Entwicklung des eigenen Unterrichts im digitalen Wandel von Schule sollte jeder haben. Ohne wird es bald nicht mehr gehen. Doch nicht jeder muss zur Speerspitze des digitalen Wandels gehören. Und Schule ist, das war schon immer so, ein sehr behäbiges System.

Die Zeit war wohl einfach reif, dass mal jemand innehält und sich Gedanken macht, ob das, was sich aktuell an Entwicklung in Schule im Zusammenhang mit dem digitalen Wandel abzeichnet, so Sinn macht und funktionieren kann. Ich war da nicht der einzige. Deswegen siehe auch die sehr lesenswerten Beiträge:

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Einer geht noch …

Posted in Alltag, Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Februar 7, 2017

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es langsam etwas viel wird für viele Lehrerinnen und Lehrer in unserem Schulsystem. Man kommt ohnehin nicht wirklich voran. Nichts geht und alles muss auf dem Weg in Richtung Zukunft, und dann kam auch noch die Digitalisierung mit allem, was sie mit sich bringt.

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Schluss mit dem digitalen Schwebezustand

Posted in Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik, Uncategorized by damianduchamps on Januar 14, 2017

Wenn aktuell mal wieder beobachte, was sich in der Bildungslandschaft ereignet, vergeht mir die Lust an Schule und Schulentwicklung, an Entwicklung von Unterricht mit digitalen Tools und der Beratung von Schulen und Schulträgern dahingehend.

Der Grund dafür ist einfach. Es hängt alles in der Schwebe. Nichts ist wirklich klar definiert. Hier in NRW kommt nun GuteSchule#2020. Toll mag man meinen, endlich tut sich etwas. Nur, mehr als einen Topf voll Geld und ein paar grobe Vorgaben gibt es nicht. Bloß nichts festlegen, nein, keine festen Vorgaben machen, keine verbindlichen Ziele definieren. So kommt es, wie es kommen muss. Die einen sanieren damit Gebäude, an anderer Stelle baut man ganze Schulen neu davon, hört man, und ein klein wenig wird auch in digitale Infrastruktur investiert. Wenn das Jahr 2020 um ist, werden wir feststellen, dass die Standards an den Schulen in NRW weiterhin höchst unterschiedlich sind. Manche haben Breitbandanschluss und WLAN im gesamten Gebäude, für Schüler und Lehrer, andere endlich funktionierende Toiletten und dichte Dächer oder Klassenräume statt Container, jedoch noch immer keinen Breitbandanschluss und auch kein WLAN im Gebäude. Dass uns das als Land wirklich weiterbringt, werden nur Politiker behaupten, die sich in irgendeiner Vorzeigeschule in einer iPad Klasse von den Medien feiern lassen.

Und dann ist da ja noch das Milliardenpaket des Bundes. Auch hier wird es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht anders laufen. Schon jetzt regt sich Widerstand gegen Bevormundung durch den Bund. Am liebsten hätte man das Geld vermutlich in die Landestöpfe und würde dort damit nach eigenem Belieben verfahren, ohne exakte Zielvorgaben und ohne jegliche Rechenschaft.

Ich wünschte mir, es gäbe sehr eindeutige Vorgaben, sowohl vom Land als auch vom Bund, am besten miteinander abgestimmt. Könnte man nicht zeitliche Vorgaben machen und sagen, bis zum Jahre X hat dieses und jenes zu erfolgen?

  • alle Schulen, ohne Ausnahme, sind an Breitband angeschlossen
  • alle Schulgebäude sind mit WLAN ausgeleuchtet
  • alle Klassenräume haben Präsentationsmedien
  • alle Lehrerinnen und Lehrer sind fortgebildet/fit gemacht
  • alle Länder haben überarbeitete Fachcurricula
  • alle Schulen haben Medienkonzepte und angepasste Fachcurricula
  • alle Schulen können auf eine Basis online IT Infrastruktur zugreifen
  • alle Lehrer, die kein Privatgerät nutzen, haben ein Dienstgerät
  • alle Schüler haben digitale Endgeräte

Alle habe ich jeweils hervorgehoben, da es nicht sein kann, dass in einem reichen Land wie Deutschland, Schulen, Schüler und Lehrer benachteiligt werden, nur weil sie das Pech haben, in eine strukturschwachen Kommune zu leben oder weil im Falle von Schülern ihre Eltern nicht über ausreichend Einkommen verfügen. Alle schreibe ich auch, weil es nicht der Beliebigkeit kommunaler Verwaltungen und parteilichen Ideologie überlassen werden kann, was am Ende dabei herauskommt.

Ich denke, hier sollte es wirklich einen Konsens geben, egal wo die Bundesländer und ihre Regierungen schulpolitisch gerade stehen. Mögen sie sich an ihren Schulformen abarbeiten, wenn sie das denn brauchen, doch bitte nicht an solch grundlegenden Fragen wie der Ausrichtung unserer Schulen und ihres Unterrichts auf eine Zukunft, die schon längst begonnen hat.

Fortbildung für den digitalen Wandel in Schule, wie ich sie wünschen würde

Posted in Schulentwicklung, Uncategorized by damianduchamps on November 6, 2016

Kürzlich war ich wieder einmal an einer Fortbildung beteiligt, an einem Gymnasium. Im Rahmen eines pädagogischen Tages sollte das Kollegium verschiedene Möglichkeiten kennenlernen, wie man mit Smartphones, Tablets, Laptops, Apps und Online-Angeboten im Unterricht arbeiten kann. Von Seiten der Schule war ein WLAN bereitgestellt, das in allen Workshop Räumen zur Verfügung stehen sollte. Die Teilnehmer brachten eigene Geräte mit, konnten jedoch auch Tablets aus einem Pool ausleihen. Das klang vielversprechend. In der Praxis sah es dann für mich jedoch leider nicht ganz so günstig aus und ich konnte meine Angebote nicht so umsetzen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Auch die Teilnehmer meiner Workshops hatten ihre Probleme mit der Technik. Zudem gab es immer wieder Aussetzer im WLAN. Aufgrund des sehr restriktiven Zugangs zum WLAN konnte ich mein übliches Set-up von Projektor und Tablet nicht nutzen, sondern musste improvisieren und auf Kabel und Notebook zurückgreifen. In einem meiner Workshops stellte ich Padlet vor. Schwierigkeiten ergaben sich hierbei durch die unterschiedlichen Displaygrößen der Mobilgeräte. Mit einem Smartphone ist Padlet, so gut dieses Werkzeug auch ist, nur eingeschränkt nutzbar. Und dann gab es da auch noch andere Probleme durch mangelnde Kompatibilität von Browsern (etwa dem Samsung Browser mit dem schönen Namen „Internet“) oder beispielsweise Schwierigkeit von iOS, Dateien über das nicht zugängliche Dateisystem hoch zu laden. Und Zugangsdaten für das WLAN hatte auch nicht jeder.

Probleme wie diese spiegeln sicherlich die Schwierigkeiten wieder, mit denen Schulen  konfrontiert sein können, wenn sie auf BYOD ohne Vorgaben und improvisierte WLAN-Lösungen setzen. Zu einer erfolgreichen und gewinnbringenden Fortbildung tragen derartige Probleme jedoch definitiv nicht bei. Aus diesem Grund habe ich mir Gedanken gemacht, welche Voraussetzungen es braucht, um wirklich gute Fortbildungen zu gestalten, mit denen wir Lehrerinnen und Lehrer befähigen können, den digitalen Wandel an ihren Schulen zu gestalten.

Lernen unter idealen Bedingungen

Günstig wäre es, wenn Lehrerinnen und Lehrer zunächst unter möglichst idealen Bedingungen lernen könnten. Unter idealen Bedingungen verstehe ich hierbei kein Setting, welches die technischen Möglichkeiten bis zum allerletzten ausreizt. Vorstellen würde ich mir vielmehr eine funktionierende, zuverlässige und gut zu bedienende Ausstattung auf einfachem Niveau. Das könnten einfache 10 Zoll Android Tablets sein, iPads, Chromebooks, oder wenn gar nicht anders möglich auch Notebooks oder Microsoft Surface Geräte. Mir persönlich würden, da ich damit gute Erfahrungen gemacht habe, Android Tablets reichen. Dazu sollte es ein stabiles WLAN geben, einen Projektor, der drahtlos verbunden ist, und einen Drucker. Außerdem sollte ein robuster Internetzugang vorhanden sein.

Man mag nun einwenden, und das habe ich über die Jahre immer und immer wieder gehört, dass man sich doch an den Gegebenheiten der jeweiligen Schule orientieren müsse, an dem, was dort vorhanden ist, da die Schule mit genau diesen Gegebenheiten arbeiten muss. Dieses Argument halte ich für unsinnig und zwar aus folgenden Gründen:

  • Lehrer sollten zuerst einmal erfahren, was überhaupt möglich ist und wie Unterricht idealerweise mit digitalen Tools gestaltet werden kann. Woher anders sollen sie sonst wissen, was machbar ist? Sie müssen positive Erfahrungen machen, müssen das Potenzial erfahren können und erkennen. Erst dann wird man sie wirklich für den digitalen Wandel gewinnen können. Dass dann an den einzelnen Schule sich dieses nicht unbedingt eins zu eins wird umsetzen lassen, ist eine andere Sache. Die Erfahrungen, welche die Lehrer in dem idealen Setting machen, werden aber die Richtschnur bilden für die Entwicklung, welche sie an ihrer Schule in Angriff nehmen. Sie wissen dann, was möglich ist, wie sie ihren Unterricht an der Schule verändern wollen und was sie dafür brauchen. Und dann werden sie sehen, dass sie die Bedingungen an ihrer Schule Schritt für Schritt in diese Richtung bringen, indem sie die schulinternen Lehrpläne entsprechend anpassen, das Lernmittelkonzept erstellen und ein entsprechendes Medienkonzept entwerfen.
  • Wer diesen Grund nicht akzeptiert, sollte sich vielleicht einmal fragen, warum Referendare noch immer für ihre Unterrichtsbesuche Traumstunden produzieren, Unterrichtsstunden, die sie in ihrem Berufsalltag so nie wieder durchführen werden, die einen enorm hohen Aufwand bedeutet haben, der im Alltag nicht zu leisten ist. Diese „Traumstunden“ sind aber eine Art Meisterstunden, eine Spitzenleistung, eine Richtschnur für zukünftiges Arbeiten. Auch wenn sie vergleichbare Stunden in ihrem Berufsalltag nie wieder halten werden, so wird die hohe Messlatte der Traumstunden trotzdem eine Richtung vorgeben für den Unterricht, den sie zukünftig halten.
  • Es ist darüber hinaus beruflicher Alltag von Lehrerinnen und Lehrern, Inhalte und Methoden an die jeweiligen Gegebenheiten ihrer Schule bzw. ihrer Lerngruppe anzupassen. Was als ideal vorgeben ist, lässt sich nur selten in der Praxis vor Ort umsetzen.

Wenn man den digitalen Wandel an die Schulen bringen will, muss man die Lehrerinnen und Lehrer dazu befähigen. Ich könnte mir hier in NRW vorstellen, dass jeder Kreis und jede kreisfreie Stadt dafür mindestens einen Raum irgendwo bereitstellt, in welchem 20-25 Lehrerinnen und Lehrer unter Anleitung lernen, mit mobilen Zugangsgeräten und dem Internet ihren Unterricht weiter zu entwickeln. Würde man einen solchen Raum mit Internetzugang, WLAN, 25 Android 10 Zoll Tablets, einem Projektor, einem Drucker, eventuell irgendwelchen Softwarelizenzen usw. ausstatten, so würden die Kosten dafür deutlich unter 10.000 € liegen.

Lehrer als Lernende

Schulen, die sich auf den Weg machen wollen, würden Lehrerinnen und Lehrer für eine Woche vom Unterricht freistellen. Damit das für die Schulen zu verkraften ist, wäre es dann in der Regel eine Lehrkraft pro Schule. Ähnlich wie in einem Praxisseminar an der Universität würden die Lehrkräfte dann zunächst einmal in die Rolle von Lernenden schlüpfen und darüber selbst erfahren, wie es sich mit den Möglichkeiten digitaler Zugangsgeräte und dem Internet, mit Apps, Online-Plattformen und ähnlich lernen lässt. Danach würden sie selbst in die Rolle der Lehrer schlüpfen und die andere Seite kennen lernen. Sie würden also selbst Stunden vorbereiten und durchführen. Ihre Schüler wären jeweils die anderen Lehrerinnen und Lehrer. Nach der jeweiligen Stunde würde man diese im Plenum besprechen. So würden die Lehrerinnen und Lehrer sowohl die Perspektive der Lernenden als auch der Unterrichtenden kennenlernen und hätten eine erste Basis für die Weiterentwicklung der eigenen Arbeit. Dazu wäre auch wichtig, nicht nur die zuverlässig funktionierenden Geräte aus der Raumausstattung zu nutzen, sondern auch immer wieder eigene Geräte wie kleinere Tablets, Tablets anderer Betriebssysteme und Smartphones usw. zu nutzen, um zu erfahren, welche zusätzlichen Möglichkeiten, Einschränkungen, Hürden etc. sich damit ergeben können. Und so würden dann Woche für Woche die Lehrerinnen und Lehrer der Schulen im Kreis bzw. der kreisfreien Stadt diese Praxisseminare durchlaufen. Ganz wichtig wäre mir bei diesen einwöchigen Praxisseminaren, dass die Teilnehmer sich von Anfang an untereinander vernetzen, um sich auch nachfolgend weiterhin auszutauschen, anzuregen und zu unterstützen.

Vielleicht wäre es günstig, wenn die jeweiligen Gruppen aus schulformgleichen Lehrkräften bestehen. Man würde also Grundschullehrer zusammen fortbilden, Sekundarstufe 1 Lehrer und Oberstufenlehrer. Es könnte vielleicht auch sinnvoll sein, Lehrer von Förderschulen und Förderschulpädagogen in Gruppen zusammenzufassen. Beginnen würde man am besten vermutlich zunächst mit interessierten Lehrkräften. Sie würden sich am ehesten gewinnen lassen und könnten so das Interesse anderer Kolleginnen und Kollegen an der Schule anregen. Die Zahl der Interessierten, der Willigen und der Zögerer ist in einem Kollegium in der Regel größer als die der Unwilligen und Verweigerer. Man könnte mit diesem System sicherlich eine große Zahl von Lehrkräften erreichen.

Für die Lehrkräfte, welche die erste Schulung durchlaufen haben, sollte es in regelmäßigen Abständen Möglichkeiten geben, sich zu treffen und auszutauschen, über das Vernetzen über das Internet hinaus.

Nach dem ersten Durchgang sollte später man einen weiteren Durchgang machen, der dann stärker auf fachspezifische Möglichkeiten des Unterrichts mit mobilen Endgeräten und dem Internet ausgerichtet ist. Sicherlich werden Lehrkräfte schon auf eigene Faust Möglichkeiten erkundet haben und diese einbringen können.

Fortbildung die Akteure

Um die Praxisseminare durchführen zu können, braucht es natürlich auch Personal, welches selbst in der Lage ist Unterricht entsprechend durchzuführen. Daran mangelt es momentan definitiv. Aus diesem Grunde würde ich zunächst alle Fachmoderatorinnen und Fachmoderatoren entsprechend schulen. Sie müssen ohnehin für ihre Fortbildungen in Zukunft in der Lage sein, das Thema zu integrieren. Ich würde für diesen Personenkreis die Schulungen noch deutlich ausführlicher vornehmen. Es wäre natürlich günstig, wenn diese Personen auch an ihren Schulen entsprechend praktische Erfahrungen sammeln könnten, um das, was sie in der Fortbildung gelernt haben, umzusetzen und zu vertiefen. Man hätte dann die Medienberater und die Fachmoderatoren, um die Praxisseminare durchzuführen. Das sollte ausreichen, um die Wochenstunden abzudecken, die es braucht für ein einwöchiges Praxisseminar.

Die Zukunft

Sobald neue Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Studium und anschließend im Referendariat entsprechend ausgebildet werden, könnte die Fortbildung wie beschrieben eingestellt werden. Man würde dann neue Entwicklungen über regionale Netzwerktreffen, Edu Camps oder ähnlich an die Lehrerinnen und Lehrer herantragen und so die weitere Entwicklung der Schulen anstoßen.

Umsetzung vor Ort

Ich könnte mir vorstellen, dass sich diese Idee in der Praxis durchaus umgesetzten lässt. Zu klären wäre dafür, wer den Raum oder eventuell die Räume und die Kosten für die Ausstattung und den Betrieb trägt. In meinem Kreis gibt es sieben Kommunen. Wenn hier beispielsweise der Kreis einen Raum am Berufskolleg zur Verfügung stellte und die Infrastruktur (WLAN und Internetanbindung) und die Kommunen jeweils 1.000 € beisteuerten für die Ausstattung, dann wäre diese Idee finanziell umsetzbar. Da das Berufskolleg ohnehin technisch gut ausgestattet ist und bezüglich der IT betreut wird, könnte dieser eine Raum problemlos mit betreut werden. Denkbar wäre auch, dass der Raum vom Medienzentrum zur Verfügung gestellt wird. In größeren Städten mit großen Medienzentren nutzen Medienberater diese Räume schon lange für Fortbildungen. Das Kompetenzteam würde das Personal stellen. Die Freistellung von Lehrkräften für das Praxisseminar für eine ganze Woche wird für die Schulen nicht einfach sein und je nach Größe zu Belastungen führen. Es wäre ja im Prinzip so, als wäre auf Dauer einer Woche eine Lehrkraft krank, fehlt und muss vertreten werden. Normal müssen Schulen das irgendwie auffangen. Hier müsste vom Land Unterstützung kommen durch zusätzliche Lehrkräfte.

Würde sich meine Idee umsetzen lassen, wäre der Anschub für den digitalen Wandel in unseren Schulen sicherlich deutlich größer, als wenn man die Veränderung über Fortbildungen, wie ich sie zur Zeit in der Praxis erlebe, in Gang setzen will. Bei mir am Kreis werde ich mal werben für die Idee. Vielleicht zerplatzt meine Vorstellung wie eine Seifenblase, keine Ahnung, einen Versuch ist es mir aber Wert.

5 Mrd. € DigitalPakt#D sorgt für Goldgräberstimmung

Posted in Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Oktober 13, 2016

Es ist schon interessant, welche Welle Frau Wanka mit ihrer Ankündigung des DigitalPakt#D lostritt. Um 5 Mrd. € geht es, die für 40.000 Schulen bis 2021 vom Bund bereitgestellt werden sollen. Überall bricht mit einem mal eine digitale Goldgräberstimmung aus und dabei sprechen wir bisher nur von einer Ankündigung. Man meint, das Geld schon zu riechen, doch es ist noch nicht einmal in der Haushaltsplanung des Bundes vorgesehen, zumindest offiziell noch nicht. Und dann ist da noch das  rechtlich wackelige Konstrukt des Artikel 91c im Grundgesetz, welches eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Informationstechnik zulasse, wo eine Kooperation sonst verboten ist.

In Regierungskreisen muss da schon länger etwas in Planung gewesen sein, denn schon im Mai 2015 meinte Prof. Dr. Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund als er auf einer Veranstaltung in Münster (Schulträgertagung, 29. April 2015) die Ergebnisse von ICILS vorstellte, die Koalition plane ein Milliardenprogramm. Er fügte jedoch auch direkt dazu, wenn dieses so liefe wie das Programm zum Ganztag, wo mit den Geldern überall einfach nur Mensen gebaut wurden, dann könne man es direkt vergessen. Das Video (51 min.) ist übrigens sehenswert, da es viele der aktuell diskutierten Punkte zur Umsetzung des DigitalPakt#D anspricht.

5 Mrd. € ist eine Menge Geld. Wie einige ausgerechnet haben, ist es dann auf die einzelne Schule gerechnet doch nicht so viel und dann ist ja noch die Frage, wie viel tatsächlich vor Ort ankommen wird. In der Industrie reibt man sich sicher schon die Hände. Wie es scheint, waren ja auch Experten aus diversen Stiftungen an der Erarbeitung des Programms nicht unwesentlich beteiligt.

Das DigitalPakt#D Programm soll zwar erst 2017 starten, doch schon bringen sich die verschiedenen Player in Position. Claims sind abzustecken. Wer kann was und wer soll was? Zuständigkeiten werden im Konzept zwar angesprochen, müssen für die Praxis jedoch noch genau ausgelotet werden. Der Bund, die Länder, die Kommunen, die Schulen, es ist ein weites Feld. Absprachen sind erforderlich, über Ländergrenzen hinaus. So sollen sich die Länder „auf ländergemeinsame technische Standards“ verpflichten. NRW ist gerade dabei Logineo NRW zu installieren. Das ist ein Standard, von dem noch nicht einmal sicher ist, ob sich die Schulen und Schulträger in NRW darauf einlassen werden, und nun soll ein ländergemeinsamer Standard her. In Hamburg nutzt man auch Logineo, doch kann NRW diesen Standard länderübergreifend einbringen? Auch das Hasso Plattner Institut scheint schon in Position mit der School-Cloud. Mit einem Pilot-Forschungsvorhaben hat man sich bereits versucht, einen vorderen Platz zu sichern. Es werden aber auch andere Player aus der Industrie nicht untätig warten, denn es lockt die Aussicht auf große Aufträge. Microsoft, Bertelsmann, die Schulbuchverlage, Plattformbetreiber, Hardwarehersteller, alle wollen dabei sein. 5 Mrd. auf 5 Jahre und damit wird es nicht enden, denn Hardware muss aktualisiert werden, Lizenzen für Software und Inhalte laufen nicht ewig. Wenn DigitalPakt#D funktioniert, dann zieht das Folgekosten hinter sich her, über die sich jetzt noch keiner Gedanken macht. Bildung kostet Geld und billiger als aktuell wird es ziemlich sicher nicht werden, eher teurer.

Es wird definitiv spannend werden. Schulen sollen ein überzeugendes Konzept vorlegen. Dieses ist Voraussetzung für die Förderung. Alternativ kann es auch ein Konzept des Schulträgers sein. Und damit nicht „einzelne Schulen mit der Erstellung eines Medienentwicklungskonzeptes überlastet sind,“ ist es möglich, dass die Schulträger ein Konzept entwickeln und entsprechend sinnvolle zentralisierte Strukturen aufbauen, die dann gefördert werden. (Wenn ich da an meinen Schulträger denke, dann wird man dort direkt für die Schulen entscheiden und den Schulen eine Struktur überstülpen.) Entsprechend bringt sich deshalb in NRW die Medienberatung in Position. Zu Gute Schule 2020 kommt nun noch der DigitalPakt#D hinzu. Schulen und Schulträger sind zu beraten, eine Herkulesaufgabe, die da auf die Medienberaterinnen und -berater zukommt. In anderen Bundesländer wird es bei den entsprechenden Institutionen ähnlich sein. Da sich viele Schulen bisher noch nicht auf den Weg gemacht haben und nicht mehr vorweisen können als PC-Räume, Medienecken, ein paar interaktive Whiteboards, ein wenig Schulung zum Handling von Office Anwendungen und Prävention, mit Medienkonzepten, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind, ist der Beratungsbedarf entsprechend hoch. Wer etwas abhaben will vom Kuchen, muss ein Konzept vorlegen können „zur Umsetzung digitaler Bildung auf Basis vorab festgelegter Kriterien.“ (Welche Kriterien dieses sind, wer sie festlegt und wer die Einhaltung prüft, ist scheinbar noch offen.)

Wie der DigitalPakt#D bei den Schulen selbst ankommen wird, muss man sehen. Ich vermute mal, die armen Lehrerinnen und Lehrer, von denen sich viele gerade in den wohlverdienten Herbstferien befinden, sehen eine riesige Lawine auf sich zu rollen, eine Lawine, deren Dimensionen sich nicht abschätzen lassen für den Einzelnen. Viele Schulen konnten sich dem Wandel bisher entziehen. Auf die altbewährte Art und Weise ging es ja auch noch immer. Diese Zeiten werden nun endgültig vorbei sein schätze ich. Sich dem Sog der digitalen Welt zu entziehen, wird nicht länger gelingen. Die Digger schnüren ihre Ranzen, packen die Werkzeuge und beladen die Wagen. Sie sind bereit, ihre Pfosten einzuschlagen und ihre Claims abzustecken, in jeder Schule, an jedem Arbeitsplatz, in jedem Klassenzimmer, in jeder Schultasche. Es riecht nach Gold …

 

#chat16 – Nachlese – Teil 1 – MIFD

Posted in Individuelle Förderung, Schulentwicklung, Tools by damianduchamps on Oktober 9, 2016

Nachdem ich mir einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten gegeben hatte, war ich tatsächlich auch meiner Höhle gekommen und hatte mich aus dem südlichen Sauerland auf den Weg nach Hattingen gemacht. Es hat sich gelohnt, wie ich finde. Hier meine Nachlese.

MIFD (Modell individuelle Förderung digital)

Diese Session war für mich persönlich der größte Gewinn, da das Modell, welches Jan Hambusch (@teachham) und Tobias Rodemerk (@integrate2learn) vorstellten, mich bei meiner Arbeit ein ganzes Stück weiterbringen wird.

Infos über das Modell und einen Download des Posters mit dem Modell gibt es unter integrate2learn.de.

Gemäß der Vorgabe:

Frage nicht, „Welche App kann ich in Mathe verwenden?“ Frage: „Wie kann ich meinen Unterricht mit Tablets verändern?“

entstand ein Modell mit drei zentralen Handlungsfeldern für die individuelle Förderung mit digitalen Tools. Eine Grundlage bei der Erarbeitung des Modells war die Hattie Studie, worin die Wirksamkeit verschiedener Faktoren für das Gelingen von gutem Unterricht untersucht wurde. Die drei zentralen Elemente guten Unterrichts sind demnach die Klassenführung, die Diagnose und die Lernzeitgestaltung. Jedem dieser Elemente ist im Modell eine Handlungsebene untergeordnet mit jeweils drei Elementen, die um ihre Effektivität nach John Hattie ergänzt sind. Der Handlungsebene sind jeweils in einem weiteren Ring Eigenschaften von Apps zugeordnet und was diese zur Umsetzung der Handlungen auf der Handlungsebene beitragen können. Auf der äußersten Ebene, dem äußeren Ring, werden dann Apps aufgeführt, welche diese Eigenschaften haben. Berücksichtigt wurde bei der Auswahl der Apps auch das Kriterium Datenschutz. Über Ringe um die Apps in grün, gelb und rot wird markiert, ob sich die Apps in Bezug auf Datenschutz der Schüler ohne Bedenken einsetzen lassen, nur mit Einschränkungen oder ob die Risiken vielleicht zu hoch sein könnten.

Die Vorstellung des Modells beschränkte sich nicht auf dieses selbst, sondern wurde mit praktischen Beispielen fortgeführt. Am Beispiel verschiedener Apps/Online Tools wurde das Modell in Ausschnitten beleuchtet.

Ein Beispiel war etwa no red ink, welches Jan Hambusch im Englischunterricht am Berufskolleg einsetzt. Vorgestellt wurde auch formative als eine Möglichkeit für Lehrer, unmittelbares Feedback zu einer Aufgabe zu geben, während die Schüler daran arbeiten. Das Schöne dabei ist, dass der Lehrer die Arbeit aller Schüler direkt im Blick hat und sofort Unterstützung anbieten kann. Ein Tool wie dieses könnte Lehrer dazu verleiten, direkt Druck auf Schüler auszuüben, wenn diese nicht sofort mit der Arbeit beginnen oder eine Zeit lang nichts tun. Klar, dass dieses keine zuträgliche Idee wäre.

In seinem Englischunterricht lässt Jan Hambusch auch Videos erstellen. Hier nutzt er dann Coach’s eye Feedback durch eine direkte Annotierung im Video zu geben. Dieses sei deutlich effektiver als ein Feedback im Anschluss, da man so die Rückmeldung direkt an der Stelle gibt, wo sie inhaltlich hingehört.

Ein Beispiel für Audiofeedback am Beispiel Englischunterricht gab es ebenfalls. Schüler hatten den Auftrag, etwas zu sprechen und dieses aufzunehmen. Feedback erhalten sie durch ihre Mitschüler, mit denen sie ihre Aufnahme teilen, ebenfalls im Audioformat. Dieses sei sehr effektiv, meinte Jan Hambusch, da Schüler sehr wohl in der Lage seien, Fehler bei ihren Mitschülern zu erkennen. Die im Beispiel genutzte App war eine iPad App, Opinion Podcast, die eigentlich für das Erstellen von Podcasts gedacht ist. Sie bietet aber auch die Möglichkeit, Aufnahmen zu teilen. Das Verfahren ist auch mit anderen Apps möglich, solange sie eine Funktion haben, die eine Weitergabe der Aufnahme an andere erlaubt.

MIFD, das Modell individuelle Förderung digital, stellt für mich das erste umfassende und sachlich fundierte Konzept dar, individuelle Förderung in der Schule mit digitalen Möglichkeiten systematisch zu integrieren. Die Möglichkeiten, die sich für Unterricht bieten, sind enorm, und wer nach dem berühmten Mehrwert des Einsatzes von digitalen Tools im Unterricht sucht, der muss blind sein oder ideologisch völlig anti digital verbohrt, wenn er/sie ihn hier nicht erkennt.

Mir wird das Modell nicht nur bei der Weiterentwicklung meines eigenen Unterrichts wertvolle Anregungen bieten, sondern auch bei meinen zukünftigen Beratungen  von Schulen und Fortbildungen von Lehrern eine wichtige Rolle spielen.

Weitere Lektüre: MIFD in der Praxis: Diagnose und Selbsteinschätzung

Lehrerfortbildung ohne ICT geht gar nicht

Posted in Alltag, Kompetenzen, Schulentwicklung by damianduchamps on August 15, 2016

In einem Video mit Will Richardson – TTT#342 Why School? with Will Richardson – in dem es auch um seine Schrift „Why School?“ geht, äußert er einen Gedanken, den ich sehr wichtig finde, wenn man sich mit dem Einsatz digitaler Endgeräte wie Tablets im Unterricht auseinandersetzt. Lehrer, so fordert er, müssten sich erst einmal für ein oder zwei Jahre selbst als Lernende vertraut machen mit den Geräten und Möglichkeiten, bevor sie diese im Unterricht einsetzen und Schülern in die Hand geben. Lehrer müssten selbst damit vertraut sein, sicher damit umgehen können und sie kompetent als Werkzeuge in ihrem eignen Lernen einsetzen können. Wenn der Lehrer selbst Lernender ist mit digitalen Werkzeugen, so Richardson, kann er besser beurteilen, wie man diese in einem Lernkontext mit Schülern einsetzt. Sonst würden es letztlich nur digitale Arbeitsblätter sein oder dass die Hausaufgaben auf einer Webseite hinterlegt werden. Richardson ist der Meinung, dass Schulen viel zu wenig darin investieren, ihre Lehrer mit den Geräten vertraut zu machen.

Viele Lehrer sind digitale Dünnbrettbohrer

Leider verhält es sich so, dass viele Lehrer wenig kompetent im Umgang mit digitalen Endgeräten sind, und das meint nicht nur die älteren Lehrkräfte. Auch bei jüngeren beobachtet man immer wieder, dass die Kenntnisse sehr oberflächlich sind. Im schulischen Kontext reicht es in der Regel für das Erstellen von sehr einfachen Arbeitsblättern und das Führen von Notenlisten. E-Mail nutzt man für Dienst-Mails notgedrungen. Man kann im Computerraum oder am interaktiven Whiteboard auch noch Videos von YouTube zeigen und eine Recherche durchführen. Vielleicht kann man Schülern auch noch Grundlagen einer Powerpoint Präsentation vermitteln. Damit endet es bei vielen dann auch schon. Die Lehrer, mit denen ich zu tun habe, nutzen Computer und das Internet nicht, um selbst damit zu lernen.

Wer nicht selbst kompetent ist, wird ICT auch eher nicht im Unterricht nutzen

Wer sich selbst nicht sicher fühlt, wird im Unterricht lieber beim Bewährten bleiben. Warum soll man sich auf etwas einlassen, was zu Misserfolgen und Frustration führt? Warum soll man etwas nutzen, von dessen Nutzen man nicht überzeugt ist, weil man selbst keine positiven Erfahrungen damit gemacht hat? Wie soll man, selbst wenn man willig ist, digitale Werkzeuge im Unterricht gewinnbringend einsetzen, wenn man nicht weiß wie? Ich denke, es liegt bei Lehrkräften in der Regel nicht am mangelnden Willen, doch man kann es nicht und weiß nicht, was möglich ist. Natürlich kann man gemeinsam mit den Schülern lernen, wie Ulf Blanke (@ulfblanke) richtig sagt. Doch wer schon über ausreichend Erfahrungen verfügt, wer den Schülern zumindest in einigen Bereichen einige Schritte voraus ist, der wird erfolgreicher sein. Für jemanden der selbst über eine gute Kompetenz verfügt, sagt es sich „Schüler und Lehrer können auch gemeinsam lernen“ sehr leicht. Man darf dabei nicht vergessen, dass auch Schüler das Lernen mit dem Internet nicht erfunden haben. Sicher können sie YouTube nutzen, um Anleitung zum Lösen von Problemen zu finden. Das ist aber nicht alles. Es passt darüber hinaus nicht zum Selbstverständnis vieler Lehrkräfte, sich ohne ausreichenden Hintergrund in neue Fahrwasser zu begeben. Es könnte zu vieles schief gehen, so die Sorge.

Lehrerfortbildungen sind so 1.0

Als ich das Video mit Will Richardson sah und seine Forderung nach dem Vertrautmachen von Lehrkräften mit Tablets bevor sie es Schülern in die Hände geben, hörte, dachte ich sofort an die Lehrerfortbildungen im Land und die diversen offiziellen Kongresse, so wie ich sie zumindest aus NRW kenne. Die digitalen Möglichkeiten werden dort so gut wie gar nicht genutzt. Dass auf einem Kongress für die Schulträger, Medienzentren und Medienberater etwa eine Twitterwall als Backchannel genutzt wird oder eine Möglichkeit der gemeinsamen Dokumentation über ein Etherpad, darauf wartet man vergebens. Lediglich der Vortragende nutzt Notebook und Projektor, vielleicht noch mit Internetanschluss.

Nicht viel anders verhält es sich bei vielen offiziellen Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer durch die Moderatoren der Kompetenzteams. Die Moderatoren nutzen vielleicht digitale Präsentationstechniken und einige sehr wenige Teilnehmer machen vielleicht Notizen auf Notebook oder Tablet. Darauf beschränkt sich dann der Einsatz digitaler Werkzeuge. In Arbeitsphasen werden bekannte Moderationstechniken genutzt, wie sie bei den Moderatorenschulungen vermittelt werden, Platzdeckchen, Plakat erstellen, Museumsrundgang, Karten beschriften und an eine Pinnwand heften. Und um die tollen Ergebnisse zu sichern, macht hinterher vielleicht noch jemand ein paar Fotos. Wenn ich das als Teilnehmer erlebe, denke ich, ich bin im Schul-Museum.

Keine Lehrerfortbildungen mehr ohne digitale Werkzeuge

Sicher gibt es auch Ausnahmen von den geschilderten analogen Zuständen in der Lehrerfortbildung, etwa in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Allerdings geht es dort vor allem um den Einsatz digitaler Möglichkeiten im Unterricht. Lehrer probieren aus, was sie mit ihren Schülern machen können. Das ist schon ein Stück besser als gar nichts. Wenn Lehrer kompetent werden sollen in der Nutzung digitaler Werkzeuge zum gestalten eigener Lernprozesse, und das müssen sie, dann müssen sie eine Möglichkeit bekommen, zumindest eine Grundkompetenz zu erhalten. Von da aus müssen sie sich selbst auf den Weg machen, sich mit Kollegen vernetzen und gemeinsam mit den Schülern lernen.

Bei der Sache gibt es natürlich einen Haken. Auch die Moderatoren sind mehrheitlich nicht kompetent in der Nutzung von digitalen Werkzeugen für das eigene Lernen. Das schlägt sich nicht nur im Fehlen dieser Thematik in den Inhalten der fachlichen Fortbildungen nieder, sondern eben auch in der Gestaltung der Fortbildungen selbst.

Folglich müsste man zunächst die Moderatoren selbst kompetent machen. Da die meisten von ihnen selbst Lehrerinnen und Lehrer an Schulen sind, sollten sie die beste Unterstützung bekommen, dass sie an ihren Schulen auch digitale Werkzeuge im Unterricht nutzen können. Nur dann werden sie als Lernende und Lehrende die notwendigen Kompetenzen erlangen. Im nächsten Schritt könnten sie dann ihre Fortbildungsmodule überarbeiten und ihr Portfolio an Moderationstechniken auf digital umstellen.

Im letzten Schritt bilden sie dann unter Einsatz von digitalen Möglichkeiten Lehrende weiter und helfen ihnen so nicht nur fachlich auf den Weg, sondern auch dabei, selbst zu Lernenden zu werden, die in der Lage sind die digitalen Möglichkeiten für sich zu nutzen, womit sie in die Lage versetzt werden, diese Möglichkeiten auch in ihrem eigenen Unterricht einzusetzen und dabei ihren Schülern lernendes Vorbild sind.

Selbiges gilt im Prinzip auch für die Lehrerausbildung an Universitäten und Seminaren. Es wird leider nicht reichen, wenn man Informatik zum Gegenstand jeglicher Lehrerausbildung macht, denn die kann man sich auch noch aus Bücher aneignen.

Zuverlässiger Internetzugang ist absolute Bedingung für den Unterricht im digitalen Zeitalter

Posted in Medienwelt, Schulentwicklung by damianduchamps on August 2, 2016

Aus eigener oft leidvoller Erfahrung weiß ich, wie wichtig ein zuverlässiger und stabiler Internetzugang für den Unterricht mit digitalen Tools ist. Sicher kann man auch auf einem einzelnen Gerät arbeiten ohne Internetzugriff oder im lokalen Netz der Schule, doch ohne einen aktiven Zugang zum Internet ist vieles nicht möglich. Viele Anwendungen setzen auf Vernetzung, vermutlich sogar die Mehrheit. Ohne den Server im Internet sind sie in ihrer Funktionalität meist extrem eingeschränkt oder sogar überhaupt nicht zu nutzen. Padlet oder Kahoot wären Beispiele für letzteren Fall. Das gleiche gilt für viele LMS, außer sie liegen auf dem Schulserver im Schulgebäude.

Wer seine Unterrichtsstunden mit dem Einsatz von Tablets, Laptops, Smartphones und interaktivem Whiteboard plant, setzt ein funktionierendes Internet voraus. Mit der Verfügbarkeit des Internetzugangs steht und fällt jedoch die geplante Stunde. Die Verbindung ins Internet muss deswegen verlässlich verfügbar sein, so wie das Wasser, welches aus der Leitung kommt oder der Strom aus der Leitung.

Erlebt man als Lehrer mehrfach, wie eine geplante Stunde am fehlenden Internetzugang scheitert, wird man in Zukunft lieber komplett verzichten. Natürlich kann man improvisieren, doch immer wieder macht man das nicht. Fehler suchen können auch nur die technisch versierten Lehrenden, aber auch das geht nur begrenzt, da es oft viel Zeit braucht, während der die Schüler etwas zu tun haben müssen. Von daher muss jede Schule über einen absolut verlässlichen Internetzugang verfügen. Technisch ist das einfach zu lösen, durch mehrere Zugänge. Im Idealfall hat jede Schule mindestens zwei Internetzugänge. Diese sollten am besten unterschiedliche Techniken und Anbieter nutzen. Viele Schulen haben einen Telekom@School Anschluss (DSL). Diesen kombiniert man idealerweise mit einem Kabelanschluss. Ist dieser nicht verfügbar, kann es auch ein anderer sein, je nachdem, was verfügbar ist, Richtfunk, mobiles Internet (LTE/4G), Freifunk, Meshnetzwerk, Satellit, …  . Es sollten nach Möglichkeit nur nicht zwei Anschlüsse sein, welche die gleiche „Leitung“ nutzen, wie oft bei DSL der Fall. Ein weiterer Vorteil der Bündelung von einem oder mehreren Anschlüssen ist neben der Ausfallsicherheit die stärkere Gesamtleistung des Internetzugangs.

Sicher werden manche Schulträger die Sinnhaftigkeit eines Doppel- oder Mehrfachanschlusses bezweifeln. Die Argumente haben Schulen aber auf ihrer Seite. So wie auch für viele Firmen eine hohe Ausfallsicherheit unverzichtbar ist, so trifft dieses auch für Schulen zu, wenn sie ihren Unterricht mit digitalen Tools gestalten. An den Kosten kann es eigentlich nicht scheitern. Im Budget für eine Schule im Sekundarbereich macht ein Internetzugang den geringsten Anteil aus. Bei kleinen Grundschulen mag das anders allerdings aussehen.

Auch die Technik ist verfügbar. Die Bündelung (engl. bonding) mehrerer Anschlüsse kann direkt im Server erfolgen über mehrere Karten und entsprechende Software oder wesentlich einfacher durch ein Zusatzgerät. Mushroom bietet beispielsweise ein solches an, welches mit zusätzlichen Online Dienstleistungen betrieben werden kann (und ohne). Für Schulen sollte die Hardware ohne zusätzliche Online-Services reichen. Das Gerät kann bis zu 8 Leitungen verschiedener Anbieter und Übertragungswege bündeln.

Fazit: Bei der Ausstattungsplanung für einen Unterricht mit digitalen Tools, die ohne eine Nutzung des Internets auf Dauer kaum Sinn macht, sollte auf jeden Fall eine zuverlässige Anbindung der Schule ans Internet berücksichtigt werden. Selbst für Schulen in Regionen mit schlechter Internetanbindung kann die Bündelung verschiedener Anbieter Sinn machen, auch um die Breite der Anbindung zu erhöhen.

Selbstverständlich ist für einen gelingenden Unterricht mit Informations- und Kommunikationstechnologien von technischer Seite die Zuverlässigkeit im schulischen WLAN und den anderen technischen Komponenten ebenfalls eine absolut unabdingbare Voraussetzung, die bei der Planung zu berücksichtigen ist.


Mehr Informationen zum Thema findet man auch unter Stichworten wie „multi wan“, „multiple wan“, „dual wan“ und „link aggregation“. Man unterscheidet verschiedene Techniken, wie mit Anfragen von Clients ins Internet umgegangen wird. Wird load balancing genutzt oder nicht? Für Linux Server gibt es Software Bundle, die sich auf mulitiple wan verstehen. Auf all diese Technologien soll hier jedoch nicht eingegangen werden. Siehe auch Kanalbündelung bei Wikipedia (und etwas ausführlicher Channel Bonding in der englischsprachigen Wikipedia).

 

 

 

 

 

Schule – Chaos mit Ansage, System ohne System


Posted in Schulentwicklung, Schulpolitik by damianduchamps on Mai 15, 2016

Dieser Tage hatte ich mit dem System Schule mal wieder ein Erlebnis, welches bei mir das Fass zum überlaufen brachte, wo ich tatsächlich mal wieder mit dem Gedanken spielte, alles einfach hinzuschmeißen.

Ich bin in der Lehrerfortbildung tätig und dafür mit einigen Stunden entlastet. Nun hat man mir angeboten, meine Entlastung auszuweiten. Ich könnte also mehr Stunden in der Fortbildung tätig sein und würde dafür weniger unterrichten. Bisher war so etwas relativ einfach geregelt. Man sprach sich mit der Leitung des Kompetenzteams, welche die Fortbildung vor Ort regelt, ab, diese beantragte entsprechende Stunden bei der Bezirksregierung und wenn alles in Ordnung war, bekam man die zusätzlichen Stunden genehmigt. Das geht jetzt nicht mehr. Jetzt muss ich mich bewerben, „mit den üblichen Unterlagen,“ und dann zu einem Bewerbungsgespräch zur Bezirksregierung fahren. Selbst wenn ich, der ich einige Jahre in der Fortbildung tätig bin, meine Tätigkeit dort nur um zwei Stunden erweitern möchte, muss ich diese Prozedur über mich ergehen lassen. Wer sich das bei der Bezirksregierung ausgedacht hat, dem sollte man dafür mindestens das Bundesverdienstkreuz verleihen. Letztlich ist dieses Erlebnis aber nur symptomatisch für das Chaos in unserem Schulsystem.

Nun ja, so kam also der ganze Frust mit diesem System in mir wieder einmal hoch. Und das hat Gründe, denn ich bin zwar auch nur ein Rad im Getriebe, doch ich habe Augen und Ohren und bin, auch durch dieses Schulsystem, zu Kritik erzogen worden. Zum Glück.

Als ich 1970 als Erstklässler das erste Mal mit Schule zu tun hatte, war das Schulsystem noch weitestgehend in Ordnung. Es war ein System, welches bundeseinheitlich ziemlich gleichförmig angelegt war, dreigliedrig und zumindest vom Prinzip her durchlässig nach unten wie nach oben. Überall begann man mit der ersten Fremdsprache in der Klasse fünf und mit der zweiten in der Klasse sieben. Nach und nach wurde überall der Abschluss der Klasse zehn eingeführt, auch wenn ein Hauptschulabschluss nach Klasse neun weiterhin möglich war. Aber es zeichneten sich bereits erste Versuche an, das System aufzubrechen. Die Gesamtschule wurde eingeführt. Chancengleichheit für alle, war die Losung. Grundsätzlich war das sicher keine schlechte Idee. Auch die katholische Tochter vom Lande oder der Sohn des Arbeiters sollte die Gelegenheit erhalten, das Abitur zu machen und zu studieren. Was aber im Laufe der Jahrzehnte daraus wurde, ist schlichtweg eine Katastrophe.

Wirklich besser wurde wenig. Auch wenn nach außen hin zunächst noch alles ziemlich gleich war, begann das System auseinander zu driften. Ein Abitur aus Nordrhein-Westfalen galt zum meiner Abi-Zeit in Bayern nichts. Wer sein Abitur in einer Gesamtschule in Nordrhein Westfalen ablegte, lag im Stoff deutlich hinter einem Abiturienten vom Gymnasium zurück.

Schule entwickelte sich im Spannungsfeld der parteipolitischen Ideologien, auf Landesebene bis hinunter in die Kommunen. In den CDU und CSU regierten Bundesländern blieb man eher konservativ beim bewährten System und setzte auf Leistung und Elitenförderung. In den SPD-regierten Bundesländern war man dagegen deutlich experimentierfreudiger. Das Mantra, unter dem das geschah, lautete „Chancengleichheit.“ Immer wieder wurde in den SPD Ländern mit oft zweifelhaftem Erfolg versucht, die Dinge zum Besseren zu verändern. Die Gesamtschule kam ins Spiel. Schulversuche und Leuchtturmprojekte blieben in der Regel allerdings ohne Folgen, weil sich die dahinter liegenden Konzepte auch bei erfolgreichen Ergebnissen, politisch nicht durchsetzen ließen. Viele junge motivierte Lehrer wurden so im Laufe der Jahre verheizt. Man ließ sie neue Konzepte auszuarbeiten, Lehrpläne schreiben usw. bis sie lernten, Reformen einfach auszusitzen. Diese Generation Lehrer ist mittlerweile fast komplett im Ruhestand und die meisten sind froh darüber. Aus ihrer Sicht hat sich das Schulsystem im Laufe der Jahrzehnte in unserem Land nicht verbessert.

Wenn man die Entwicklung über die vielen Jahre beobachtet, hat man das Gefühl, das System Schule driftet mehr und mehr auseinander. Aus dem einst relativ einheitlichen System ist mittlerweile etwas geworden, wo es schwierig ist, überhaupt noch von einem System zu sprechen. Vor wenigen Jahren hieß es einmal im Spiegel, dass wir in Deutschland mittlerweile über 50 verschiedene Schulformen haben, zumindest dem Namen nach. Mit der Einführung von G8 ist alles nur noch chaotischer geworden. In manchen Bundesländern beginnt man nun mit der zweiten Fremdsprache bereits in der sechsten Klasse. In anderen ist man bei der Klasse sieben geblieben. Familien, die von einem Bundesland in ein anderes wechseln wollen, werden dadurch vor enorme Probleme gestellt. Viele Kinder müssen ein Jahr wiederholen, weil sie das erste Jahr der neuen Fremdsprache verpasst haben. Wer von einer Hauptschule oder einer Realschule zum Gymnasium in die Oberstufe wechselt, muss bei einem G8 Gymnasium die Klasse zehn wiederholen, da diese dort bereits zur Oberstufe zählt.

Das G8 war von seiner Grundidee sicherlich in Ordnung. Man wollte eine Angleichung an andere Länder in Europa. Doch wie so oft in diesem System Schule scheiterte das alles am System selbst. Damit G8 funktionieren kann, mussten die Schulen ihre Lehrpläne in den einzelnen Fächern reduzieren. Ganz wenigen Schulen gelang dieses. Bei der Mehrheit der Gymnasien funktionierte es überhaupt nicht. Keine Fachschaft war dort bereit, etwas zu streichen. Das sollten gefälligst die anderen tun, die weniger wichtigen Fächer. Und so wurde der Schwarze Peter hin und her geschoben und zum Schluss wurde gar nichts gestrichen. Die Leidtragenden sind die Schüler und die Familien. Gestiegener Druck und weniger Freizeit sind eine Folge. Irgendwann erkannte auch die Politik, dass es so nicht weitergehen konnte. An vielen Stellen kam zudem der Wunsch auf, wieder zurück zu G9 zu gehen. Wo die Politik es dann zuließ, wechselten tatsächlich Gymnasien wieder zurück zu G9. Gleichzeitig versuchte man für die G8 Gymnasien die Situation zu entschärfen. Anstelle der Reduktion im Stoffumfang, den die Gymnasien nicht geschafft hatten, setzte man jetzt bei den Hausaufgaben an. Weniger Hausaufgaben. Ob das nun zu einem Erfolg geführt hat, darüber hat man bisher nichts gehört. Ich wage, zu bezweifeln, dass die Situation sich geändert hat. Auch hier werden die einzelnen Fächer weiterhin auf dem alten Umfang der Hausaufgaben bestanden haben und den schwarzen Peter an die anderen weitergegeben haben.

Und parallel verschwinden nun nach und nach die Hauptschulen und an vielen Stellen auch die Realschulen. Stattdessen hat man hier in Nordrhein-Westfalen nun jede Menge neue Gesamtschulen und Sekundarschulen und ein paar Gemeinschaftsschulen. Letztere entstanden in dem Versuch der SPD, das Schulsystem umzukrempeln. Der Versuch scheiterte dann aber am Widerstand der CDU. Neue Gemeinschaftsschulen gab es nicht mehr nach dem Schulfrieden, doch da die gerade entstandenen Bestandsschutz haben, existieren sie weiter. Wenn man die Gesamtlage in NRW betrachtet, so entwickelt sich das System tendenziell zu einem zweigliedrigen Schulsystem. Auf der einen Seite sind die Gymnasien, welche gut 40 % aller Schüler aus den Grundschulen aufnehmen. Und dann sind da noch die anderen Schulen: Gesamtschulen, Sekundarschulen, Realschulen und Hauptschulen und die wenigen Gemeinschaftsschulen. Wirklich zweigliedrig kann das System jedoch nicht werden. Wie an verschiedenen Stellen im ganzen Land zu sehen ist, passen hier einige Sachen nicht zusammen. Es entstehen vor allem unsägliche und unnötige Konkurrenzsituationen zwischen Schulen.

Immer wieder wird deutlich, dass die gesellschaftlichen Vorstellungen von Schule mit denen der Politik nicht deckungsgleich sind. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Politik von Parteien gemacht wird, die nicht von 80 oder 90 % der Bevölkerung gewählt werden. Sie vertreten damit auch bildungspolitische Ideologien, die nur von einem kleineren Teil der Bevölkerung unterstützt werden. Hinzu kommt, dass viele Eltern, vor allem wenn sie selbst einen mittleren oder gehobenen Bildungsabschluss haben, ihre Kinder auf einem Gymnasium sehen möchten. Sie sollen später bessere Chancen haben und definitiv nicht mit den ganzen Kindern aus dem bildungsfernen Schichten auf eine Schule gehen, „nicht mit den Migrantenkindern, nicht mit den Blöden, nicht mit den Asozialen, nicht mit den Förderschülern (Inklusion ist gut, aber bitte nicht in der Klasse meines Kindes).“ Ihre Kinder sollen auf jeden Fall Abitur machen. Und außerdem klingt es ja auch viel besser, wenn man sagen kann, mein Kind geht aufs Gymnasium. Und Gesamtschulen entwickeln sich jetzt, wo die Hauptschulen wegfallen, mehr und mehr zum Sammelbecken für all jene Kinder, die eben nirgendwo anders unterkommen. Wer möchte es Eltern übel nehmen, wenn sie ihr Kind dort nicht hinschicken wollen? Der Politik scheint das aber egal. Aufgrund der rechtlichen Strukturen ist es auch nicht möglich, das Schulsystem nun tatsächlich in ein zweigliedriges umzuwandeln.

Hier bei mir vor Ort im südlichen Westfalen sehe ich das ganz deutlich. Man hat neue Gesamtschulen aufgemacht und Sekundarschulen und die Hauptschulen laufen nun alle aus. Aber die Realschulen verschwinden nicht komplett. Es wurde sogar eine in privater Trägerschaft neu eröffnet und gibt noch eine weitere in privater Trägerschaft, welche die Politik nicht einfach schließen kann. Eine andere, die geschlossen werden sollte, bleibt nun doch bestehen, zumindest vorerst. Alle können sich vor Anmeldungen kaum retten. Die Gesamtschulen und die Sekundarschule hingegen haben enorme Probleme durch diese Konkurrenz der Gymnasien und Realschulen. Ihnen fehlen die Kinder mit gymnasialer Empfehlung. Sie bekommen zum Teil nicht einmal ausreichend viele Schüler, um die Vorgaben für die Genehmigung ihrer Schulform zu erfüllen. Die Eltern stimmen mit den Füßen ab. Sie wollen die Gesamtschule nicht. Hier auf dem Land wollen die Eltern auch keinen gebundenen Ganztag. Auf die Gesamtschulen und die Sekundarschule geht nur, wer muss.

Der demographische Wandel verstärkt das Problem noch einmal zusätzlich. Die Gymnasien müssten, wenn nur Kinder mit einem über die Jahre unveränderten Leistungsniveau aufgenommen würden, eigentlich schrumpfen. Das würde für die Gymnasien jedoch weniger Mittelzuweisungen und weniger Lehrerstellen bedeuten. Verhindern können sie das nur, indem sie auch weniger geeignete Schüler aufnehmen. In Folge haben die Gymnasien nun deutlich mehr schwächere Schüler, die sie bis zum Abitur „fördern“ müssen und die restlichen Schulen, von den Realschulen abgesehen, erhalten nur noch was über bleibt und werden so immer mehr zum Sammelbecken für den traurigen Rest. Obwohl schon seit Jahren immer mehr Kinder auf die Gymnasien gehen, die in der Vergangenheit nie dort aufgenommen worden wären, steigt die Zahl der Schüler, die ihr Abitur mit eins machen. Gleichzeitig klagen aber die Hochschulen und Universitäten über immer weniger studierfähige junge Studenten. Wie passt das bitte zusammen?

Das alte dreigliedrige Schulsystem hat zu seiner Zeit sehr gut funktioniert. Es war ein Modell, welches im Großen und Ganzen den Anforderungen seiner Gesellschaft und Wirtschaft entsprach. Heute wäre dieses Schulsystem nicht mehr angemessen. Wie durch eine Vielzahl von Studien festgestellt wurde, hat unser Schulsystem die Tendenz, soziale Benachteiligungen zu verstärken. Alle Versuche, dem entgegenzusteuern, haben keine Verbesserung gebracht, sondern die Tendenz sogar noch weiter zementiert. Das dreigliedrige Schulsystem hat heute keine Berechtigung mehr. Ein Umbau war definitiv erforderlich, um das Schulsystem an veränderte gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingenden anzupassen. Leider aber war niemand in der Lage, die Fliehkräfte, welche sich aus parteiideologischen Überzeugungen, lokalpolitischen Eitelkeiten, gesellschaftlichen Veränderungen, wirtschaftlichen Anforderungen, demographischen Entwicklungen und finanziellen Sachzwängen ergaben in eine gemeinsame Richtung zu lenken, um das alte Schulsystem in ein neues kohärentes System zu überführen. Ein Grund, warum das nicht gelang, liegt in den politischen Strukturen Deutschlands begründet. Wesentlich entscheidender für die Probleme mit unserem Bildungssystem dürfte jedoch der fehlende gesellschaftliche Konsens sein, wie ein über alle Bundesländer und Kommunen hinweg einheitliches Schulsystem aussehen könnte.

Schulpolitik ist kein Schlachtfeld, auf welchem sich Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker, Menschen mit Ideologien und Eitelkeiten austoben können. Hier geht es um die Zukunft von Menschen, um die Zukunft eines Landes. Lösungen, die einen großen Teil der Gesellschaft nicht mitnehmen und über Machtpolitik, politisches Geschachere oder Schulfrieden zustande kommen, sind keine Lösungen. Das macht die aktuelle Situation wohl mehr als deutlich.

Vielleicht wäre es für die Politik endlich einmal an der Zeit, die bildungspolitischen Ideologien zu begraben und stattdessen einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, der dann gemeinschaftlich und bundesweit umgesetzt wird!

Bewundern kann man in dieser Situation, wo eine Besserung auf absehbare Zeit nicht einmal zu erwarten ist, nur die Mitbürger, die als Lehrerinnen und Lehrer täglich ihr Bestes geben, um den Schaden, den dieses System an Kindern und Jugendlichen verursacht, so gering wie möglich zu halten. Viele von ihnen, die allen Widernissen zum Trotz dieses System aushalten, sehen ihr Lehrersein noch immer als Berufung und nicht bloß als Beruf. Dass sie in diesem häufig so menschenverachtenden System oft ihre Gesundheit lassen müssen und häufiger unter Burn-out leiden als andere Berufsgruppen, wundert da nicht. Sie haben täglich mit den Unzulänglichkeiten dieses Systems zu kämpfen. Man kann es ihnen nicht hoch genug anrechnen, dass sie trotzdem ein Maximum leisten. Zu den Leidtragenden in diesem System zählt neben den Lehrern leider auch eine noch größere Zahl an Kindern, Kinder, die nicht die Schule bekommen, die sie eigentlich haben sollten.

Lehrer des 21. Jahrunderts sind die Lerner des 21. Jahrunderts

Posted in Kompetenzen, Medienwelt, Schulentwicklung, Schulpolitik, Uncategorized by damianduchamps on April 30, 2016

An vielen Stellen herrscht mittlerweile kein Zweifel mehr daran, dass das Lernen des 21. Jahrhunderts anders aussieht als es gegenwärtig noch an der Mehrheit der Schulen praktiziert wird.

Wer sich in der Bildungslandschaft umschaut, sieht, dass sich schon recht deutlich herauskristallisiert hat, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts aussieht, denn es gibt bereits Schulen, wo es praktiziert und weiterentwickelt wird. Schaut man sich die Beispiele näher an, wird aber auch sehr schnell klar, was die Akteure auszeichnet.

Sie alle selbst sind Lerner des 21. Jahrhunderts.

Es sind die André Spangs, Alicia Bankhofers, Thorsten Larbigs, Jörg Lohrers, Gerhard Bless und so weiter dieser Welt. Sie alle leben vor, wofür sie stehen, indem sie die Lernmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts aktiv nutzen, um ihre eigenen Kompetenzen zu erweitern. Das heißt, sie bauen sich ihre persönlichen Lernnetzwerke auf, suchen sich Informationen im Netz, nehmen an MOOCs teil, schauen Lernvideos, sie schreiben Blogs, podcasten, erstellen Videos, veranstalten edChats, erstellen gemeinsam Dinge, …, sie erwerben Kompetenzen und teilen sie mit anderen und wachsen dabei weiter.

Was bedeutet das für die Entwicklung des Bildungssystems selbst hin zu einem Bildungssystem des 21. Jahrhunderts?

Man kann, so denke ich, sicher davon ausgehen, dass die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer digitale Technologien nutzen, im privaten Umfeld wie in der Unterrichtsvorbereitung. Trotzdem fällt es ihnen extrem schwer, sich in Bezug auf Unterricht auf digitale Technologien einzulassen. Welche enorme Bedeutung das Lernen des 21. Jahrhunderts für Schule hat, übersteigt ihren Vorstellungshorizont sogar komplett, und das nicht ohne Grund.

Der beste Englischlehrer ist nicht nur Pädagoge, sondern beherrscht die englische Sprache perfekt, der beste Biologielehrer ist Biologe und Pädagoge und der beste Mathematiklehrer ist Mathematiker mit Leib und Seele und Pädagoge. Wer Schüler zu Lernern des 21. Jahrhunderts machen soll, muss deshalb selbst ein Super-Lerner des 21. Jahrhunderts sein. Nach modernem Rollenverständnis vermitteln Pädagogen heute schon lange nicht mehr nur Wissen, sondern auch das Lernen selbst. Und immer schon lernen Lehrer in ihrer Ausbildung auch selbst mit den Methoden, die sie hinterher als Lehrer in ihrer täglichen Arbeit nutzen sollen.

Wenn Lehrerinnen und Lehrer also nicht selbst aus eigener Praxis in der Entwicklung und Erweiterung ihrer beruflichen Professionalität erfahren haben, wie das Lernen des 21. Jahrhunderts funktioniert und welchen Gewinn es ihnen bringt, dann können sie dieses weder in ihren beruflichen Alltag integrieren noch verstehen, warum dazu überhaupt eine Notwendigkeit besteht. Dann wundert es auch nicht, wenn Schulen noch immer Smartphones verbieten und man an Schulen oft nur Einzelkämpfer findet, die mit digitalen Technologien in ihrem Unterricht arbeiten und sich auf den Weg gemacht haben, ihre Schüler die Chance gehen, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln.

Für die Praxis bedeutet dieses:

  • Die Lehrerausbildung muss so schnell wie möglich umgestellt werden, um aus Lehramtsstudenten und Referendaren Lerner des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Die Lehrerfortbildung muss umgestellt werden, um Lehrer zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu machen
  • Für den Übergang müssen Lehrer an den Schulen massiv entlastet werden, um den Raum zu erhalten, sich zu Lernern des 21. Jahrhunderts zu entwickeln

Schulen stehen gegenwärtig unter einem enormen Druck von vielen Seiten. Inklusion, Flüchtlinge, G8/G9, demographischer Wandel und gesellschaftliche Probleme, die in die Schulen schwappen, lassen unter den gegebenen Bedingungen nicht viel Luft für einzelne Themen. Mit Tafel, Buch, Stift und Heft hat Unterricht immer funktioniert und für viele Lehrer stehen deshalb digitale Technologien ziemlich weit hinten auf der Prioritätenliste. Wenn sich also etwas ändern soll, und es muss sich etwas ändern, dringend, dann braucht es einer gewaltigen gemeinsamen Anstrengung. Ohne einen Schub aus der Politik und die entsprechenden Mittel, um die Lehrerausbildung und -fortbildung wie oben beschrieben, zu verändern, wird es nicht gehen. Dafür braucht es politischen Willen. Man hörte mal etwas munkeln von einem milliardenschweren Programm aus Berlin. Das war schon 2015 und es ging wohl mehr um Ausstattung von Schulen. Von daher ist der Ausblick gegenwärtig nicht sehr optimistisch, auch wenn zu spüren ist, dass an vielen Schulen so langsam Aufbruchstimmung einkehrt in Bezug auf digitale Technologien und Unterricht.