OER – in Deutschland am Bedarf vorbei gedacht?
Setzt man sich mit der Frage auseinander, warum es mit freien Bildungsinhalten (OER) in Deutschland nicht so recht vorangehen möchte, so begegnet man unweigerlich immer wieder der Gegenfrage nach dem Warum. Vielmals wird eine Notwendigkeit für OER an sich angezweifelt. Stellt sich ein Erfolg für OER in Deutschland nur deshalb nicht ein, weil es keinen Platz hat in unserem Bildungssystem? Brauchen wir hier in der Bildungsrepublik Deutschland überhaupt OER? Und falls nun doch, wer braucht es dann, wie soll man es einordnen und welchen Stellenwert soll es haben?
Das sind sehr grundlegende Fragen, welche die gesamte Auseinandersetzung um OER in Frage stellen. Anhörungen wie die im Landtag NRW haben letztlich auch ein vorrangiges Ziel in der Klärung der Frage, ob OER überhaupt ein Gegenstand ist, welcher ein Engagement erforderlich macht. Bisher ist das Thema OER von Seiten der Politik mehr als stiefmütterlich behandelt worden, wie das quasi nicht vorhandene Engagement auf europäischer wie internationaler Ebene belegt. Böse Zungen mögen behaupten, dass dieses erfolgreicher Lobbyarbeit der Bildungsverlage geschuldet ist. Andere machen die Ursache vielleicht in der Blindheit des Systems fest.Was bleibt, ist die Frage:
Braucht Deutschland also OER oder nicht?
Eine Antwort ist vielschichtig.
Eine Frage des Geldes
Wir sind kein armes Land. Von daher werden OER in Deutschland nie den Stellenwert haben, den sie etwa auf dem afrikanischen Kontinent entwickeln, wo finanzielle Ressourcen extrem knapp sind, sowohl auf Seiten des Staates und seiner Bildungsinstitutionen als auch bei den Bürgern. In Ländern, wo Geld sowohl über die Verfügbarkeit von Bildungsinhalten als auch den Zugang zu denselben entscheidet, übernehmen OER die Rolle, Bildungsinhalte verfügbar sowie zugängig zu machen. In Deutschland brauchen OER diese Rolle nicht in gleichem Maße übernehmen. Wohl aber sind auch in unserem Land Finanzmittel höchst ungleich verteilt. Das beginnt bei den Bildungsetats der Bundesländer und Kommunen und geht weiter bei den Budgets der Schulen und Fachschaften und endet beim Einkommen der Eltern und dem persönlichen Lehr- und Lernmittelbudget der Lehrkräfte.
Beispiele für die vom Geld gesetzten Grenzen im Bildungsalltag kennt jeder, der im System tätig ist. Es sind etwa die alltäglichen Schwierigkeiten, je nach Schulform und Einzugsgebiet, wenn in der Klasse ein weiteres Arbeitsheft für Geschichte angeschafft werden soll, der Schuletat dieses nicht hergibt, das Jahresbudget der Fachschaft von 200 € es ebenfalls nicht zulässt und auch die Eltern teils große Probleme haben, das Geld aufzubringen. Oder es ist das neue Fachbuch, das nicht angeschafft werden kann, da die der Schuletat bereits durch drängendere Anschaffungen ausgeschöpft ist.
In einer Zeit, in welcher staatlich institutionelle wie persönliche Finanzmittel eher knapper als umfangreicher werden, kommen OER von daher definitiv eine ausgleichende und ermöglichende Rolle zu.
Eine Frage der Rechtmäßigkeit
Nicht zu entkoppeln von der Frage des Geldes sind das Urheberrecht und Vereinbarungen zwischen Urhebern und Nutzern in Form von Lizenzierungen, welche die Grenzen des Urheberrechts gegen Geld in bestimmten Bereichen zurücknehmen. Im schulischen Alltag mögen sich Lehrerinnen und Lehrer oftmals über diese Grenzen hinwegsetzen, etwa die persönlich erworbene Kopiervorlage im ganzen Kollegium nutzen, die Software über die Zahl der erworbenen Lizenzen hinaus installieren oder die digitalisierte Buchseite an einen Kollegen weitergeben. Dass sie dieses oftmals tun, weil das Geld knapp ist, macht daraus keine legale Sache. Es mag im Alltag zwar pragmatisch sein, doch legal und ohne schlechtes Gewissen wäre schöner. OER bieten hier einen Ausweg, der auch Lehrern in Deutschland helfen könnte.
Wir wachsen gerade hinein in ein Zeitalter zunehmender Vernetzung zwischen Lehrern in Deutschland, aber auch über Landesgrenzen hinaus, in eine Kultur des Kopierens, Teilens, Adaptierens und Remixens. Ohne OER, die nicht den engen urheberrechtlichen Fesseln der Verlagsmaterialien unterworfen sind, wird das Potential einer solchen Entwicklung kaum komplett auszuschöpfen sein. Auch hier besteht also ein eindeutiger Bedarf.
Eine Frage des Angebotes
Selbst wenn das Angebot der Verlage in manchen Bereichen schier unendlich scheint, so gibt es doch immer wieder Inhalte, die von den Verlagen mit ihren Angeboten nicht abgedeckt werden, etwa weil die potentielle Nutzergruppe keine ausreichende Größe besitzt. Englischlehrbücher für Schüler mit Förderbedarf sind beispielsweise solch ein kleiner Markt und das Angebot der Verlage ist entsprechend bescheiden. Themenhefte zur Regionalgeschichte für den Geschichtsunterricht im regionalen Kontext stellen einen noch kleineren Markt dar und das Angebot tendiert hier folglich gegen Null. Es gibt sicher noch viele Nischenprodukte, auch solche, die durchaus bundesweit Abnehmer fänden, wenn auch nur in sehr kleiner Zahl. An dieser Stelle könnten OER eine wertvolle Ergänzung zum bestehenden Verlagssortiment darstellen.
Verbreitung von Bildungsinhalten weltweit
Englisch ist eine Weltsprache und Inhalte in englischer Sprache können von daher in sehr vielen Ländern der Welt für Bildungszwecke genutzt werden, selbst wenn sie dafür in eine andere Sprache übersetzt werden. Aus diesem Grund kommt gerade englischsprachigen OER eine besondere Rolle zu. Wer OER in englischer Sprache erstellt, mag dieses zwar nicht unbedingt mit der Intention tun, damit auch Menschen in Afrika, Asien oder wo auch immer man die englische Sprache versteht, die Möglichkeit zur Nutzung zu eröffnen, doch durch die Sprache ergibt sich dieses quasi automatisch. Vor allem die reichen englischprachigen Länder in Nordamerika und Europa können so andere Länder auf dem ganzen Globus an ihren Bildungsinhalten teilhaben lassen. Da Deutsch eine Sprache mit einer weltweit eher geringen Verbreitung ist, kommt auch OER in deutscher Sprache die zuvor beschriebene Rolle so gut wie gar nicht zu. Abgesehen von der internationalen Nutzung durch Deutsch als Fremdsprache (DaF) gibt es kaum eine Nutzung und auch eine Übersetzung in andere Sprachen dürfte höchst selten sein.
Idealismus
OER haben auch etwas mit Weltverbesserung zu tun, mit dem Glauben, durch die Befreiung von Bildungsinhalten aus urheberrechtlichen und finanziellen Zwängen, die Welt und die Menschen, die auf ihr leben, ein Stück weit weiter zu bringen auf dem Weg in eine neue, bessere Gesellschaft. Dieser Gedanke des Teilhabenlassens, des Miteinander bei der Erstellung und Nutzung, des grenzenlosen Austauschs schwang bei OER von Anbeginn an mit wie etwa auch bei der Wikipedia. Bisher sind es wohl auch vermutlich überwiegend Idealisten in Sachen Bildung, die sich hier in Deutschland mit dem Thema OER auseinandersetzen und versuchen, es voranzubringen. Ein wenig mehr an Idealismus, getragen durch OER und die Möglichkeiten des Internets, ständen auch der deutschen Bildungslandschaft nicht schlecht, könnte vielleicht auch helfen, die traditionellen Einzelkämpfer aus ihren Arbeitszimmern zu locken zu einer Vernetzung über die Grenzen des Kollegiums hinaus. Letzteres ist nun aber schon sehr idealistisch
Brauchen wir also in Deutschland überhaupt OER?
Ich würde sagen, auf jeden Fall. Wenn auch die Verbreitung von Bildungsinhalten in der Welt für uns nur eine absolut untergeordnete Rolle spielt und Idealismus etwas für Unverbesserliche ist, so kann OER doch auch in Deutschland entscheidend dazu beitragen, finanzielle Benachteiligungen auszugleichen, eine urheberrechtlich abgesicherte Kultur lokaler, überregionaler und auch internationaler Vernetzung unterstützen und nicht zuletzt die Angebote der Verlage in Nischen und als Alternative ergänzen und zu fortwährender Innovation bewegen.
Auf den Punkt gebracht – warum Lehrer OER nutzen sollten
Als Antwort auf meinen Artikel zu der Frage, ob OER die Zielgruppe Lehrer in Deutschland erreicht, frage Martin Lindner auf Twitter: “gibts irgendwo eine bündige auflistung der 3 wichtigsten vorteile von OER? warum sollten sich die lehrer anders verhalten?“
Ob es eine solche kurze Auflistung gibt, kann ich nicht sagen. Für mich stehen aus der Sicht von Lehrern folgende Gründe an erster Stelle: Bezahlbarkeit, freie legale Nachnutzbarkeit für Lehrer und Schüler im Unterricht
- unbegrenzt viele Materialien ohne Budgetgrenzen/Blick auf den Geldbeutel nutzen können
- Unterricht erfolgt zwar meist auf der Basis von Lehrbüchern, doch in vielen Fächern werden diese regelmäßig um zusätzliche Materialien ergänzt. Aus zeitlichen Gründen können Lehrer diese zusätzlichen Materialen nicht alle selbst erstellen.
- Eine Lösung besteht im käuflichen Erwerb von den Verlagen. Dem Kauf setzen das begrenzte Schul- bzw. Fachschaftsbudget, die Finanzkraft der Eltern oder im Falle einer privaten Anschaffung die Möglichkeiten des eigenen Geldbeutels Grenzen. - OER können unentgeltlich genutzt werden.
- Eine weitere Lösung besteht im Ausleihen oder Kopieren von Kollegen. - Meist ist das nicht legal, außer es handelt sich um selbst erstellte Materialien. OER können legal kopiert und brauchen von daher nicht ausgeliehen werden.
- Als Lösung bietet sich auch die Suche im Netz an oder Nutzung von Materialien von Online Materialbörsen. – Die Nutzung über den eigenen Unterricht hinaus ist rechtlich nicht immer eindeutig geklärt. Ebenso wenig geklärt ist die Möglichkeit, Anpassungen vorzunehmen oder die Inhalte weiterzuverarbeiten. Mit OER ist das kein Problem.
- Materialien frei nutzen, verändern und legal weitergeben können
- Die Nutzung von Verlagsmaterialien ist immer mit Kosten verbunden und der Freiheitsgrad der Nutzung ist immer beschränkt. – OER können immer ohne finanziellen Aufwand für Erwerb oder Lizenzierung genutzt werden. Die Mehrheit der Materialien erlaubt Anpassung, Veränderung und Kombination mit anderen OER oder eigenen Materialien.
- Selbst Materialien aus Kopiervorlagen dürfen nur von dem genutzt werden, der sie anschafft. Schullizenzen erlauben weder die legale Nutzung der entsprechend lizenzierten Materialien bei einem Wechsel der Schule noch die legale Weitergabe etwa an einen befreundeten Kollegen an einer anderen Schule. - OER können von jedermann in der Schule genutzt und an andere außerhalb der Schule weitergegeben werden.
- Verlagsmaterialien können und dürfen oft nicht legal verändert werden. - OER Materialien dürfen mehrheitlich legal verändert werden.
- Verlagsmaterialien haben nur stark eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten auf digitalen Medien. - Für OER gelten keinerlei Beschränkungen bezüglich einer digitalen Nutzung per se. Sie können im Intra-Net wie im öffentlichen Internet genutzt und auch weitergegeben werden.
- Lernern/ Schülern ermöglichen, Lernprodukte legal öffentlich zugängig zu machen
- Seit das Internet in den Unterricht eingezogen ist, können Schüler ihre Arbeiten im Internet veröffentlichen, wenn dieses von Seiten der Schule ermöglicht wird. Die große Einschränkung war und ist dabei jedoch immer, dass nur Materialien verwendet werden können, die nicht durch Urheberrechte der Verlage geschützt sind, was im Fall von Schülerwebseiten vor allem Abbildungen, Filmsequenzen und Audiomaterialien meint. - Lehrer können Schülern mit OER freie Materialien anbieten, welche auch im Internet veröffentlich werden können.
Diese Beschreibung der Vorteile einer Nutzung von OER gehen von einer offenen Lizenzierung – ohne Einschränkungen, wie sie sich durch die Creative Commons Lizenz No Derivatives ergibt – aus.
Erreicht die deutsche OER Bewegung die Zielgruppe Lehrer?
Beim Thema der freien Bildungsinhalte (OER) hakt es an vielen Ecken und Enden, wenn man auf die deutsche Bildungslandschaft schaut. Nur wenige engagieren sich für das Thema, erstellen freie Bildungsinhalte, klären auf und werben. Die Zahl der Nutzer von freien Bildungsinhalten ist etwas größer, doch gemessen an der Zahl der in Deutschland am Bildungssystem beteiligten Akteure muss man feststellen – kaum jemand kennt überhaupt den Begriff oder die Idee dahinter. Das ist schon vielen in der OER Bewegung* aufgefallen, wenn sie sich in den Lehrerzimmern der eigenen Schule umhören.
Die Aktiven in der OER Szene blieben so bisher leider weitestgehend unter sich. Mit anderen Worten – die OER Bewegung schmort im eigenen Saft. Wer eine Online Veranstaltung zum Thema anbietet, predigt in der Regel zum Chor. Ich denke, genau an dieser einen Stelle liegt das Hauptproblem von freien Bildungsinhalten in Deutschland. Die eigentliche Zielgruppe, Lernende und Lehrende werden nicht erreicht. Vor allem aber Lehrerinnen und Lehrer gilt es, zu erreichen, denn sie könnten enorm profitieren von der Nutzung freier Bildungsinhalte und stellen zudem die Brücke zu den Lernenden dar, denen sie die Nutzung freier Bildungsinhalte nahebringen könnten.
Wer mit Begriffen wie OER, freie Bildungsinhalte (oder wie auch immer man OER übersetzen mag), Creative Commons und ähnlich nichts anfangen kann, wird im Berufsalltag auch nicht danach suchen. Viele Lehrerinnen und Lehrer, die ich aus meinem Berufsalltag kenne, ob aus dem eigenen Kollegium oder über Fortbildungen, nutzen das Internet regelmäßig zur Vorbereitung von Unterricht. Referendarinnen und Referendaren konnte ich dabei oft über die Schulter schauen. An erster Stelle stehen dabei wohl noch immer Arbeitsblätter zu bestimmten Themen. Auch Bildmaterial wird gesucht, um selbsterstellte Materialien zu illustrieren. Deutlich seltener gesucht werden Audio- und Videomaterialien. Extrem selten werden Materialien gesucht ,um ein eigenes Online Lernangebot zu erstellen, und nach Online Kursen zur Nutzung im eigenen Unterricht habe ich noch nie jemanden suchen sehen.
Bei der Suche wird in der Regel die Suchmaschine Google bemüht. Dass Google Ergebnisse filtern lässt nach Bildern, falls solche gesucht werden, ist manchem mittlerweile aufgefallen. Der Link dazu ist über den Suchergebnissen dafür leicht genug zu entdecken. Suchergebnisse werden angeklickt, kurz auf Tauglichkeit bewertet und eventuell heruntergeladen, um eine Bewertung vornehmen zu können. Alles muss schnell gehen, denn im Berufsalltag ist die Zeit knapp. Passt oder passt nicht, bzw. lässt sich mit wenig Aufwand anpassen oder notfalls auch nachgestalten, sind nach meinen Beobachtungen die einzigen Entscheidungskriterien. An das Urheberrecht denkt dabei kaum einer, denn die Verunsicherung durch den “Schultrojaner” ist schon lange aus dem Bewusstsein der meisten verschwunden. Einige Lehrerinnen und Lehrer haben für sich Materialbörsen wie 4teachers entdeckt oder sogar ZUM. Unter welchen Bedingungen die dort angebotenen Materialien nutzbar sind, als OER oder nicht OER, ist ihnen dabei nicht bewusst und von daher als Nutzungskriterium nicht relevant. Es lässt sich einfach herunterladen und das reicht.
Das ist so, obwohl man sich in der deutschsprachigen OER Szene eben durchaus Gedanken macht und bemüht. Nachdem die OER Bewegung 2012 zeitweise etwas abflaute, ist nun neuer Schwung in die Bewegung gekommen. Wikimedia Deutschland engagiert sich, es gibt Online Kurse zum Thema, bei P2PU entsteht eben ein Kurs, Hangouts werden veranstaltet und man beschäftigt sich auf Barcamps damit, direkt wie auf dem OERCamp oder am Rande wie auf den EduCamps. Blogs und soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook und Google+ werden von den Akteuren der OER Szene genutzt, um Informationen zum Thema zu verbreiten und es gab sogar eine OER-Anhörung im Landtag Düsseldorf.
All das hat bisher aber recht wenig daran geändert, dass die Thematik die eigentliche Zielgruppe, die Lehrer, so gut wie nicht erreicht. Ich vermute, wenn 5% aller Lehrerinnen und Lehrer an unseren Schulen mit der Thematik vertraut sind und zum regelmäßigen Nutzerkreis gehören, dürfte das schon extrem hoch gegriffen sein.
Über die Ursachen der mangelnden Bekanntheit haben sich schon viele den Kopf zerbrochen. Sicherlich liegt es auch am Namen bzw. der Benennung, womit man sich bei uns schwer tut. Doch das ist nur ein sekundäres Problem. Wie die Werbung und ungewöhnliche Produktnamen immer wieder belegen, prägen wir uns auch diese ein, wenn sie entsprechend geschickt beworben werden und so allgegenwärtig sind, dass wir ihnen nicht ausweichen können.
Präsenz ist enorm wichtig. Hat man sich erst einmal auf eine einheitliche Benennung geeinigt und vor allem auf ein prägnantes Logo/ Design, muss nur noch Präsenz geschaffen werden. Die Creative Commons Icons sind eher nicht dafür geeignet, da sie zu klein und farblos sind.
Um eine Ankoppelung an die internationale OER Bewegung nicht zu verlieren, sollte ein Logo genutzt werden, welches sich an international gebräuchliche Logos anlehnt aber noch um etwas ergänzt ist wie “frei nutzbar” oder ähnlich. Man könnte so z.B. das noch recht neue, blauweiße international verbreitete OER Logo mit den Händen/ Buchseiten nutzen.
Auch wenn OER sich an Lernende generell richten, ist und bleiben für mich die Hauptzielgruppe Lehrerinnen und Lehrer als Lernmittler. Wie kann man diese erreichen, wenn man auf offizielle Unterstützung durch Kultusministerien weitestgehend verzichten muss? Und wie kann man sie erreichen, wenn sie den Begriff OER gar nicht kennen, wie oben beschrieben, nicht danach suchen und nie eine erweiterte Google Suche nutzen?
Über Webseiten, die sich theoretisch mit dem Thema auseinander setzen, so wie etwa diese Seite selbst, erreicht man die Zielgruppe definitiv nicht, da Lehrerinnen und Lehrer gar nicht wissen, dass es solche Seiten gibt. Seiten wie diese hier tauchen zudem auch nicht in den Suchergebnissen auf, wenn man nach Materialien für den Unterricht sucht (außer man schafft es, die Seite entsprechend für die Suche über SEO zu optimieren). Auch über soziale Netzwerke, so sie denn von Lehrenden überhaupt genutzt werden, wird man das Thema ebenfalls kaum an die Zielgruppe herantragen können. Wer würde als Lehrer oder Lehrerin überhaupt auf die Idee kommen gerade dort, also etwa bei Twitter, Facebook oder Google+, nach Materialien für die Unterrichtsvorbereitung zu suchen oder Informationen über solche Materialien?
Die Hauptrolle bei der Verbreitung der OER Idee kommt meiner Meinung nach gegenwärtig den Webseiten, Portalen und Bildungsservern zu, welche selbst freie Bildungsinhalte anbieten, denn auf diese werden Lehrende am ehesten stoßen, wenn sie bei der Unterrichtsvorbereitung mittels der einfachen Google Suche nach Materialien suchen. Dass es sich dann um OER handelt, muss dort deutlicher herausstellt werden. Das OER Logo muss omnipräsent sein, groß und deutlich zu sehen, größer und deutlicher als normal bis ein größerer Bekanntheitsgrad erreicht ist und später kleiner. Eventuell sollte man Mittel der Online Werbung nutzen, wie das sich über einen Teil der Seite schiebende Feld, welches kurz darauf aufmerksam macht, dass es sich um frei nutzbare Materialien handelt und dass man dazu weitere Informationen erhalten kann. Dieses Feld sollte dann jedoch nicht abschrecken und direkt beim ersten Besuch auf der Seite angezeigt werden. Angebotene OER Materialien müssen ebenfalls das Logo tragen, soweit dadurch das Material nicht entstellt wird, wie im Fall von vielen Fotos etwa. Wichtig ist auch, dass die Materialien gut zu entdecken sind über einfache Google Suchen, indem sie entsprechend mit Meta Informationen versehen sind, die über die Creative Commons Lizenzangaben hinausgehen.
Es wird nie leicht sein, die Aufmerksamkeit der aktiv in der Bildung tätigen Personen für das Thema OER zu gewinnen, selbst wenn man, wie etwa in NRW, das Thema tatsächlich durch das Kultusministerium auf eine offizielle Schiene heben sollte. Selbst wenn man OER auf Bildungsservern anbietet, so wie in Rheinland-Pfalz, reicht das leider noch nicht aus, denn nicht jeder Lehrer kennt das Angebot dort. Von daher denke ich, müssen sowohl die OER Entdeckbarkeit als auch der OER Wiedererkennungswert als solche gesteigert werden und quasi die visuelle Qualität einer Marke bekommen. Erst dann werden Lehrer in der Masse aufmerksam werden und gezielt danach suchen und vielleicht auch Interesse entwickeln am theoretischen Hintergrund der freien Nachnutzbarkeit von OER.
*”Deutsche OER Bewegung” bezeichnet hier keine Bewegungen mit organisierten Strukturen, denn diese gibt es nicht. Vielmehr ist gemeint die Summe aller zu diesem Thema aktiven Personen und Institutionen (Lehrerinnen und Lehrer, Edublogger, Lehrende und Forschende an Universitäten, Betreiber von Portalen und Bildungsservern, die Zentrale für Politische Bildung, Wikimedia, usw.).
Gräbt die neue Vereinbarung zum digitalen Vervielfältigen dem Thema OER das Wasser ab?
Welches Wasser gräbt diese Vereinbarung der Bewegung um OER eigentlich ab, könnte man spitz fragen. Wie @tommdidomm in seinem Blog kubiwahn richtig beobachtet, ist das Thema OER in deutschen Lehrerzimmern bisher schlichtweg unbekannt.
“Der Begriff OER ist, so sehr ich das auch bedauern mag, kein Begriff aus der Alltagswelt meiner Kollegen und mir.”
Anders als der Begriff “Schultrojaner”, welcher von der Blogosphäre in die Mainstream Medien hinüber transferierte und für eine zeitweilige Verunsicherung in den Lehrerzimmern sorgte, führt das Thema OER noch immer ein Schattendasein. Und anders als in anderen Ländern wie Polen mit seiner OER Schulbuch Initiative oder den USA fehlt Deutschland eine offizielle Unterstützung der Bewegung um freie Bildungsressourcen durch die Kultusministerien. Dieses würde OER auf eine Ebene heben mit den von Verlagen angebotenen Materialien. Immerhin aber wird das Thema durchaus wahrgenommen, auch von den Verlagen selbst. Die Augsburger Studie zu Open Educational Ressources, gefördert vom Verband Bildungsmedien e.V.” belegt dieses mehr als eindeutig. Zwar werden hier nicht nur Angebote untersucht, die man originär als OER bezeichnen kann, sondern auch solche von öffentlichen und kommerziellen Anbieter mit einem Lobby- oder Werbehintergrund , doch die Studie zeigt, dass man von Seiten der Bildungsverlage potentielle Konkurrenz frühzeitig genug erkennen und abschätzen können möchte.
Wie ist nun in diesem Zusammenhang die neue Vereinbarung in Ergänzung zum Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen nach § 53 UrhG einzuordnen?
Die Kultusministerien der Länder haben sich mit dem Verband Bildungsmedien sowie den Verwertungsgesellschaften VG WORT, VG Bild-Kunst und VG Musikedition darauf geeinigt, dass “künftig urheberrechtlich geschützte Inhalte aus Büchern und Unterrichtswerken auch digital vervielfältigt und den Schülerinnen und Schülern im Unterricht zugänglich” gemacht werden dürfen.
Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung und kommt der täglichen Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern entgegen. Schulbuchseiten können nun endlich digitalisiert werden und dürfen “auch zur Unterrichtsvor- und -nachbereitung” genutzt werden. Was dieses genau bedeutet, wird man sicher in nächster Zeit noch genauer erläutern. Es ist zu vermuten, dass damit die Erlaubnis gegeben ist, aus Materielien der Schulbuchverlage digitalisierte Inhalte z. B. in eigene Arbeitsblätter einzubinden. Mit der Möglichkeit, eingescannte Materialien “im Unterricht über PCs, Whiteboards und/oder Beamer” wiederzugeben, wird man den noch sehr geringen Bestand an Titeln in des Digitalen Schulbuchs der deutschen Verlage in Version 1.0 ausgleichen wollen bzw. Schulen, die das Angebot nicht nutzen möchten, eine legale Möglichkeit eröffnen, Verlagsinhalte doch entsprechend zu nutzen. Ob es möglich ist, digitalisierte Materialien auch in Lernmanagementsysteme einzubinden, lässt sich aus den bisherigen Verlautbarungen nicht entnehmen. Lediglich eine Speicherung auf einem Schulserver wird für Lehrkräfte eingeräumt, solange die digitalisierten Materialien nur für sie selbst zugänglich sind.
Die mit diesem Vertrag den Schulen eingeräumten Möglichkeiten zur Nutzung digitalisierter Materialien analogen Ursprungs sind noch Lichtjahre entfernt von den Nutzungsmöglichkeiten Creative Commons lizenzierter Bildungsmaterialien. So können digitalisierte Materialien nicht unter den Lehrkräften weitergegeben werden, etwa über ein gemeinsames Verzeichnis auf einem Schulserver. Selbiges dürfte dann auch für eigene erstellte Materialien gelten, welche digitalisierte Materialien analogen Ursprungs enthalten (falls eine solche Nutzung überhaupt zulässig ist; siehe oben). Außerhalb der Schule geht sowieso gar nichts mehr, ganz wie bei den analogen Kopien von Verlagsmaterialien. Und ähnlich wie bei der bisherigen allein auf analoge Kopien beschränkten Vereinbarung gibt es eine enge Vorgabe zum Umfang der zulässigen digitalen Kopien.
Welche Auswirkung wird diese neue Vereinbarung dann auf das Thema OER in Deutschland haben? Für die kleine Zahl von Interessierten mit dem notwendigen Hintergrundwissen und Bewusstsein, wird die Lage klar sein. OER sind relevant wie bisher. Es hat sich nichts wirklich geändert, da eine freie Nachnutzung von digitalisierten Bildungsmaterialien mit analogem Verlagsursprung im Sinne von OER bzw. eine Nutzung im Geist der UNESCO Erklärung von Paris auf der Grundlage der neuen Vereinbarung nicht möglich ist.
Für weniger informierte Kreise, wozu ich nach bisherigen Erfahrungen des Nichtengagements in Sachen OER auch Kultusministerien zähle, wird mit der neuen Vereinbarung alles im grünen Bereich sein. Auch dort war längst klar, dass die Zeit weiter gegangen ist und Lehrkräfte im Unterricht selbst, sowie seiner Vor- und Nachbereitung nicht mehr auf Kopie, Schere und Klebestift zu beschränken sind. Die Debatte um den “Schultrojaner” hat auch dem letzten Hinterwäldler gezeigt, dass ein generelles Verbot der Digitalisierung mit einhergehender Kriminalisierung von Lehrkräften wohl der falsche Weg ist. Mit der neuen Vereinbarung hat man hier nun die bisher geltende Beschränkung aufgehoben und “eine komfortable und rechtssichere Handlungssituation für einen zeitgemäßen Unterricht entwickelt.” Ende gut, alles gut, wird die Devise in den Kultusministerien lauten. In den von mir als weniger informierten Kreise bezeichneten Gruppierungen wird man mit dem Anliegen einer Förderung von OER in Zukunft sicher einen schwereren Stand haben. “Was wollt ihr denn,” wird man fragen, “der Schultrojaner war eh vom Tisch und nun könnt ihr doch endlich analoge Materialien der Verlage digitalisieren?”
In den gar nicht informierten Kreisen, wozu dann auch die Mehrheit der Lehrenden zu zählen ist, wird man auch nicht auf offenere Ohren stoßen nachdem diese Vereinbarung auch dort angekommen ist. Ankommen wird sie in den Schulen ganz sicherlich sehr schnell über offizielle Dienstwege, da den Landesregierungen daran gelegen ist, ihren Bediensteten im Schuldienst Rechtssicherheit zu geben. Wenn es jetzt tatsächlich möglich sein sollte, in der Unterrichtsvor- und Nachbereitung eigene Materialien auf der Grundlage von analogen Verlagsmaterialien zu erstellen, wer braucht dann noch OER, werden in Zukunft vermutlich viele Fragen, wenn man versucht ihnen das Thema näher zu bringen. Die Weitergabe von selbst erstellten Materialien ob mit oder ohne verarbeitete Verlagsmaterialien hat sich innerhalb von Lehrerzimmern ohnehin nie an Gesetze und Vereinbarungen gehalten.
Fazit: Das Thema OER hatte auf der Grundlage bisher bestehender Vereinbarungen zwischen den Kultusministerien und den Bildungsverlagen einige zusätzliche Argumente, die für OER sprachen und auch von Lehrkräften zu verstehen waren, für die es primär um die Rechtmäßigkeit ihres Tun und Handelns im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Tätigkeit ging. Für diese mögliche Zielgruppe wird die Notwendigkeit, sich mit dem Thema OER zu befassen mit der neuen Vereinbarung deutlich weniger relevant.
Im Sinne der Unesco Vereinbarung von Paris von 2012 bringt uns die neue Vereinbarung der Kultusministerien und der Bildungsverlage leider keinen einzigen Schritt weiter, denn die Ziele der Pariser Vereinbarung sind weitaus höher anzusiedeln. Es besteht damit in Deutschland weiterhin ein starker Bedarf, ein Bewusstsein zu schaffen für freie Bildungsmaterialien und ihre Chancen für eine uneingeschränkte Bildung für jedermann.
Dem Anliegen von OER schadet die neue Vereinbarung also nicht grundsätzlich, beraubt es jedoch eines Zugangsweges, um die entsprechenden Zielgruppen für das Thema sensibilisieren zu können.
Alle Zitate zur neuen Vereinbarung sind “Ergebnisse der Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz am 6. Dezember 2012 in Bonn” entnommen.
Weitere Lektüre:
Das Ende des Schulbuchs – lang lebe das Schulbuch
Das Schulbuch hat sich über Jahrhunderte bewährt, um Wissen in die Hand von Schülern zu geben – und wird vermutlich noch über viele weitere Jahre diese Rolle innehaben. Doch es ist in die Jahre gekommen. Seit Ewigkeiten hat es sich nicht wirklich verändert. Die Zeit ist weiter gegangen, doch das Schulbuch von heute sieht noch immer aus wie das unserer Eltern und Großeltern und Urgroßeltern und so weiter. Einverstanden, es ist bunter geworden und größer und aufwändiger im Layout. Auch die Inhalte haben sich durchaus verändert, wie auch die Aufgabenformate. Sogar Differenzierungsangebote finden sich. Und auch das Internet hat Einzug gehalten ins Schulbuch in Form von Links oder Webcodes. Geblieben ist jedoch die starre Struktur. Noch immer müssen Schülerinnen und Schüler mit schnell veraltenden Büchern lernen und der Trend zum Veralten nimmt sogar zu, denn die Veränderungen in Gesellschaft, Wissenschaft und Technologie schreiten immer rasanter voran.
Heute gilt das Primat des schülerorientierten Unterrichts, der sich an den Bedürfnissen des Individuums orientieren soll, um ihm damit das optimale Lernergebnis zu ermöglichen. Aber noch immer bekommen alle Schülerinnen und Schüler ein und das selbe Buch vorgesetzt. Die im Buch angebotenen Differenzierungsmöglichkeiten sind in der Regel auf sehr wenige Leistungsniveaus angelegt, zumeist auf gerade einmal zwei.
Wie Schüler sind auch Schulen eigentlich Individuen in ihren regionalen Settings. Genau wie man heute nicht mehr von homogenen Lerngruppen ausgehen kann (es eigentlich auch nie wirklich konnte), kann man auch nicht von einer homogenen Gruppe von Schulen ausgehen. Gymnasium A ist nicht gleich Gymnasium B. Die Schülerschaft rekrutiert sich beim einem Kleinstadtgymnasium sicherlich aus anderen Bevölkerungsgruppen als im Gymnasium einer Großstadt. Selbiges lässt sich für jede Schulform sagen. Schon die Zentralen Leistungsüberprüfungen am Ende der Klasse 10 belegen dieses (zumindest in NRW) an den unterschiedlichen Niveaus der Ergebnisse mehr als deutlich. Mit Wissen um diesen Sachverhalt, werden die Schulen bereits unterschiedlich eingestuft für die Auswertung.
Langer Rede kurzer Sinn – es kann eigentlich nicht angehen, dass in einem Bundesland alle Schulen über einen Kamm geschoren werden und alle mit identischen Schulbüchern arbeiten müssen. Zwar kann noch gewählt werden zwischen den Angeboten der verschiedenen Verlage, doch da enden die Wahlmöglichkeiten auch schon. Nur sehr wenige Lehrwerke werden es vermutlich schaffen, falls überhaupt, die Bedürfnisse sämtlicher Schulen eines Schultyps in einem Bundesland zu befriedigen. Viele Lehrerinnen und Lehrer klagen über Probleme mit den Büchern, zu schwer, zu leicht, zu wenig Übungen, die falschen Übungen, zu wenig Methoden, usw.. Wie viel oder wie wenig an einer Schule von einem einzelnen Schulbuch genutzt wird, ist von Schule zu Schule unterschiedlich. Ich habe von Lehrerinnen und Lehrern gehört, dass sie gerade einmal 20% des Schulbuches mit ihren Schülern nutzen. An einer Schule erlebte ich in einer Zehn, dass man dort ein sehr altes nicht mehr verlegtes Mathematikbuch verwendete. In noch einer anderen Klasse bekam ich mit, wie man ein im eigenen Bundesland nicht zugelassenes Lehrwerk eines anderen Bundeslandes nutzte, die Schüler zur “Tarnung” aber das zugelassene anschaffen ließ.
Verlage bieten Zusatzmaterialien und hoffen, so die Mängel der Lehrwerke zum Geschäft zu machen. Arbeitshefte, Formelsammlungen, Übungsaufgabensammlungen, einzelne Arbeitsblätter , Geschichtensammlungen, Lektüren und vieles mehr werden angeboten. Manchmal entdecken Lehrkräfte andere Schulbücher aus anderen Schulformen oder anderen Bundesländern. Einführen dürfen sie diese an ihren Schulen jedoch nicht, selbst wenn sie genau dem entsprechen würden, was diese Schulen gerne hätten. Die Liste der zugelassenen Lehrmittel verhindert es (z.B. in NRW).
Warum hat sich das Schulbuch nicht mit der Zeit gewandelt? Warum sind Schulen durch Zulassungsverfahren und die daraus resultierende Liste der zugelassenen Lehrwerke in ihrer Auswahl eingeschränkt? Müssen Schulbücher immer wieder veraltet sein? Schulen sollen heute selbständig sein. Ihre Schulbücher können sie jedoch nicht frei wählen. Das ist ein Widerspruch in sich. In Finnland z.B. ist vorgegeben, was am Ende der Schullaufbahn herauskommen soll. Wie die Schulen dort hin kommen, mit welchen Lehrmitteln, das bleibt den Schulen selbst überlassen, denn sie sind tatsächlich selbständige Schulen.
“Jede Schule kann selber entscheiden, welches Unterrichtsmaterial sie zur Erreichung des Lehrplans einsetzt, denn auch die Genehmigungspflicht für Schulbücher fiel durch die Reform der 90er Jahre weg.” Quelle: Finnland – Hans Joss, Word Dokumente
Man vertraut auf die gute Ausbildung der finnischen Lehrerinnen und Lehrer, dass sie nicht nur die richtigen Methoden wählen werden, sondern auch die richtigen Materialien.
Lehrer wollen freier wählen und kombinieren können und das gilt nicht nur für die, welche schon digital arbeiten.
“Etwa 30 Prozent der Lehrer nutzen bereits digitale Medien für ihren Unterricht. Ein Teil der Lehrer, das wurde in der Diskussion deutlich, fühlt sich durch digitale Lehrbücher, die sich nicht bearbeiten lassen, von den Verlagen geradezu entmündigt. Gefordert seien stattdessen frei kombinierbare Lehrmodule (idealerweise verschiedener Verlage), die den Lehrer bei der Konzipierung einer Unterrichtsstunde unterstützen. Diese im Podium umstrittene Ansicht stützte Christian Fey (Uni Augsburg): In einer aktuellen Studie seines Fachbereichs habe sich gezeigt, dass Lehrer immer stärker Inhalte verschiedener Lehr- und Arbeitsbücher, Internetquellen und weiterer Medien frei kombinieren würden.” Quelle, Börsenblatt, 15.11.2012
Bei uns trägt man diesem Wunsch nicht Rechnung. Es hat sich bisher nichts geändert. Die Zulassungslisten bleiben und ersticken damit jede Innovation. Verlage könnten ihre Schulbücher durchaus auch modular anbieten. So könnten in den Schulen die Fachschaften ihre Fachbücher entsprechend ihren Bedürfnissen und pädagogischen Vorstellungen zusammenstellen, nach Inhalt und Umfang, orientiert an Kernlehrplänen und schulinternen Lehrplänen. Man könnte eventuell eine Standardausgabe anbieten, welche Fachschaften dann verändern, indem sie umstellen, ergänzen, reduzieren etc.. Schulen könnten hierbei womöglich sogar eigene Materialien integrieren und im Idealfall die anderer Verlage. Die Plattform auf welcher dieses geschieht, wäre so intelligent angelegt, dass sie das Glossar oder die Vokabelliste oder ähnlich automatisch anpassen könnte. Anschließend würden die Bücher im Print-on-Demand Verfahren gedruckt. Jede Schule erhielte so ihr eigenes individuell zugeschnittenes Fachbuch. Das würde vermutlich nicht einmal wesentlich teurer sein, wenn das Verfahren in großem Umfang genutzt wird.
Was sich bereits im Print realisieren ließe, könnte im digitalen Format noch einmal deutlich gesteigert werden. Digitale Schulbücher ließen sich in Anlehnung an das zuvor skizzierte Modell noch einfacher realisieren, da das Drucken entfiele wie auch die Verteilung von Totholz. Sogar mit dem Digitalen Schulbuch der deutschen Verlage in Version 1.0 ließe sich dieses Modell umsetzen. Echte digitale Schulbücher, welche das volle digitale Potential nutzen könnten zusätzlich direkt digital mit Medien, Interaktivität (soll in Zukunft noch kommen, laut Verlagen) und sozialen Funktionen erweitert werden. Auch aktualisieren ließen sie sich leichter.
Enter OER. Freie Bildungsinhalte können auf zweierlei Weise zu einem modernen Schulbuch beitragen. Variante 1: Sie lassen sich in die modularen Schulbücher der Verlage integrieren. Variante 2: Es existieren freie modulare Schulbücher (open textbooks), die aus freien Bildungsinhalten bestehen und offen für jegliche weitere Inhalte sind.
Dieser Vision folgt – Schulbuch-o-mat:
Unsere Vision vom Schul-E-Book: Es ist modular aufgebaut, enthält verschiedene Aufgaben für verschiedene Lernniveaus, Tests, multimediale Grafiken und Filme. Quelle Schulbuch-o-Mat, Freie Schul-E-Books
Ergänzen könnte man diese Vision sicher noch um Funktionen sozialer Interaktivität.
Wie diese open textbooks nun zustande kommen, ist wieder eine andere Frage. Schulbuch-o-mat ist ein Versuch. Booksprints von entsprechend motivierten Personen aus dem Bildungsbereich könnte ein anderer sein. Auch die Wikibooks stehen am Start und suchen nur noch mehr willige Macher. Braucht es staatlichen Anschub wie in Polen? Kann es auch so gehen? Die Zeit wird zeigen, was geht. Fakt ist jedoch, ändern muss sich etwas. Das Schulbuch ist noch lange nicht tot, doch weiterleben kann es auf Dauer nur, wenn es sich wandelt. Nur so kann es den sich verändernden Anforderungen einer veränderten schulischen Bildung gerecht werden.
Anmerkung: Dieser Beitrag geht davon aus, dass Lernen auch in absehbarer Zukunft noch überwiegend lehrgangsbasiert stattfindet und Schulbücher in diesem Zusammenhang weiterhin Sinn machen.
OER, wenn nicht Lehrer, wer dann?
Kaum jemand, der sich mit freien Bildungsinhalten (OER) beschäftigt, ist nicht von deren Nutzen überzeugt. Nachdem längere Zeit über das Thema debattiert wurde, online wie offline, herrscht nun weitestgehend Einigkeit, dass es Zeit ist Fakten zu schaffen, sprich freie Bildungsmaterialien zu erstellen. Soweit so gut.
Anders schaut es jedoch bei der Umsetzung aus. Woher sollen sie kommen, die freien Bildungsinhalte?
Lehrerinnen und Lehrer
Sollen es die Lehrer sein, die sie erstellen? Einiges spricht dafür, manches aber auch dagegen. Lehrer kommen aus der Praxis und sind es gewohnt eigene Arbeitsmaterialien zu erstellen. Oft gilt die Regel, je jünger desto mehr. Im Laufe der Jahre entstehen riesige Materialsammlungen in den Arbeitszimmern und Rechnern der Lehrer, nur sind die eben oft nicht frei lizenzierbar. Als Praktiker haben Lehrer in der meist einen guten Überblick über das Materialangebot der Verlage und deren Schwächen und Fehler. Manche Lehrer sind nebenbei sogar als Lehrbuchautoren tätig. Ein Problem für viele in schulischen Bildung Tätige ist jedoch die verfügbare Zeit. Wer mit vier oder fünf Korrekturen, Familie und Haus ausgelastet ist, hat kaum Freiraum für größere OER Projekte, wie etwa Booksprints. Selbst für kleinere Projekte fehlt oft die Zeit, verständlicherweise.
Universitäten
Gerade Universitäten wären gute Produzenten von freien Bildungsmaterialien. In den Seminaren der Lehramtsstudierenden werden Berge von Unterrichtsmaterialien erstellt und oft auch erprobt, zumeist für die Mülltonne. Hier wäre ein Potential vorhanden, wenn die Materialien aus praktischen Übungen und Hausarbeiten wie auch aus Praktika von vorne herein unter Berücksichtigung von freien Lizenzformen (Creative Commons) erstellt würden und anschließend auf Universitätsservern systematisiert und veröffentlicht würden, um dann anschließend über ein System wie EduTags an einer Stelle recherchierbar zu sein. Wir alle finanzieren die Ausbildung der Studenten. Warum sollte die Gesellschaft nicht auch eine Dividende in Form von freien Bildungsmaterialien erhalten?
Nicht nur im Bereich der Lehrämter entstehen an den Universitäten Materialien, die für Bildungszwecke interessant sind. Auch hier sollten diese Materialien frei lizenziert zur Verfügung gestellt werden.
Studienseminare
Gerade in der letzten Phase der Lehrerausbildung werden noch einmal Unmengen an Unterrichtsmaterialien erstellt, sei es für den Unterricht oder für die Unterrichtsbesuche. Auch hier wäre es kein Problem, diese Materialien direkt unter Berücksichtigung freier Lizenzierungen zu erstellen und anschließend über die Seminare oder eine Universität online zur Verfügung zu stellen. Gerade im Zusammenhang mit dem Referendariat sollten sehr hochwertige Materialien entstehen, die durch Mentoren und unterrichtliche Erprobung in ihrer Qualität abgesichert sein sollten.
Museen und Archive
Institutionen wie Museen und Archive sind oft von der öffentlichen Hand finanziert und publizieren mittlerweile eine Menge online. In einigen Fällen entstehen hier im Rahmen der Museumspädagogik sogar didaktisierte Materialien. Es gibt keinen Grund, warum diese Materialien nicht als freie Bildungsmaterialien der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden sollten.
Kultusministerien
In der Lehrerfortbildung entstehen durch Fachleute hochwertige Unterrichtsmaterialien. Auch Landesinstitute erarbeiten oftmals umfangreiche Materialien. Bisher wurden diese zumeist ohne Berücksichtigung freier Lizenzen erstellt. Auch hier könnten freie Lizenzen bei der Erstellung genutzt werden und die Ergebnisse an die Öffentlichkeit freigegeben werden. Heimatorte für die erstellten Materialien könnten die Landesbildungsserver sein. Grundsätzlich sollten alle auf den Landesbildungsservern bereitgestellten Bildungsmaterialien frei lizenziert sein.
Andere Ministerien
Das BMU geht mit gutem Beispiel voran und stellt umfangreiche Materialien (Umwelt im Unterricht) frei lizenziert für Bildungszwecke zur Verfügung. Dem Beispiel könnten andere folgen, die Materialien und Informationen publizieren, die bildungsrelevant sein könnten.
Firmen, Stiftungen und Vereine
An vielen Stellen entstehen Materialien, die für Bildungszwecke von Interesse sind. In der Regel stehen sie jedoch unter dem normalen Urheberrecht. Sie können dann zwar gelesen, nicht jedoch für Arbeitsmaterialien in der Bildung verwendet werden. Auch hier könnte sich etwas ändern. Gerade die Industrie hat ein großes Interesse, eine gut gebildete Bevölkerung zu haben, aus der sie ihre Arbeitskräfte rekrutieren kann. Über die Bereitstellung von Materialien unter freien Lizenzen könnte man hier einen Beitrag leisten.
Das Thema ist hier nur gob angerissen. Ich hoffe aber, ich konnte zeigen, dass die Last, freie Bildungsmaterialien zu erstellen, nicht nur auf den Schultern der Lehrerinnen und Lehrer ruhen muss. Wer aus dieser Gruppe möchte und kann, der sollte auch. Doch es gibt auch viele weitere andere Gruppierungen, die viel leichter dazu beitragen könnten, dass sie der für alle verfügbare Fundus an freien Bildungsmaterialien ständig erweitert und aktualisiert.
Das digitale Schulbuch, erste Eindrücke nach dem offiziellen Start
Schon als das digitale Schulbuch auf der letzten Didacta mit großer Fanfare von den Schulbuchverlagen vorgestellt wurde, war schnell klar, es wird nicht das sein, was sich zumindest die digital versierteren Lehrerinnen und Lehrer wünschen würden. Entsprechend herb fielen die Kritiken aus.
Jetzt ist das digitale Schulbuch gelandet und ich habe mich einem Selbstversuch unterzogen.
Unter http://digitale-schulbuecher.de erfolgt die Registrierung für die Plattform. Dort gab es für mich schon die erste Hürde zu überwinden. Mein Passwortmanager 1Passwort war nicht in der Lage, das generierte sichere Passwort einzutragen, da diese Möglichkeit in der in Flash angelegten Seite nicht aktiviert ist. Also musste ich das Passwort von Hand aus dem Passwortmanager kopieren und einfügen. Mit einem Bestätigungsmail wurde der Account aktiviert. Zur Begrüßung gab es einen Freischalt-Code für ein Beispielbuch. Angeboten wird das digitale Bücherregal online, als Download für PC und Mac. Versionen für das iPad und Android sind angekündigt.
Mit dem Code ließ sich dann ein zehnseitiges Beispielbuch laden im digitalen Bücherregal. Zunächst testete ich nur die Online-Version. Unter dem Menü „Titel verwalten“ wurde das Buch hinzugefügt. Nächste Hürde war der Pop-up Blocker im Chrome Browser. Das Buch öffnet sich in einem Pop-up Fenster und dieses musste ich zunächst zulassen.
Ganz im Retro-Stil ließ sich das Buch blättern, sowohl per Mausklick auf einen Pfeil rechts und links neben wie auch unter dem Buch als auch mit den entsprechenden Pfeiltasten der Tastatur. Die Blätterbewegung wird durch ein Blättergeräusch ergänzt.
Alles läuft auf der Basis von Flash, auch im Pop-up Fenster der Buchanzeige. Diverse Funktionen sind verfügbar: Suche, Anzeigegröße, Seitennavigation bei Vergrößerung, Inhaltsverzeichnis, Lesezeichen, Notizen, Seite bearbeiten, Ton und Zusatzmaterialien. Hinter „Seite bearbeiten“ verbirgt sich eine Whiteboard Funktion, mit welcher Markierungen, Hervorhebungen und Formen eingefügt werden können. Diese werden gespeichert und sollen synchronisierbar sein, so dass sie auch verfügbar sind, wenn das digitale Buch auf einem anderen Gerät aufgerufen wird. Lesen im digitalen Schulbuch ist, wie der Test mit digitalen Lehrwerken anschließend zeigen wird, ohne Vergrößerungs-Funktion auf kleineren Displays nicht möglich. Doch so viel war schon aus der Vorstellung der digitalen Schulbücher bekannt. Soweit so gut.
Wie schaut es nun mit den Büchern der Verlage selbst aus? Alle teilnehmenden Verlage sind auf der Webseite von digitale Schulbücher gelistet und verlinkt. Das Englisch Lehrwerk meiner Schule ist von Klett. Zunächst versuche ich es, indem ich direkt zu meinem Lehrwerk gehe. Fehlanzeige, es werden nur die analogen Versionen der Print Titel aufgeführt. Vermutlich gibt es noch keine digitale Version. Doch halt, in der Übersicht zum Lehrwerk steht tatsächlich „Digitale Schulbücher“. Angeboten werden drei Titel zum Thema Berufswahl. Angegeben wird dabei, dass es eine Laufzeit von 12 Monaten gibt und das Buch 0,00 EUR während der Erprobungsphase kostet. Ein Titel wandert in den Warenkorb.
Über die allgemeine Suchfunktion der Seite werden bei der Suche nach „digitales Schulbuch“ 1188 Titel gelistet, darunter 1171 Einzelwerke und 0 Lehrwerke/ Reihen. Enthalten sind in der Liste auch Materialien auf DVD oder CD-Rom.
Testweise angeklickt, erhält man zu „Geschichte und Geschehen“ (ist das nicht ein Lehrwerk?) wieder die Information, dass es eine Laufzeit von 12 Monaten gibt und das Buch während der Erprobungsphase kostenlos ist. Außerdem erfährt man bei diesem Titel, wie schon bei der Vorstellung auf der Didacta angekündigt, „Online-Links in den einzelnen Kapiteln verweisen auf das abgestimmte Angebot im Internet.“ Im Warenkorb kann gewählt werden, ob ich oder meine Schule Lizenznehmer ist. Je Titel können bis zu 35 Lizenzen bestellt werden. Bestellt wird dann per Rechnung in zwei weiteren Schritten.
Etwa zehn Minuten später treffen die Freischalt-Codes ein und die Freischaltung in der Online Version des digitalen Bücherregals erfolgt problemlos. Auf den Seiten der digitalen Bücher wird unterhalb der Seitenzahlen jeweils der Name des Nutzers, der das Buch erworben hat angezeigt.
Bei Cornelsen landet man von der Plattform Digitale Schulbücher direkt beim digitalen Schulbuch Angebot des Verlages. Das ist hier deutlich besser gestaltet als bei Klett. Leider trügt der erste sehr positive Eindruck, denn der Bestellvorgang ist vollkommen unübersichtlich. Nach dem Login kann bestellt werden. Preise sind bei den verfügbaren digitalen Schulbüchern jedoch keine angegeben, auch nicht, dass sie gegenwärtig eventuell noch kostenlos verfügbar sein könnten, so wie bei Klett. Um nach der Titelwahl fortzufahren, ist zu bestätigen, dass man den „Print Titel“ erworben hat und die AGBs akzeptiert. Danach wird man zum Absenden aufgefordert. Nirgendwo ein Wort, was danach passieren wird. Nach dem „Absenden“ erfährt man, dass der Verlag sich per E-Mail mit dem Besteller in Verbindung setzen wird. Zwei E-Mails treffen kurz darauf ein, beide in verstümmeltem HTML formatiert und damit schlecht zu lesen. Im ersten E-Mail wird eine Bestellung als solche bestätigt. Mit dem zweiten E-Mail bestätigt man mir den Empfang eines E-Mails an den Cornelsen Verlag, welches ich nie gesendet habe. Von einer Bestellung wird zunächst nicht geredet, sondern von einer Anfrage und es werden ein paar Zeilen tiefer die Details zur „Bestellung eines digitalen Schulbuches“ aufgeführt (nun also doch wieder Bestellung!).
Weiter ist nun nichts mehr geschehen, was diese Bestellung angeht. Habe ich nun die Katze im Sack gekauft? Wie viel muss ich zahlen? Wie geht es weiter?
Erst Stunden später kommt dann das E-Mail mit dem Code. Zu etwaigen Kosten steht darinnen nichts, was schließen lässt, dass das Angebot wie bei Klett vorerst noch kostenlos ist.
Bei Cornelsen ist das alles höchst undurchsichtig und verbraucherunfreundlich gestaltet. Klar, die Plattform steht noch am Anfang, doch seit der Didacta sind schon einige Monate vergangen. Da hätte man mehr erwarten können zum offiziellen Start.
Wie sieht es nun mit der Nutzung der digitalen Schulbücher tatsächlich aus?
An den zwei Klett Titeln „Geschichte und Geschehen 2“ und „Kickoff: Praxisnahes Englisch für Schule und Beruf“ und einem Cornelsen Titel „Context 21 – Starter“ teste ich die Nutzung im Chrome Browser.
Es fällt zunächst mehr als deutlich auf, dass das Layout der Buchseiten für Print gestaltet wurde. Viele Doppelseiten wurden auch in der Gestaltung als solche angelegt. Auf einem kleinen Display, z.B. 11 Zoll, funktioniert das nur eingeschränkt. Zwar erhält man einen Gesamteindruck, die Schrift ist jedoch überwiegend zu klein, um sie auf einem kleinen Display lesen zu können. Selbst auf einem 15 Zoll Gerät ist die Darstellung bei Vollbildanzeige nur schwierig zu lesen, wenn die Doppelseite komplett angezeigt wird. Das digitale Schulbuch ist sowohl für Schüler als auch Lehrer gedacht, wie auch das gedruckte Buch. Schüler werden wohl eher selten mit großen Laptops in der Schultasche unterwegs sein, müssen also immer in die Seiten hinein zoomen. Das aber zerbricht das Layout der Doppelseiten. Mit einem Projektor an die Wand geworfen, wird es vielleicht kein Problem sein.
Einen Vorteil hat die Vergrößerungsfunktion allerdings, wie sich beim Geschichtsbuch zeigt, hier kann in Darstellungen von Landkarten hinein gezoomt werden, so dass man Details erkennt, die im Buch vermutlich so nicht zu sehen sind, außer eventuell mit einer Lupe.
Im Klett Geschichtsbuch finden sich die im Online Katalog angekündigten „Online-Links … auf das abgestimmte Angebot im Internet.“ Hier hat man die Webcodes der Druckausgabe um einen aktiven Link erweitert. Meist befindet er sich direkt neben dem Webcode, teilweise jedoch auch auf der anderen Seite der Seite. Auf Klick öffnet sich eine separate Webseite des Verlags, auf welcher dann auch ein externer Link angeboten wird neben einem Quiz, der ein Klett eigenes zusätzliches Material darstellt.
Im Cornelsen Buch finden sich ebenfalls die Webcodes des gedruckten Buches, leider jedoch nicht klickbar. Sie können nicht einmal kopiert und auf der entsprechenden Cornelsen Seite eingefügt werden. Sie müssen, völlig unpraktisch, von Hand eingetippt werden, wie auch die Adresse der Cornelsen Webseite selbst. Manche werden sie vermutlich sogar zunächst auch einen Zettel schreiben, wenn sie im Vollbildmodus mit dem Buch arbeiten.
Recht nützlich ist die Suchfunktion der Plattform, mit der sich zumindest einfache Suchen durchführen lassen. Auf der rechten Seite erscheint dann eine Trefferliste mit Seitenangaben und Hervorhebungen des Suchbegriffs, die per Mausklick direkt zum jeweiligen Ergebnis führt.
In beiden Büchern finden sich auf den ersten Seiten die Nutzerhinweise der Printausgabe eins zu eins abgebildet, mit Hinweisen auf zusätzliches Material auf CD und auf der Verlagswebseite. Der bei Klett angebrachte Hinweis auf die klickbaren Links fehlt bei der Information über die Webcodes leider. Der Nutzer muss leider von selbst auf die Möglichkeit stoßen.
Keines der Bücher nutzt die Möglichkeit, die zusätzlichen Materialien der CDs, auf die immer wieder hingewiesen wird, direkt ins Buch einzubinden, weder die MP3s im Englischbuch, noch Übungsmaterialien oder ähnlich in den anderen Büchern.
Die Plattform für digitale Schulbücher lässt es leider nicht zu, mit einem User an zwei Geräten gleichzeitig zu arbeiten, auch wenn man zwei verschiedene Bücher ansehen möchte. Nach dem Login auf dem zweiten Gerät wird man auf dem anderen Gerät aus der Plattform zwangsabgemeldet.
Sicherlich schaut das Angebot der deutschen Schulbuchverlage auf ihrer gemeinsamen Plattform recht nett aus. Menschen, welche wenig Erfahrung mit der Nutzung digitaler Medien haben und deren wahres Potential nicht kennen, werden sich dafür sogar begeistern können. Digitale Schulbücher, das klingt modern, das möchte man haben. Sogar Schulträger, Schulleitungen und Fachschaften wird man damit problemlos gewinnen können, wenn der Wille zur behutsamen Modernisierung vorhanden ist. Die analoge Anmutung des Angebots macht das einfach. Sie sorgt geschickt dafür, dass auch weniger versierte Nutzer nicht abgeschreckt werden. Im Prinzip ist es doch das alte gewohnte Buch, welches man blättern kann und wobei man sogar das vertraute Geräusch des Blätterns noch hört. „Blättern, Suchen, etwas Markieren und Lesezeichen, OK, aber zum Glück nicht mehr.“ So oder ähnlich werden viele reagieren, die mit dem digitalen Schulbuch konfrontiert werden. Die fehlende Interaktivität, die Möglichkeit, Inhalte zu verändern und mit anderen zu teilen, wird gerade vielen Lehrerinnen und Lehrern entgegenkommen, da man so auf bekanntem Territorium arbeiten kann. Schon alleine, ein digitales Schulbuch auf dem Projektor anzuzeigen, dürfte für viele genug an Herausforderung bieten.
Den Einstieg in die Welt der digitalen Schulbücher gestalten die deutschen Schulbuchverlage behutsam, für sich wie auch ihre Kunden. Man möchte auf der sicheren Seite bleiben und wird damit vermutlich durchaus Erfolg haben. Hauptnutzer werden zunächst vermutlich Lehrerinnen und Lehrer sein an Schulen, welche viel mit Projektoren in den Schulräumen arbeiten. Ob das Angebot auch von Eltern und Schülern angenommen werden wird, wird man sehen. Eventuell werden Notebook Klassen auf digitale Schulbücher umsteigen, soweit möglich und damit die Last in der Schultasche reduzieren.
Es stellt sich auch die Frage, wie man das Angebot auf anderen Plattformen umsetzen wird. Angekündigt ist dieses immerhin von den Verlagen. Auf iOS Geräten kann man die Flash Version nicht nutzen, auf neueren Android Tablets wird es gar kein Flash oder nur ältere Versionen der mobilen Flash Version geben (da Adobe hier die Entwicklung eingestellt hat). Zudem ist Flash gerade auf Mobilgeräten nicht gerade dafür bekannt, den Akku zu schonen. Wie es mit Windows 8 aussieht, ist noch schwieriger abzuschätzen. Eines ist zumindest jetzt schon klar. Auf der günstigeren und für den Bildungsbereich dadurch attraktiveren Windows RT Plattform ist die schon existierende PC Software Version des digitalen Bücherregals nicht zu nutzen. Entweder es wird hier eine separate Software entwickelt oder das digitale Bücherregal muss im Browser genutzt werden. Dann aber müssen Lehrer und Schüler zu Nutzung permanent online sein.
Das digitale Schulbuch der deutschen Schulbuchverlage befindet sich momentan in der Version 1.0. Auch den Verlagen wird klar sein, dass das gegenwärtige Angebot noch massiv ausbaufähig ist. Damit ist nicht nur die Anzahl der verfügbaren Titel gemeint, sondern vor allem die Nutzungsmöglichkeit digitaler Schulbücher. Was gegenwärtig massiv eingeschränkt ist und sich zu 99% am gedruckten Buch orientiert, kann sich auf Dauer nicht dem Nutzungspotential digitaler Medien verschließen. Auch die Nutzer entwickeln sich weiter und erwarten mehr. Mögen gegenwärtig vielleicht viele Lehrerinnen und Lehrer mit dem Angebot zufrieden sein, so werden Schülerinnen und Schüler vermutlich eher enttäuscht sein von den schönen neuen digitalen Schulbüchern. Der Motivationsfaktor, den diese Bücher bieten, übersteigt den der analogen Vorbilder nur minimal.
Solange die neuen digitalen Schulbücher nur digitale Kopien ihrer Printausgaben sind, werden auch ihre Inhalte weiterhin veralten und nicht aktualisiert werden. Digitale Schulbücher, die regelmäßige, kurzfristige inhaltliche Updates erhalten, können nur als eigenständige Werke ohne Zwangsbindung an Printausgaben existieren. Bis Verlage sich trauen, diesen Schritt zu gehen, wird es noch einige Zeit dauern.
Die Anlage der Plattform deutet darauf hin, dass in absehbarer Zeit zumindest Filmchen und Ton in den digitalen Schulbüchern kommen wird. Vielleicht gibt es im aktuellen Angebot bereits einzelne Titel. Hier wurden lediglich drei kursorisch durchgesehen.
In der Community der Edu-Geeks und Edu-Hacker werden viele vom neuen Angebot der Verlage extrem enttäuscht sein, da das digitale Potential in keiner Weise genutzt wird. Das äußerte sich schon bei der ersten Vorstellung des Angebotes auf der Didacta. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich hier in Zukunft etwas mehr bewegt und die Verlage den Möglichkeiten nicht ewig auf Jahre hinterher hinken.
Abgesehen davon stellt sich für mich immer wieder die Frage, ob wir ein Schulbuch herkömmlicher Art überhaupt noch benötigen. Doch das ist ein anderes Thema.
Nachtrag:
Ohne Online-Verbindung geht nichts, auch bei der installierbaren Version
Mittlerweile konnte ich die PC Version des Digitalen Bücherregals testen. Nach dem Download ist das Programm schnell installiert. Beim Start begrüßt es einen mit einem Bildschirm, der identisch ist mit der Online-Version. Möglich sind Login und Neuregistrierung. Für beides ist eine Internetverbindung erforderlich. Nach dem ersten Login bietet das Programm automatisch an, den Bücherbestand zu synchronisieren. Dabei kann gewählt werden zwischen komplettem Bestand und einzelnen Büchern. Download und Installation der Bücher dauern recht lange. Alle vier Bücher haben bei mir mit schneller Internetverbindung mehr als eine viertel Stunde benötigt. Bücher öffnen im Programm mit der gleichen Benutzeroberfläche wie in der Online-Version. Auch hier ist zumindest die Buchdarstellung mit Flash umgesetzt, wie ein Rechtsklick auf die Programmoberfläche zeigt. Schließt man das Programm, werden Lesezeichen und andere “Veränderungen” gespeichert. Beim nächsten Start ist wieder ein Login erforderlich. Der User muss sowohl Benutzername als auch Passwort eintippen, da das Programm sich diese nicht merkt. Ohne Online-Verbindung verweigert das Programm den Start, da es die Nutzerdaten nicht online abgleichen kann. Mit geöffnetem Programm setzte ich meinen Rechner über Nacht in Schlafmodus. Nachdem ich ihn wieder aufgeweckt hatte, verschwand das Bücherregal und es erschien statt dessen die Meldung “Ihre Sitzung ist abgelaufen“. Die Software gibt also auch vor, wie lange das Digitale Bücherregal am Stück genutzt werden kann. Nach Bestätigung landet man wieder beim bekannten Login-Screen.
Die Schulalltagstauglichkeit setzen diese sehr restriktiven Sicherheitsvorgaben doch gewaltig herab. Die Position der Schulbuchverlage ist klar. Man setzt auf maximale Sicherheit und möchte verhindern, dass mehrere Personen die Software auf ihren Rechnern installieren und diese dann parallel nutzen. Wie andere Software zeigt, könnte solches jedoch völlig anders realisiert werden. Selbst bei installiertem Digitalem Bücherregal sind Nutzer so gezwungen, erstens immer in der Lage zu sein, online gehen zu können, wenn sie damit arbeiten möchten, und zweitens müssen sie auch ständig Nutzernamen und Passwort parat haben. Beides kann im Schulalltag leicht zu Problemen führen, sei es dass der Internetzugang gestört ist oder ein Schüler seine Zugangsdaten nicht vergessen oder verlegt hat.
OER systematisieren – Modelle
Freie Bildungsinhalte (OER) etablieren sich noch recht langsam aber doch stetig im deutschsprachigen Raum. Im englischen Sprachraum ist man da deutlich weiter, auch weil es eine bessere OER Infrastruktur gibt. Zur Steigerung der Akzeptanz von OER ist es sehr wesentlich, das Auffinden für interessierte Nutzer so einfach wie möglich zu machen. Wie Beispiele aus dem In- und Ausland zeigen, gibt es verschiedene Möglichkeiten vorzugehen. Unterscheiden lässt sich grob danach, ob Inhalte vorgehalten werden oder nur Links oder ob es lediglich eine Vereinbarung über entsprechende Meta-Tags gibt, um die Materialien zu markieren. Auch Mischformen sind möglich.
Modell I – zentrale Repositorien – verweisgestützt
Verbreitet und erfolgreich sind Repositorien, welche Inhalte in Form von systematisierten durchsuchbaren Katalogen für Nutzer bereithalten. Inhalte werden dabei entweder von Nutzern selbst eingetragen oder von Redaktionsteams. Qualitätskontrolle erfolgt meist durch ein Redaktionsteam, kann aber auch durch die Nutzer erfolgen. Entscheidend für den Erfolg dieser Form von Repositorien ist neben der Qualität der verlinkten Inhalte die Systematisierung nach Fächern, Schulformen, Jahrgangsstufen, Altersgruppen, Inhalten, Formaten, Medienarten und Lizenzformen. Wer sucht, will sich nicht durch lange Ergebnislisten quälen, sondern möglichst schnell ein brauchbares Ergebnis finden.
Für Anbieter von Inhalten hat das Modell einen großen Vorteil. Es ist für sie nicht notwendig, ihre Inhalte bereits auf der eigenen Seite, auf der sie abgelegt sind, mit besonderen Meta-Tags (bezüglich Fach, Schulform, …) zu versehen, abgesehen von der Creative Commons Lizenz. Das kann bequem im Repositorium erfolgen, gegebenenfalls sogar mit einem vorgefertigten System, aus welchem nur noch ausgewählt werden muss.
- offenebildung.de
- xpert
- OER Commons
- DBS (in Teilen)
- edutags
Modell II – zentrale Repositorien – speichergestützt
Repositorien, welche diesem Modell folgen, sind in der Regel sehr spezialisiert und beschränken sich überwiegend auf bestimmte Medienformen. Anders als Repositorien, die nur durch Links verweisen, speichern diese zentralen Repositorien Inhalte selbst ab und machen sie durch Such- und Filterfunktionen zugänglich für User. Vorteil ist hierbei, dass alle Inhalte verlässlich an einem Ort zusammengefasst vorliegen, zumeist in standardisierten Formaten. Für Urheber von Inhalten bietet sich die Möglichkeit, ihre Inhalte online zu bringen und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, ohne selbst über Online Speicherplatz zu verfügen. Gerade bei datenintensiven Medien wie Filmen übernehmen diese zentralen Repositorien zudem die Serverlast und für Einzeluser sonst oft sehr hohe Bandbreitenkosten.
Modell III – dezentral – suchmaschinengestützt
Verlagert man alles komplett auf Suchmaschinen, wie derzeit bereits mit Google möglich, braucht es keine spezielle Webseite und keine Verantwortlichen. Der User ist komplett selbst verantwortlich, dass seine angebotenen freien Bildungsinhalte von den Suchmaschinen gefunden werden. Er muss sehen, dass er die Creative Commons Lizenzinformationen korrekt einbindet und die freien Bildungsinhalte auf seiner eigenen Website so einbindet, dass sie von der Suchmaschine möglichst gut erfasst werden. In Abhängigkeit davon werden die Inhalte von anderen Nutzern mehr oder weniger gut über die Suche gefunden. Eventuell können über größere Gruppen in der Bildungscommunity Absprachen getroffen werden bezüglich zusätzlicher Meta-Tags, mit welchen freie Bildungsinhalte extra gekennzeichnet werden, um das gezielte Suchen zu erleichtern. Derartige Quasi-Standards könnten Meta-Tags sein, die Infos zu Fächern, Schulformen, Jahrgangsstufen etc. enthalten.
Zur Zeit ragt vor allem Google damit heraus, dass über die erweiterte Suche eine vereinfachte Suche gefiltert nach Creative Commons Lizenzform möglich ist. Andere Suchmaschinen wie auch Google selbst erlauben vergleichbare Suchen über die entsprechende Kombination von Suchbegriffen mit den Namen von Creative Commons Lizenzformen und Suchoperatoren.
Etablieren sich dezentrale Lösungen mit verabredeten Meta-Tag auf breiter Basis, könnte es zu Problemen durch Linkspam kommen, indem Spammer die Meta-Tags missbrauchen und damit die Suchergebnisse drastisch verschlechtern.
Modell IV – Mischformen
Freie Bildungsinhalte werden von verschiedenen Urhebern zur Verfügung gestellt und es ist alleine schon deswegen unmöglich und vermutlich auch unpraktisch, versuchen zu wollen, alles nach Modell II an einem Ort zu sammeln. Ideal werden von daher Modelle sein, welche eine möglichst große Bandbreite an Angeboten erfassen und systematisieren können.
Qualitätskontrolle
Hier im deutschsprachigen Raum steht OER noch am Anfang der Entwicklung und man ist froh, überhaupt freie Bildungsinhalte in irgend einer Form auffindbar zu machen. Egal welches der oben beschriebenen Modelle gewählt wird, früher oder später wird die Qualitätsfrage Bedeutung erlangen. Die Qualität von freien Bildungsmaterialien kann eine große Bandbreite haben, je nach Urheber. Sie können inhaltliche Fehler enthalten, didaktisch schlecht aufbereitet sein, nicht ansprechend , nicht mehr aktuell oder ähnlich. Qualitätskontrolle und eine entsprechende Kennzeichnung der Materialien in den Suchergebnissen ist deshalb auf Dauer sehr sinnvoll, um Nutzern das Auffinden der geeignetsten freien Bildungsinhalte zu erleichtern. Die Qualitätskontrolle könnte durch Nutzer selbst erfolgen und beispielsweise durch Vergabe von Sternen und Bewertungstexte, ähnlich Amazons Rezensionsmodell.
Wettbewerb
Die Praxis zeigt, vor allem in den USA, dass sich keines der vorgestellten Modelle als alleiniges durchsetzt. Jedes hat seine Vor- und Nachteile. Zudem gibt es am Markt der OER meist mehrere Akteure. Das heißt, verschiedene Organisationen stellen über Webangebote freie Bildungsinhalte nach ihren Vorstellungen und Möglichkeiten für Nutzer zur Verfügung. Das ist auch im deutschen Sprachraum bereits der Fall, wenngleich in Teilen deutlich weniger systematisiert.
Neben verschiedenen Anbietern von OER dürfen auch kommerzielle Angebote nicht außer Acht gelassen werden. Diese bestehen bereits in großem Umfang am deutschsprachigen Bildungsmarkt. Frei nutzbar wie OER taugt nur, wenn es durch eine gute Systematisierung und Qualitätskontrolle für den Nutzer einen Wert erhält. Das Beispiel iTunes zeigt, dass Nutzer häufig bereit sind, mit gewissen Einschränkungen zu leben (z.B. DRM) und Geld auszugeben, wenn das kommerzielle Angebot besser ist als das freie. Bevor Nutzer sich durch eine Anzahl unpassender oder qualitativ nicht ihren Vorstellungen entsprechenden Materialien arbeiten, werden viele den einfacheren Weg wählen und auf kommerzielle Angebote zurückgreifen, wenn dort die Materialien, welche ihren Vorstellungen entsprechen, leichter auffindbar sind. Dieser Konkurrenz müssen sich Angebote freier Bildungsinhalte stellen, wollen sie erfolgreich sein.
Freie Bildungsinhalte contra Verlagskontrolle
Dieser Post entstand als Kommentar zum Beitrag MIT OpenCourseWare und Flat World Knowledge kooperieren bei offenen Lehrbüchern auf Netzpolitik.org.
Verlage gehen den Wandel im Schulbuchmarkt, wie nicht anders zu erwarten, sehr konservativ an. Ihnen geht es weniger um revolutionäre Visionen oder Lösungen als um eine Bewahrung etablierter Geschäftsmodelle. Deshalb überrascht es auch in keiner Weise, dass der erste Vorstoß deutscher Verlage in Richtung digitales Schulbuch dermaßen bescheiden ausfällt. Was allenfalls überraschen kann, ist die Einigung auf eine gemeinsame Plattform.
Das Konzept von FlatWorldKnowledge gründet auf einem alternativen Geschäftsmodell. In der Vorstandsetage des amerikanischen Verlages sitzen jedoch auch keine Wohltäter der Menschheit, sondern Manager, die ihr Unternehmen profitabel halten müssen. Allerdings kalkulieren sie völlig anders. Sie sind bereit über die kostenlose digitale Version ihrer Bildungstitel zunächst auf Einnahmen zu verzichten, spekulieren aber darauf, genug Nutzer durch die Qualität zu überzeugen und aus ihnen Käufer von Printversionen zu generieren. Dass die Rechnung wohl aufgehen muss, zeigt das Fortbestehen des Angebots.
Die Entwicklung am digitalen deutschen Schulbuchmarkt macht jedoch einmal mehr deutlich, welche Funktion freien Bildungsinhalten (OER) auch im deutschen Sprachraum zukommen wird. Wohl nur wenigen ist klar, welche dramatischen Veränderungen sich mit der Digitalisierung des digitalen Schulbuches für den Bildungsbetrieb ergeben werden. Das meint nicht nur veränderte Lern- und Unterrichtsszenarien sondern auch das Ende der freien Kopie!
In dem Moment, wo der Schulalltag durchdigitalisiert ist, erhalten Schulbuchverlage über DRM die totale Kontrolle über die von ihnen bereitgestellten Bildungsinhalte. Lehrer wie Schüler werden als User lediglich Lizenznehmer sein. Was kopiert werden kann und in welchem Umfang und zu welchen Konditionen, unterliegt der kompletten Kontrolle der Verlage.
Noch können Lehrer nach Herzenslust aus Schulbüchern und Arbeitsheften kopieren, was der Kopierer hergibt. Den Verlagen fehlt die Kontrollmöglichkeit und sie müssen sich mit den Millionen zufrieden geben, welche sie mit den Kultusministerien im Rahmen des “Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen nach § 53 UrhG” ausgehandelt haben. Auch was die Digitalisierung analoger Inhalte angeht, fehlt ihnen noch die wirkliche Kontrolle. Der “Schultrojaner” war ein erster Versuch, sich diese anzueignen.
Freie Bildungsinhalte bereiten deutschen Bildungsverlagen derzeit noch wenig Kopfschmerzen. Noch ist das Angebot im deutschsprachigen Raum zu gering, um als Konkurrenz gesehen zu werden. Bisher war die Entwicklung freier Bildungsinhalte auch mehr auf den universitären Kontext beschränkt. Doch mittlerweile beginnt es sich auch im Bereich der schulischen Bildung zu regen. Der Bewegung fehlt eigentlich nur noch der entscheidende Push. Sollte der kommen, werden Bildungsverlage sehen, wie sie sich die lästige freie Konkurrenz vom Leibe halten. Dazu haben sie zwei Möglichkeiten, Überzeugen durch Innovation oder Aussperren. Mit ersterer Lösung ist wohl eher nicht zu rechnen, da sie teuer ist und Risiken birgt. Also wird man zur zweiten Lösung greifen, Aussperren.
Es ist schon jetzt abzusehen, dass die deutschen Bildungsverlage, anders als Apple, ihre Schulbuchplattform nicht für freie Inhalte von Anbietern (außerhalb ihrer Koalition der Verzweifelten) öffnen werden. Nimmt die digitale Schulbuchentwicklung erst einmal an Fahrt auf, werden vermutlich auch günstige Hardwareangebote durch die Verlage auf den Markt kommen. Diese werden im schlimmsten Fall (fast komplett) geschlossene System sein ähnlich den Amazon Kindle e-ink Lesegeräten. Damit könnten Verlage freie Bildungsinhalte problemlos aussperren. Hier wird Aufmerksamkeit und Initiative der im Bereich schulischer Bildung Tätigen gefordert sein. Noch ist es nicht so weit, doch die Entwicklungslinien zeichnen sich bereits ab.
Deutschland goes digitale Schulbücher
Es war schon seit einiger Zeit angekündigt, dass auch wir hier in Deutschland von den Verlagen mit einem digitalen Plattform für Schulbücher beglückt werden sollen. Noch bevor die Verlage allerdings auf der didacta ihre digitale Revolution für Schule und Unterricht vorstellen konnten, kam Apple mit seinem Projekt auf den Markt. Immerhin, soviel war klar, würde es einen Gegenentwurf der deutschen Bildungsverlage geben. Wie genau dieser aussehen sollte, blieb jedoch zunächst offen. Die didacta ist da und die Verlage zeigen nun, wie sie sich die digitale Zukunft im deutschen Schulen vorstellen.
Unter http://www.digitale-schulbuecher.de stellen sie ihre gemeinsame Plattform vor, ein Regal, welches 27 Verlage gemeinsam nutzen. Die Plattform soll für alle Betriebssysteme und Endgeräte nutzbar sein. Das klingt zunächst gut und ist damit dem Angebot von Apple ein großen Schritt voraus. Alleine die Tatsache, dass mehrere große Verlage sich auf eine gemeinsame Plattform einigen konnten, spricht schon für sich. Wer sich in der Branche auskennt, weiß jedoch auch, dass die 27 Verlage zum großen Teil in einigen wenigen Verlagsgruppen zusammengefasst sind. Das hat die Verhandlungen zu einer gemeinsamen Plattform sicherlich deutlich erleichtert. Die Motivation, sich auf eine gemeinsame Plattform zu einigen, ist vermutlich vielfältig. Einmal ist es mit Sicherheit die vernünftigsten Lösung. Dann aber kann man gewiss auch sagen, dass sich hier eine Notgemeinschaft gebildet hat, welche gemeinsam versucht, gegen den digitalen Feind zu bestehen. Für die deutsche Bildungslandschaft ist das gemeinsame Vorgehen der Verlage sicherlich als positiv zu beurteilen. Ebenso positiv zu bewerten ist die Herstellerunabhängigkeit der Plattform. Damit werden die Bevorzugung von Herstellern von Hardware und Betriebssystem und die damit verbundenen Einschränkungen vermieden. Soweit so gut. Wer unbedarft an das Thema heran geht, wird diesen Vorstoß der deutschen Bildungsverlage zunächst einmal gutheißen. Leider jedoch ist nicht alles Gold was glänzt, und das alte Sprichwort bewahrheitet sich in diesem Fall.
Die digitalen Schulbücher kommen in der neuen Plattform als digitale Reproduktionen bestehender Schulbücher daher, angereichert durch Medien und Verknüpfungen. Man hat direkt an den Einsatz mit interaktiven Whiteboards gedacht und so lassen sich diese digitalen Schulbücher auch dort nutzen und beispielsweise zoomen. Die Verknüpfungen weisen auf ergänzendes Material, welches natürlich vom Verlag gestellt wird, vermutlich überwiegend gegen Geld. Integriert in die digitalen Bücher ist ein Maß an Interaktivität. Lesezeichen können gesetzt werden, es lassen sich Notizen machen und Markierungen im Text, Textteile lassen sich abdecken und freistellen, Formen können eingefügt werden, man kann zeichnen und vieles mehr. Dazu gibt es in der Plattform eine Werkzeugpalette. Auch das klingt zunächst sehr gut.
Es fällt jedoch auf, dass nirgendwo Funktionen erwähnt werden, welche es ermöglichen Inhalte aus diesen digitalen Schulbüchern herauszunehmen und beispielsweise in eine Textverarbeitung oder Präsentation oder eine Internetseite einzufügen. Eine Exportfunktion wird nicht vorgesehen sein. Wen wundert es, wenn doch auch die analogen Bücher in keiner Form digital verarbeitet werden dürfen, in Arbeitsblättern, Inhalten einer Lernplattform oder ähnlich. Die schöne neue Welt der digitalen Schulbücher sieht nicht anders aus als die der analogen Schulbücher. Es bleibt abzuwarten, wenn die ersten Bücher zum Schuljahr 2012/13 auf den Markt kommen, ob es zumindest Verlinkungen ins Internet geben wird. Inwieweit es möglich sein wird, Notizen und Markierungen auszutauschen, ist bisher aus den Informationen im Internet nicht zu ersehen. Und ob dieses für die Zukunft geplant ist, wird man abwarten müssen. Immerhin handelt es sich hier um das deutsche digitale Schulbuch Version 1.0.
Natürlich sind die digitalen Schulbücher geschützt durch einen Freischaltcode. Dieser wird von den Nutzern erworben. Um überhaupt digitale Schulbücher nutzen zu können, ist eine Registrierung auf dem gemeinsamen Portal der Schulbuchverlage http://www.digitale-schulbuecher.de notwendig. Dort lebt dann auch die digitale Bibliothek des jeweiligen Nutzers. Auf den Endgeräten muss eine Software installiert sein (vermutlich ähnlich der Adobe Digital Library) über welche die Bücher auf Endgeräte herunter geladen werden können, um dort auch offline genutzt werden zu können. Die jeweiligen Dateien werden mit Digital Rights Management (DRM) versehen sein, wodurch eine Nutzung durch andere als den Käufer verhindert wird.
Wie auf Twitter und an anderen Stellen schon deutlich geworden ist, trifft dieser Vorstoß der deutschen Schulbuchverlage ins digitale Neuland bei den Bildungsbloggern auf keine große Gegenliebe. Viele haben vermutlich nichts Anderes erwartet. Man ist enttäuscht. Bei denen, welche in der sich entwickelnden digitalen Lernkultur nicht bewandert sind, wird das digitale Angebot der Schulbuchverlage sicherlich auf reges Interesse stoßen. Endlich digitale Schulbücher, endlich viele interessante Inhalte für digitale Schultafeln und endlich die Perspektive, auf absehbare Zeit vom analogen Schulbuch Abschied nehmen zu können. Man sieht, was in einigen Bundesstaaten der USA und in Korea vonstatten geht und weiß, dass man diesen Weg in Zukunft vermutlich ebenfalls beschreiten wird. Da passt das von den deutschen Schulbuchverlagen vorgestellte digitale Schulbuch voll und ganz ins Bild, entspricht es doch der Vorstellungskraft all jener, welche aus dem analogen Schulbuch ein digitales ableiten.
Man darf gespannt sein, wie die Vision des digitalen Schulbuchs, wie die Schulbuchverlage sie denken, bei denen ankommt, die an Universitäten und in Ministerien dabei sind, die Zukunft von Schule und Unterricht in Deutschland zu entwickeln. Eigentlich sollten auch sie erkennen, dass diesen digitalen Schulbüchern wesentliche Elemente fehlen, die für einen modernen kompetenzorientierten und individualisierten Unterricht notwendig sind. Und wer sich beispielsweise einbildet, durch die Nutzung dieser digitalen Schulbücher Medienkompetenz zu vermitteln, der irrt gewaltig.
Für mich zeigt das deutsche digitale Schulbuch Version 1.0, dass es den deutschen Schulbuchverlagen bei dieser Entwicklung mehr darum geht, ein bestehendes Geschäftsmodell zu bewahren, als zur Entwicklung von modernen Formen von Schule beizutragen. Diese Schulbücher, die in sich geschlossene, nach außen abgeschottete Systeme darstellen, können zu einer modernen Lernkultur so wenig beitragen wie ihre analogen Vorgänger. Der einzige Zugewinn, den sie für Schüler und Lehrer darstellen, wird ihr geringeres Gewicht sein.
Ich erwarte, dass sich aus dem Angebot der Verlage recht schnell eine Nachfrage nach günstiger und robuster Hardware stellen wird. Die großen Hersteller wie Samsung, Dell, Acer, HP und ähnlich werden mit günstigen Tabletts unter 200 € auf diese Nachfrage reagieren. Es ist durchaus möglich, dass auch die Verlage selbst die notwendige Hardware anbieten werden. Dabei könnte es durchaus möglich sein, dass sie Geräte zwischen 100 € und 150 € anbieten werden, welche sie zum Teil über ihre Buchverkäufe subventionieren.
Was für die deutschen Schulbuchverlage einen riesigen Schritt in eine sich verändernde Verlagswelt darstellt, ist für Schule und Unterricht auf dem Weg zu modernen Form des Lernens leider nur ein ganz kleiner Schritt nach vorne. Die dem digitalen Schulbuch Version 1.0 durch die Verlage auferlegten Fesseln zeigen sehr nachdrücklich, dass auch in Zukunft mehr als je zuvor ein großer Bedarf an freien Bildungsinhalten (OER) bestehen wird. Bleiben diese digitalen Schulbücher so hermetisch abgeriegelt, wie es momentan den Anschein hat, werden auch die gegenwärtigen Möglichkeiten, Inhalte aus analogen Büchern heraus zu kopieren oder gar digital zu entnehmen, verschwinden. Noch ist es technisch möglich, wenn auch nicht legal, analoge Bücher einscannen und die Inhalte digital zu verarbeiten. Mit komplett digitalen Versionen wird es den Verlagen ein Leichtes sein, die Entnahme von Inhalten aus diesem Büchern zu unterbinden. Der Durchschnittslehrer wie auch der Durchschnittsschüler wird technisch nicht in der Lage sein, die digitalen Beschränkungen zu umgehen (was zudem höchst illegal sein wird). Möglicherweise werden die Verlage ähnlich wie gegenwärtig ein beschränktes Kopierrecht gegen Zahlung von Millionenbeträgen durch die Kultusministerien einräumen. Anders als jetzt bedarf es dann jedoch keines „Schultrojaners“ mehr um die Einhaltung der vertraglich ausgehandelten Kopierbegrenzung zu kontrollieren. Das lässt sich leicht über die Plattform, in welche die digitalen Schulbücher eingebunden sind, machen. Mit dieser Plattform haben die Verlage den Zugang zu jedem Endgerät, über welches Lehrer wie Schüler ihre digitalen Produkte nutzen. Und mit diesem Zugang haben sie die absolute Kontrolle. Willkommen in der deutschen Zukunft des digitalen Schulbuchs Version 1.0.
Siehe auch:
- Kommt der Schultrojaner durch die Hintertür? (Dotcom-Blog)
- Digitaler Druck auf die Konkurrenz (TAZ)
- Digitale Schulbücher auf der Didacta (Spiesser.de)
- Die Digitale Schule auf dem Vormarsch — Auf der didacta 2012 wird der Leitmedienwechsel gefeiert (vielfalt-lernen.de)


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